
Der ungarische Schriftsteller
György Dalos hat am 17. März für sein Buch "
Der Vorhang geht auf - Das Ende der Diktaturen in Osteuropa" den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2010 erhalten. Agnes Szabo
fragte den Preisträger, weshalb bislang noch kein ähnliches, zusammenfassendes Werk über
die Wende erschienen ist. Dalos fürchtet, dass die Wende bereits "in Vergessenheit geraten ist. [...] Auch die aktiven Teilnehmer waren ziemlich bald enttäuscht, es kam anders, als sie es sich gewünscht hatten: Sie wollten keine Sowjetunion und keine Abhängigkeit, sie wollten demokratische Institutionen - die Frage aber, ob wir einen
Sozialismus oder einen
Kapitalismus wollen, hat damals niemand gestellt. Die Presse und die Welt diskutierten Theorien über einen 'dritten Weg'. Inzwischen sind zwanzig Jahre vergangen, wir denken nicht mehr in Ideologien, sondern in den Kategorien 'besser' und 'schlechter'. Während '89 für viele den Aufstieg bedeutete, mussten andere Gruppen, und nicht zwangsläufig die früheren Eliten, einen Abstieg erleben. Daraus wuchsen Enttäuschungen, soziale und politische Spannungen. Zudem brachte das alte System neben den tatsächlichen Freiheitsbeschränkungen auch eine subjektive Abhängigkeit vom Staat hervor: Die Bevölkerung ging davon aus, dass der
Staat für alles Verantwortung trägt. Ein Nebenprodukt des Freiheitsmangels war ein Verantwortungsmangel. Wir waren keine richtigen Bürger, keine unabhängigen Individuen eines demokratischen Systems, die fähig sind, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden und dann die Verantwortung dafür zu tragen."