Magazinrundschau - Archiv

Persuasion - Substack - Yascha Mounk

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Magazinrundschau vom 22.06.2026 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Von Rechtsextremen bis hin zu Degrowth-Aktivisten: Nicht selten sind jene Stimmen, die behaupten, Autokratien seien effizienter als Demokratien, deren Nachteil es sei, kurzfristig und mit ständigem Blick auf Wähler zu agieren. Aber das ist ist ein Irrtum, argumentieren die Politikwissenschaftler (hier und hier) Jörgen Möller und Svend-Erik Skaaning in Yascha Mounks Blog Persuasion, sowohl was das Militärische betrifft - Demokratien haben achtzig Prozent ihrer Kriege gewonnen und nie gegeneinander Krieg geführt - als auch wirtschaftlich. Und Vorsicht: Auch China ist keine Ausnahme. "Zunächst einmal gehören Chinas offizielle Wachstumszahlen zu den am stärksten manipulierten aller großen Volkswirtschaften. Satellitengestützte Messungen der nächtlichen Lichtemissionen, die eng mit der tatsächlichen Wirtschaftstätigkeit korrelieren, deuten darauf hin, dass Pekings Statistiken sowohl das Tempo als auch das Ausmaß des Wachstums überbewerten … Auch Chinas Umweltbilanz stellt die These in Frage, dass autokratische Regime langfristige Herausforderungen besser bewältigen. Jahrzehntelanges Wachstum hat dazu geführt, dass Städte im Smog ersticken, Flüsse in weiten Teilen des Landes verschmutzt sind und das Grundwasser in einem Ausmaß erschöpft ist, das künftigen Generationen noch lange zu schaffen machen wird. Chinas Ausgaben für die innere Sicherheit übersteigen mittlerweile die Militärausgaben des Landes - ein eindrucksvoller Indikator für das mangelnde Vertrauen des Regimes in die eigene Bevölkerung. Auch der Umgang mit Covid-19 ist aufschlussreich. Chinas anfängliche Eindämmungsmaßnahmen, die durch den raschen Bau von Krankenhäusern, Massentests und strenge Lockdowns gekennzeichnet waren, beeindruckten viele westliche Beobachter. Weniger oft wird erwähnt, dass Chinas anfängliche Reaktion auch die aktive Unterdrückung von Frühwarnungen und die Bestrafung derjenigen umfasste, die versuchten, die Öffentlichkeit zu warnen - Verzögerungen, die nicht nur China, sondern die ganze Welt teuer zu stehen kamen. Und als Peking schließlich Anfang 2023, fast ein Jahr nachdem andere Länder die meisten ihrer Maßnahmen aufgehoben hatten, seine 'Zero-Covid'-Politik aufgab, geschah dies abrupt und ohne Vorbereitung, wodurch eine Bevölkerung mit minimaler erworbener Immunität einer Welle von Masseninfektionen ausgesetzt wurde."

Magazinrundschau vom 16.06.2026 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Tara Henley kommt in Yascha Mounks Substack-Blog auf ein historisches Medienversagen in Kanada zurück, eine Geschichte, die weltweit Resonanz hatte - auch im Perlentaucher kam sie häufiger vor. Dass Kinder von Native-Stämmen über ein Jahrhundert lang Gewalt und Missbrauch in katholischen Institutionen erfahren hatten, war in Kanada schon seit langem bekannt. Aber am 27. Mai 2021 trat die "First Nation" Tkʼemlúps te Secwépemc mit einer Meldung an die Öffentlichkeit, die Kanada elektrisierte. Auf dem Gelände der Kamloops Indian Residential School seien durch Radaraufnahmen Unregelmäßigkeiten aufgespürt worden, die auf verscharrte Leichen von Native-Kindern hinweisen könnten. Die ganze Welt war in Aufruhr, alle kanadischen Medien machten sich die Geschichte zu eigen. Die New York Times sprach in Artikeln, die lange Zeit nicht korrigiert wurden, von "Massengräbern". Das Dumme ist nur, dass nie Gräber gefunden wurden - ja, es wurde nicht einmal gegraben. Erst jüngst wiesen Medien wie The Globe and Mail darauf hin, dass man möglicherweise einer kollektiven Hysterie aufgesessen sei. Dabei gab es sehr früh Hinweise, dass etwas mit der Geschichte nicht stimmte (der Perlentaucher wies schon 2022 auf einen Quilette-Artikel hin, der Unstimmigkeiten benannte). Eine "Gelegenheit, die Gemüter zu beruhigen, bot sich im Mai 2022, als Terry Glavin, ein erfahrener Reporter, der gemeinsam mit Überlebenden der Internatsschulen ein Buch verfasst hatte, in der Zeitung The National Post den Artikel 'The Year of the Graves' veröffentlichte - eine 5.500 Wörter umfassende Recherche über die Rolle der Medien in dieser Angelegenheit. Glavins Beitrag wurde von mehreren akademischen Organisationen als 'residential school denialism' angeprangert. Die Empörung war schnell und heftig. Als der Podcaster Jesse Brown ankündigte, Glavin in seiner Sendung 'Canadaland' zu interviewen, drängte der Vorstandsvorsitzende des Canada Council for the Arts Brown öffentlich, dies zu überdenken. Das Interview mit Glavin endete, wie Brown es später beschrieb, als 'Katastrophe'. Er hat sich inzwischen bei Glavin entschuldigt. 'Ich denke, das ist absolut eine Lektion darüber, was passiert, wenn wir uns an unserer eigenen Selbstgerechtigkeit berauschen', sagte Brown über die Berichterstattung zu den Gräbern in der vergangenen Woche. 'Ich glaube, genau das ist mir passiert.'" Glavin wurde von der Royal Canadian Mounted Police der Leugnung eines Verbrechens angeklagt, und Kanada war kurz davor ein spezielles Gesetz gegen "residential school denialism" zu erlassen. "Wir müssen zu Objektivitätsstandards zurückkehren", ist Henleys nüchterne Lehre aus der Geschichte.
Stichwörter: Kanada, Medienkritik

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Der Text ist immer noch König, ruft Adam Mastroianni, da kommt kein Reel, kein Youtube-Short und auch kein Podcast gegen an. Er hält jenen, die der Literatur seit Jahren ihren baldigen Tod prophezeien, Fakten unter die Nase. Die sind nämlich gar nicht so apokalyptisch: Gallup-Umfragen vermelden zwar Rückgänge beim Lesen, tragisch sind die Zahlen aber nicht, beruhigt der Autor. Sie legen nahe, "dass einige Vielleser (11 oder mehr Bücher pro Jahr) zu moderaten Lesern (1-5 Bücher pro Jahr) geworden sind, aber sie finden keine weiteren großen Trends in den letzten drei Jahrzehnten. Daten des National Endowment for the Arts zeigen einen leichten Rückgang des Anteils der US-Erwachsenen, die 2022 ein Buch gelesen haben (49 Prozent), im Vergleich zu 2012 (55 Prozent)." Nähert man sich dem Thema auf psychologische Weise, meint Mastroianni, dann wird sichtbar, dass Menschen schlechte Entwicklungen generell immer viel gravierender einschätzen als positive. Wir sollten uns also zunächst einmal fragen: "Wie würden wir die Stärke des Effekts beschreiben, wenn wir einen erfreulichen statt eines besorgniserregenden Trends messen würden?" Und auch wenn es dauernd suggeriert wird: Es hat sich als schwierig erwiesen, menschliche Bedürfnisse durch Künstliches zu ersetzen, erinnert der Autor: "Wer zieht ein Solarium einem sonnigen Tag vor? Wer sieht schon gern Bots beim Schachspielen zu? Man kann jederzeit hochauflösende Bilder der Mona Lisa betrachten, und dennoch zahlen Menschen immer noch Geld, um nach Paris zu fliegen." Ein "großartiges Sachbuch zu beenden, fühlt sich an, als würde man eine Hantel von der Brust stemmen. Einen großartigen Roman zu beenden, fühlt sich an, als würde man ein ganzes Land hinter sich lassen. Diese Gefühle sind durch nichts zu ersetzen. Videos können fesseln, Podcasts informieren, aber es gibt nur einen Weg zu erleben, wie sich der Horizont erweitert und die Seele sich öffnet - indem man Blick auf einen Text lenkt."
Stichwörter: Lesen

Magazinrundschau vom 15.09.2025 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Man muss Trumps Versuche, die Universitäten zu schikanieren und zu bevormunden nicht gut heißen, um zuzugeben, dass auch die Universitäten Fehler gemacht haben, weshalb es die meisten Amerikaner heute kaum kümmert, was Trump mit den Universitäten anstellt. Woran liegt's? Yasha Mounk hat ein paar Antworten: "Eines der seltsamsten Dinge an einer amerikanischen Universitätsausbildung ist, dass sie eine ganze Reihe unterschiedlicher Dinge miteinander verbindet. Wenn Sie einen Kurs in höherer Mathematik belegen oder die Vorlesungen eines renommierten Historikers der Ming-Dynastie in China besuchen möchten, müssen Sie auch eine Mitgliedschaft in einem der luxuriösesten Fitnessstudios des Landes erwerben, All-you-can-eat-Mahlzeiten zum Frühstück, Mittag- und Abendessen kaufen, ein Zimmer in einem Studentenwohnheim mieten, selbst wenn Ihre Eltern nur wenige Kilometer entfernt wohnen, eine Armee von Verwaltungsangestellten bezahlen, deren Aufgaben von der Organisation von Partys bis zur Anmietung von Welpen reichen, die Sie während der Abschlussprüfungen streicheln können". Das macht das Studentenleben nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr hermetisch, weil niemand natürlichen Kontakt zu den Einheimischen hat: Die Studenten "haben keine lokalen Vermieter oder Nachbarn, keine Einheimischen als Mitbewohner, treffen keine Einheimischen im Fitnessstudio und besuchen kaum lokale Einrichtungen. Die Tatsache, dass sie den Campus kaum verlassen oder mit jemandem außerhalb der Universitätsgemeinschaft interagieren, ist ein Hauptgrund dafür, dass sich viele Campusse zu solch monochromen Gewächshausumgebungen entwickelt haben. Die Bündelung ist auch der Kern der Krise der ideologischen Konformität auf dem Campus. ... Es ist wesentlich schwieriger, anderen Leuten in deiner Diskussionsrunde zu widersprechen, wenn deine Kommilitonen gleichzeitig deine Mitbewohner, deine Trainingspartner, deine Teamkollegen, deine Glaubensbrüder und deine einzigen Freunde im Umkreis von hundert Meilen sind."

Magazinrundschau vom 12.08.2025 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Nicht nur die Linke, auch die heute so irritierenden, irrlichternden und immer häufiger zitierten Influencer und Vordenker der extremen Rechten kommen aus der Postmoderne und ihrer Zurichtung an den Universitäten der USA, schreibt der Politologe und Atlantic-Autor Jonathan Rauch. Das geschah nicht unbedingt aus ideologischer Nähe, mehr aus Osmose. Schließlich haben sie als Jungspunde an eben diesen Unis studiert, als die von James Matthew Lindsay und Helen Pluckrose  in den "Zynischen Theorien" beschriebenen Social-Justice-Theorien zur Doxa wurden. "Die postmoderne Rechte ist nicht dasselbe wie die postmoderne Linke, aber sie weisen eine Familienähnlichkeit auf. Wie die postmoderne Linke untergräbt auch die postmoderne Rechte den Begriff der Wahrheit, sie diffamiert Normen und verspottet und beleidigt ihre Gegner. Ihren ideologischen Rivalen - sowohl auf der Linken als auch, was nicht weniger wichtig ist, im eigenen Lager - widersetzt sie sich mit aller Macht. Bemerkenswert ähnlich ist beispielsweise die opportunistisch zynische Haltung der postmodernen Rechten gegenüber der Idee von Wahrheit. Wahr ist für sie nach dem postmodernen Paradigma das Narrativ oder Metanarrativ, das soziale Dominanz erlangt. Wahrheitsfindung führt also nicht über Vernunft, Beweise und Objektivität, sondern über den Sieg des Narrativs."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Yascha Mounk führt eines seiner anregenden Gespräche, diesmal wieder mit dem politischen Denker Ivan Krastev. Dass das politische System Amerikas nicht reparabel sei, ist eine alte Idee, sagt er. Sie wurde zum Beispiel von der radikalen Linken in den Siebzigern verfochten, was Krastev Gelegenheit gibt, ein hübsches Diktum Ciorans einzuflechten: "Geschichte ist Ironie in Bewegung". Samuel Huntington hätte die Diagnose der damaligen Linken in seinem Buch "American Politics - The Promise of Disharmony" beschrieben. "Interessant war jedoch - und Huntington hat dies sehr gut herausgestellt -, dass die Kritik an den amerikanischen Institutionen und der amerikanischen Politik vom Standpunkt des amerikanischen Ideals aus geäußert wurde. Die Rebellen auf den Straßen sagten: Ihr habt das Versprechen nicht erfüllt. Und dann machte Huntington diesen sehr wichtigen Punkt. Er sagte: Wenn das der Fall ist, dann ist der amerikanische Traum keine Lüge, sondern Amerika ist nur eine Enttäuschung. Was ich heute nicht sehe, ist eine Kritik an Amerika aus dem Blickwinkel des amerikanischen Ideals. In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass für viele Trump-Anhänger die Idee des amerikanischen Traums heute etwas ist, für das es sich aus vielen Gründen nicht zu kämpfen lohnt." Eine solche Abkehr vom amerikanische Traum hat sich aber parallel auch auf der Linken vollzogen, setzt Mounk hinzu. Und zwar als die Linke anfing zu behaupten, "dass die Definition von Amerika nicht '1776', sondern '1619' lautet (das ist das Jahr in dem das erste Sklavenschiff in Amerika landete, d.Red.) Die Definition Amerikas läge also nicht in dem Ideal, das ihm in die Wiege gelegt wurde, sondern in den Unzulänglichkeiten, die es seit je kennzeichnen. Wenn wir einen Wettbewerb zwischen zwei politischen Kräften haben, die beide zu dem Schluss gekommen sind, dass das amerikanische Ideal trügerisch ist und nicht verwirklicht werden kann, dann fühlt sich das an wie Sklerose. Es fühlt sich an wie das Ende eines Projekts."

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Yascha Mounk unterhält sich mit dem griechischen Ökonom Yanis Varoufakis über den neuen "Technofeudalismus" - so nennt Varoufakis das Wirtschaftsmodell der Tech-Giganten - und über die Frage, warum Europa derzeit den Vereinigten Staaten bei allen technischen Neuerfindungen so hinterher hinkt. Schuld daran ist vor allem der Euro, glaubt Varoufakis, oder vielmehr: die Schaffung eines föderalen Währungssystems ohne das Steuersystem und die Politik zu föderalisieren. "Mit diesem föderalen Geld, aber ohne eine föderale Regierung, haben wir eine Zentralbank geschaffen, eine große internationale Zentralbank, die Europäische Zentralbank, die kein Schatzamt hat, das ihr den Rücken freihält, während wir 18 oder 19 Schatzämter haben, die keine Zentralbank haben, die ihnen den Rücken freihält, weil die Europäische Zentralbank im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China nicht auf unsere Schatzämter zurückgreifen darf. Das Ergebnis war also, dass wir, um die Banken zu retten, nachdem die Wall Street den Zusammenbruch der deutschen und französischen Banken und dann der griechischen und irischen Banken usw. ausgelöst hatte, ein System schaffen mussten, bei dem wir die unteren Klassen in Deutschland, Holland, der Slowakei, Griechenland usw. besteuern, um die Banker zu retten. Denn wir haben die Banker nicht auf die Art und Weise gerettet, wie Amerika seine Banker gerettet hat: durch das Drucken von Geld. Wir haben die Banker mit Steuergeldern gerettet und so im Wesentlichen unsere Volkswirtschaften zerstört, um die Banker wieder aufzupäppeln. Und dann kam es zu einem Dominoeffekt, beginnend mit Griechenland, dem schwächsten Glied, über Irland, Portugal, Spanien, Italien, Frankreich und schließlich Deutschland, und am Ende gab es 15 Jahre lang keine Investitionen. Warum? Weil die Europäische Zentralbank, um den Euro zu retten, irgendwann in den Jahren 2014-2015 anfängt, wie verrückt Geld zu drucken, und zwar mehr als die Fed ... Wohin floss dieses Geld? Es ging an die Banker und die Banker mussten es an große Unternehmen verleihen. Die Deutsche Bank nahm den Hörer in die Hand, rief Volkswagen an und sagte: 'Ich habe hier Milliarden für umsonst. Willst du sie haben?' Nun, Volkswagen schaute aus dem Fenster und sah mittellose Menschen. Es sagte sich: 'Nein, ich werde nicht versuchen, einen Tesla-Konkurrenten zu bauen, denn wer wird sich das leisten können?' Volkswagen nahm das Geld von der Zentralbank via die Deutsche Bank, ging nach Frankfurt und kaufte seine eigenen Aktien. Es gab also eine Inflation der Vermögenspreise, eine Preisdeflation und keine Investitionen. Und das Ergebnis war, dass wir eine oder zwei technologische Revolutionen im Bereich der grünen Energie und des Cloud-Kapitals verpasst haben. Das ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten Europa überholt haben, weil sie nicht die strukturellen Probleme hatten, die wir hatten, nämlich föderales Geld und keine föderale Macht."

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Der amerikanische Journalist Theo Padnos wurde im 2012 von Syriens neuen Machthabern, der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham (die sich damals noch Jabhat al-Nusra nannte), gefangen genommen. Zwei Jahre dauerte seine Geiselhaft. Angesichts seiner Erfahrungen mit der Gruppe hegt er nicht viel Optimismus für die Zukunft Syriens (und die der U-Bahnfahrer in Paris, London und Berlin), wie er im Blog von Yascha Mounk erzählt: "Die jüngsten Ereignisse verheißen für niemanden Gutes. Leider ist es nicht so, dass acht Jahre Leben in der syrischen Provinz Idlib, wo die Jabhat al-Nusra-Armee seit ihrer Vertreibung aus Aleppo im Jahr 2016 ausharrte - manchmal hungernd, manchmal unter den Bomben kauernd, niemals die fünf Gebete und das obligatorische Fasten vernachlässigend - dazu führt, dass junge Männer sich in die Details der kommunalen Verwaltung in einem unruhigen Land verlieben. Acht Jahre unter diesen Bedingungen wecken die Sehnsucht nach Rache. Solche Bedingungen führen zu einer tiefen, demütigenden Armut. Sie führen dazu, dass sich jeder mehr und mehr dem Koran zuwendet. ... Meiner Meinung nach liegt die größte Stärke der Rebellen in ihrer Fähigkeit, neue Selbstmordattentäter hervorzubringen. Die HTS-Anführer haben die Alchemie, mit der sie die jungen Männer der Region in präzisionsgelenkte Langstreckenraketen verwandeln, auf eine Formel reduziert. Ich habe diese Formel im Keller der Augenklinik von Aleppo, dem ersten von 13 Gefängnissen, in denen ich lebte, bei der Arbeit gesehen. Dieser Keller war dunkel genug und ausreichend von der Welt abgeschnitten, um eine ideale Umgebung zu bieten. Etwas Kerzenlicht, viel Gebet, das Schreien der Feinde, wenn sie 'gestanden', und gelegentliches Hängen - das waren die wesentlichen Bestandteile des Prozesses. In der Tat ist Syrien reich an diesem Rohstoff, ohne den die notwendige Alchemie nicht funktionieren könnte: tagträumende, untätige junge Männer. Jetzt, da die dunklen Keller einer ganzen Nation unter die Kontrolle der HTS geraten sind, sind die Führer der Organisation in der Lage, ihren Herstellungsprozess zu erweitern. Da es innerhalb der HTS-Armeen keine einheitliche Kommandostruktur gibt (trotz der Behauptungen der Führung) und es für die vielen Fraktionen viel zu streiten gibt, ist es wahrscheinlich, dass sich die jungen Männer in den kommenden Monaten über das ganze Land ausbreiten werden. Einige der Kommandeure träumen davon, nicht nur feindliche Gruppierungen in Syrien in die Luft zu jagen, sondern auch die fernen Feinde Gottes. Das verheißt nichts Gutes für die Fahrgäste der U-Bahnen in London und Paris. ... Im Laufe der Zeit muss ich meine Frage 'Warum müsst ihr töten und foltern?' Hunderten von Männern der Jabhat al-Nusra auf tausend verschiedene Arten gestellt haben. Schließlich kam ich zu dem Schluss, dass sie töteten, weil es niemanden gab, der sie daran hinderte. Jetzt liegt ihnen eine ganze Nation zu Füßen."

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

Haben wir "Peak Woke" erreicht? Die New-York-Times-Autorin Michelle Goldberg behauptete das vor ein paar Monaten, und der Economist setzte gar mit einer Studie nach und stellte fest, dass "woke Begriffe" etwa in geisteswissenschaftlichen Texten seltener werden. Hm, aber wenn dann nur auf hohem Niveau, wendet Sam Kahn ein. Für ihn sind die Debatten um eine CBS-Talkshow mit Ta-Nehisi Coates Beleg für seinen Verdacht, dass es mit woke keineswegs vorbei ist. Der CBS-Moderator Tom Dokoupil hatte zu Coates' antiisraelischen Thesen in seinem Buch "The Message" gesagt: Dies Buch könne man auch einem Extremisten in den Rucksack legen. "Diese Sätze waren provokativ, aber sie waren auch Teil eines zivilen und sachlichen Austauschs. Coates hat Israel als 'Apartheid'-Staat bezeichnet und gesagt, es sei 'Schwachsinn', den Konflikt zwischen Israel und Palästina als komplex zu bezeichnen. Dokoupils Provokation entsprach also genau dem, was man von einem Journalisten erwarten würde - die Gegenargumente zu liefern, die in Coates' Buch zu kurz kommen." Aber Dokoupil wurde gemaßregelt, auch weil seine beiden Co-Moderatoren schwarz waren und sich durch Dokoupils harsche Fragen in ihrer Sensibilität angefasst hätten fühlen können. Wir haben also nicht "Peak Woke" erreicht, sondern "woke" ist einfach in unsere Mentalitäten eingewandert, schließt Kahn. Woke Zensur mag nicht mehr so spektakulär sein wie vor ein paar Jahren: "'Wokeism' wird nicht unbedingt mehr von protestierenden Studenten oder Twitter-Mobs verlangt. Er ist Teil der Luft, die wir in Unternehmen atmen."

Hier das Video des Coates-Interviews, für das der Interviewer gerügt wurde:

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - Persuasion - Substack, Yascha Mounk

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Die designierte Friedenspreisträgerin Anne Applebaum hat jüngst das Buch "Autocracy Inc." veröffentlicht. Darin erzählt sie, wie sich in den letzten Jahrzehnten eine Front von Autokratien - Sowjetunion, China, Iran oder Venezuela - etablierte, die zunehmend geschlossen gegen den Westen agiert. Es hatte - zumal in Russland und China - bis 2013 oder 14 durchaus Phasen der Öffnung gegeben, erzählt sie im Gespräch mit Yascha Mounk. Aber spätestens als die Autokraten spürten, dass eine Fortsetzung dieses Wegs ihre eigene persönliche Macht und ihren Reichtum gefährdeten, hätten sie ihre Länder diktatorisch umgebaut. Leider kann man heute aber nicht mehr sagen, dass Diktaturen auf tönernen Füßen stehen, fürchtet die Autorin: "Es gibt Dinge in der modernen Welt, die allen Diktatoren, nicht nur den Russen und Chinesen, ein größeres Gefühl der Stabilität und Sicherheit geben als ihren Vorgängern in der Vergangenheit… Einige davon sind Ihnen wahrscheinlich schon bekannt, das Ausmaß der Überwachung, das sie verwirklichen können, nicht nur die physische Überwachung mit Straßenkameras und so weiter, sondern auch über das Internet, durch die Überwachung der Gedanken und Beobachtung der Menschen, durch die Kontrolle von Gesprächen - das ist es, was die Chinesen tun, und sie versuchen sogar vorherzusagen, wo sich Dissens abzeichnen könnte. Sie verfügen über Instrumente und Technologien, die einer früheren Generation einfach nicht zur Verfügung standen." Wir müssen darüber nachdenken, "wodurch wir diese Autokratien überhaupt ermöglichen", sagt sie an die Adresse der Demokratien und schlägt vor, die Finanzparadiese auszutrocknen, aber auch militärisch aufzurüsten.