Magazinrundschau

Gefängnis aus Zahnschmelz

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.10.2024. Die London Review bewundert die künstlerische Moderne der Ukraine. HVG staunt über ungarische Banken, die rechtsextreme Parteien in ganz Europa finanzieren. New Lines schildert grässliche Szenen in den von der EU finanzierten Abschiebezentren in der Türkei. GQ stellt die "Zimmerleute ohne Grenzen" vor. La Regle du Jeu tanzt Samba mit der brasilianischen Malerin Tarsila do Amaral. Der Guardian schreibt: Lasst Zähne sprechen.

London Review of Books (UK), 10.10.2024

Alexandra Exter, Composition (Genova), 1912. Alex Lachmann Collection


Natasha Fedorson besucht eine (leider gerade zuende gegangene) Ausstellung in der Londoner Royal Academy, die sich der künstlerischen Moderne in der Ukraine widmet. Präsentiert werden Arbeiten, die nach dem russischen Überfall 2020 außer Landes geschafft wurden, um sie vor Putins Bomben in Sicherheit zu bringen. Viele ausgestellte Arbeiten sind im Umfeld der Avantgarden der Zeit entstanden. Jedoch: "Nicht alle vertretenen Künstler wandten sich der Abstraktion und dem nicht-akademischen Experiment zu. Eine der Stärken der Ausstellung ist ihre Vielfalt, da sie viele der künstlerischen Strömungen umfasst, die in der Frühzeit der Sowjetukraine aufblühten. Die Boichukisten (benannt nach ihrem Gründer Mykhailo Boichuk) gehörten zu den Profiteuren der Indigenisierung und malten im staatlichen Auftrag Wandgemälde in Opernhäusern und Sanatorien. Ihre Darstellungen des bäuerlichen Lebens griffen auf byzantinische Ikonographie zurück, die sie als Teil des ukrainischen kulturellen Erbes betrachteten. 1937 wurden Boichuk, seine Frau und zwei seiner Anhänger im Rahmen den stalinistischen Säuberungen hingerichtet; ihre Darstellungen ländlicher Arbeit galten als Beweis für das, was als gefährlicher (und speziell ukrainischer) 'bourgeoiser Nationalismus' angesehen wurde. Die Wandgemälde wurden übermalt, aber selbst die kleineren erhaltenen Tempera-Bilder tragen noch den Charakter öffentlicher Werke, mit ihren feierlichen, stilisierten Figuren, die unseren Blick erwidern."

HVG (Ungarn), 10.10.2024

Die Wochenzeitschrift HVG berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe, wie ungarische Banken regierungsnaher Oligarchen mit europäischen und ungarischen Steuergeldern Wahl- und Medienkampagnen rechtpopulistischer und rechtsextremer Kräfte in Europa wie das französische Rassemblement National, die spanische VOX oder die FPÖ in Österreich finanzieren. Der Chefredakteur von HVG, János Dobszay kommentiert: "Viktor Orbán ist der Bankier der europäischen Rechtsextremen - das ist keine urbane Legende, kein böswilliges Gerücht, kein unbegründeter Vorwurf der Opposition, sondern eine Tatsache. Was die Regierungspropaganda hierzulande als illegale Parteienfinanzierung, rollende Dollars, Einmischung in unsere Souveränität bezeichnet, ist im Falle Orbáns, der mit Geld Einfluss auf die europäische Politik nehmen will, eine lockere Fingerübung. (…) Der ungarische Regierungschef wurde über seine mit europäischen und ungarischen Steuergeldern gemästeten Oligarchen zum Finanzier extremistischer Parteien und Politiker von Frankreich über Spanien bis Österreich. So hat er in Österreich beispielsweise freundliche Kredite vergeben, um die Medien der dortigen FPÖ zu unterstützen. In seiner Lesart stinkt Geld nur dann, wenn es nicht seinem Regime und ihren Nutznießern dient. Während Orbán den Hauptgrund für den 'Verfall' des Westens immer darauf zurückführt, dass das Einzelinteresse über allem steht - Gott, die anderen Menschen und die Gemeinschaft sind ihnen egal, es geht nur um 'mich' -, macht er unter dem Deckmantel der wirtschaftlichen Neutralität Geschäfte mit Mördern, Dieben und Diktatoren in aller Welt und füttert die Armee der Zerstörer der europäischen Gemeinschaft mit Geld."
Archiv: HVG

New Lines Magazine (USA), 14.10.2024

New Lines hat zusammen mit mehreren europäischen Zeitungen und dem Netzwerk Lighthouse die Zustände in den Abschiebezentren untersucht, die die EU in der Türkei finanziert und fand "überwältigende Beweise für Überbelegung, schlechte Hygiene, Schläge, rassistische Übergriffe und Selbstmordversuche sowie gemeldete Todesfälle unter unklaren Bedingungen", erklären die Reporter Melvyn Ingleby, Ylenia Gostoli, May Bulman und Mesut Tatuz. "Mehr als drei Viertel der inhaftierten Syrer, mit denen wir für diese Untersuchung sprachen, gaben an, dass sie unter Druck gesetzt oder körperlich gezwungen wurden, die Formulare zur freiwilligen Rückkehr zu unterschreiben. Während ein Großteil der Nötigung innerhalb der Zentren stattfindet, sagten einige Inhaftierte, sie seien direkt an der syrischen Grenze gezwungen worden, Papiere zu unterschreiben. Einer von ihnen war Mohammed, ein syrischer Überlebender des Erdbebens, der letztes Jahr in Tuzla inhaftiert worden war. Nachdem er verlegt und weitere vier Monate in einem Lager bei Elbeyli festgehalten worden war, wurde er nach eigenen Angaben gegen Mitternacht zum Grenzübergang bei der türkischen Stadt Oncupinar gebracht. 'Sie steckten uns in einen Raum und fragten: Wer will nach Syrien gehen?', sagte Mohammed. 'Dann machten sie das Licht aus und schlugen die Leute, die gesagt hatten, sie wollten in der Türkei bleiben, mit Eisenstangen. Dann schalteten sie das Licht wieder an, und alle sagten: Wir wollen nach Syrien gehen.' Er und andere wurden dann zu einem nahe gelegenen Ort gebracht, um die Formulare zu unterschreiben. 'Wir mussten uns auch vor eine Kamera stellen und sagen, dass wir freiwillig nach Syrien gehen. Einige weinten, während sie das sagten, andere hatten Anzeichen von Schlägen im Gesicht.'"

Alec D'Angelo und Aram Shabanian berichten von den Blüten, die die Verschwörungsfantasien republikanischer Abgeordneter und X-Nutzer nach dem verheerenden Hurrikan Helene in den USA treiben. Naturkatastrophen waren in den letzten Jahren immer häufiger Anlass für "farbenfrohe" Theorien, wie denen der Republikanerin und MAGA-Anhängerin Marjorie Taylor Greene aus Georgia, die behauptet, die Eliten würden die Stürme absichtlich in bestimmte Orte senden (zum Beispiel per "Wolkenimpfungstechnologie" und "Sturmkontrollgeräten", zitieren die Autoren ihre Posts). Falsche X-Posts über die "Federal Emergency Management Agency" (FEMA) behaupteten, die staatliche Hilfsorganisation stelle ihre Hilfe nur als Darlehen zur Verfügung, dass zurückgezahlt werden müsse - eine ziemlich fatale Behauptung, so Shabanian und D'Angelo: "Ein Anrufer bei 'The Dan Abrams Show' auf SiriusXM sagte, dass sein Schwiegervater etwas außerhalb von Asheville, North Carolina, durch Hurrikan Helene schwer geschädigt wurde: 'Er hat jede Hilfe der FEMA abgelehnt, weil er ein eingefleischter Trump-Anhänger ist. Er glaubt buchstäblich, dass sie ihm sein Haus wegnehmen, wenn er irgendetwas von der FEMA annimmt. Er hat fast alles verloren und lehnt jede Hilfe der Bundesregierung ab und beschwert sich bei uns, dass er nichts zu essen hat, dass er nicht die Sachen hat, die er braucht, und trotzdem will er die Hilfe nicht annehmen.'"

Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 10.10.2024

Haben wir "Peak Woke" erreicht? Die New-York-Times-Autorin Michelle Goldberg behauptete das vor ein paar Monaten, und der Economist setzte gar mit einer Studie nach und stellte fest, dass "woke Begriffe" etwa in geisteswissenschaftlichen Texten seltener werden. Hm, aber wenn dann nur auf hohem Niveau, wendet Sam Kahn ein. Für ihn sind die Debatten um eine CBS-Talkshow mit Ta-Nehisi Coates Beleg für seinen Verdacht, dass es mit woke keineswegs vorbei ist. Der CBS-Moderator Tom Dokoupil hatte zu Coates' antiisraelischen Thesen in seinem Buch "The Message" gesagt: Dies Buch könne man auch einem Extremisten in den Rucksack legen. "Diese Sätze waren provokativ, aber sie waren auch Teil eines zivilen und sachlichen Austauschs. Coates hat Israel als 'Apartheid'-Staat bezeichnet und gesagt, es sei 'Schwachsinn', den Konflikt zwischen Israel und Palästina als komplex zu bezeichnen. Dokoupils Provokation entsprach also genau dem, was man von einem Journalisten erwarten würde - die Gegenargumente zu liefern, die in Coates' Buch zu kurz kommen." Aber Dokoupil wurde gemaßregelt, auch weil seine beiden Co-Moderatoren schwarz waren und sich durch Dokoupils harsche Fragen in ihrer Sensibilität angefasst hätten fühlen können. Wir haben also nicht "Peak Woke" erreicht, sondern "woke" ist einfach in unsere Mentalitäten eingewandert, schließt Kahn. Woke Zensur mag nicht mehr so spektakulär sein wie vor ein paar Jahren: "'Wokeism' wird nicht unbedingt mehr von protestierenden Studenten oder Twitter-Mobs verlangt. Er ist Teil der Luft, die wir in Unternehmen atmen."

Hier das Video des Coates-Interviews, für das der Interviewer gerügt wurde:

Forum24 (Tschechien), 14.10.2024

Vojtěch Laštůvka führt ein langes Gespräch mit dem im Exil lebenden russischen Oppositionspolitiker und Ökonom Wladimir Milow, der Russland für deutlich schwächer hält als allgemein angenommen. "Manche Leute wünschen sich eine sofortige, wundersame Wirkung der Sanktionen, die aber nicht eingetreten ist, und sagen deshalb, dass Sanktionen nicht funktionieren. In Wahrheit funktionieren sie, und mit der Zeit bewirken sie einen noch größeren Effekt. Gerade jetzt, im Herbst 2024, erkennen wir deutlich, dass ihre Auswirkungen sichtbarer als noch vor einem Jahr sind, da in allen wirtschaftlichen Bereichen die Probleme zunehmen. Wir müssen etwas geduldiger sein, unsere hohen Erwartungen dämpfen und mehr Indikatoren beobachten, die die vielleicht nicht sofortige, aber doch bedeutende Wirkung der Sanktionen bestätigen", so Milow. Wäre die russische Regierung so stark, wie sie sich gerne darstelle, gäbe es auch keinen Grund für derart extreme und brutale Repressionen gegen einfache Russen, die sich nicht einmal politisch engagieren, und gegen hohe Amtsträger, die verhaftet und vor Gericht gestellt werden. "Seit dem Stalinismus haben wir nicht mehr ein solches Ausmaß an Säuberungen in den obersten Regierungsorganen erlebt. Das sind keine Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche. Putin hält sich nur aufgrund dieser extremen Repressionen an der Macht." Auch die Haftstrafen in Abwesenheit gegen emigrierte Kritiker (wie ihn selbst) sind laut Milow, der selbst einen YouTube-Kanal betreibt, ein deutlicher Hinweis, immerhin "ist die Reichweite unserer Social-Media-Kanäle innerhalb der russischen Gesellschaft bedeutend größer als die Reichweite westlicher Radiosender für die sowjetische Bevölkerung während des Kalten Krieges." Putin fürchte die Opposition. Die Bewegung von Alexej Nawalny und dessen Präsidentschaftskampagne habe es geschafft, so große Protestkundgebungen im ganzen Land zu organisieren wie niemand sonst in den letzten 30 Jahren. "Hätte sich Putin nicht für extreme Brutalität und Repression entschieden, wären wir bereits Zeugen eines politischen Wandels in Russland. Mit seiner Entscheidung für extreme Brutalität zögert er lediglich sein Ende hinaus."
Archiv: Forum24

New Yorker (USA), 21.10.2024

Vinson Cunningham hat sich für den New Yorker die Netflix-Serie "Mr. McMahon" über den Wrestling-Mogul Vince McMahon angeschaut und erschreckende Parallelen zwischen WWE und der politischen Szene festgestellt. Aber ob diese Art Insinuation einen Wahlsieg Trumps verhindern hilft? "Wie die Serie uns erinnert, ist Trump auch in WWE-Sendungen aufgetreten und hat eine noch stärker karikierende Version von sich selbst gespielt, ein reiches Arschloch als Gegenspieler für das ultimative reiche Arschloch, Mr. McMahon - Vince McMahons langjährige Figur, vielleicht der am besten entwickelte 'Heel' (Wrestling-Sprech für Bösewicht) der Geschichte. Ich dachte wieder und wieder an den 13. Juli zurück, als Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania angeschossen wurde. Inzwischen ist diese Episode eine einzige Bildmontage: Trump sackt zu Boden und wird von Mitarbeitern des Secret Service weggeschleift, die zu spät gekommen sind, um die Schießerei zu verhindern, aber früh genug, um den Körper des früheren Präsidenten zu bedecken. Blut fließt über Trumps Kopf. Soweit man weiß, läuft ein Schütze frei rum, aber Trump zeigt sein Gesicht der Menge, reckt die Faust, beschwört seine Anhänger zu kämpfen. Gegen wen? In dem Moment war es egal. Der 'Good Guy' war attackiert worden. Wenn dieses surreale Geschehen sich im Wrestling-Ring ereignet hätte, hätten wie es als 'Work' abgetan - der Insider-Begriff für einen gefakten Kampf."

Weitere Artikel: Der New Yorker bringt einen Auszug aus dem Tagebuch Alexej Nawalnys. Rivka Galchen erzählt, wie Wissenschaftler anfangen, Vogelgezwitscher zu decodieren. Justin Chang sah Sean Bakers Thriller "Anora". Parul Sehgal liest Ta-Nehisi Coates' "The Message". Joshua Cohen steuert die Kurzgeschichte "My Camp" bei.
Archiv: New Yorker

Eurozine (Österreich), 14.10.2024

Der Politologe Jean-Claude Monod versucht sich an einer umfassenden Analyse der Medienlandschaft in Frankreich. Radikalisierung im Netz, Fake News, Meinungs-"Bubbles", die sich immer aufs Neue selbst bestätigen, scheinen die Utopie der "digitalen Demokratie" in eine Dystopie verwandelt zu haben: "Ist dies das Ende der demokratischen Öffentlichkeit, die in radikal verfeindete 'Lager' zersplittert ist, die keine gemeinsame Sprache mehr sprechen?" Ganz so düster würde Monod es nicht sehen, denn immerhin wachsen mit den Desinformationsstrategien, mit denen beispielsweise rechte Populisten ihre Propaganda im Netz verbreiten, auch die Mittel zur ihrer Bekämpfung. Hier "war der jüngste Wahlkampf in Frankreich ein Beweis für die Mehrdeutigkeit und Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten des Internets. Die Popularität eines entpolitisierten Jordan Bardella auf TikTok wird durch die Online-Aufdeckung von offenem Rassismus und Homophobie in Tweets, Posts und anderen halböffentlichen Äußerungen mehrerer RN-Kandidaten ausgeglichen. Die Nachrichtenseiten Blast und Mediapart sowie Untersuchungen von Libération haben akribisch offengelegt, was der RN in seinem Versuch, respektabel zu werden und jüngere Wähler anzusprechen, zu verbergen versucht hat: den anhaltenden Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit, die der Identität von Le Pens Partei zugrunde liegen." Monod sieht in der zunehmenden Radikalisierung aber auch ein politisches Zeichen: die Ära des Neoliberalismus müsse zu ihrem Ende kommen, um den Rechtspopulismus aufzuhalten.
Archiv: Eurozine

Lidove noviny (Tschechien), 14.10.2024


In Tschechien wird gerade viel diskutiert über den Kinofilm "Amerikánka" ("Die Amerikanerin") des Regisseurs Viktor Tauš, die Geschichte eines aufmüpfigen Mädchens, das während des Kommunismus im Waisenhaus lebt (dessen Tor im Film Ähnlichkeiten mit Auschwitz aufweist) und ihrem emigrierten Vater nach Amerika folgen will. Tauš ist der obdachlosen jungen Frau selbst vor 25 Jahren begegnet, als er, heroinsüchtig, wie sie auf der Straße lebte. Filmrezensent Petr Fischer zeigt sich begeistert: Der Film, ein Rausch von Bildern, erzeuge eine starke hypnotische Wirkung, er "ist unterbewusst und bewusst zugleich; wir versenken uns nicht nur in die psychische Struktur der Heldin, sondern parallel dazu auch in unser eigenes Reich des Unterbewussten, aus dem allerlei assoziative Bilder strömen oder die schrecklichsten verdrängt werden. Und doch, paradoxerweise, wollen wir das alles irgendwie verstehen." Es stelle sich die drängende Frage, warum solche "Visionen" so selten im Kino zu sehen seien. "Haben die Filmemacher vergessen, dass der Film ein Spektakel ist, das in der Psyche Orte und Winkel eröffnet, die wir normalerweise nicht sehen, weil dort Dinge vergraben sind, die wir lieber nicht mehr wissen wollen oder die wir schlicht nicht aufdecken und sprechen lassen können? Der Film 'Amerikánka' beweist, dass man sich auf diesem Gebiet nicht nur auf Leute wie David Lynch verlassen muss, sondern dass auch tschechische Filmemacher hier ihren Platz haben."
Archiv: Lidove noviny

La regle du jeu (Frankreich), 13.10.2024

O Touro - Boi na floresta © Tarsila do Amaral Licenciamento e Empreendimentos S.A.

Das Pariser Musée du Luxembourg zeigt eine Ausstellung der brasilianischen Malerin Tarsila do Amaral, die mit ihrer "falschen Naivität" vor hundert Jahren Paris verzauberte. Damals entdeckte man nicht nur den Jazz, sondern auch den Samba, erzählt Gilles Hertzog, und Darius Milhaud schrieb sein wunderbares Stück "Le boeuf sur le toit". Amaral war die Frau des berühmten Schriftstellers Oswald de Andrade: "Ende 1922, gerade erst zum Liebling der brasilianischen Avantgarde aufgestiegen, landet das Duo Oswald de Andrade-Tarsila do Amaral in einem Paris, das die Vergangenheit, die zur Schlächterei von 14/18 geführt hatte, brüsk von sich stößt. Paris ist mehr denn je der Ort, an dem es abgeht und alles neu erfunden wird. Die Intelligenzia und die Kunstszene, die sich in einer großen intellektuellen und ästhetischen Revolution befanden, bereiteten den Neuankömmlingen den besten Empfang. Denken Sie nur: Kunst und Literatur als eine große spontane Anthropologie, dazu der magische Surrealismus, Freud und die indigenistische Ethnologie. Und dazu noch Samba und Saudade! Das war etwas anderes als die kalten Spekulationen an der Sorbonne und die strenge Orthodoxie der Anhänger der permanenten Revolution."

Archiv: La regle du jeu

schmid.welt.de (Deutschland), 11.10.2024

Nicht beeindruckt von den Deutschen: Anna Magnani in Rosselinis "Roma, città aperta"


Welt-Autor Thomas Schmid schreibt aus Anlass der Buchmesse, deren Gastland bekanntlich Italien ist, in seinem Blog einen sehr kenntnisreichen und anregenden, wenn auch nicht ganz zum Punkt kommenden Artikel über das komplizierte Verhältnis Faschismus und Antifaschismus in der italienischen Nachkriegszeit. Viele bekannte Künstler waren erst das eine und dann das andere, ohne dass man sie mit dieser Erkenntnis einfach abtun könnte. Recht böse urteilt Schmid aber über Roberto Rossellini, der seine Karriere unter Mussolini mit Propagandafilmen begann und nach dem Krieg dann mit "Roma, città aperta" als einer der ersten den Mythos des Antifaschismus schmiedete: "Da gibt es auf der einen Seite die heile Welt des Widerstands, in der Kommunisten, Sozialisten, Monarchisten und Katholiken einträchtig und alle Differenzen überwindend gegen die Deutschen kämpfen. Und auf der anderen Seite die barbarischen Deutschen, die foltern und morden. Und Zweifel in den eigenen Reihen unterbinden. Klar geschieden gibt es die Bösen und die Guten, die Identifikation ist ganz einfach. Und die Botschaft auch: Im Widerstand konstituiert sich das neue, den Unrat der Vergangenheit abstoßende Italien. Der Film idealisiert und überhöht die Resistenza, die zwar am Sieg über die Deutschen beteiligt war, aber keineswegs führend. Und sie zeichnet ein postfaschistisches gesellschaftliches Stillleben, das mit der Realität wenig zu tun hat. Auf seine Weise ist auch 'Roma città aperta' ein propagandistischer Kitschfilm."
Archiv: schmid.welt.de

Film-Dienst (Deutschland), 11.10.2024

Mit großem Unbehagen beobachtet Patrick Holzapfel in einem Essay für den Filmdienst den beeindruckenden Siegeszug von Letterboxd, einer Art Social-Media-Plattform für Cinephile und Filmfans, auf der sich Filme bewerten, kommentieren und in Listen zusammenfassen lassen und neben vielem anderen mehr auch der eigene Filmgeschmack algorithmisch auswerten lässt. Längst nutzen auch Filmmagazine und Filmverleiher die Plattform, um ihre jeweiligen Produkte zu bewerben. Und die sich dort vernetzende Cinephilie befindet sich beim Dauerloggen von Filmen "in einer Art Wettbewerb gegen sich selbst. ... Die Gefahr ist, dass man Filme sieht, damit man sie loggen kann." Aber "das sofortige Loggen oder Bewerten eines Films hat letztlich nichts mit der Erfahrung eines Films zu tun, es widerspricht der Fähigkeit von Filmen, sich nach dem Sehen in uns auszubreiten. Man heftet ab, was lebendig gehört. Empfehlungen, die auf algorithmischen Wegen zu uns kommen, ignorieren die individuelle Erfahrung mit Filmen, sie geben vor, dass Filmgeschmack mathematisch messbar ist, das Gegenteil also von dem, was Kunst leisten kann. Auch das so wichtige Vergessen von Filmen ist ausgeschlossen, wenn man digital abspeichert, was man gesehen hat. Das entwertet letztlich die Erinnerung. Was bleibt, löst sich von der Seherfahrung und wird einem luftleeren Informationssammelsurium überlassen."
Archiv: Film-Dienst

Guardian (UK), 15.10.2024

Ausgehend von der Lebensgeschichte seiner Großmutter, die in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg als Zahnärztin arbeitete, unternimmt Jacob Mikanowski einen sehr persönlichen Streifzug durch die Geschichte der Zahnhygiene. Unser Gebiss, stellt sich dabei heraus, weiß mehr über uns, als uns möglicherweise lieb ist: "Zähne sind auf eine Weise lehrreich, wie es nur wenige andere Körperteile sind. Jedes Gebiss ist seine eigene kleine, einzigartige Welt. Genauso sicher wie Fingerabdrücke können Bissspuren, ob kriminell oder liebevoll, den Verursachern zugeordnet werden, ebenso wie Zahnaufzeichnungen zur Identifizierung von Opfern von Bränden, Flugzeugabstürzen und anderen Katastrophen genutzt werden können. Zähne funktionieren auch wie Zeitkapseln. Das Zahnmark im Inneren ist die beste Quelle zur Gewinnung genetischer Daten nach dem Tod. Innerhalb des Zahns, sicher in seinem schützenden Gefängnis aus Zahnschmelz verkapselt, kann DNA Tausende, sogar Zehntausende Jahre überdauern. Wissenschaftler haben anhand von Genen, die in antiken Zähnen gefunden wurden, Vorlagen alter Krankheiten wie Tuberkulose und der Beulenpest rekonstruiert. Zähne haben uns jedoch noch mehr über die Vergangenheit zu erzählen, jenseits der Gene. Nur wenige Menschen wissen, dass Zähne in Schichten wachsen und Ringe wie die von Bäumen haben. Diese Ringe spiegeln wider, was eine Person zu der Zeit gegessen und getrunken hat, als sie entstanden sind. Anhand winziger chemischer Variationen ist es möglich, zu rekonstruieren, wo sich die Person zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgehalten hat und was sie konsumierte. Zum Beispiel könnten sie zeigen, dass eine Person mit Milch und Fisch an der Ostsee aufgewachsen ist und im frühen Erwachsenenalter in Sibirien unter Mangelernährung litt."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Zahnmedizin, Zähne

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.10.2024

Die Schriftstellerin Noémi Szécsi spricht im Interview mit Julianna Zeck über ihre Erfahrungen im ungarischen Kulturbetrieb nach Erhalt des Europäischen Literaturpreises 2009 und dem Regierungswechsel in Ungarn 2010: "Man kann sich zwar entscheiden, ob man sich anpassen will oder nicht, das eigene Interesse kann man freilich nicht ändern. Der größte Rückschlag für mein Schreiben kam von der Kulturpolitik. Als ich 2009 den Literaturpreis der Europäischen Union für 'The Communist Monte Cristo' erhielt, der drei Jahre zuvor erschienen war und bis dahin von der Kritik weitgehend übersehen wurde, hätte das ein großer Schub sein können. In gewisser Weise war es das auch: Literaturfestivals, Buchmessen, Übersetzungen. Aber ich habe mich auch in Situationen gebracht, die mir den Mund bitter werden ließen, und manchmal war sogar mein Lebenswille dahin. Dafür braucht man starke Nerven, die ich nicht habe. Ich glaube, ich kann wie viele andere Kreative sagen, dass der Kulturkampf des letzten fast anderthalb Jahrzehnts unsere Karrieren überschattet hat, uns unsere schönen Hoffnungen, sowie den Rahmen der Normalität genommen hat. Und das nicht explizit, wegen den veränderten Machtverhältnissen. Sondern wegen der echten Kriegstaktik, die angewendet wurden: Aushungern, verbale Lynchjustiz, Bestechung von Verrätern, Raufereien, obligatorische Mannschaftsdisziplin, Einkesselung, Übergriffe usw. Auch ich habe meine Wunden aus diesem Krieg und meine Antwort war der Beginn des 'Truppenabzugs' aus dem Bereich der Literatur. Ich begann mich mit der Wissensvermittlung über Frauengeschichte zu beschäftigen" (mehr dazu hier).

Gentlemen's Quarterly (USA), 17.09.2024



Joshua Hammers Reportage über den Aufbau von Notre Dame ist eine Ode an die Kunst der französischen Handwerker und Künstler - obwohl sie auch ein bisschen Hilfe von außen hatten, besonders bei der Rekonstruktion des vollständig niedergebrannten Dachstuhls mit seinen ineinandergesteckten gebogenen Eichenbalken und dem Flechtwerk. "Man war skeptisch, ob das Gebälk in seiner ursprünglichen Pracht wiederhergestellt werden könnte, aber Fromont, Chefarchitekt für die historischen Bauwerke Frankreichs im Kulturministerium, fand einen Verbündeten in François Calame, Frankreichs führendem Apostel des traditionellen Tischlerhandwerks. In den frühen 1990er Jahren hatte Calame als junger Zimmermann die abgelegene Region Maramures im Westen Rumäniens besucht. Während der 24-jährigen Diktatur von Nicolae Ceausescu von der sich schnell verändernden Welt isoliert, hatten die Handwerker dort die alten Methoden des Tischlerhandwerks am Leben erhalten. Wie in Rumänien benutzten auch die traditionellen französischen Axtmacher bestimmte Handwerkszeuge: die hache de grossière, eine Axt mit langem Stiel und schmaler Klinge, mit der man große Mengen Holz abtragen kann, und die doloire, eine Axt mit breiter Klinge und kurzem Stiel, mit der man präzise der Maserung des Holzes folgend hacken kann. Es ist eine langsame und körperliche Arbeit, weshalb die Axt im 20. Jahrhundert als Bauwerkzeug so gut wie verschwunden ist. Ihre Befürworter loben jedoch das Endergebnis: biegsamere, stärkere Balken und Unvollkommenheiten, die die umfangreiche Arbeit und die Liebe zum Handwerk widerspiegeln. 'Das ist eine Art magische Arbeit, weil man das Material spürt', sagte Fromont zu mir. 'Man riecht es und man berührt es.' Calame wurde zu einem der weltweit bekanntesten Kenner der Doloire, einem Werkzeug, das Bilder von Kreuzrittern und mittelalterlichen Leibeigenen hervorruft. Auf der Suche nach der perfekten Axt reiste er durch Osteuropa und erfreute sich an den Unterschieden in der Form der Schneide, der Art des Stahls und der Krümmung des Griffs. 1992 gründete er die Vereinigung 'Charpentiers Sans Frontières' (Zimmerleute ohne Grenzen), eine Vereinigung von Handwerksmeistern, die auf Baustellen in der ganzen Welt unterwegs sind. Mit frisch gefällten Bäumen und Äxten bauten sie Schmieden und achteckige Brunnen in Rumänien, ein Haus in China und eine Schmiede im ländlichen Maine. ... Die Bewegung, die Calame mit inspiriert hatte, würde nun eine entscheidende Rolle dabei spielen, die berühmteste Kathedrale der Welt zu retten. Im Jahr 2020 veranstalteten die 'Zimmerleute ohne Grenzen' auf dem Rasen eines Schlosses aus dem 18. Jahrhundert nahe der Küste der Normandie eine Demonstration für die Entscheidungsträger von Notre-Dame. Fünfundzwanzig freiwillige Zimmerleute bauten eine Nachbildung der ferme Nummer sieben des Kirchenschiffs, des technisch anspruchsvollsten Teils des Dachstuhls. Nachdem sie die Balken zusammengefügt hatten, hoben die Zimmerleute den Dachstuhl langsam vom Boden auf, damit sich die Granden vorstellen konnten, wie er in der Kirche aussehen würde. 'Sie haben gezeigt, dass man die Arbeit auch von Hand machen kann, ohne dass es viel teurer oder langsamer wird', sagte Fromont. (Als kleines Zugeständnis an die Moderne benutzten sie Kreissägen, um zwei der vier Seiten jedes Baumstamms abzurunden.)" Man kann also davon ausgehen, dass auch der neue Dachstuhl von Notre Dame tausend Jahre halten wird.