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Magazinrundschau - Archiv

Quarterly Conversation

7 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 25.10.2016 - Quarterly Conversation

Sean Gasper Bye stellt die Kandidaten für den polnischen Szymborska-Lyrikpreis 2016 vor: Edward Pasewicz, Marta Podgórnik, Joanna Roszak, Marcin Świetlicki und Jakub Kornhauser, der den Preis schließlich mit seinem Band "Die Hefefabrik" gewann. Kornhausers Werk, "surreal und elegisch" ist so bemerkenswert, weil es sich so völlig von dem seiner Altersgenossen unterscheidet, die viel direkter und persönlicher schreiben, erklärt Bye. "'Die Hefefabrik' ist ein Zyklus von Prosagedichten, der in der halb mythischen, halb imaginierten Vorkriegswelt des jüdischen Krakaus angesiedelt ist. Der Leser wird durch eine bettelarme, heruntergekommene Welt geführt - von einem Erzähler, der zu einer Gang von Kindern zu gehören scheint. Orte, Charaktere und Bilder kehren wieder auf eine Art, die Kontinuität suggeriert. Aber alle Versuche, eine Story in diesem Zyklus zu finden, sind vergeblich. Man hat das Gefühl, in einem Traum zu sein. Erinnerungsträchtige Bilder und manchmal schaurige Bilder verschmelzen zu einer Atmosphäre des Mysteriösen und Verlorenseins.  Kornhauer hat einmal gesagt, er sei von den surrealistischen Dichtern der Zwischenkriegszeit beeinflusst, vor allem dem Franzosen Max Jacob. Aber im polnischen Kontext erinnert dieses zersplitterte Herumwandern in einer mysteriösen verlorenen Welt  stark an den 1973 von Wojciech Jerzy Has gedrehten Film 'Das Sanatorium zur Todesanzeige', der auf dem Buch "Das Sanatorium zur Sanduhr" von Bruno Schulz basiert."

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - Quarterly Conversation

Silvina Ocampo gehörte zusammen mit Jorge Luis Borges und ihrem Schrifsteller-Ehemann Adolfo Bioy Casares in den vierziger und fünfziger Jahren zu den hellsten Sternen am literarischen Himmel Argentiniens. Nur weniges von ihr wurde ins Deutsche übersetzt, zuletzt "Der Hass der Liebenden", ein Roman, den sie zusammen mit ihrem Mann geschrieben hat. Eine größere Auswahl ihres Werks wurde jetzt ins Englische übersetzt und zeigt sie, so Stephen Henighan in einem Essay, als Viriginia Woolf Argentiniens. In Lateinamerika schwand ihr ruhm ab den Sechzigern. Die jungen Wilden wie Julio Cortázar oder Gabriel García Márquez waren zumeist Anhänger Castros und verabscheuten die große bourgeoise Dame, die Ocampo auch war. Auch literarisch bevorzugten die Herren einen muskulöseren Stil. Zu Unrecht, findet Henighan: "Wie ihre Geschichten zeigen, wäre es ein Fehler zu glauben, Ocampo hätte ihrem Milieu völlig unkritisch gegenüber gestanden. In ihrem Buch "Childhood in the Works of Silvina Ocampo and Alejandra Pizarnik" (2003) weist Fiona Mackintosh darauf hin, dass "Silvina Ocampos literarische Welt - auch wenn sie in ihrer privilegierten sozialen Klasse und dem intellektuellen Milieu verwurzelt ist - im Geist einer verschmitzten Perversität und Widerborstigkeit blüht". Ocampos frühe Kurzgeschichten sind in ihrer Faszination für imaginäre Welten von männlichen Konventionen der fantastischen Literatur geprägt. Sie ist weniger programmatisch und skuriller als Borges oder Bioy. Oft täuscht sie einen männlichen Erzähler vor und zeigt ein Gespür für das Maskenspiel der Männlichkeit selbst, das ihren Kollegen fehlt."

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - Quarterly Conversation

In einem schönen Essay legt uns Malcolm Forbes den ungarischen Autor Antal Szerb ans Herz, der 1945 im Alter von 43 Jahren in einem Konzentrationslager ermordet wurde und dessen Werk als Solitär in der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts steht. "Ein bemerkenswerter Aspekt an Szerbs beklagenswert kurzer literarischer Karriere war seine Fähigkeit, im Angesicht der Not stoisch zu bleiben. Sein Roman "Oliver VII" ist eine federleichte Kapriole, obwohl sie das, geschrieben nur wenige Jahre vor dem Tod des Autors, eigentlich nicht sein darf. Ähnlich verhält es sich mit Szerbs letztem großen Werk, "Das Halsband der Königin". Statt einer dunklen, ätzenden Allegorie auf den Einfluss der Nazis und die Unterdrückung in Ungarn, ist es eine flotte historische Geschichte voller Klatsch - und ohne jede kritische Agenda - über die Ereignisse, die zur Französischen Revolution führten. Szerbs Werke ist gewöhnlich gesegnet mit vorsichtig auskalibrierter Beschwingtheit. Seine Prosa ist leicht, aber nie schaumig, witzig, ohne oberflächlich zu sein, eher ironisch als sardonisch. Seine Kopf-in-den-Sand, die Realität vermeidenden Träumer mögen von sich selbst behaupten, sie praktizierten die neue Frivolität, aber sie sind zu beladen mit Dilemmas, Konsequenzen und Selbstoffenbarungen, um gänzlich gewicht- und harmlose Narren zu sein. Eine andere Besonderheit ist Szerbs Einzigartigkeit. Kurz gesagt, er schreibt wie kein anderer der großen ungarischen Autoren des 20. Jahrhunderts."
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Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Quarterly Conversation

Mit großem Vergnügen hat die isländische Übersetzerin María Helga Guðmundsdóttir einen gerade auf Englisch erschienenen Erzählband des indischen Autors Uday Prakash gelesen. Das Indien in "The Walls of Delhi" ist ein schmutziger, mörderischer Ort, an dem jeder ums Überleben kämpft. "Die Referenzlandschaft von Prakashs Geschichten ist ausgedehnt - von Figuren aus der kanonischen Hinduliteratur wie Premchand und Mukhtibodh bis hin zu Ossip Mandelstam und Allen Ginsberg. Doch trotz dieser breiten Rahmens sind sie für eine offensichtlich lokale Leserschaft geschrieben. Sie auf Englisch zu lesen vertieft noch den Eindruck, dass der Leser, an die sie gerichtet sind, weder anglophon ist noch weit entfernt, sondern jemand, für Delhi, zumindest emotional, "überhaupt nicht weit enfernt" ist."
Stichwörter: Prakash, Uday, Delhi

Magazinrundschau vom 08.10.2013 - Quarterly Conversation

Briten (hier) und Amerikaner sind gerade dabei, einen ungarischen Autor zu entdecken, den Franzosen, Spanier, Portugiesen, Rumänen und Slovaken bereits übersetzt haben, die Deutschen kannten ihn in den 30ern, haben ihn später aber offenbar wieder vergessen: Miklós Szentkuthy (1908-1988), dem Rainer J. Hanshe, Gründer der Contra Mundum Press, ein Loblied singt. Hanshe gibt aber auch folgendes zu bedenken: "Dass Szentkuthy selbst den Lesern von Weltliteratur kaum bekannt ist, obwohl er seit 1990 in Übersetzung vorliegt, verleiht Erich Auerbachs prophetischer Dialektik Gewicht, 'daß auf einer einheitlich organisierten Erde nur eine einzige literarische Kultur, ja selbst in vergleichsweise kurzer Zeit nur wenige literarische Sprachen, bald vielleicht nur eine, als lebend übrigbleiben wird. Und damit wäre der Gedanke der Weltliteratur zugleich verwirklicht und zerstört.' Es ist klar, dass er damit die englische Sprache meinte, und so die verstörende Realität bestätigt, dass Szentkuthy erst mit seiner Übersetzung ins Englische die Weltbühne betreten wird."

Magazinrundschau vom 16.04.2013 - Quarterly Conversation

Die Autorin und Bloggerin Cynthia L. Haven schreibt sehr schön und erhellend über Czesław Miłosz, sein Verhältnis zu den amerikanischen Lyrikern Robinson Jeffers, Allen Ginsberg und Walt Whtiman und sein Verhältnis zu Kalifornien: "Kalifornien gab ihm Raum und einen Aussichtspunkt am Ende der Welt. Der leidenschaftliche Lyriker sehnte sich nach Distanz, einem objektiveren Ort, von dem aus er auf sich selbst blicken konnte, und fand ihn an der Pazifikküste. Distanz - ob emotional oder geografisch - ist in Polen schwer zu finden. Da war er ein Insider. Niemand ist Insider in Kalifornien."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Quarterly Conversation

Als "großen Unbekannten" unter den bedeutenden russischen Autoren des 19. Jahrhunderts bezeichnet David Auerbach Nikolai Leskow. Nach der Lektüre der ins Englischen übersetzten Texte dieses Prosaisten hält er ihn für einen Meister, allerdings nicht der Psychologie, sondern des aufs äußerste riskanten Erzählens. Am großartigsten findet Auerbach die Erzählung "Der verzauberte Pilger", deren Held ein junger Mann namens Iwan ist, der von seinem Weg in den Schoß der russisch-orthodoxen Kirche erzählt: "Leskow scheint es darauf angelegt zu haben, seine Figur einfach in die verrücktesten Abenteuer hineinzusetzen, die ihm nur einfallen wollten, und zu sehen, wie dieser merkwürdige Stoiker mit ihnen umgeht... In mindestens zwei Dutzend unverbundenen Episoden, manche kaum mehr als ein, zwei Seiten lang, geschieht etwa dies:
- Iwan wird zum Kindermädchen für Frau und Kind eines Landbesitzers. Der Liebhaber der Frau bringt ihn dazu, sie und das Kind mit ihm entkommen zu lassen...
- Iwan flieht vor dem Gesetz in die Tartarische Steppe, wo ihn die Tartaren festsetzen, indem sie ihm schmerzhafte Borsten in seine Hacken einnähen. Er verbringt da zehn Jahre, mit mehreren Frauen und Kinder, und flieht dann.
- Iwan wird von seinem Alkoholismus geheilt, und zwar durch einen mysteriösen Magnetiseur, der ihn durch eine Folge bizarrer Alpträume begleitet.
- Ein anderer von Iwans Herren kauft ein Zigeunermädchen und hält sie in einer Hütte gefangen. Sie flieht und bittet Iwan, sie umzubringen, was er tut, allerdings fühlt er sich furchtbar schuldig und bemüht sich (vergebens), im Krieg sein Leben zu geben.
Und so geht das weiter und weiter, die ganzen 150 Seiten dieser Geschichte."