Magazinrundschau - Archiv

Reportajes

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Magazinrundschau vom 26.01.2004 - Reportajes

Stunde der Präsidenten und Eliten-Diskussion a la chilena: Im Interview mit Reportajes, der Magazinbeilage der chilenischen Tageszeitung La tercera (kostenloser Zugang nach Registrierung), spricht Michelle Bachelet (s. a. hier), Verteidigungsministerin des Landes mit dem immer noch größten Militärhaushalt Lateinamerikas, über ihre Aussichten, im kommenden Jahr zur Präsidentin Chiles gewählt zu werden. Michelle Bachelet lebte während ihres Exils mehrere Jahre in Potsdam, Babelsberg und Berlin, wo sie Medizin studierte. Ihr Vater, der Luftwaffengeneral Alberto Bachelet, ein Anhänger Allendes, war wenige Monate nach dem Putsch General Pinochets an den Folgen der Folter gestorben. "Die Elite ist nicht übermäßig offen für Veränderungen", meint die 53-jährige sozialistische Politikerin mit strategischem Understatement, spricht man in Chile doch seit einiger Zeit vom "fenomeno Bachelet". Ihre rasch gewachsene Popularität erklärt sich Bachelet unter anderem so: "Ich denke, die Leute wissen es zu schätzen, wenn man bei den großen Themen mitreden kann und gleichzeitig supergeerdet im Alltag bleibt - also imstande ist, von der Zukunft des Landes zu träumen, aber dabei immer genau weiß, wie viel gerade ein Kilo Brot kostet."

So populär war Felipe Gonzalez auch einmal. In einem Interview spricht der sozialistischen Ex-Präsidenten Spaniens über den derzeitigen Präsidenten Chiles, den Sozialisten Ricardo Lagos, der seinerseits Michelle Bachelet vor knapp zwei Jahren zur Verteidigungsministerin ernannte.Und auch Mario Vargas Llosa wäre seinerzeit gerne ein populärer Präsident geworden. Er schreibt über den neuen Präsidenten Boliviens Carlos Mesa und das bolivianische Trauma, seit dem vor über hundert Jahren gegen Chile verlorenen Krieg keinen direkten Zugang zum Meer zu besitzen - für alle Fälle hielt man sich in Bolivien bis vor wenigen Jahren noch eine Kriegsmarine, erzählt Vargas Llosa, der als Kind zehn Jahre in Bolivien gelebt hat.

Ans Meer fahren dafür in diesen Tagen alle Chilenen, die es sich leisten können, und Marcelo Soto stellt ihnen die Bücher des Sommers vor.

Magazinrundschau vom 19.01.2004 - Reportajes

Der wohl wichtigste intellektuelle Fürsprecher Fidel Castros ist bekanntlich der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez. Über die symbiotische Beziehung zwischen dem Revolutionär und dem Schriftsteller ist in Spanien jüngst ein Buch, "Gabo y Fidel: paisajes de una amistad", erschienen. "Beide haben einiges gemeinsam. Beide haben Gefallen an der Macht und beide sind mächtig", fasst Rezensent Marcelo Soto in Reportajes, der Sonntagsbeilage der chilenischen Tageszeitung La Tercera, ein wenig böswillig zusammen. Das Buch sei mit allerlei Anekdoten über nächtelange Gesprächsrunden gespickt, beschreibe aber auch wie Garcia Marquez in Havanna zu einer Villa und einem Mercedes Benz kam (Zugang nach unkomplizierter Registrierung - zum Magazin, versteht sich, nicht zum Mercedes).

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - Reportajes

Wider das Vergessen: Die Rezension eines Romans des peruanischen Schriftstellers Alonso Cueto (mehr) nutzt Mario Vargas Llosa, um in Reportajes, dem Magazin der chilenischen Tageszeitung La Tercera (kostenlose Anmeldung nach einfacher Registrierung), besorgt darauf hinzuweisen, dass gerade einmal drei Jahre nach der abenteuerlichen Flucht Präsident Alberto Fujimoris und seines "Chefberaters" Vladimiro Montesinos eine wachsende Zahl von Peruanern sich nach den angeblich besseren Zeiten unter deren chaotisch-korruptem Regime zurückzusehnen beginne - noch bevor eine wie auch immer geartete Aufarbeitung dieser jüngsten Vergangenheit überhaupt hat einsetzen können. Cuetos Roman "Grandes Miradas" erzählt mit fiktionalen Mitteln die authentische Geschichte des peruanischen Richters Cesar Diaz Gutierrez, der nicht mehr und nicht weniger wollte, als seinen gesetzlichen Auftrag erfüllen, und, wie kaum anders zu erwarten, mit dem Leben dafür bezahlen musste.

In einem anderen Beitrag schildert Marcelo Soto das widersprüchliche Verhalten von Jorge Luis Borges einerseits angesichts des chilenisch-argentinischen Konfliktes von 1978 wie auch des Falkland-Krieges 1982 - beide Male zögerte Borges nicht, den Vorwurf des "Vaterlandsverrats" auf sich zu nehmen und sich eindeutig gegen den Einsatz militärischer Mittel auszusprechen -, andererseits in Bezug auf das Regime General Pinochets, dessen Machtübernahme Borges als selbst erklärter Antikommunist nicht nur ausdrücklich begrüßte, sondern dem er auch 1976 und 1977 freundschaftliche Besuche abstattete, bei denen er sich eitig feiern und hofieren ließ und der Presse erklärte, Pinochet erscheine ihm eine "excelente persona", außerdem sei man in Chile genau wie in Argentinien und Uruguay damit beschäftigt, die Freiheit und Ordnung zu retten. (In die Zeit zwischen diesen beiden Chile-Reisen Borges' fällt die Verschleppung von Juan Gelmans - s. o. Clarin - damals 19 Jahre alter und im achten Monat schwangerer Schwiegertochter Maria Claudia Garcia Irureta Goyena von Argentinien nach Uruguay, wo man sie vor ihrer Ermordung noch ihr Kind zur Welt bringen ließ, um es einem uruguayischen Polizistenehepaar zu übergeben, das selbst keine Kinder bekommen konnte.)

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Reportajes

Ein chilenischer Sängerkrieg: In Reportajes, der Kulturbeilage der chilenischen Tageszeitung La tercera (einfacher Zugang nach kostenloser Registrierung), berichtet Andres Gomez von der nach Verleihung des Cervantes-Preises 2003 an den chilenischen Dichter Gonzalo Rojas wieder aufgelebten Feindschaft zwischen Rojas (geb. 1917) und seinem Landsmann und Dichterkollegen bzw. -konkurrenten Nicanor Parra (geb. 1914), der bei der diesjährigen Preisverleihung seinerseits bis in die Endausscheidung gelangt war. Die Sache reicht über dreißig Jahre zurück und spaltet auch die Anhängerschaft der beiden neben Pablo Neruda wichtigsten chilenischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Grund der Animositäten sind gegenseitige Vorwürfe wegen des Verhaltens des jeweiligen Kontrahenten angesichts der Militärdiktatur Augusto Pinochets, aber es geht ganz offensichtlich auch um die Hegemonie im Reich der Poesie. "Hier stoßen zwei Riesen-Egos aufeinander. Rojas arbeitet daran, Nicanor ebenso. Zwei Olympier, die sich einfach nicht versöhnen wollen", erklärt der Literaturkritiker Luis Sanchez Latorre.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Reportajes

Eine feuerländische Geschichte: Die Isla Dawson, zu ihrer Zeit der südlichste Gulag der Welt (mehr hier), erlebte am vergangenen Wochenende einen aufsehenerregenden Besuch: Nach zähem Widerstand der chilenischen Kriegsmarine, die dort bis heute einen Stützpunkt betreibt, durfte eine Gruppe ehemaliger Häftlinge, unter ihnen der heutige chilenische Erziehungsminister Sergio Bitar, 30 Jahre nach ihrer Deportierung zu einem Besuch auf die Insel zurückkehren. In der chilenischen Zeitung La Tercera (kostenloser Zugang nach einfacher Registrierung) erzählen Loreto Aravena und Maria Soledad de la Cerda die Geschichte des Straflagers. Der damals siebzehnjährige Carlos Parker erinnert sich: "Immer wenn ich bei dem Wachmann Ulloa vorbeikam, sagte er zu mir: 'Du hast zehn Sekunden Zeit aus meinem Gesichtsfeld zu verschwinden - oder ich bringe dich um.' Er entsicherte sein Gewehr, legte auf mich an und sah zu, wie ich zur Häftlingsbarracke rannte. Kurz bevor ich dort ankam, schrie er jedes Mal: 'Auf die Erde!', und ich warf mich zu Boden. Das Geräusch seiner näherkommenden Stiefel werde ich nie vergessen. Bei mir angelangt, setzte er seinen Fuß auf meinen Kopf und presste ihn nach unten." Zum Glück gehörte zu den Bewachern der Isla Dawson auch der Unteroffizier Basilio Escobar, der durch seinen Mut offensichtlich zahlreichen Häftlingen das Leben gerettet hat. Einige der Fotos, die den Bericht illustrieren, hat Escobar heimlich aufgenommen. (Und als pdf hier die Geschichte der Isla Dwason in der Version der chilenischen Kriegsmarine)
Stichwörter: Gulag, Island, Stiefel

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - Reportajes

Mario Vargas Llosa (mehr) schickt sich offensichtlich an, vom jüngst verstorbenen Edward Said die nicht immer dankbare Rolle des intellektuellen Fürsprechers der Interessen der Palästinenser zu übernehmen. So äußert er sich in der neuesten Ausgabe des chilenischen Reportajes (Zugang nach kostenloser Registrierung) in einem langen Artikel äußerst kritisch über die Darstellung des israelisch-palästinensischen Konfliktes in den USA: "Ich möchte in keiner Weise den Gedanken einer 'jüdischen Verschwörung' nahe legen, die sich die US-Medien unterworfen hat, aber sehr wohl darauf hinweisen, dass die Lobbygruppen, die die israelische Politik in den USA vertreten, äußerst effektiv arbeiten, während die Palästinenser eine himmelschreiende Unfähigkeit an den Tag legen, ihre Sache zu erklären und zu verteidigen. Nicht weil ihnen die Mittel dazu fehlten, sondern aus Unkenntnis der subtilen und komplizierten Mechanismen, die die nordamerikanischen Institutionen und Gewohnheiten bestimmen. Und weil sie sich oftmals mit der Tribüne kleiner linksradikaler Zirkel begnügt haben, was den unerwünschten Effekt hat, sie noch weiter von der durchschnittlichen Mehrheitsmeinung zu entfernen, die nun einmal in der Politik den Ausschlag gibt."

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - Reportajes

In der neuesten Ausgabe von Reportajes (Zugang nach kostenloser Registrierung) spricht der spanische Schriftsteller Javier Cerca in einem langen Interview über seine Freundschaft mit Roberto Bolano: In Cercas' erfolgreichem Roman "Soldaten von Salamis" tritt Bolano als eine der Hauptfiguren auf, die dem Gang der Handlung die entscheidende Wendung gibt. Cercas erzählt von der intensiven Anteilnahme seines Freundes am Entstehungsprozess des Romans - und von der ihm so rätselhaften wie schmerzlichen Aufkündigung der Freundschaft durch Bolano angesichts des überwältigenden Erfolgs des Buches, von dem mittlerweile weltweit über 500.000 Exemplare verkauft wurden.

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - Reportajes

Reportajes, die Wochenendbeilage der chilenischen Tageszeitung La Tercera (Zugang nach kostenloser Registrierung), hat James Whelan, den offiziellen Biografen des Exdiktators Augusto Pinochet, interviewt. Whelan, ein ehemaliger General, ist Gründer und ehemaliger Chefredakteur der konservativen Washington Times. Insgesamt 35 Mal hat Pinochet mit ihm gesprochen und dabei auch freimütig über seine demokratischen Nachfolger Eduardo Frei und Patricio Aylwin hergezogen, wie ein bereits vergangene Woche aus Anlass des dreißigsten Jahrestags des Putsches veröffentlichtes Gespräch zeigt. Whelan hat sein Buch noch nicht veröffentlicht, aber das Interview mit Reportajes verheißt nichts Gutes. "Ich bin der Auffassung, dass Pinochet möglicherweise Fehler begangen hat und mit dem Thema falsch umgegangen ist, aber kein Komplize der Menschenrechtsverletzungen war", behauptet Whelan.

Allemal vergnüglicher ist eine posthum veröffentlichte Abrechnung des kürzlich verstorbenen chilenischen Autors Roberto Bolano mit seiner Zunft: "Schriftsteller-Funktionäre" und "Schriftsteller, die in Fitnessstudios gehen", ruinieren die lateinamerikanische Literatur, schimpft Bolano. Selbst Altmeister Gabriel Garcia Marquez und Mario Vargas Llosa seien nur ein "Duo seniler Machos". Und sonst: "Die Literatur, vor allem in Lateinamerika, aber wohl auch in Spanien, ist Erfolg, soziales Ansehen (...) Die derzeitigen Schriftsteller sind Leute aus der unteren Mittelschicht die ihren Lebensabend gerne in der oberen Mittelschicht verbringen würden. Sie haben nichts gegen Respektabilität. Sie lechzen nach ihr. Und müssen ganz schön dafür schwitzen."

Ebenso in Reportajes: ein Interview mit dem sehr talentierten chilenischen Popautor Alberto Fuguet, der es schon einmal - als Vatermörder des magischen Realismus - auf das Titelblatt von Newsweek schaffte (Newsweek-Artikel) und nun einen neuen Roman veröffentlicht: "Las peliculas de mi vida".