Mord und Ratschlag

Die Aura der Brutalität

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
02.03.2017. Ausgerechnet jetzt ist in Jerome Charyns grandioser Saga um Isaac Sidel der Supercop ins Weiße Haus aufgestiegen, als politischer Desperado und ohne jede politische Eleganz. Jérôme Leroy erzählt in seinem düsteren Roman "Der Block" von jener Nacht in naher Zukunft, in der Frankreichs extreme Rechte an die Regierung kommt.
Jerome Charyns Saga um den New Yorker Cop Isaac Sidel gehört zum Besten, was die amerikanische Kriminalliteratur zu bieten hat: Mit jedem Bösewicht, den Sidel umlegte, stieg er höher in der amerikanischen Politik auf, wie ein Feuerball. Erst wurde er Polizeipräsident, dann Bürgermeister von New York. Mit dem Band "Winterwarnung" ist Sidel Präsident der Vereinigten Staaten geworden, das Jahr 1989 hat gerade begonnen. Seine Waffe, die Glock, trägt er natürlich immer noch, aber jetzt auch noch den Football, den Atomkoffer. Dafür fehlen ihm jede politische Eleganz, wie sie in den feinen Kreisen von Georgetown sagen, und seine Stabschefin, die gleich nach dem ersten Monat im Amt mit einer Praktikantin durchgebrannt ist. Wohlmeinende nennen Sidel einen linken Traumtänzer, die Republikaner schimpfen ihn einen Sowjet und der von ihm selbst so verehrte Saul Bellow schmäht ihn den Stalin aus der Bronx.

Der Diaphanes Verlag, der sich um Charyns Sidel-Romane sehr verdient gemacht hat, bringt die deutsche Ausgabe der "Winterwarnung" noch vor der amerikanischen heraus. Man kann sich gut vorstellen, dass Amerikanern im Moment überhaupt nicht nach Lachen zumute ist, wenn es um einen politischen Desperado im Weißen Haus geht. Auch diesseits des Atlantiks muss man all seinen Humor und seine Freude an subversivem Gedankengut zusammenkratzen, um den großen Washingtoner Umsturz wenigstens in der Fiktion zu genießen.

Denn selbstverständlich hat Isaac Sidel Format. Er ist ein Super-Cop, idealistisch, integer, anständig. Er hat mit dem organisierten wie mit dem unorganisierten Verbrechen paktiert, aber er hat nie Beute gemacht. Und Jerome Charyn ist ein Autor, der Politik, Mythologie und Popkultur zu wilder Krimi-Poesie verbindet.

In der "Winterwarnung" steigert sich der Plot in globalgalaktische Dimensionen. Der Eiserne Vorhang ist noch nicht gefallen, aber bereits durchlässiger geworden. Die Söhne Russlands lassen Sidel eine Warnung zukommen: Sein Leben ist in Gefahr. Die Söhne Russlands sind eine so fantastische wie einflussreiche Geheimorganisation: Die Waisen des sibirischen Gulags haben, Werwölfen gleich, ihren Zorn in Stärke umgewandelt und mittlerweile die Aktienmärkte, die internationale Diplomatie und die Notenbanken fest in ihrem Griff. Ihre Kassiber nennen sie noch immer Winterwarnungen, denn in der Taiga ist es immer dunkel und kalt. Zu ihnen gehört irgendwie auch Israels einstiger Premierminister, der legendäre Ariel Moss, der für die Irgun im jüdischen Untergrund gegen die britische Mandatsmacht gebombt hatte und von Linken und Intellektuellen als rechter Fanatiker geschmäht wurde. Doch 1978 schloss er Frieden mit Ägypten, und von sich selbst sagt er im Roman: "Ich war einer vom Abrisskommando, kein Engel der Barmherzigkeit."

Dieser Moss kommt also noch einmal nach Camp David, um seinen alten Freund Sidel zu warnen: Die Reichen und Mächtigen der Welt haben auf Sidels Kosten eine gewaltige Lotterie in Gang gesetzt: Wer das exakte Datum seines Todes tippt, wird zu gewaltigem Vermögen kommen. An der großen Wette beteiligt sind Schweizer Bankiers, Washingtoner Parteifürstinnen und die Freibeuter des internationalen Geschäfts. Allerdings weiß man nie ganz genau, wer bei der Lotterie wie und warum agiert, denn die Gewinne erhöhen sich auch, je länger Sidel lebt. Geradezu lächerlich nehmen sich gegen diese Summe die Kopfgelder aus, die Gaddafi, die kolumbianischen Drogenbosse oder die Aryan Brotherhood auf Sidel ausgesetzt haben.

Den Schurken steht allein Sidel mit zwei Getreuen gegenüber: Mit Colonel Stefan Oliver, dem Piloten seines Präsidentenhubschraubers Tango One, und Sarah Rogers, Captain der Naval Intelligence. In ihrem unermüdlichen Kampf gegen das Unrecht, gegen die sibirischen Werwölfe und verrückte amerikanische Militärs orientieren sie sich stets an der verehrungswürdigen Noblesse von Lincoln und Roosevelt. Nur manchmal auch am Schusskanal von Sidels Glock. Aber das zeigt Charyn: In der Literatur und in der Politik gelten die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie bei der Polizeiarbeit: Man muss stets die Zeichen im Blick behalten. "Millionen von Vektoren durchziehen das Dunkel und verschwinden im leeren Raum. Wenn Vektoren jedoch kollidieren, dann ergeben sie einen Smash Point."

Jerome Charyn: Winterwarnung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Schulz. Zürich 2017, 328 Seiten, 24 Euro (Bestellen).


****


Jérôme Leroys Roman "Der Block" ist das französische Gegenstück zu Jerome Charyns "Winterwarnung": Auch er erzählt von der politischen Zeitenwende in Paris, aber als reinster politischer Noir. Er spielt in naher Zukunft und erzählt von der Nacht, in der Frankreichs extreme Rechte, der Patriotische Block an die Macht gelangt.

Die Banlieue brennt. Seit vier Monaten bereits herrscht Ausnahmezustand in Frankreich, die Regierung bekommt die Lage nicht in den Griff. Nacht für Nacht kochen in den Vorstädten Frustration und Aggression über, Tag für Tag werden mehr Tote gemeldet. Die Fernsehsender blenden ihre Zahl fortlaufend in der oberen Bildschirmecke ein: 753 sind es bereits. Die Regierung demonstriert, dass sie nicht auf Deeskalation setzt. Im Gegenteil. Jetzt will sie sogar den Block in die Regierung holen, Parteichefin Agnès Dorgelles verhandelt mit dem Elysée nur noch die Zahl der Kabinettsposten.

Diese eine Nacht schildert Leroy in zwei Strängen aus der Sicht zweier Männer, die ihr halbes Leben lang verbunden waren als Geistes-, Waffen- und Blutsbrüder. Der eine ist Antoine Maynard, rechter Intellektueller, Schriftsteller und Ehemann der Parteichefin, der andere ist Stanko, eigentlich Stéphane Stankowiak, der gefürchtete Sicherheitschef der Partei. Sein Kopf ist der Preis, den der Verfassungsschutz für die Regierungsbeteiligung vom Block fordert. Und zwar wörtlich, nicht im übertragenen Sinne. Stanko muss sterben. Er steckt zu tief drin. "Er ist der Soldat, der nicht überleben darf, wenn die Partei aufhört, revolutionär zu sein."

Stanko ist ein ehemaliger Skinhead, lange Zeit trug er eine Tätowierung vom "Commando Excalibur": ein Flammenschwert, das vom Rücken aus Feuerzungen über den kahlrasierten Schädel bis zur Stirn warf. Stanko hat die GPP aufgebaut, die Groupe de Protection du Parti, die es offiziell natürlich nie geben durfte, Ordner und Schläger auf den Parteiversammlungen waren Freiwillige. Stanko hat sogar eine eigene Elitetruppe aufgebaut, die Delta-Gruppe, in die er nur ehemalige Fallschirmspringer und Fremdenlegionäre und nur besonders gut aussehende Männer ließ. Aber nicht, wie man denken könnte, weil er nun mal auf Männer steht. Seine Logik ist eine andere: "Es ist wichtig, dass die Krieger schön sind. Die Männer, die unter ihrem Kommando stehen, haben dann mehr Vertrauen und weniger Angst zu sterben." Diese Deltas sind jetzt hinter ihm her, während er sich in einem ranzigen Hotel versteckt. Aus der Ich-Perspektive erleben wir, wie der Jäger zum Gejagten wird, Mitleid bringt er für sich selbst so wenig auf wie früher für seine Beute. Er will überleben, aber er würde niemals den Block verraten. Er ist treu, loyal, gehorsam: Perinde ac cadaver.

Antoine Maynards Nacht schildert Leroy in der zweiten Person, im Imperfekt, was bei allem übersetzerischen Geschick im Deutschen gestelzter klingt als im Französischen. Doch hier legt jemand Rechenschaft ab vor sich selbst: "Letztlich bist Du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden", lautet sein Mantra, es ist auch der erste Satz des Romans und natürlich so falsch wie das Lächeln der Parteichefin. Doch im Verlauf der Nacht rekapituliert er, wie er zu dem Mann wurde, der seinen besten Freund zum Abschuss freigegeben hat.

Leroys Roman ist kein Schlüsselroman über den Front National. Die entscheidenden Figuren sind erkennbar, bleiben aber im Hintergrund: die Parteichefin, die sich und ihren Getreuen immer wieder das auftrumpfende Feixen untersagen muss, und natürlich ihr Vater, der Alte mit seinem Reichsmarschallgehabe. Leroy will etwas anderes: Er zieht einen hinein in die innere Verfasstheit eines Milieus, das sich seit Jahrzehnten aus Zynismus und Verbitterung speist. Seine beiden Protagonisten sind nicht abstoßend, sie sind verführerisch: Maynard mit seiner Aura der Brutalität, mit seinem glamourösen Intellekt und seinen spöttischen Invektiven gegen die Kaviar-Linke - hat er nicht Recht, wenn er die Bistros vermisst, die den Brasserien gewichen sind? Stanko ohne Vater, ohne Selbstachtung und ohne Chance - versteht man nicht seinen Groll? Leroy treibt das Spiel nicht zu weit, er lässt solche Momente nur aufblitzen, dann zieht er wieder die Grenze. Der eine hat zuviel Céline und Brasillach gelesen, der andere zuviel Ressentiments aufgestaut. Der eine prügelt sich gern, weil er es kann, der andere, weil er nichts anderes kann. Leroy erzählt die Geschichte der extremen Rechte auch als eine Geschichte der Kontinuität, vor allem aber als eine Geschichte der Gewalt, der körperlichen und der intellektuellen.

Jérôme Leroy: Der Block. Roman. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2017, 317 Seiten, 19,90 Euro (Bestellen).