9punkt - Die Debattenrundschau

Und dann sagen alle: Neid!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2019. Die taz blickt auf das Mittelmeer, die Wiege der europäischen Zivilisation - und schämt sich. Die Welt nimmt Italien vor deutschen Museumsdirektoren in Schutz. Im Intelligencer erkennt Andrew Sullivan den Unterschied zwischen einem Konservativen und einem Reaktionär. Und im Perlentaucher rät Richard Herzinger dem amerikanischen Botschafter, Lenin zu lesen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2019 finden Sie hier

Europa

In einem elegischen Essay trauert Doris Akrap in der taz um das Mittelmeer, das schon lange nicht mehr die europäischen Zivilisation verkörpere. Humanität, Weltfrieden und Schönheit? Von wegen! "Ende August ist die Saison am Mittelmeer vorbei. Nur die paar Anwohner, die ganzjährig an seiner Küste leben, bleiben. Alle anderen verabschieden sich und drehen dem Mittelmeer den Rücken zu. Bis zum nächsten Sommer. Aber das Mittelmeer stellt nicht die Plastikstühle rein und lässt die Rollläden runter. Es hat immer Saison. Wenn die meisten Europäer weg sind, geht das wilde Zubetonieren in Strandnähe weiter, lassen Fabriken, Gemeinden und Private ihre giftigen Abfälle ins Meer, schlittern die Öltanker knapp an den Küsten entlang, sterben Menschen auf der Flucht nach Europa. Und Europa scheint diese Region immer weniger für Europa zu halten. Es guckt auf das Mittelmeer nicht mehr als Zentrum seiner Identität, seiner Geschichte - seinen Zivilisationsgrund. Es guckt auf diese Gegend nur noch als Grenzregion. Es ist, als würde Europa sich dafür schämen und deshalb wegschauen. Niemand kommt mehr vom Mittelmeer zurück und erzählt, wie schön es war und dann sagen alle: 'Neid!'"

In der NZZ nennt der Politikwissenschafler Georg Kohler das Mittelmeer nur noch Europas Burggraben. Aber wenn die Kraftmeier auf dem Kontinent nicht die Oberhand gewinnen sollen, meint Kohler, muss Europa in der Flüchtlingspolitik einen Weg finden, um Humanität und Staatsräson zu verbinden: "Sie wissen, dass ihre Rhetorik die der Feindschaft ist; gnadenlos und selbstzerstörerisch zugleich. Je mehr sie verkünden, das eigene Land zu schützen, desto mehr spalten sie es. Die Widersprüche vertiefen sich, aber Wahlen werden nicht verloren. Das sogenannte 'Flüchtlingsproblem', das Europa seit etwa vier Jahren verstört, ist ein ideologischer Knoten, der sich mehr und mehr verhärtet, wenn man ihn nicht auflöst."
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Politik

Im Intelligencer beschreibt Andrew Sullivan am Beispiel des Trump-Mitarbeiters Michael Anton sehr anschaulich den Unterschied zwischen einem Reaktionär und einem Konservativen: "Das erscheint mit als die entscheidende Bruchlinie innerhalb der Rechten: Es gibt diejenigen, die glauben, alle gesellschaftlichen, kulturellen und demografischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte müssten bekämpft und rückgängig gemacht werden, und diejenigen, die ihre Exzesse reformieren, ihre unbeabsichtigten Konsequenzen korrigieren wollen und ansonsten mit ihnen leben können. Anton ist ein Reaktionär, ich bin ein Konservativer. Ich bin älter als Anton, aber offensichtlich fühle ich mich viel wohler als er in einer multikulturellen Welt und halte viele Veränderungen für überfällig und wünschenswert: den Aufstieg von Frauen in Bildung und Beruf; die Integration von Schwulen und Lesben; das Aufkommen einer schwarzen Mittelklasse; das Nachlassen sexueller Repression; die wachsende Interdependenz westlicher Demokratien; der Widerstand gegen sexuelle Belästigung und Missbrauch durch Männer."

Die Drohung, amerikanische Truppen aus Deutschland abzuziehen, beweist die ganze Irrationalität der Regierung Donald Trumps und seines Botschafters Richard Grenell, meint Richard Herzinger im Perlentaucher: "Sie erweckt den Eindruck, 35.000 US-Soldaten seien primär deshalb in Deutschland stationiert, um den Deutschen einen Gefallen zu tun und ihnen die Kosten für ihre Verteidigung abzunehmen. Der wirkliche Grund dafür ist jedoch, dass Deutschland das politisch, wirtschaftlich und geostrategisch wichtigste Land in Europa ist. Schon Lenin soll gesagt haben: 'Wer Deutschland hat, hat Europa'. Würden sich die USA daher nun freiwillig aus Deutschland zurückziehen, schadeten sie vor allem ihren eigenen geostrategischen Interessen."

Von einer Wende in Russland möchte SZ-Autorin Silke Bigalke angesichts von sechzigtausend Demonstranten in Moskau nicht sprechen, wohin sollte sich das Land auch wenden? Aber ganz unbedeutend sind die Proteste nicht, denn sie verändern den Blick der Menschen, meint Bigalke: "Wenn die Menschen entscheiden sollen, ob sie mit Putin einverstanden sind, sagen etwa zwei Drittel der Befragten Ja. Das klingt nach viel, ist aber deutlich weniger als noch vor zwei Jahren. Stellt man die Frage danach, welchem Politiker die Leute vertrauen, nennen nur noch 40 Prozent den Präsidenten. Doch fällt ihnen auch kein anderer ein, dem sie ihr Vertrauen schenken. Diese Zahlen sind wichtig, weil das Regime den Anschein erwecken möchte, demokratisch legitimiert zu sein. Die Proteste in Moskau lassen vermuten, dass das schwieriger werden wird."
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Kulturpolitik

Dass gerade so viele internationale Museumsdirektoren Italien verlassen, liegt vielleicht nicht nur am wachsenden Nationalismus, meint Dirk Schümer in der Welt. Entsprechende Mutmaßungen (mehr hier oder hier), findet er sogar etwas ungehörig: "Wenn Kulturminister Alberto Bonisoli von der Fünf-Sterne-Bewegung sagt, dass er in Zukunft lieber gut qualifizierte Italiener auf solchen Posten sehen möchte, könnte das demnach weniger mit Faschismus, sondern eher damit zu tun haben, dass manche Ausländer die prominenten Jobs in Italien für einen schnellen Sprung auf der Karriereleiter nutzen - wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, wenn sie wie Schmidt oder Aufreiter nobel dankend weiterziehen und nicht wie Assmann das Gastland als üblen Brutkasten des Faschismus denunzieren. In der linken Repubblica jedenfalls wurden die wegziehenden Museumsleute bereits mit Fußballtrainern verglichen, die eilig dem jeweils besten Angebot ins Ausland folgen."
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Gesellschaft

Der Dirigent Brandon Keith Brown beklagt im Tagesspiegel einen allgegenwärtigen Rassismus in Berlin und sieht ausgerechnet Multikulti als den Kern des Problems an: "Weiße Menschen wissen eben nicht, was alltäglicher Rassismus ist. Nach meiner Erfahrung schweigen sie bei rassistischen Übergriffen. Multikulti macht Weiß-Sein zur Norm und markiert das Fremde. In diesem Land mit seiner fatalen Einwanderungspolitik scheinen Nicht-Weiße für immer Fremde zu sein. Personen mit Migrationshintergrund, auch solche, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, bleiben in der Regel 'Ausländer' in der deutschen Statistik und im öffentlichen Diskurs."

In Berlin hat das Verwaltungsgericht die Klage eines Mädchens auf Zulassung zum Staats- und Domchor (mehr hier) abgewiesen, meldet die FAZ. Gegen das Urteil kann allerdings Berufung eingelegt werden. In der Welt hatte Manuel Brug neulich behauptet, reine Knabenchöre seien wegen ihrer besonderen Stimmen "schützenswertes Kulturerbe" (unser Resümee). Im Tagesspiegel bestreitet das Paul Gäbler: "Auch wenn sich bis heute die Behauptung, Knabenchöre hätten einen ganz besonderen Klang, hartnäckig bei Klassik-Begeisterten hält, so gibt es dafür keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg. Vielmehr scheint es, als würde sich die unterschiedliche Klangfarbe vorwiegend auf die Intensität der Ausbildung zurückführen lassen. Diese beginnt bei Jungs meist früher als bei Mädchen - schon weil sich mit der Pubertät der Stimmbruch einstellt und die Sänger ihre himmlische Höhe verlieren. Vergleicht man also Mädchen- mit Knabenchören, so vergleicht man früh geförderte Profis mit sanft herangeführten Laien."
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Stichwörter: Rassismus, Knabenchöre

Medien

In der NZZ nimmt Rainer Stadler Greta Thunberg gegen die Beckmesser in den Redaktionen in Schutz, die hämisch, missgünstig oder besserwisserisch der Jugendlichen die Nachteile der Atlantikfahrt zur UN-Vollversammlung nach New York unter die Nase reiben. Aber klar, man hätte das Mädchen warnen müssen: "Das Leben im Scheinwerferlicht gleicht einem Stahlbad. Wer eintaucht, ist Sklave und Profiteur zugleich. Wer Action für die Kameras bietet, hat die Chance, seine Botschaften in alle Winkel der Welt zu schicken. Gleichzeitig unterwirft er sich den unerbittlichen Regeln der medialen Personalisierung. Das politische Thema versinkt jedoch zusehends im News-Sumpf. Am Klimatreffen in Lausanne wollte Thunberg nicht im Mittelpunkt stehen, doch Kameras und Mikrofone blieben auf sie gerichtet. Es gibt kein Entrinnen."

SZ-Kritikerin Carolin Werthmann sieht mit der Berliner Ausstellung "Zeichen der Zeit" die Frage aufgeworfen, ob Comic-Reportagen richtiger Journalismus sein können. Oder sind Zeichnungen aus Palästina, Nordkorea, vom Dschungel von Calais oder aus dem Gerichtssaal zu subjektiv, zu beliebig, zu Witzbildchenhaft? "Die Kritik, die sich an der Subjektivität von Comicreportagen entzündet, ist der Grund, warum sich das Format in Deutschland anders als in Frankreich, der Schweiz und den USA noch nicht so recht durchsetzen konnte. Die Verdichtung einer Situation, die Abstraktion von Personen, der individuelle Blick des Zeichners auf das Geschehen, die Interpretation, die in die Zeichnung einfließt - all das vernebelt die Objektivität, für die der Journalismus steht. Kuratorin Pithan findet das Argument gegen die Subjektivität aber zu simpel. 'Die meisten comicjournalistischen Projekte sind Reportagen. Gerade die Reportage ist es, die eine subjektive Perspektive des Autors zulässt.'"
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