Efeu - Die Kulturrundschau

Kein vorlautes Blech

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2019. Die von Valery Gergiev und den Wiener Philharmonikern aufgepeitschen Musikkritiker kommen "Pace! Pace!" summend aus Verdis tiefschwarzer Oper "Simon Boccanegra". Der taz wird leicht flau beim Gedanken an ein Staats-Musikfestival wie die vom Berliner Senat finanzierte Pop-Kultur. Die FR versinkt selig im 6848 Seiten starken Humboldt-Universum. Die FAZ dankt für die "Ermöglichungsform freien Denkens" in einer Frankfurter Museumsausstellung über das Museum.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2019 finden Sie hier

Bühne

Simon Boccanegra 2019: Marina Rebeka (Amelia Grimaldi), Charles Castronovo (Gabriele Adorno) © SF/Ruth Walz


Vom Bürgerkrieg zwischen Plebejern und Patriziern, vom Ringen um einen neuen Gesellschaftsvertrag für Genua (und von einer verlorenen Tochter und Liebe natürlich) handelt Giuseppe Verdis Oper "Simon Boccanegra". Eine heitere Oper ist es nicht, im Gegenteil: "Deprimierend schwarz ist die tinta musicale des 'Simon Boccanegra', ungleich dunkler als die Musikfarbe anderer, populärerer Opern Giuseppe Verdis", schreibt Eleonore Büning in der NZZ. "Sie wird verschattet von fast ausnahmslos tiefen Stimmen. Hier kämpfen Männer um die Macht, lauter Baritone, ein Bass. ... Herrlich wird die von Petrarca inspirierte Friedensansprache 'Plebe! Patrizi! Popolo' Boccanegras aufgenommen und brillant vollendet vom konzertierenden Chor, über den sich der Cantus firmus der Primadonna, der inzwischen glücklich wiedergefundenen Tochter des Boccanegra, Enkelin des Fiesco, wie ein Regenbogen wölbt: wie die Stimme eines Engels, von oben, mit 'Pace'-Rufen. Es ist dies eine der schockierend lichterfüllten Stellen in diesem genialen Werk, die sofort ins Sonnengeflecht greifen. Zugleich ist Amelias Friedensappell eine jener raren Verdischen Arioso-Melodien aus dem aktions- und deklamationsreichen 'Boccanegra', die sich dauerhaft einnisten in Ohr und Gemüt des Publikums, dergestalt, dass man noch sehr viel später, als die Oper schon lange aus ist, draußen auf der Hofstallgasse hie und da ein 'Pace! Pace!' summen hören kann."

Das war "menschlich stressfrei, warmherzig, fachlich hoch konzentriert" musiziert, lobt Helmut Mauró in der SZ, immer noch im Musikrausch, in den ihn Valery Gergiev und die Wiener Philharmoniker versetzt haben. "Keine Tonangeberei. Kein vorlautes Blech. Keine gewitternden Streicher. Stattdessen Klanghochkultur und Klangverständnis, Musikdrama und eine differenzierte Basis für den Gesang." Enttäuscht ist Mauro allerdings von der "gediegenen, ein bisschen sterilen" Inszenierung Andreas Kriegenburgs: "Was man in Mozarts 'Idomeneo' und auch in Händels 'Alcina' vermisste, das fehlte auch hier: der Mut und die Konsequenz, einen gesellschaftsrelevanten, hier sogar hochpolitischen Plot packend zu inszenieren." Weitere Kritiken im Tagesspiegel und im Standard.

Und hier singt Leontyne Price "Pace, pace":



Weiteres: In der Zeit sucht Christine Lemke-Matwey nach den Gründen für die Absage von Tatjana Gürbaca, die als erste Frau in Bayreuth Wagner inszenieren sollte. In der nmz berichtet Dieter David Scholz von drei Opernpremieren beim Rossini-Festival in Pesaro. In der Berliner Zeitung plädiert Michaela Schlagenwerth für die Gründung einer Berliner Landesbühne für Tanz.
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Design

Uta Eisenhardt berichtet in der taz von einem schönen Schatz (und der Bürde, die damit einher geht), den ihr ihre Schwieger-Oma vermacht hatte: Ganze Stockwerke voll mit Kleiderschränken mit Mode aus allen möglichen Jahrzehnten. Einst lebte die Frau in Breslau, dann musste sie in die Provinz: "Den Frust darüber muss Oma mit immer mehr Kleiderbestellungen kompensiert haben, denn damals ging die begüterte Dame nicht ins Luxus-Kaufhaus, sondern zum Schneider. Mit Stoffen und Schnitten aus dem Westen war sie auch zu DDR-Zeiten stets auf der Höhe der Zeit. Selbst die Plastik-Modesünden der Sechziger und Siebziger machte sie mit. Erst nach der Wende - da war ihr Mann gerade gestorben und Oma mittlerweile Mitte siebzig - kleidete sie sich eher pragmatisch in Hose, Bluse und Blazer, alles in gedeckten Farben, möglichst weit und bequem."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode

Film

"Captain America" hat die Highways endgültig verlassen: Peter Fonda ist in der Nacht gestorben, melden Hollywood Reporter und Variety.



Als neuer Siegfried-Kracauer-Stipendiat befasst sich Matthias Dell in seiner ersten Textlieferung für den Filmdienst mit dem filmhistorischen Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna, wo es neben Debatten über die bis zur nächsten letztgültigen Fassung vorerst letztgültige Fassung von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" auch um einen von Olaf Möller kuratierten Schwerpunkt zum deutschen Film zwischen 1945 und 1949 ging. Mit Herbert Fredersdorfs und Marek Goldsteins "Lang is der Veg" (1948) und Josef von Bákys maßgeblich auf Initiative des Schauspielers Fritz Kortner 1949 entstandenen "Der Ruf" gab es dort auch zwei außerordentlich frühe Filme über Nazi-Deutschland und dessen Folgen wiederzuentdecken: Insbesondere Bákys Film über einen Exil-Professor, der nach Deutschland zurückkehrt, "deutet eine Kontinuität an, die hinter der Idee einer 'Stunde Null' verschwand im Selbstbild der Bundesrepublik: Wenn eine Gruppe antisemitischer Studenten überlegt, wie sie Stimmung machen kann gegen den Heimkehrer und dabei den 'Propagandawert' seines Telefonanschlusses mit Verweis auf Goebbels diskutiert, dann erscheinen heutige Strategien rechter Diskursattacken unmittelbar anschlussfähig. ... Würde es eine Geschichte des Revisionismus im bundesdeutschen Kino geben, zu der 'Der Ruf' gehörte, wäre das mediale Erstaunen über scheinbar neue gesellschaftliche Phänomene wie den 'Rechtsruck' geringer im Wissen um die Kontinuität bestimmter Einstellungen und Politiken. Aber tradiert werden kann eben auch nur, was technisch verfügbar ist."

Weiteres: Olga Baruk (critic.de), Urs Bühler (NZZ) und Rüdiger Suchsland (Artechock) berichten weiter fleißig vom Filmfestival in Locarno. Für die SZ plaudert David Steinitz mit Hollywoodschauspielerin Diane Krüger. Und Thomas Groh präsentiert in seinem Blog ein tolles Fundstück: Fantastische Fotos von den Dreharbeiten zu Klaus Lemkes Klassiker "Rocker".

Besprochen werden Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (Zeit, Freitag) und die Netflix-Komödie "Einer von sechs" mit Marlon Wayans (FAZ).
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Archiv: Film

Kunst

Lil Liao, "A Singel Bed N. 1", 2011. © Li Liao


Die Themenausstellung "Museum" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst stellt sich der Frage, was man bewahren soll, warum und wie man dabei trotzdem als Museum aktuell bleibt. Für FR-Kritikerin Sandra Danicke ist das Konzept der Museumsdirektorin Susanne Pfeffer aufgegangen: Ganz erstaunlich, denkt sie, wie aktuell 20 Jahre alte Arbeiten zu Rassismus, Gender, den Blick auf den Anderen heute noch sind: "Aber was wissen wir schon vom Anderen? Von Menschen, die sich wünschen, ein Ding zu sein oder einfach nur ein anderes Geschlecht zu haben? Im Animationsfilm des Österreichers Oliver Laric verwandeln sich Menschen und Gegenstände mit Leichtigkeit. Fließend morphen Wesen und Pflanzen ineinander, wird ein Mann zum Auto oder ein Frosch zum Tisch. Ganz mühelos sieht das aus. Kurz fragt man sich, ob man solche Möglichkeiten für die Zukunft als wünschenswert erachtet. Einfach mal Tisch sein, danach vielleicht Vamp oder Löwe. Mal schwarz sein, mal weiß, Mann oder Frau. Ein durchaus reizvoller Gedanke. Aber auch ein beängstigender." Sehr angeregt fühlte sich auch Stefan Trinks, der in der FAZ für die "Ermöglichungsform freien Denkens" dankt.

Auf einer Doppelseite überlegen mehrere FAZ-Kritiker, welche ästhetischen Experimente und künstlerischen Avantgarden die DDR in Pop, Literatur, Mode, Architektur oder Kunst hervorgebracht hat.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Bauhaustapete - neu aufgerollt" im Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück (taz), die Ausstellung "B.A.R.O.C.K." in Schloss Caputh (taz), das Festival La Gacilly-Baden Photo im österreichischen Baden (FAZ) und die Schau der Nominierten für den diesjährigen Preis der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Zum Alexander-von-Humboldt-Jahr, das sich gerade seinem Höhepunkt nähert - am 14. September jährt sich der Geburtstag des Forschers zum 250. Mal -, gibt es überall viel Lametta. In der FR rät Arno Widmann demgegenüber dazu, sich aufs Wesentliche zu beschränken, nämlich auf die von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich betreute, zehnbändige "Berner Ausgabe" seiner "Sämtlichen Schriften", ein mit von Humboldts gesammelten wissenschaftlichen Artikeln reich bestücktes Füllhorn. Die ganze Welt von um 1800 ist hier auf tausenden Seiten zu entdecken: "Humboldt schreibt über Grubengase, Zitteraale, die Temperatur des Erdinnern, die Schwankungen der Goldproduktion mit Rücksicht auf staatswirtschaftliche Probleme, musikalische Felsen in Südamerika, Meereshöhen, die Emanzipation der Juden, Kometen" und noch vieles, vieles mehr. "Man sollte nicht erschrecken vor dem riesigen Angebot, sondern die Inhaltsverzeichnisse durchschlendern wie eine unbekannte Stadt. Was heißt hier Stadt!? Es ist eine Welt, ja das Universum. So wie er es kannte. Humboldt fuhr per Anhalter durch die Galaxis. Nur dass da draußen noch niemand war."

Weiteres: Eva-Christina Maier spricht für die taz mit der venezolanischen Journalistin und Exil-Schriftstellerin Karina Sainz Borgos über deren Roman "Nacht in Caracas", in dem sie die Zustände in ihrer Heimat anprangert (hier unser Resümee zweier weiterer Gespräche mit der Autorin). Mit einer netten Skurrilität wartet das taz-Interview auf, das Franziska Seyboldt mit Sabine Magnet geführt hat: Die Auftragsdichterin antwortet in Reimform. Im Literarischen Wochenendessay der FAZ zeichnet der Schriftsteller Michael Kleeberg Goethes Reisen zur Recherche für seinen West-Östlichen Divan nach. Außerdem bringt der Dlf Kultur eine Lange Nacht von Christian Blees über Robinson Crusoe.

Besprochen werden unter anderem Simone Lapperts "Der Sprung" (NZZ), Karen Köhlers "Miroloi" (taz), Elif Shafaks "Unerhörte Stimmen" (Zeit), Damir Karakašs "Erinnerung an den Wald" (taz), Jason Schwartz' "Johann der Posthume" (Tagesspiegel), Garry Dishers Krimi "Kaltes Licht" (online nachgereicht von der FAZ) und Pauline Delabroy-Allards "Es ist Sarah" (Literarische Welt).
Archiv: Literatur

Musik

Nach anfänglicher Kritik - warum sollte man ein Popfestival mit Staatsmitteln finanzieren? - haben sich längst so gut wie alle mit dem Berliner Festival Pop-Kultur arrangiert und es für sehr okay befunden. Nur Anselm Lenz ruft in der taz in Erinnerung, dass man dem ostentativen Gestus eines Staats-Festivals, das sich und seine Stadt mit den Errungenschaften von Diversität und Liberalität schmückt, auch zumindest sanft kritisch gegenüber stehen kann: Äußert sich hier gar ein neuer, gutgemeinter hegemonialer Anspruch? "Tatsächlich scheinen die Bundesrepublik und gerade ihre Hauptstadt mit ihren liberalen Errungenschaften gegenwärtig ein Sehnsuchtsort für Kulturschaffende zu sein, die ihre Arbeit mit einem Aufbruch aus alten Abhängigkeitsverhältnissen verbinden wollen. Dafür stehen beim Festival internationale, queere und experimentelle Acts wie alyona alyona, BNNT oder Repititor, die zudem eine Anbindung an Osteuropa andeuten sollen. Ob diese Gruppen in ihren Ländern den Hebel ansetzen können, um als Botschafter*innen westeuropäischer Liberalität zu dienen, steht auf einem anderen Blatt." Auch Mona Mur wird bei der Pop-Kultur auftreten: Mit der renitenten Musikerin, die seit den frühen 80ern im Geschäft ist, sich aber von keinem Trend und keiner historischen Vernischung vereinnahmen lässt, hat tazler Jens Uthoff ein großes Gespräch geführt

Weiteres: Zum Wochenende empfiehlt Nerdcore einen ganzen Blumenstrauß an handverlesenen, neuen Musikvideos, darunter ein schön hektisch-vertracktes Hallowach von den Oh Sees:



Besprochen werden Marika Hackmanns Album "Any Human Friend" (taz), der Auftakt des Frequency-Festivals in St. Pölten (Standard) und Oso Osos Album "Basking in the Glow" (Pitchfork).
Archiv: Musik