9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2018 - Geschichte

Der Historiker Reinhard Rürup, langjähriger Direktor der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors", ist gestorben. Götz Aly würdigt den Kollegen in der Berliner Zeitung: "Freundliche Distanz, kühles Urteil, westfälisches Understatement - das waren Tugenden, die der Historiker Reinhard Rürup vorlebte und die ihn von vielen seiner Kollegen so angenehm unterschieden. Eitelkeiten, branchenübliches Platzhirschgetue, Konferenzen-Jetset, die Begründung einer 'Rürup-Schule' - all das blieb ihm ziemlich fremd. In seinen Vorträgen verzichtete er auf jeden Effekt, auf jede kühne Behauptung, er fesselte allein durch Präzision, an guten Tagen mit einer leichten Prise Ironie verfeinert."

Außerdem: In der NZZ stellt Benedict Neff die Ausstellung "Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend" im Deutschen Historischen Museum in Berlin vor.
Stichwörter: Rürup, Reinhard, Aly, Götz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2018 - Geschichte

Die taz macht ein kleines Dossier zu 1968. Die Dramaturgin Brigitte Landes erzählt im Interview mit Jan Feddersen , dass sie den vielgefeierten "sexuellen Aufbruch" damals schon zwiespältig fand. "Die Pille war nützlich, aber in die Frankfurter Studentenkeller konnte man als Frau kaum einen Fuß setzen, ohne rüde angegraben zu werden. Die Männer wussten, dass es Verhütung für Frauen gibt, nicht nur das Kondom. Ich bin immer wieder ganz schnell rausgegangen. Ich wollte kein Freiwild sein. Die Universität war ein neues Terrain für mich. Ich kam von einem Mädchengymnasium und musste die erwachsene Übergriffigkeit von Männern erst mal parieren lernen."

In dem Dossier erinnert außerdem Wolf-Dieter Vogel an das Massaker an Studenten in Mexiko-Stadt. Und Gabriele Lesser schreibt über die von der KP betriebene Verjagung der Juden aus Polen im Jahr 68.

Das Gejammer der Alt-68'er kann Heribert Prantl in der SZ allerdings nicht mehr hören - so viel haben sie bewegt, meint er: "Jürgen Habermas wurde 1988 gefragt was von '68 geblieben sei. Er hat die bisher beste Antwort gegeben: 'Frau Süßmuth' hat er gesagt. Er meinte die Fundamentalliberalisierung der Republik. Frauenemanzipation, Ökologie- und Anti-Atombewegung, die Friedensbewegung, eine entspießerte Sexualmoral, die umfassende Demokratisierung der Gesellschaft - das alles ist Erbe von '68, auch der klare scharfe Blick auf den Nationalsozialismus. (...) Der kulturelle Umbruch von '68 war und ist der nachhaltigste Umbruch der Gesellschaft seit 1945. Die Kraft des Umbruchs zeigt sich darin, wie sich Rechtskonservative und AfDler daran abarbeiten."

Der ukrainische, an der Viadrina lehrende Historiker Andrii Portnov erzählt in der NZZ die überaus komplizierte Geschichte der ersten ukrainischen Unabhängigkeit vor hundert Jahren: "In den Revolutionsjahren 1917 bis 1921 wurden die ukrainischen Gebiete zum Schauplatz von politischen Projekten - von Konservativen und Monarchisten bis zu Sozialisten und Anarchisten. Die Ukrainische Volksrepublik in Kiew wurde von den Bolschewiki besiegt. Die Westukrainische Volksrepublik in Lwiw musste sich den polnischen Truppen unterwerfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2018 - Geschichte

Die Stadt Trier bereitet sich auf ein Jubiläum vor, das teilweise umstritten sei, berichtet Christoph Schmidt-Lunau in der taz, den 200. Geburtstag des Philosophen Karl Marx: "Zur Eröffnung der großen Landesausstellung am 5. Mai kommt ihr Schirmherr, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Ausstellung zeigt Marx' Werk in seiner Zeit. Die Lebenssituation der Menschen in der Industrialisierung des frühen 19. Jahrhunderts steht im Zentrum... Die Maschine zeichnet den Arbeitskreislauf der Industrie und die Akkumulation des Kapitals nach. Karl Marx' bekanntestes Werk, 'Das Kapital', wird so in Szene gesetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 - Geschichte

Die taz startet eine Serie zu 1968. Jan Feddersen versucht, das Phänomen in einem Eröffnungsessay zu fassen: "68 war, die in London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg hat dies in ihrem aktuellen Buch 'Das andere Achtundsechzig' akribisch aus den Quellen jener Jahre destilliert, in puncto Sozialismushoffnungen und Kommunismussehnsüchten nicht einmal gut gequirlter Unsinn. Was es war, sollte sich erst in den siebziger Jahren mit Macht zeigen - das war tatsächlich die Erosion, Konservative würden sagen: Zerstörung der Verhältnisse des Zusammenlebens. Frauen nahmen sich nicht mehr als Rippen ihrer Adame wahr, sondern als eigenständige, selbstbestimmte Personen."
Stichwörter: 68er, 1950er

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2018 - Geschichte

Willi Winkler hat für die SZ "Dokumente aus einem bisher unbekannten Gehlen-Nachlass" eingesehen, die belegen, dass der BND unter Reinhard Gehlen ehemalige Wehrmachtsoffiziere ins heutige Institut für Zeitgeschichte einschleuste. Dort sollte eigentlich der Nationalsozialismus aufgearbeitet werden: "Ohne Fachleute aus genau dieser Zeit ging es aber offenbar nicht, weshalb das Institut nicht ohne Grund als 'Institut zur Förderung des Nationalsozialismus' geschmäht wurde, wie ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz 1951 notierte. Zwischen ihm und der Organisation Gehlen herrschte in den ersten Jahren ein reger Personalaustausch, der hier zum ersten Mal dokumentiert werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2018 - Geschichte

Danijel Majic führt für die Jüdische Allgemeine ein Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit über zwei Themen, über die er partout nicht sprechen will, 1968 und mehr noch linken Antisemitismus: "Entschuldigen Sie, aber da kriegen Sie mich nicht hin, zu derart pauschalen Aussagen! Da können Sie reden, wie Sie wollen. Ja, es gab unerträgliche Positionen in der Linken, das habe ich immer gesagt. Und zum Teil hatten sie eine antisemitische Dimension. Das gab es. Aber eben genauso, wie es ganz schlimme Positionen gibt, die in den jüdischen Gemeinden vertreten werden oder in Israel. Beides ist wahr!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2018 - Geschichte

Anlässlich einer kleinen Ausstellung über die Klarsfelds in Paris erzählt Rudolf Walther in der taz nochmal in aller Ausführlichkeit die Geschichte der Ohrfeige, die Beate Klarsfeld dem damaligen Bundeskanzler Georg Kiesinger versetzte. Unter anderem berichtet er, dass Klarsfeld diese Ohrfeige zuvor in einer Podiumsdiskussion mit Günter Grass, Johannes Agnoli, Ekkehart Krippendorff und Jacob Taubes angekündigt hatte. Grass war dagegen: Aber "Beate Klarsfeld ließ von ihrem Vorhaben nicht ab und schritt am 7. November 1968, ihrem fünften Hochzeitstag, auf dem Berliner Parteitag der CDU zur Tat. In dem noch am gleichen Tag eingeleiteten Schnellverfahren wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ihr Verteidiger war Horst Mahler. Der SDS sprach von einem 'Terrorurteil sondergleichen'. Im Berufungsverfahren vom August 1969 wurde die drakonische Strafe auf vier Monate auf Bewährung herabgesetzt. Die handfeste Aktion wurde weltweit zum Skandal stilisiert."

Außerdem: Unter der reichlich plakativen Überschrift "Seit wann gehört der Islam zu uns? Seit dem Dritten Reich" geht Michael Wolffsohn in der Welt auf die Geschichte der erstaunlich freundlichen Beziehungen der Nazis zu muslimischen Funktionären in Nahost, im Balkan und im Kaukasus ein.  Auch nach dem Krieg habe deutsche Außenpolitik auf diese Beziehungen zurückgegriffen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2018 - Geschichte

Ralf Leonhard erinnert in der taz an den Einmarsch der Nazis in Österreich, der allenthalben von Jubel und hässlichen Szenen begleitet war: "Als Hitler am 15. März auf dem Heldenplatz seine berühmte Rede hielt, in der er den 'Anschluss meiner Heimat an das Deutsche Reich' verkündete, war der Rathausplatz bereits in Adolf-Hitler-Platz umgetauft. In den Straßen erschallten Sprechchöre mit 'Sieg Heil!', 'Schuschnigg an den Galgen!' und 'Juda verrecke!'. In den folgenden Tagen war der Mob vollends entfesselt: Hausmeister oder Nachbarn denunzierten Menschen, die jüdisch aussahen, die man dann zwang, die Parolen des Schuschnigg-Regimes und die Kruckenkreuze des Ständestaats wegzuwaschen. 'Reibpartien' nannte man das zynisch. Menschen begannen, ihre jüdischen Nachbarn aus der Wohnung zu werfen oder deren Wertgegenstände zu plündern."

In der Ausstellung "Sparen" im Deutschen Historischen Museum in Berlin lernt SZ-Autor Gustav Seibt viel über die Entstehung der deutschen Sparkassen, die vor zweihundert Jahren begannen, die winzigen Geldvorräte der Armen "mager, aber verlässlich zu verzinsen". Von der Völkerpsychologie der Ausstellung kann er dagegen nur warnen: "Denn die Deutschen haben zwar in den letzten zweihundert Jahren verlässlich und konstant gespart, aber im europäischen Vergleich keineswegs übertrieben viel. Es hätte sich gelohnt, diese trügerische Selbsteinschätzung zu hinterfragen, die auch eine Wirkung ideologischer, politisierter Sparerziehung ist. Viel höhere Sparquoten als die hier traditionell im Mittelfeld liegenden Deutschen haben nämlich seit jeher - Überraschung! - die Italiener."

Auch Arno Widmann wird nicht glücklich in dieser - von den Sparkassen gesponsorten - Ausstellung: "Nirgends auch nur der Hauch einer Balzacschen Freude an der Charakterologie der Sparertypen. So spielt der Geiz, ohne den doch sonst Sparen gar nicht gedacht werden könnte, hier gar keine Rolle. Das Sparen in der Literatur ist kein Thema. Das in der Kunst nur ganz am Rande. Das Sparen und die Psychoanalyse ist ebenfalls kein Thema für die Ausstellung. Dabei wäre es, angesichts der Begeisterung des Deutschen für Analschimpfwörter, für den, der über eine deutsche Tugend nachdenkt, doch das Nächstliegende."

Der Historiker Clemens Klünemann erkennt in der NZZ, dass sich Nationen mit den unrühmlichen Kapiteln ihrer Geschichte schwertun.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2018 - Geschichte

Italien gedenkt seiner Bleiernen Zeit und der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden, die auch der harten Haltung des Moro-Rivalen Giulio Andreotti geschuldet ist, schreibt Matthias Rüb in der FAZ: "Vierzig Jahre nach der Entführung Moros ist die Debatte über den Terror der Roten Brigaden noch lange nicht abgeschlossen. In den Buchhandlungen liegen stapelweise neue Bücher zur 'Affäre Moro', daneben die wiederaufgelegten Standardwerke zu dem Fall. Theaterstücke werden aufgeführt, Fernsehdokumentationen gezeigt, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen organisiert." Und warum bekommt man hier so wenig davon mit?

Besprochen werden zwei Ausstellungen zu Oberösterreichs Geschichte zwischen 1918 und 1938 im Schlossmuseum Linz und in der Linzer Landesgalerie (Presse) sowie eine Schau über Byzanz und den Westen auf der niederösterreichischen Schallaburg (Standard).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2018 - Geschichte

Der Historiker Martin Schulze Wessel erinnert auf der Seite "Ereignisse und Gestalten" in der FAZ an den Prager Fühling. Eines der größten Verdienste der damaligen Reformer sei es gewesen, den Antisemitismus der Slansky-Prozesse aufzuarbeiten und die Opfer des tschechisch-kommunistischen Antisemitismus zu rehabilitieren: "Das ist vor allem im internationalen Vergleich beachtlich: Zur selben Zeit trat in Polen der Chef der Vereinigten Arbeiterpartei Wladysław Gomułka zusammen mit Innenminister Mieczyslaw Moczar eine 'antizionistische' Kampagne los, in deren Folge Tausende Juden aus Polen emigrierten. Tschechoslowakische Reformkommunisten wie Josef Smrkovsky hingegen setzten sich in Massenversammlungen leidenschaftlich dafür ein, den Antisemitismus zu überwinden."