9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2018 - Geschichte

Wir erleben eine Krise der Erinnerungskultur, meint der Zeithistoriker Martin Sabrow im Tagesspiegel. Und mit der AfD habe das am wenigsten zu tun: "Die Würde des Erinnerungsbegriffs hat sich abgenutzt, die Kommerzialisierung und Banalisierung der Auseinandersetzung mit historischen Lasten zeigt sich allenthalben. KZ-Souvenirs und Auschwitz-Selfies sind bekannte Phänomene geworden. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist eine Touristenattraktion, die für Erschütterung und Entspannung gleichermaßen zur Verfügung steht. Die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch hat es zu einer Ästhetik des Grauens gebracht, die die Filmmusik von 'Schindlers Liste' bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zur Choreografie deutscher Eiskunstlauf-Olympioniken erklingen lässt. Der Schrecken ist vom Stigma zum Standortfaktor geworden."

Der Politologe Wolfgang Kraushaar liest für den Aufmacher des SZ-Feuilletons kritisch die Bücher zu 1968 von Heinz Bude, Gretchen Dutschke und Christina von Hodenberg, deren Hauptthesen er nicht teilt. Sein Resümee: "Selbst ein halbes Jahrhundert nach 1968 gibt es immer noch keine Möglichkeit, die damalige Rebellion auf einen Nenner zu bringen. Jeder Versuch, für sie eine monokausale Deutung oder gar Erklärung anzubieten, dürfte ihrer Vielschichtigkeit wegen zum Scheitern verurteilt sein. ... Diese Bewegung war aber in ihrem Kern auch etwas völlig Neuartiges. Ihre Akteure wollten ja nicht einfach wie noch die Arbeiter- oder Gewerkschafts-, die Friedens- oder Ostermarschbewegung durch ihren Protest Interessen verfolgen und bestimmte Ziele erreichen. Nein, sie wollten sich dabei auch selbst entwickeln, verändern, manche sogar 'befreien'. Es ging 1968 zugleich auch immer um die Bewegten selbst, um ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche, ihre Träume - in einem emphatischen Sinne um Subjektivität."

In der NZZ erzählt Wei Zhang, wie geschickt der Amateurhistoriker Fan Jianchuan mit seinem "Jianchuan-Museumscluster" im chinesischen Chengdu die offizielle Geschichtsschreibung korrigiert. So stelle er in einer Halle zur Vertreibung der japanischen Invasoren (1937-1945) nicht nur den Anteil der kommunistischen Soldaten aus, sondern auch den der nationalistischen Kuomintang-Armee: "Fan Jianchuans verdienstvoller Vorstoß in historische Tabuzonen befriedigt nicht zuletzt die Bedürfnisse des chinesischen Publikums nach dem Kitzel des tendenziell Verbotenen. Die klug ausbalancierte Aufmerksamkeit kompensiert zumindest ansatzweise klaffende Lücken in der verordneten historischen Erinnerung, vermeidet aber gleichzeitig die offene Konfrontation mit dem Wahrheitsmonopol der Partei. Der Erfolg von Fan Jianchuans Großmuseum scheint auch der Partei eingeleuchtet zu haben, er wurde bereits beauftragt, in Chongqing ein staatliches Museum aufzubauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2018 - Geschichte

Die NZZ hat die restlichen Artikel aus ihrem 68-Dossier vom Wochenende online gestellt. Eigentlich waren die vielbeschworenen Maitage von 1968 doch nicht viel mehr als "Kostüm-Furor" und rhetorische Allüren "verwöhnter Lausekinder", meint Pascal Bruckner. Er beschreibt die Revolution eher als Vereinnahmung und vielleicht noch Beschleunigung gesellschaftlicher Umschwünge, die sich gerade sowieso vollzogen. Neben narzisstischen Jugendlichen und viel zu laxem Schulunterricht verdanke die Gesellschaft den Babyboomern vor allem zwei enervierende politische Typen: "Einmal den Meckerfritzen zur Linken: Enttäuscht darüber, dass weder die Arbeiter noch die südlichen Länder etwas von seiner Revolution wissen wollen, verweigert er sich heute vielfach der Realität. Und dann die rechten Moralisten. Sie verdammen die Laxheit von 1968 - machen aber regen Gebrauch von den damals eingesetzten Freiheiten, lassen sich etwa mehrfach scheiden und wählen ihre sexuelle Orientierung nach Belieben. So spielt uns der Mai 68 zuletzt einen schönen Streich: Er hinterlässt uns etliche Erben wider Willen."

Skeptisch ist auch der amerikanische Historiker Andrew Preston, der über die Proteste gegen den Vietnamkrieg schreibt: Ihren größten Verdienst hatte die Bewegung, als sie die Napalmangriffe und die vorsätzliche Bombardierung vietnamesischer Städte öffentlich und den Krieg damit unmöglich machte. A la longue führte dies jedoch dazu, dass die Militärs Kriegsstrategien entwickelten - mit unbemannten Drohnen, präzisionsgesteuerten Raketen oder Tarnkappenbombern - die den Krieg fast unsichtbar machen: "Anstatt alle Kriege zu beenden, hat sie das Pentagon veranlasst, eine neue Art der Kriegsführung zu erfinden. Das Resultat davon ist unsere Ära des 'ewigen Krieges', geführt gegen Feinde, die dauernd wechseln und sich bewegen. Dieser 'Krieg gegen den Terror' ist genauso fruchtlos wie der Krieg in Vietnam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2018 - Geschichte

Die NZZ widmet ihr Literatur- und Kunst-Dossier heute den 68ern. Nicht alle Artikel sind online. Lesen kann man Thomas Ribis Artikel, der kaum ein gutes Haar an den Revolutionären lässt: Statt die Chance zu nutzen, sich zu reformieren, sei die Linke von Beginn der Proteste an in "fundamentalistischem, reaktionären Marxismus" erstarrt und habe außer ein bisschen Selbstbefreiung und freie Liebe nichts hinterlassen, meint er, während er die Ereignisse nach dem Tod von Benno Ohnsorg nachzeichnet: "Der Großteil der Bürokraten, gab Rabehl zu Protokoll, werde nach Westdeutschland emigrieren müssen. Verwendung besteht für sie keine mehr, denn Polizei und Justizwesen werden abgeschafft. Damit sind allerdings bei weitem noch nicht alle Probleme gelöst. Denn leider seien nicht alle Menschen geeignet für die geplante 'antiautoritäre Umerziehung' in einer 'unabhängigen Assoziation freier Individuen'. Und wer ungeeignet ist, dem müsse halt die Möglichkeit gegeben werden, auszuwandern. Rabehl dachte neben den 'funktionslosen Politikern und Bürokraten' vor allem an ältere Leute und an die 'frustrierten Frauen der städtischen Bürokratie'. So geht das. Was stört, muss weg."

Der einzige Erfolg der 68er war die Frauenbewegung, schreibt indes Hannelore Schlaffer, ohne sich besonders gern zu erinnern: "Frauen durften nicht prüde sein; jedes Nein stand unter dem Verdacht einer nicht bezwungenen Verklemmtheit. Wie alles an der Emanzipation der Frauen, so war auch die zur freien Liebe nichts weniger als Vergnügen, sie war ein verquältes Experiment. Was brave Bürger, die gebannt das Treiben der Studenten verfolgten, als Orgie perhorreszierten, war oft nichts anderes als die mit schwerem Herzen vollzogene Bestätigung eines neuen Sittenkodexes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2018 - Geschichte

Die Autorin Ruta Vanagaite erzählt in ihrem Buch "Musiskiai" (Die Unsrigen) von der massiven Beteiligung der litauischen Zivilbevölkerung an der Ermordung der Juden des Landes. 200.000 Juden wurden zumeist erschossen. Litauer beteiligten sich auch am Holocaust in Weißrussland. Die Bücher der Autorin, die nur auf Litauisch erschienen sind, wurden jetzt sämtlich von ihrem Verlag zurückgezogen - nur weil sie unter anderem nachweist, dass der litauische Nationalheld Adolfas Ramanauskas KGB-Agent war. Ralf Leonhard führt mit der Autorin ein faszinierendes Interview für die taz, in dem sie darlegt, wie der Holocaust in Litauen organisiert wurde: "Die Litauer waren in erster Linie Bauern, während die städtische Bevölkerung bis zu 90 Prozent jüdisch war. Die Zivilregierung schuf dann Gettos und siedelte die Juden dorthin um. Die Initiative dafür kam natürlich von den Deutschen, aber die Ausführenden waren Litauer. Als die Deutschen kamen, planten sie den Blitzkrieg gegen Russland. Die Rote Armee zog sich aber gleich Richtung Osten aus Litauen zurück und die Wehrmacht folgte ihr. Es verblieben also nur zwischen 600 und 900 Deutsche im Land. Ganz wenige von ihnen beteiligten sich am litauischen Holocaust. In der Zivilregierung arbeiteten um die 30.000 Litauer und weitere 25.000 waren in Freiwilligenbataillonen organisiert." Der litauische Antisemitismus, so Vanagaite, war traditionell katholisch geprägt.

Der Aufstand im Warschauer Ghetto jährt sich zum 75. Mal. Ulrich Krökel beleuchtet das Ereignis in der FR vor dem Hintergrund der jüngsten nationalkatholischen Wende in Polen: "Waren die Juden im Warschauer Getto, die 1943 um ihrer Würde willen einen scheinbar sinnlosen, weil aussichtslosen Aufstand gegen die Nazis entfesselten, etwa keine Helden der polnischen Nation? Über den Versuchen, solche Fragen zu beantworten, liegt in Polen, dem Land der doppelten Opfer, oft ein abgründiges Unbehagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2018 - Geschichte

Tobias Blanken weist in einem geduldigen Artikel auf medium.com nach, wie problematisch die Aussage ist, es gebe heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels - mit dieser Aussage betreibt die Dokumentarfilmerin Kathrin Hartmann Reklame für ihren Film "Die grüne Lüge". Der von NGOs benutzte Begriff der "Modern Slavery" sei schließlich (übrigens mit guten Gründen) "deutlich breiter definiert als der klassische Begriff der Sklaverei. Um es konkret zu verdeutlichen: Leibeigenschaft  -  die damals weit verbreitet war  -  wurde zur Zeit des Sklavenhandels nicht unter dem Begriff der Sklaverei subsumiert, würde man jedoch die Definition von modern slavery heranziehen, fiele Leibeigenschaft jedoch darunter. Gleiches gilt natürlich auch für Kinderarbeit und Zwangsehen, zwei Phänomene, die zur Zeit des Sklavenhandels auch weit verbreitet waren, aber ausschließlich bei der heutigen modern slavery berücksichtigt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2018 - Geschichte

Shimon Stein, ehemals israelischer Botschafter, und der Historiker Moshe Zimmermann fürchten in der FAZ, dass allein die Präsenz der AfD im Deutschen Bundestag schon dazu führen könnte, die deutsche Erinnerungskultur in Frage zu stellen - über die AfD hinaus: "Es geht um mehr als 'Klartext' auf dem rechtspopulistischen Flügel. Es ist ersichtlich, dass Anregungen aus dieser Ecke nicht automatisch auf Widerstand der Parteien des Establishments und ihrer Wähler stoßen, sondern auch auf zaghafte Zustimmung oder auf den Wunsch, beim Thema Erinnerungskultur der Konfrontation auszuweichen, um Wählerstimmen zurückzugewinnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2018 - Geschichte

In der taz erinnert sich der französische Freund und Weggenosse Jean-Marcel Bouguereau an Rudi Dutschke: "In einem Interview mit dem französischen Historiker und Osteuropa-Experten Jacques Rupnik im Jahre 1978 erklärte er, dass das entscheidende Ereignis des Jahres 1968 nicht die Proteste in Paris gewesen seien - von denen er erst auf seinem Krankenhausbett erfuhr - sondern Prag, wo der Versuch, den Sozialismus menschlicher zu machen, das absolute Gegenteil der von der französischen Linken verteidigten stalinistischen Linie dargestellt habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2018 - Geschichte

Für die FR hat sich der Historiker Wolfgang Kraushaar die Umstände um das Attentat auf Rudi Dutschke noch einmal genauer angeschaut. Die Annahme, dass die Berichterstattung der Bild zum Mord beigetragen habe, entkräftet er: Der 24jährige Neonazi Josef Bachmann habe ein Exemplar der "Deutschen Nationalzeitung und Soldatenzeitung" dabei gehabt. Die Brandstiftung im Rahmen der Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag sei hingegen von einem V-Mann des Verfassungsschutzes vorangetrieben worden, so Kraushaar: "In seinen Armen trug er ein Körbchen mit sich, in dem sich Brandflaschen - sogenannte Molotow-Cocktails - befanden, die er freigiebig unter den Demonstranten verteilte. Da die Aktivisten anfangs Probleme hatten, die Fahrzeuge überhaupt anzuzünden, zeigte er ihnen, wie man das am besten macht. Sie sollten erst einmal umgestürzt werden, empfahl er ihnen, damit die unten liegenden Tanks besser zu erreichen seien und von dort am besten angezündet werden könnten. Der Fahrzeugpark verwandelte sich nun in ein regelrechtes Flammenmeer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2018 - Geschichte

Fünfzig Jahre nach den Schüssen auf Rudi Dutschke erinnert sich Ilja Richter in der taz an den berühmten 68er, der zufällig im gleichen Haus wohnte wie seine Familie: "Dieser Dutschke war meinem Vater gewiss verhasst - als Utopist. Denn die hätten ja schon als Partisanen im Spanienkrieg 1936 gegen Franco versagt, sagte Papa immer. Und überhaupt: Jetzt sei Friede! Die Arbeiter seien heutzutage satt und hätten ihr gutes Auskommen. 'Was wollen die also? Diese Dutschkes?!' Als marxistisch geschulter Proletarier und Untergrundkämpfer, der fast zehn Jahre im Zuchthaus und KZ gesessen hatte, waren ihm diese akademisch geprägten Reden Dutschkes ein Gräuel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2018 - Geschichte

In der FAZ schreibt Stefanie Schüler-Springorum zum Tod des Historikers Reinhard Rürup. Ebendort antwortet der Historiker Ulrich Keller, der über die erste Phase des Ersten Weltkriegs geschrieben hat (es geht um die Frage, ob sich belgische Freischärler gegen den Einmarsch deutscher Truppen gewehrt hatten, was er bejaht) auf einen Artikel seiner Konkurrenten John Horne und Alan Kramer.