9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2018 - Geschichte

Auf Grundlage des in Taipeh verabschiedeten "Gesetzes zur Förderung des Übergangs zur Gerechtigkeit", welches zum Ziel hat, die Geschichte einer dunklen Epoche aufzuarbeiten, die Identität von ungerechtfertigt inhaftierten oder hingerichteten Opfern zu klären, ehemalige Täter zu benennen und die Symbole aus der Zeit der autoritären Herrschaft der KMT zu entfernen, werden in Taiwan derzeit sämtliche Erinnerungen an Tschiang Kai-schek getilgt, berichtet Matthias Messmer in der NZZ - und warnt vor dem Verdrängen von Geschichte: "Gerechtigkeit kann es in der Geschichte im Nachhinein ohnehin nur begrenzt geben, eine Heilung der Wunden bleibt - leider - immer eine ganz persönliche Angelegenheit der Opfer. Mit Tschiangs erzwungenem Rückzug vom Festland vor fast sieben Jahrzehnten entwickelte sich paradoxerweise erst eine eigenständige Identität auf der Insel, geprägt von Meinungsvielfalt, Offenheit und Toleranz. Taiwan entwickelte sich auf dem Weg von einer rechten Diktatur kontinuierlich hin zu einer prosperierenden Demokratie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2018 - Geschichte

Wäre Deutschland ohne 1968 heute ein anderes Land? Nein, meint Heinz Bude im Interview mit dem Tagesspiegel: "Die evolutive Bedeutung von 1968 wird überschätzt. Ich glaube nicht, dass wir ohne Dutschke weniger freie Sitten hätten. Die Sex-Frage war schon vor 1968 gestellt worden, denken Sie an Oswalt Kolle, an Hildegard Knef, den ganzen lakonischen Sex der Flakhelfergeneration. 1968 war auch nicht das Jahr, das die Demokratie befestigt hat. Die Demokratie als Verfahrensdemokratie nach westlich-angelsächsischem Vorbild ist nicht das Werk dieser Generation, da ist Horst Ehmke wichtiger als Rudi Dutschke. Und über 'Unser Auschwitz' hat Martin Walser 1965 im Kursbuch geschrieben. Die Republik würde heute nicht anders aussehen".

Der polnische Antisemitismus ist nicht eine Erfindung böser Kommunisten, erinnert der Historiker Götz Aly die polnischen Politiker, die das neue Geschichtsgesetz (mehr hier) erlassen haben: "Der Gründungsvater der Nationaldemokratischen Partei, der höchst aktive Antisemit Roman Dmowski, auf den sich die heutige Regierung Polens beruft, zollte 1934 Hitlers Politik 'zur Ausmerzung des jüdischen Einflusses' Respekt. Die Zeitung des Bistums Kielce (Gazeta Tygodniowa) hatte 1933 einen ähnlichen Ton angeschlagen: 'Hitler ist der Feind Polens, aber im Kampf gegen die moralische Zersetzung durch die Juden müssen wir ihm recht geben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2018 - Geschichte

Shashi Tharoor, Autor des Buchs "Inglorious Empire - What the British Did to India", sieht das mit der historischen Größe Winston Churchills offenbar etwas anders als die Briten aus ihrem Downton Abbey heraus. Der Oscar der letzten Woche für Gary Oldman, so schreibt Tharoor in der Washington Post, "ehrt nur eine weitere Hagiografie dieses üblen Manns. Irakern, die Churchill vergasen wollte, griechischen Demonstranten in den Straßen Athens, die auf Churchills Befehl im Jahr 1944 niedergemäht wurden, all den Paschtunen und Iren und auch Indern wie mir selbst wird es immer ein Geheimnis bleiben, wie einige bombastische Reden ausreichen konnten, das Blut von Churchills rassistischen Händen zu waschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2018 - Geschichte

Im Interview mit der Welt erklärt der Historiker Gerd Krumeich seine These zum Ersten Weltkrieg, die Dolchstoßlegende habe eben doch einen "wahren Kern": "Jeder wusste damals, dass die Deutschen nicht mehr lange durchhalten konnten, auch die Oberste Heeresleitung. Aber niemand kann sagen, dass sie nicht noch ein bis drei Monate hätten 'im Feindesland' stehen bleiben können, um so bessere Friedensbedingungen für Deutschland durchzusetzen. Da liegt das historische Problem, nicht in der Nazi-Behauptung, ein 'Siegfrieden' sei damals noch möglich gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2018 - Geschichte

Noch vor dem "Madagaskar-Plan" der Nazis, hatte die polnische Regierung 1937 die Idee, Hunderttausende polnische Juden auf die Insel auszusiedeln, schreibt der US-Historiker Peter Hayes in seinem Buch "Warum? Eine Geschichte des Holocaust". Ist es nach dem neuen polnischen Holocaust-Gesetz nun strafbar, darüber zu schreiben, fragt Sven Felix Kellerhoff in der Welt und nennt weitere von Hayes auf Grundlage verschiedener Quellen zusammengetragene Beispiele für polnischen Antisemitismus: "Aufgrund judenfeindlicher Übergriffe an Polens Universitäten ging die Zahl jüdischer Studenten von 1928 bis 1938 um fast zwei Drittel zurück, von 20,4 auf 7,5 Prozent. Ab 1937 gab es für Juden unter den Studenten speziell gekennzeichnete Sitzbänke in den Hörsälen. Juden verloren alle Funktionen in Geschäften der staatlichen Monopolverwaltung wie dem Tabak-, Alkohol- und Bauholzhandel. Fast alle jüdischen Mitarbeiter der nationalen und kommunalen Verwaltung wurden entlassen oder zum 'freiwilligen' Ausscheiden gedrängt, ebenso bei Eisenbahn und Post."
 
Polen gedenkt derweil der antisemitischen Kampagne, die 1968 Tausende Juden in die Emigration trieb, schreibt Florian Hassel in der SZ: "Der Kattowitzer Parteichef Edward Gierek hetzte am 14. März 1968 vor 100.000 Menschen gegen 'Revisionisten und Zionisten, die dem Imperialismus dienen'; KP-Chef Gomułka sagte in einer vom Fernsehen übertragenen Rede am 19. März, dass solche, deren Loyalität Israel gelte, in Polen nichts verloren hätten - der geifernde Saal schrie: 'Gleich!' und 'Noch heute!' Tausende polnische Juden verloren ihre Arbeit. 'Ende mit dem Judentum! (…) Wer Jude ist, hat heute nichts in Polen verloren!', erklärte ein Beamter des Kulturministeriums, nachdem dessen jüdischer Generaldirektor Stanisław Neumark aus der Partei ausgeschlossen worden war. Viele polnische Juden, vor allem ältere, fürchteten wieder um ihr Leben." Hassel weiter: "Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki bekräftigte indes, er wisse nicht, warum Polen sich entschuldigen solle, (…) Polens Juden seien keine Fremden gewesen, alle antisemitischen Kundgebungen seien 'von der kommunistischen Macht vorbereitet' worden."

Ergänzt: Etwas umständlich bat der polnische Präsident Andrzej Duda am Donnerstag die Opfer um Verzeihung, meldet die FAZ: "Duda sagte zunächst, das 'heutige freie, unabhängige Polen, meine Generation, trägt dafür keine Verantwortung und muss nicht um Vergebung bitten'. Er fügte jedoch hinzu: 'Denen, die starben, die vertrieben wurden, möchte ich sagen: Bitte vergeben Sie der Republik, vergeben Sie den Polen, vergeben Sie dem damaligen Polen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2018 - Geschichte

Krzysztof Ruchniewicz vom Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau greift in die Debatte um einen Berliner Gedenkort für die von Nazis ermordeten nicht-jüdischen Polen ein und schlägt vor, mit Plaketten und ähnlichen Mitteln an Menschen zu erinnern, die sich nach dem Krieg für die Versöhnung zwischen den beiden Völkern einsetzten: "Es waren diese Menschen, die die Grundlagen für die gutnachbarlichen deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989 geschaffen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2018 - Geschichte

Nachzuhören und nachzulesen ist auf den Seiten von Deutschlandfunk Kultur die lange Nacht über den großen und so verehrungswürdigen Martin Luther King, der im April vor fünfzig Jahren ermordet wurde.

Im taz-Interview mit Sabine am Orde steht der britische Historiker Ian Kershaw nicht für Pessimismus zur Verfügung. Die gegenwärtige angespannte Weltlage sei mit Weimar oder der Wirtschaftskrise von 1929 überhaupt nicht vergleichbar: "Natürlich bleiben die langfristigen Probleme, wie die Folgen von Globalisierung und die Massenmigration. Und wir haben Probleme mit Populismus, wenn man nach Polen und Ungarn schaut oder gar in die Türkei oder nach Russland. Aber die demokratischen Kräfte in Europa sind stark, mit der Wirtschaft geht es bergauf. Das ist ganz anders als in den 1920er und 1930er Jahren. Vielleicht ist das Schlimmste schon vorbei. Sollte sich der französische Präsident Emmanuel Macron durchsetzen und Deutschland mitmachen, dann könnte es frischen Wind für die Europäische Union geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2018 - Geschichte

Der Filmemacher Michal Jaskulski spricht im Interview mit Paul Toetzke vom Freitag über seinen Film "Bogdans Reise", der ein Massaker von Polen an Juden mit siebzig Toten im Jahr 1946 thematisiert (in diesen Tagen ist er im Babylon Berlin zu sehen). Zu dem neuen polnischen Geschichtsgesetz, in dem Aussagen über den Holocaust reguliert werden sollen, sagt Jaskulski: "Ich befürchte, die aktuelle Situation versetzt uns 15 bis 20 Jahre zurück. Aber sie berührt natürlich auch die Debatte innerhalb Polens. So wie das Gesetz formuliert ist, entscheidet nun ein Richter, was wahr und was nicht wahr ist. Bisher haben das Wissenschaftler getan. Also, was ist jetzt die ultimative Wahrheit: Die Wahrheit, die die meisten Polen nicht kennen oder die Wahrheit, die von der Politik diktiert wird?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2018 - Geschichte

Nicht nur AfD-Politiker verharmlosen Naziverbrechen in aktuellen Kontexten, um sich als als Opfer oder moralische Autoritäten zu inszenieren, beobachtet Gideon Böss bei den Salonkolumnisten: "Mit einer irritierenden Unbekümmertheit findet etwa der SPD-Veteran Karl Lauterbach auf Twitter folgende Worte, um einen kritischen Artikel zur Flüchtlingspolitik zu kommentieren: 'Jeden Tag eine gute Portion Hass und Hetze gegen Flüchtlinge, es erinnert an Nazi Juden Propaganda', womit er die Nazi-Propaganda gegen Juden meinte. Im besagten Artikel wird über zwei syrische Familienväter berichtet, die jeweils mehrere Frauen haben und von Sozialhilfe leben. Dass Lauterbach sich durch diesen Text sogleich an die antisemitische Propaganda der Nazis erinnert fühlte, zeigt, dass längst nicht nur bei vielen Gegnern der Flüchtlingspolitik alle Maßstäbe verrutscht sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2018 - Geschichte

Was ist das Vermächtnis der Geschwister Scholl, die heute vor 75 Jahren ermordet wurden, fragt Heribert Prantl in der SZ. Vielleicht der "kleine Widerstand", von dem der 2001 verstorbene Münchner Rechtsphilosoph Arthur Kaufmann sprach, meint Prantl: "Der kleine Widerstand sei die bewegende Kraft, deren das Recht und der Rechtsstaat zu ihrer fortwährenden Erneuerung und damit zur Verhinderung ihrer Entartung bedürfen. Gemeint sind Widerspruch und Zivilcourage, gemeint ist Whistleblowerei, gemeint ist das, was oft als Gutmenschentum denunziert wird. Der kleine Widerstand hat die Namen all derer, die Missstände nennen und gegen Unrecht nicht nur im Eigeninteresse anrennen - sei es in Pflege- oder in Flüchtlingsheimen."