9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2258 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 226

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2026 - Ideen

In der FAZ schaut sich Thomas Thiel das Regierungsprogramm der AfD zur Wissenschaftspolitik an und staunt: Die Partei will zwar "die Wissenschaft von der Politik befreien, aber selbst darüber bestimmen, was Wissenschaft sein darf. Gender Studies und Postkolonialismus sind es für sie nicht. Sie gelten der Partei als Abrissunternehmen europäischer Kultur und Familienwerte. Davon unterscheidet das Regierungsprogramm seriöse wissenschaftliche Forschung zur Kolonialgeschichte und Geschlechterrollen, die nicht davon ausgehen, die gesamte europäische Kultur sei von einer kolonialen Logik durchtränkt, die sie im Keim diskreditiere, und Geschlechter seien beliebig transformierbare soziale Konstrukte. Aber was ist diese Unterscheidung wert, wenn die Partei den Unterschied in ihrer Landtagsanfrage nach postkolonialen Lehrstühlen und Seminaren an den Landesuniversitäten gleich wieder einkassiert? Und wie frei ist eine Wissenschaft, an die der AfD-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt die Erwartung stellt, sie dürfe tradierte Geschlechterrollen nicht infrage stellen?"

Mit dem 11. September ereignete sich ein Riss in der Zeit, der uns bereits hätte klarmachen müssen, dass ein streng wissenschaftliches Fortschrittsmodell im Sinne der Aufklärung nicht auf das politische oder soziale Leben übertragbar ist, schreibt in der FAS die Osteuropahistorikerin Marci Shore: "Francis Fukuyamas Ende der Geschichte war ein Märchen, die hegelianische Wahnvorstellung einer liberalen Teleologie, die durch 'Wandel durch Handel' begünstigt wurde. Die Illusion hielt sich, trotz der Brutalitäten im ehemaligen Ostblock, die durch die 1990er-Jahre hindurch bis ins 21. Jahrhundert andauerten: die grausamen ethnischen Säuberungskriege in Jugoslawien, der Raubtierkapitalismus und die entsetzliche Armut, die mit den wirtschaftlichen Umbrüchen einhergingen, sowie der von der Anthropologin Natalia Roudakova beschriebene Wertverlust der Wahrhaftigkeit im postsowjetischen Russland. Liberale würden sich von der Geschichte betrogen fühlen, aber die Geschichte sei mit niemandem verheiratet, so der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Das hätten wir spätestens am 11. September begreifen müssen."

Weitere Artikel: In der SZ versucht Jost Kaiser den Rechtspopulismus anhand von Freuds "Unbehagen in der Kultur" zu erklären.
Stichwörter: Shore, Marci

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2026 - Ideen

An Habermas' Sarg wird weiter fröhlich Porzellan zerdeppert (unsere Resümees). Recht spöttisch greift Dirk Braunstein (Frankfurter Institut für Sozialforschung) Stefan Müller-Doohms Behauptung auf, Habermas sei gar nicht "staatstragend" und er habe Adorno nur weitergedacht (andere meinen: zertrümmert). Um dann seinerseits recht fromm zu schließen: "Wo die Differenzen liegen und wo Gemeinsamkeiten, was als Kritische Theorie zu gelten hätte und was womöglich nicht, was diese Fragen selbst zur Aufklärung beitragen - und was sie gegebenenfalls verdecken, sofern es sich um Theoriespielereien oder gar Idiosynkrasien handelt -, wäre mit Mitteln zu analysieren, die selbst der Kritischen Theorie zugehören."

Außerdem: In der FR resümiert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr einige Diskussionsveranstaltungen zur Zukunft der liberalen Demokratie. Dabei hält sie fest, dass ein Bestehen auf zentralen Bürger- und Menschenrechten essenziell bleibe: "Aus diesem Grund lässt mich nicht nur die Barbarei des autoritären Postliberalismus erschauern, sondern auch der Gedanke an einen postliberalen Sozialismus. Bisher hat allen historischen Projekten einer politischen Erziehung von Menschen im Namen allgemeiner Menschenliebe die demütige Hochachtung vor der Würde eines jeden Menschen gefehlt. Früher oder später sind sie in Unterdrückung und Verfolgung gekippt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2026 - Ideen

Bewegen sich die USA unter Donald Trump Richtung Faschismus? Überflüssige Frage, findet Jan-Philipp Reemtsma in einem ganzseitigen Essay für die FAZ. Faschismus sei eine Vokabel, die unsere Gegenwart nicht erklären kann, sondern vor allem signalisieren soll, zu welcher Gruppe derjenige gehört, der sie benutzt: "Man sucht nach einer wechselseitigen Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit", was sehr viel bequemer sei, als das als Faschismus beschriebene Phänomen konkret zu untersuchen. "Kurz nach 1945 beobachtete George Orwell in England, wie sehr das Wort 'Faschist' in aller Munde war und alles und jeden bezeichnete, den man irgendwie nicht mochte. Orwell versuchte hinter dem Gerede etwas zu sehen, worauf es möglicherweise denen ankam, die alles Mögliche 'faschistisch' nannten, und kam zu der Antwort: Bullyness. Gewalttätigkeit, Willkür, von 'Disruptivität' würden wir heute sprechen. Diese Bullyness macht kognitive Probleme, weil sie emotional überfordert. Lion Feuchtwanger hat es in dem Roman 'Die Geschwister Oppermann' 1933 schon als einfache Einsicht ausgesprochen: 'Darum sind die (die Nazis) heute an der Macht. Sie haben Mittel angewandt von solcher Primitivität, dass die andern sie einfach nicht für möglich hielten.'" Erst wenn man die Sprachlosigkeit darüber, die sich letztlich hinter der Bezeichnung "Faschismus" verbirgt, durchbricht und analysiert, "welche Gefahren bestimmte Herrschaftstechniken implizieren", kommt man nach Reemtsma zu nützlichen Einsichten über unsere Gegenwart.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der Philosoph Thomas Grundmann hält "epistemischen Individualismus" für überbewertet - zumindest, was Fachfragen angeht, wie er im Zeit-Online-Interview mit seinem ehemaligen Studenten Lars Weisbrod erklärt. Das heißt, Laien sollten sich in speziellen Fragen mehr an Expertenmeinungen halten, denn "viele Theorien wirken für Laien verrückt, aber sind trotzdem wahr": "Nehmen Sie die Zwillingstürme des World Trade Centers am 11. September 2001. Die sind nach dem Einschlag der Flugzeuge irgendwann eingestürzt. Dieser Einsturz hat jeweils zwischen 14 und 16 Sekunden gedauert. Und dann haben Leute gesagt: 'Moment mal, ein Stein im freien Fall aus der Höhe des Daches hätte neun Sekunden bis zum Boden gebraucht. Diese Gebäude sind also fast so schnell kollabiert wie ein frei fallender Stein? Also das kann ja nun wirklich nicht stimmen! (...)' Und das wurde als Argument präsentiert dafür, dass es in Wirklichkeit eine kontrollierte Sprengung gewesen sein muss. Dabei haben Experten den Einsturz genau nachvollzogen und nachgerechnet, dass diese 14 bis 16 Sekunden ungefähr der erwartbaren Zeit entsprechen. Dass dieser geringe Wert auf Laien irgendwie absurd wirkt, das kann ja nicht gegen das Expertenurteil sprechen." 

In der NZZ denkt der Publizist Sigbert Gebert über die Phänomene Gewalt und Gegengewalt nach. Wann ist Gewalt legitim? Und wann führt sie in eine "Gewaltspirale", aus der es kaum ein Entrinnen gibt?: "International zwingt Gewalt die Mittel auf. Bei Konflikten wie dem Ukraine-Krieg kommt es zum Rüstungswettlauf und gerät man neben dem klassischen Krieg wieder ins Sicherheitsdilemma: Jede Seite sieht ihre Aufrüstung als abschreckende Verteidigung, der Gegner hingegen als Angriffsfähigkeit. Ohne gegenseitiges Vertrauen drohen dann Präventivschläge. Bei asymmetrischen Konflikten kann eine effektive Terror- oder Aufstandsbekämpfung nur begrenzt Rücksicht auf Zivilisten und die Menschenrechte nehmen - schon weil man oft nicht weiss, wer Terrorist und wer Zivilist ist. Bei wie vielen zivilen Opfern und bei welchen Methoden (Folter) wird man aber selbst zum Terroristen? Bei direkten Interventionen ist - falls man sich nicht schon bei den Stärkeverhältnissen verkalkuliert - weniger die Gewaltlösung problematisch als vielmehr die anarchische Situation nach einem Systemwechsel und die komplexe Friedenssicherung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2026 - Ideen

In der FAS blickt Martin Seng verstört auf KI-Bilder, mit denen linke Influencer für grüne Energie werben. Warum die Fascho-Ästhetik? "Saftig grüne Wälder, Blumen- und Getreidefelder, darin muskulöse Männer vor Fachwerkhäusern, begleitet von Frau und Kindern. Noch präsenter als die Männer in engen Oberteilen sind nur die Deutschlandflaggen und Maschinen zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Zwischen Windrädern, Solarpaneelen und Wärmepumpen flattert die schwarz-rot-goldene Trikolore, eingerahmt von Sprüchen wie 'Deutscher Strom aus deutscher Sonne', 'Sei kein Schuft, heiz mit Wärme aus deutscher Luft', 'Für meinen Sohn nur deutschen Strom' oder 'Nur echte Patrioten kaufen kein Öl bei Despoten'. ... Ob diese Memes nun ironisch oder mit vollem Ernst erstellt und geteilt werden, ist zweitrangig, denn bei ihnen siegt nicht die unverfängliche Energiebotschaft, sondern der faschistische Charakter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2026 - Ideen

Der designierte Mossad-Chef Roman Gofman beruft sich laut eigener Aussage auf die Schriften von Slavoj Žižek. Davon zeigt sich der dezidiert propalästinensische Žižek auf Zeit Online wenig angetan. "Gibt es an meiner Theorie irgendetwas, das sich zu einer Aneignung durch Gofman anbietet? Eindeutig nein: Was Gofman als meine Position darstellt, sind Ausschnitte meiner kritischen Beschreibung, wie die heutige, offen zynische Ideologie funktioniert, wie also die Staatsmacht ihre eigene Rechtsordnung zunehmend verletzt und illegale Gewalt mobilisiert, um sich selbst zu reproduzieren. Die außerordentliche Ironie der Situation ist kaum zu übersehen: Die Unterdrücker nutzen die kritische Theorie über sich selbst, um ihre kriminellen Aktivitäten zu perfektionieren."  

Der freie Autor und Publizist zu philosophischen Fragen Wolfram Eilenberger erklärte in der FR, warum er die aktuelle Philosophie durch ihre Professionalisierung für eine "Erziehung zur Mutlosigkeit" halte (unser Resümee). Der Philosoph Hans Rott, Professor in Regensburg, widerspricht ihm in der FR. "Für Eilenberger gehört es zum Niedergang der heutigen Philosophie, dass diese einen Prozess der fachlichen Spezialisierung durchlaufen hat. Bei der Reparatur seines Autos oder bei der Behandlung seiner Zähne ist man froh, wenn man erfahrene Leute hat, die viel über die je auftretenden Probleme wissen. In der Philosophie scheint Eilenberger dies jedoch gerade umgekehrt zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2026 - Ideen

Carl Schmitt genießt heute "ausgerechnet im Land des Feindes" bei Tech-Schwadroneuren à la Peter Thiel und Intellektuellen um Trump eine gewisse Popularität konstatiert Alexander Cammann in der Zeit. Besonders en vogue sei der von Schmitt gebrauchte Begriff des "Katechon", einer aus dem neuen Testament entlehnten Figur des "'Aufhalters', der uns vor dem Antichristen bewahren, mithin das Verhängnis der Moderne möglichst rückabwickeln soll". Die Tagebücher Schmitts aus den letzten Kriegsjahren zur Publikation werden vorbereitet. Da stellt sich heraus, dass einige ihn schon damals auf Distanz zu halten verstanden: "Schmitt ist in diesen Jahren Professor an der Berliner Universität, ein konformer Denker in Nazideutschland, wenngleich nicht mehr in der ersten Reihe wie nach 1933. Geradezu verrückt sind seine Parallelwelten, die im Tagebuch deutlich werden: Schmitt ist eng befreundet mit einigen Widerständlern des 20. Juli, weiß aber gar nichts von deren Plänen, sie lassen ihn komplett außen vor: 'Ich quatsche zuviel', zitiert er selbstkritisch seine Frau Duschka - das wissen die Verschwörer offensichtlich auch."

Konrad Muschick hat in Frankfurt einen Vortrag der Soziologin Eva Illouz zur Frage "Ist Schuld gut für Demokratien?" gehört, den er für die FAZ resümiert. Zumindest ist die Lösung des Begriffs der Schuld von persönlicher Verantwortung laut Illouz problematisch - und das schon seit längerem: "Brandt beispielsweise sei aktiv im Widerstand gegen die NS-Herrschaft gewesen, habe mit seinem Kniefall jedoch das Register einer Kollektivschuld angerufen. Die Ablösung der Schuld von konkreten Taten oder Intentionen sei heute in identitätspolitischen Diskursen um 'White Guilt' auf die Spitze getrieben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2026 - Ideen

Deutschland ist voller kleiner Habermase, die jetzt in sperriger Prosa über das Vermächtnis des großen Erblassers streiten. Nach Gerhard Schweppenhäuser (unser Resümee) hält es auch der Philosoph Christoph Türcke, so weit man ihn verstehen kann, für keine gute Idee, dass ausgerechnet das Frankfurter Institut für Sozialforschung das Habermas-Haus als Tagungsstätte leiten soll, wie Gerhard Matzig es in der SZ vorschlug (unser Resümee) und später Stephan Müller-Dohm unterstützte (unser Resümee). Sein Vorwurf an Habermas: er habe die Kritische Theorie "abgewickelt", was nicht ganz negativ gemeint ist: "Abwicklung ist allerdings ein mehrdeutiger Vorgang. Eine Firma abwickeln heißt sie auflösen, aber zugleich Erhaltenswertes aus ihrer Konkursmasse in andere Zusammenhänge überführen. So mit theoretischen Gebäuden umzugehen - darin hatte Habermas großes Geschick." Nur ist Türcke nicht zufrieden mit der Art und Weise der Abwicklung, Habermas habe es sich sozusagen immer schon auf dem "kulturellen Niveau wohltemperierten Ausgleichs von verbalisierten Geltungsansprüchen" bequem machen wollen und darum Horkheimer und Adorno mit ihrer Formel vom "Eingedenken der Natur im Subjekt" gründlich missverstanden, "als rede sie romantisch von einer ursprünglichen Friedenseinheit von Mensch und Natur. Sie thematisierte jedoch die Verwicklung in vorgefundene und gesellschaftlich verlängerte Naturgewalt, die auch den Lebewesen selbst, ihrem Drang nach ungegängelter Bewegung, Gewalt antut." Am Ende geht Türcke nicht noch mal auf die Frage ein, in wessen Weltgeist die Starnberger Villa nun verwaltet werden soll.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2026 - Ideen

Alan Posener hat für die Welt auf X das 22-Punkte-Manifest von Palantir-CEO Alexander Karp zur KI gelesen: "Die Frage ist nicht, ob KI-Waffen gebaut werden. Die Frage ist, wer sie bauen wird und zu welchem Zweck", weshalb man sich alle Debatten sparen könne und besser schnell baue, zitiert Posener und widerspricht: Denn was Palantir kann, kann bald jeder. "Es war relativ einfach, festzustellen, wer wo Atomwaffen entwickelt, und doch konnte deren Verbreitung nicht verhindert werden", meint Posener, weshalb es bei Atomwaffen irgendwann Verträge zur Kontrolle und schließlich sogar zum Abbau gab. "Solche Mechanismen fehlen bei KI-Waffen gänzlich. Wenn alle nach dem Palantir-Motto handeln, 'Hauptsache, wir entwickeln sie zuerst', wird es zu einem Wettrüsten kommen, bei dem der Sieger keine Kultur sein wird, egal wie angeblich überlegen sie ist, sondern die KI selbst, deren Ziele weder mit 'unseren' Idealen noch mit denen unserer Gegner übereinstimmen müssen. Es ist Zeit, über alle ideologischen und nationalen Grenzen hinweg sich zu überlegen, wie dieses Wettrüsten verhindert werden kann."

Hier das bei Twitter veröffentlichte Manifest:

Im Irankrieg kann man gerade sehen, wie die billigen Shahed-Drohnen der Iraner die Abwehr von Israelis und Amerikanern an ihre Grenzen bringen, meint Andrian Kreye in der SZ und warnt, dass Deutschland nicht bis 2039 Zeit hat, sich auf die neuen KI-gesteuerten Waffensysteme einzustellen, wie es Boris Pistorius' gerade vorgestellte neue Militärstrategie vorsieht: "Autonome Drohnenschwärme, die ohne unmittelbares menschliches Zutun Ziele suchen und Aufgaben verteilen, zeigen, wohin diese Entwicklung führt. In der Ukraine sind sie schon im Einsatz, in Industrieländern wie Deutschland, Schweden und den USA in der Entwicklung. Ein Netz aus KI-Modulen koordiniert dabei Hunderte kleiner Drohnen, die sich die Aufgaben teilen. Manche Drohnen leiten den Angriff, andere dienen der Aufklärung, um schließlich den Angriff der kleinen Flugobjekte mit Sprengladung einzuleiten. Traditionelle Luftverteidigung ist da machtlos", es bleibe "keine Zeit mehr, jahrelang zu lernen. Denn die Zukunft des Krieges ist schon die Gegenwart."

In Frankfurt wird ein großer Habermas-Gedenk-Kongress vorbereitet, der schon im Juni stattfinden soll. Es planen die Stadt, die Uni Frankfurt und der Suhrkamp-Verlag. In der bereits jetzt zerstrittenen (unser Resümee) Adeptenschaft herrscht große Sorge, beobachtet Christian Geyer in der FAZ. "Dort will man wissen: Bin ich es, der da reden soll? Oder wird etwa sie es sein, er es sein, jemand anders also, auf den es dann in verschatteter Dezision zuläuft? Aber nicht nur Eitelkeiten sind im Spiel, wenn es faktisch doch auch um Weichenstellungen der Rezeption geht. Wer spricht etwa zu der jüngst wieder aufgeworfenen Frage, ob Habermas die Kritische Theorie nun weiterentwickelt oder abgewickelt hat?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2026 - Ideen

In einem taz-Essay zu vierzig Jahre Tschernobyl entwickelt Christian Jakob ein naives Weltbild: Während die Rechte Angst heute für ihre Zerstörungslust einsetzten, hätten Linke sie nach der Havarie fruchtbar gemacht: "In der Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre waren Wissenschaftsskepsis, Verschwörungsglaube und Irrationalismus durchaus verbreitet, etwa bei der Gentechnik und Esoterik. Letztlich wandte sich die ökologische Linke aber der Naturwissenschaft zu, um sie aufklärerisch zu nutzen. In den heutigen Alternativmedien gelten Klimawissenschaftler als gefährliche Sekte, deren Einfluss zurückgedrängt gehört. Wissenschaftliche Ratio wird als Feind des gesunden Volksempfindens gesehen, sofern sie nicht zufällig zur eigenen Agenda passt: 'Lasst euch von den Eierköppen nichts erzählen!'" In mehreren Essays und Texten zu Tschernobyl (das heute übrigens als "Tschornobyl" firmiert) feiert die taz heute ihre Herkunft aus der Alternativbewegung. 

Tschernobyl sorgte auch für Risse im System der DDR, erinnert der Greenpeace-Funktionär Tobias Münchmeyer in der FAS: "Für viele Menschen in der DDR, die von Tschernobyl aus dem Westfernsehen erfuhren, war dies der Moment, in dem sie nicht nur ahnten, sondern bewiesen bekamen, dass der Staat sogar bei existenziellen Gefahren nicht die Wahrheit sagte. Mitglieder der Umwelt- und Friedensbewegung in der DDR verteilten Rundbriefe und verfassten Aufrufe an die Volkskammer. Aufmerksamkeit erregte der Appell 'Tschernobyl wirkt überall' an den DDR-Ministerrat, der die verharmlosende Informationspolitik der Regierung scharf kritisierte und 141 Unterschriften aus der Umwelt-Szene trug." In der SZ erinnert Willi Winkler an die Reaktion der Deutschen auf die Katastrophe.
Stichwörter: Tschernobyl

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2026 - Ideen

Buch in der Debatte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman fordert in seinem Buch "Reichensteuer - Aber richtig!" eine Steuer für Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro. Der Grund: Die Superreichen zahlen zur Zeit insgesamt weniger Steuern als Bürger mit einem Durchschnittseinkommen, erklärt er im Interview mit dem Tagesspiegel. "Wissenschaftler und Steuerbehörden in Frankreich, den Niederlanden, Italien, Schweden, Norwegen, Brasilien und den USA haben das in gemeinsamen, umfangreichen Studien gezeigt", versichert er. "Es geht um eine Steuer für Menschen, deren Vermögen in Frankreich in den vergangenen vierzig Jahren um durchschnittlich zehn Prozent pro Jahr gestiegen ist. Selbst wenn es diese Steuer von zwei Prozent schon in den vergangenen vierzig Jahren gegeben hätte, wäre das Vermögen der Reichen immer noch um acht Prozent pro Jahr gestiegen, also immer noch doppelt so viel wie das Vermögen eines durchschnittlichen Franzosen. Die Vorstellung, dass das die französische Wirtschaft ruinieren könnte, ist schwer zu glauben."

Außerdem: Michael Hesse hat für die FR nachgelesen und -gehört, was Timothy Snyder (hier) und Francis Fukuyama (hier) auf Substack über den Trumpismus schreiben: Für beide sei er "weniger ein Betriebsunfall der amerikanischen Demokratie als die Folge einer langen inneren Erosion. Der eine beschreibt diesen Verschleiß als Verlust staatlicher Handlungsfähigkeit. Der andere als einen Akt der Selbstzerstörung, des Suizids einer Supermacht. Beide entwerfen sie das Bild einer Republik, die nicht von außen bezwungen wird, sondern dabei ist, sich selbst zu entmachten."