9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2257 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 226

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2026 - Ideen

Kaum ist Habermas tot, entbrennt Streit um das Erbe. Stefan Müller-Doohm, Autor einer Habermas-Biografie, schimpft in der FAZ auf Gerhard Schweppenhäuser, der Habermas eine nicht ausreichende Adorno-Frömmigkeit vorwarf (unser Resümee, Anlass war der SZ-Vorschlag, aus Habermas' Villa am Starnberger See, eine "Villa Massimo" zu machen). Müller-Doohm verwahrt sich mit Blick die "Dialektik der Aufklärung": "Schweppenhäuser behauptet, dass Habermas 'das Epochenbuch von Horkheimer und Adorno zum nietzscheanisch-irrationalistischen Sündenfall' erklärt habe, und möchte offenbar seinerseits Habermas' kritische Aneignung der Kritischen Theorie zwecks ihres Weiterdenkens als Sündenfall beklagen. Aber was zwingt den Gläubigen, darauf zu bestehen, dass, wer aus seiner Sicht sündigt, postum exkommuniziert werden muss?"

Carl Schmitts Tagebücher aus den letzten Kriegswochen werden zur Edition vorbereitet. Schmitt spürt den Aschegeschmack der Niederlage und fängt an, sich seinen Beitrag schönzureden, konstatiert Lorenz Jäger, der die Einträge schon gelesen hat, auf den Geisteswissenschaftenseite der FAZ: "In den Berliner Untergangswochen dämmert es ihm wie so vielen, dass er sich in den vergangenen zwölf Jahren getäuscht hat. Und gleich geht er zu der maßgeblichen philosophischen Quelle, die ihm für den Fall radikaler Täuschung mindestens ein Denkmodell anbieten kann. Unter dem Titel des 'Betrugs' verhandelt er nun seine Lage und die der Deutschen."

Auf der gleichen Seite ergründet die Theologin Eve-Marie Becker den Begriff des "Katechon" aus dem zweiten Thessalonicherbrief, auf den sich Schmitt und neuerdings auch der Tech-Schwadroneur Peter Thiel bezogen.

Ebenfalls in der FAZ schreibt Gina Thomas den Nachruf auf den Wirtschaftswissenschaftler Robert Skidelsky, Autor einer monumentalen Keynes-Biografie.
Stichwörter: Habermas, Jürgen, Katechon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2026 - Ideen

In der taz fragt sich Christian Rath, ob es wirklich hilfreich ist, analoge und digitale Gewalt gleichzusetzen, wie es viele Aktivisten und Medien, aber auch die SPD-Justizministerin Stefanie Hubig kürzlich tat. Daneben spricht man auch von "psychischer Gewalt" und "verbaler Gewalt". Das deutsche Strafrecht gehe allerdings bei Gewalt immer noch in der Regel von physischer Gewalt aus (weshalb Sitzblockaden beispielsweise nicht als Gewalt gelten): "In dieser diffusen Lage wird es zunehmend schwer, verständlich über Gewalt zu sprechen. Was bedeutet es, wenn gemeldet wird, dass Gewalt in der Schule zunimmt oder in Beziehungen? Wird mehr zugeschlagen und zugestochen oder beruht der Zuwachs auf dem Anfertigen von sexualisierten Bildaufnahmen?" Rath schlägt vor, entweder den Gewaltbegriff entweder immer durch ein Adjektiv zu ergänzen. "Oder - besser - man verzichtet auf die bewusste Undeutlichkeit und spricht nur bei körperlicher Gewalt von 'Gewalt', wie es der Alltagssprache entspricht. Für digitales Unrecht gäbe es genügend andere Worte, die auch nichts unter den Tisch kehren, etwa 'digitale Übergriffe' oder 'digitale Aggressionen'."

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Die Energiewende wird gerade wieder zurückgedreht, um der Zukunft eins auszuwischen, meint die Philosophin Eva von Redecker im Interview mit Zeit Online. "Mit der Zerstörung ist eine Form der Souveränität verbunden. Sie gewährt eine bestimmte Form von Macht und Freiheit: Macht als Verfügungsgewalt eines Quasi-Eigentümers; Freiheit als dessen Willkürspielraum. Indem man Windräder verbietet und stattdessen fossile Brennstoffe fördert, nimmt man gewissermaßen Rache am zukünftigen Leben. Die Zerstörung der planetaren Zukunft ist deshalb auch kein Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird, sondern eine willkommene Machtdemonstration. Wobei letztere auch deshalb so entfesselt wird, weil sie weiß, dass sie auf tönernen Füßen steht." Die einzige Hoffnung der Erneuerbaren könnte paradoxerweise der Iran-Krieg sein. "Es wäre tatsächlich ein Treppenwitz der Geschichte, wenn die Energiewende nun nicht aus ökologischer Vernunft möglich würde, sondern aus kriegsstrategischen Gründen. Oder vielleicht sollte ich in dem Fall sagen 'passieren würde'. Denn zum 'Gelingen' gehört doch eine demokratische Willensbildung und nicht diese Art der Erpressung zum Vernünftigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2026 - Ideen

Buch in der Debatte

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Nicholas Potter hat nach dem 7. Oktober den entfesselten Antisemitismus linker Gruppen beobachtet und darüber ein Buch geschrieben. Der Antisemitismus der Linken ist nichts Neues, sagt er im Gespräch mit Hannes Soltau vom Tagesspiegel, die Muster sind seit 1967 überliefert. Potter denkt auch darüber nach, wie man überhaupt noch sinnvoll behaupten kann, "links" zu sein: "Ich dachte mal, wir wären eine Linke. Und sicher gibt es Teile von ihnen, unter denen ich mich in Deutschland noch wohlfühle. Aber vor allem international stellt sich für mich die Frage: Mit wem kann ich mich noch auf grundsätzliche Werte einigen? Da gibt es einen großen Entfremdungsprozess. Ich nehme das jetzt als Anlass, Linkssein neu zu denken und mich stärker auf Inhalte zu fokussieren. Agiert jemand emanzipatorisch oder reaktionär? Handelt jemand vernünftig oder plump populistisch? Autoritär oder antiautoritär? Demokratisch oder antidemokratisch? Für mich sind dabei liberale Werte ins Zentrum gerückt - Pressefreiheit, universelle Menschenrechte. Linkssein geht nicht ohne Liberalismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2026 - Ideen

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Wir existieren nicht mit einer Erbsünde, sondern mit zweien, glaubt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem ausführlichen FR-Interview mit Michael Hesse. Eine These, die er in seinem neuen Buch untermauern will: "Ich behaupte, es habe längere Zeit nach dem ersten Sündenfall, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte - zivilisationstheoretisch gesprochen: aus dem Jäger-und-Sammler-Leben - ein zweiter Sündenfall stattgefunden, ich nenne ihn den Sturz in den Staat. Nach ihm erst tauchen stratifizierte Gesellschaften auf, in denen das Leben aller auf Befehl und Gehorsam aufgebaut wird. Eine kleine bewaffnete Kriegerelite, später Aristokratie genannt, zwang ein unbewaffnetes Volk von Landarbeitern und Handwerkern zu Abgaben. Das ergibt die Urgeschichte des Fron- und Steuerstaats. Wir haben dieses Machtgebilde heute zwar durch juristische Mechanismen und fiskalische Nuancen zivilisiert, aber die Grundfunktion, die basale Gewalt, die Einheit von Herrschaft und Abgabenerpressung, zieht sich seit 5000 Jahren durch alles, was Staat heißt. Aber wer wird schon gern daran erinnert, dass wir nicht nur mit einer Erbsünde existieren, sondern mit deren zwei?" Der Dlf hatte Sloterdijk kürzlich auch im großen Gespräch über Leben und Werk.
Stichwörter: Sloterdijk, Peter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2026 - Ideen

Frauke Steffens widmet sich auf einer ganzen FAZ-Seite der seit zehn Jahren diskutierten Frage, ob die Trump-Regierung eine neue Manifestation des Faschismus sei, den sie als "Verfolgung von politischen Gegnern, verbunden mit Rassismus, Militarismus und Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit" definiert. Sie empfiehlt die postkolonialistische Variante des Begriffs als intellektuell produktiv: "Die 'Black Radical Tradition' sah den europäischen Faschismus anschließend an die Arbeiten von W.E.B. Du Bois weniger als Bruch mit der europäischen und kolonialistischen Geschichte, sondern als extreme Ausprägung davon an. Ihre Frage war weniger, ab wann etwas Faschismus genannt werden darf, sondern, welche Gruppen wann unter faschistischen Bedingungen lebten und leben... Solche Perspektiven erinnern auch daran, dass es tatsächlich zeitgenössische Bezüge nationalsozialistischen Denkens auf den Staatsrassismus im Süden der USA gab."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2026 - Ideen

In der SZ denkt Andreas Rödder darüber nach, wie bürgerliche Politik in Zeiten linker kulturelle Hegemonie und neurechter Gegenrevolution aussehen könnte und analysiert - mit Blick auf andere europäische Staaten - mehrere Optionen: Die erste wäre die Brandmauer, die die Union allerdings von linken Parteien abhängig mache und so die Politikverdrossenheit stärke. Die zweite Option wären Kooperationen mit der politischen Rechten. Ob dies zum Untergang der bürgerlichen Parteien führen würde, hält Rödder mit Blick auf die Niederlande, Finnland oder Spanien nicht für ausgemacht, "und in Österreich hat die ÖVP die Erfahrung gemacht, die FPÖ durch Ausgrenzung zu stärken und durch Einbindung zu schwächen. Eine dritte Option haben bürgerliche Parteien in Schweden, Finnland oder Spanien praktiziert. Sie haben sich als Zentralmacht im politischen System positioniert und sind unter der Vorgabe roter Linien zu Minderheitsregierungen und zu Kooperationen nach links und rechts bereit. In der verfahrenen Situation in Deutschland geht es nicht um Kooperationen oder gar Koalitionen, sondern zunächst einmal um die ganz basale demokratische Gesprächsbereitschaft innerhalb der roten Linien des verfassungsrechtlich Zulässigen ohne permanente Moralisierung und Empörung. Eine so konditionierte Gesprächsbereitschaft zwingt neurechte Kräfte, sich zwischen Radikalisierung oder Mäßigung zu entscheiden."

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Unsere Hirne tendieren eher nach rechts, erklärt in der Zeit die Neurophilosophin Liya Yu, deren Buch "Hirn statt Moral. Warum nur Neuropolitik den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert" demnächst erscheint. Das heißt, "dass bestimmte Grundeigenschaften unserer neuronalen Struktur konservatives und autoritäres Verhalten begünstigen. Deshalb müssen wir unser Hirn den Bedingungen anpassen, unter denen wir leben wollen - so wie wir ja auch unseren restlichen Körper konditionieren und disziplinieren, um ein rücksichtsvolles Zusammenleben zu ermöglichen. Und deshalb kommt es darauf an zu betonen: Das können wir. Wer sein eigenes Hirn verstehen lernt, erlangt Zuversicht und Autonomie. Die neuropolitische Dissonanz, unter der wir momentan leiden, kann behoben werden", versichert sie. "Zahlreiche Studien belegen, wie wir durch verschiedene neuropolitische Strategien in Bildung, den Medien, der Städteplanung und veränderten gesellschaftlichen Gruppendynamiken auch ausgrenzende Gehirne zu Humanisierung und Inklusion bewegen können."

Weiteres: In der FAZ hält der Medientheoretiker Gerhard Schweppenhäuser wenig von Gerhard Matzigs Vorschlag (unser Resümee), die Habermas-Villa am Starnberger See unter Schirmherrschaft des Frankfurter Institut für Sozialforschung in eine Art Villa Massimo umzufunktionieren, was für Schweppenhäuser, der froh ist, dass das Institut "sich seit einiger Zeit wieder der Kritischen Theorie annähert", gleichbedeutend wäre mit der "Schirmherrschaft für eine Repräsentationsstätte staatstragender Kommunikationsphilosophie". "Erkenne dich selbst" ist ein klassischer Wahlspruch der Philosophie. Selbsterkenntnis gelingt allerdings nur mit selbst denken, erinnert in der FR der Philosoph Dirk Stederoth. Darum ist KI (oder LLM, also Large Language Modelle) für ihn eine Zäsur, grundlegender noch, "als es der Rückfall in autoritär-imperialistische Kriegspolitik je sein könnte. Außerdem sehr lesenswert: Yassin Musharbashs Reportage in der Zeit über den Einsatz von KI im Krieg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2026 - Ideen

Der nach der dem "Historikerstreit 2.0" fast schon in der Vergessenheit versunkene australische Postkolonialist Dirk Moses hat in der Berlin Review versucht, an Adorno anzuknüpfen, um eine "Erziehung nach Gaza nach der Erziehung nach Auschwitz" zu postulieren. Auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ kritisiert die Heiner-Müller-Forscherin Kathrin Witter (wie zuvor schon der Historiker Philipp Lenhard) diesen Adorno-Bezug, denn Adorno habe immerhin noch die Erfahrung der Katastrophe in Philosophie reflektieren wollen, das heißt, er hatte so etwas wie einen Bezug zu Realität: Die "durch die diskursanalytische Begrenzung des Blicks bedingte Welt- und Tatsachenfremdheit" durchziehe dagegen "den Ansatz von Moses, der über den Holocaust als einem geronnenen 'Fundament westlicher Moral' nachdenkt, statt darüber, was sich zwischen 1942 und 1945 in den Vernichtungslagern zutrug - oder auch darüber, dass die Hamas am 7. Oktober daran anzuknüpfen suchte."
Stichwörter: Moses, A. Dirk

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2026 - Ideen

Ist die liberale Demokratie noch zu retten, fragt die taz einige Protagonisten des öffentlichen Diskurses. Während die Regierungsberaterin Naika Foroutan "als Linke" immerhin konzediert, dass es widersinnig wäre, "das liberale Erbe politischer Grundrechte preiszugeben", antwortet der 76-jährige, aber angeblich noch in Columbia lehrende Frankfurter Theoretiker Axel Honneth schlicht mit "Nein": "Um das zu erkennen, braucht man sich nur anzusehen, wie erstaunlich leicht das Trump-Regime in den USA täglich liberaldemokratische Prinzipien umgeht und Bürgerrechte verletzt... Solche Vorgänge sind bemerkenswert radikal, aber selbst die Mainstreammedien und der Kongress normalisieren sie, anstatt 'Faschismus' zu schreien." Befragt werden außerdem die Politologin Wendy Brown ("Ja"), der pensionierte Philosoph Christoph Menke ("Nein"), die Philosophin Rahel Jaeggi ("Nein"), die Soziologin Carolin Amlinger ("Vielleicht"), der Postkolonialist Dipesh Chakrabarty ("Vielleicht"), die Queer-Theoretikerin Isabell Lorey ("Nein"), die Gendertheoretikierin Verónica Gago ("Nein").

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2026 - Ideen

In der NZZ denkt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew über die Unterschiede zwischen der iranischen und der russischen Opposition nach. "Es mag paradox erscheinen. Aber die Mentalität der Menschen im heutigen Iran entspricht westlichen Werten eher als jene der Russen. Der Großteil der iranischen Opposition besteht aus Idealisten, die sich Iran als ein normales demokratisches Land nach westlichem Vorbild wünschen - allerdings mit eigenen religiösen, historischen und kulturellen Besonderheiten." In Russland sei das anders, "selbst ein politisch reifer Oppositioneller wie Boris Nemzow, den Boris Jelzin zunächst zu seinem Nachfolger machen wollte, äußerte sich bei mir zu Hause in Moskau sehr positiv über das russische Imperium. Weil es so schön weiträumig und reich an allen möglichen Bodenschätzen sei. Und weil es die russische Seele hervorgebracht habe." So sind zwar beide Oppositionen gegen die Diktatur in ihrem Land, "die Iraner indes wissen, welche politische Zukunft sie wollen, während die russischen Oppositionellen noch immer von moralischen Idealen träumen - etwas in der Art jenes märchenhaften 'Kommunismus', der sich in der Politik wohl nicht mehr realisieren lässt."

Angesichts der Befürchtung, dass die KI uns arme Menschlein demnächst überflügelt, fragt Hans-Ulrich Gumbrecht in einem kleinen Welt-Essay, ob uns als letzte Ressource die Fantasie oder Einbildungkraft bleibt, "als eine Kraft, die über das Bewusstsein hinaus unsere Körper erreichen kann, während sie dem Willen bloß in fragilen Ansätzen zugänglich ist. Unter dem Druck der oft als gnadenlos konsequent erlebten Wirkungen Künstlicher Intelligenz kommt Imagination heute wohl gerade wegen jener Unvorhersehbarkeit ihrer Bewegungen die erwähnte soziale Beliebtheit und akademische Anerkennung zu."

"Eine Auseinandersetzung mit linkem Antisemitismus und dem 'islamogauchisme' in der heutigen Zeit sollte nicht als Vorwand für eine wohlfeile Abrechnung mit der gesamten Linken dienen", wünscht sich in der NZZ Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Auch in der Linken gebe es eine Tradition der "radikalen Islamkritik", auch wenn ihre Vertreter in der Minderheit seien. "Selbst unter israelischen 'Antizionisten' finden sich Ausnahmen von der gängigen linken Islamverharmlosung: Akiva Orr von der marxistischen Zeitschrift Matzpen erklärte ausgehend von seinen Erfahrungen mit den Entwicklungen in Iran: 'Das Schweigen der Atheisten zum Islam bedeutet Kapitulation und einen Schritt zur Befürwortung religiöser Hinrichtungen.' Die neomarxistische Situationistische Internationale in Frankreich, die maßgeblich zum Pariser Mai 1968 beitrug, ging noch weiter: Sie schickte ihren irakischen Genossen, die 'in den Straßen Bagdads den Koran verbrannt haben', eine Grußadresse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2026 - Ideen

Gerade die Kritische Theorie ist für die derzeitige Regierung in den USA ein "Schreckgespenst", erklärt der Historiker Jeremy Varon im Zeit online-Interview: "Es passt gut in diese absurde Erzählung, die vor allem Trumps Bildungsberater Christopher Rufo verbreitet, dass die Universitäten in den 1980er- und 1990er-Jahren von einem 'Kulturmarxismus' übernommen wurden. Er verbreitet das Narrativ, dass die linken Bewegungen der 1960er-Jahre einen Marsch durch die Institutionen vollzogen und diese ideologisch erobert hätten." Mit Denkern wie Adorno und Horkheimer Herrschafts- und Machtdynamiken zu analysieren, ist gerade in diesen Zeiten wichtig, meint Varon, er übt aber auch Kritik an den Institutionen: "In mancher Hinsicht ist der kritische Geist zu weit gegangen. Etwa die Bestrebungen, Äußerungen und Verhalten der Menschen bis ins Detail zu regeln. Viele empfinden das Klima in den Geisteswissenschaften als zensierend oder sogar repressiv. Studien zeigen, dass Studierende sich selbst zensieren oder vorgeben, liberaler zu sein, als sie es eigentlich sind, weil sie fürchten, sich nicht 'politisch korrekt' zu äußern. Das ist nicht die Art von Klima, die wir wollen. Und auch manche Diversitätsprogramme wirken wie hochbürokratische Echos progressiver Kritik. Sie kosten viel Geld und haben womöglich nur einen begrenzten Effekt."