In der
NZZ denkt der russische
Schriftsteller Viktor Jerofejew über die Unterschiede zwischen der
iranischen und der russischen Opposition nach. "Es mag paradox erscheinen. Aber die Mentalität der Menschen im heutigen Iran entspricht westlichen Werten eher als jene der Russen. Der Großteil der iranischen Opposition besteht aus Idealisten, die sich Iran als ein
normales demokratisches Land nach westlichem Vorbild wünschen - allerdings mit eigenen religiösen, historischen und kulturellen Besonderheiten." In Russland sei das anders, "selbst ein politisch reifer Oppositioneller wie
Boris Nemzow, den Boris Jelzin zunächst zu seinem Nachfolger machen wollte, äußerte sich bei mir zu Hause in Moskau sehr positiv über das russische Imperium. Weil es so schön weiträumig und reich an allen möglichen Bodenschätzen sei. Und weil es die russische Seele hervorgebracht habe." So sind zwar beide Oppositionen gegen die Diktatur in ihrem Land, "die Iraner indes wissen, welche politische Zukunft sie wollen, während die russischen Oppositionellen noch immer von moralischen Idealen träumen - etwas in der Art jenes märchenhaften 'Kommunismus', der sich in der Politik wohl nicht mehr realisieren lässt."
Angesichts der Befürchtung, dass
die KI uns arme Menschlein demnächst überflügelt, fragt
Hans-Ulrich Gumbrecht in einem kleinen
Welt-Essay, ob uns als letzte Ressource die
Fantasie oder Einbildungkraft bleibt, "als eine Kraft, die über das Bewusstsein hinaus unsere Körper erreichen kann, während sie dem Willen bloß
in fragilen Ansätzen zugänglich ist. Unter dem Druck der oft als gnadenlos konsequent erlebten Wirkungen Künstlicher Intelligenz kommt Imagination heute wohl gerade wegen jener Unvorhersehbarkeit ihrer Bewegungen die erwähnte soziale Beliebtheit und akademische Anerkennung zu."
"Eine Auseinandersetzung mit
linkem Antisemitismus und dem 'islamogauchisme' in der heutigen Zeit sollte nicht als Vorwand für eine
wohlfeile Abrechnung mit der gesamten Linken dienen",
wünscht sich in der
NZZ Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Auch in der Linken gebe es eine Tradition der "
radikalen Islamkritik", auch wenn ihre Vertreter in der Minderheit seien. "Selbst unter israelischen 'Antizionisten' finden sich Ausnahmen von der gängigen linken Islamverharmlosung:
Akiva Orr von der marxistischen Zeitschrift
Matzpen erklärte ausgehend von seinen Erfahrungen mit den Entwicklungen in Iran: 'Das Schweigen der Atheisten zum Islam bedeutet Kapitulation und einen Schritt zur
Befürwortung religiöser Hinrichtungen.' Die neomarxistische Situationistische Internationale in Frankreich, die maßgeblich zum Pariser Mai 1968 beitrug, ging noch weiter: Sie schickte ihren irakischen Genossen, die 'in den Straßen Bagdads den
Koran verbrannt haben', eine Grußadresse."