9punkt - Die Debattenrundschau
Konkrete, öffentlich zugängliche Anhaltspunkte
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2026. Die Russen haben inzwischen solche Angst vor ukrainischen Drohnen, dass sie lieber die Parade zum 9. Mai verkleinern, berichtet die FAZ. Steckt die AfD hinter dem Buchhandlungspreis-Chaos, fragt die SZ. Zum Antisemitismus empfiehlt die Vogue einen blauen Samtblazer sowie ein markantes Brillengestell. Die taz warnt vor der Kulturpolitik der AfD. Und sie prognostiziert Keir Starmers Untergang.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
02.05.2026
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Europa
Die Russen haben mittlerweile solche Angst vor ukrainischen Drohnen, die manchmal tausend Kilometer hinter der Front angreifen, dass sie die übliche Parade am 9. Mai drastisch verkleinern, berichtet Friedrich Schmidt in der FAZ. Denn es gelingt "den Ukrainern offenkundig, nicht allein die russische Luftabwehr regelmäßig zu überwinden, sondern auch die Abschaltungen des mobilen Internets, die auch mit Sicherheitserwägungen begründet werden. Beides lässt die Machthaber schwach erscheinen. Die Internetabschaltungen haben zusammen mit dem Vorgehen gegen Telegram und VPN-Dienste zudem zu Spannungen in Putins Machtapparat geführt."
Am 7. Mai finden in Großbritannien Regional- und Kommunalwahlen statt. Und danach wird Keir Starmer zurücktreten, vermutet Dominic Johnson in der taz: "Insgesamt rund 5.000 Mandate stehen zur Disposition. Labour hält davon gut 2.500. Nach Prognosen könnten davon gerade 500 übrigbleiben. Die sozialdemokratische Regierungspartei würde dann auf dem fünften Platz landen - hinter den Rechtspopulisten von Reform UK, den Grünen, den Liberaldemokraten und den Konservativen. In Wales könnte Labour erstmals seit Gründung der Regionalregierung 1999 die Macht verlieren, im Norden Englands fast alle Mandate einbüßen."
Nun, da Péter Magyar die ungarischen Wahlen gewonnen hat, fragt sich Florian Bayer in der taz, wie er das von Viktor Orbán von Grund auf umgepflügte Mediensystem reformieren will. Die privaten Medien hatte Orbán in einer Holding zusammengegfasst. "Betrieben wurden sie nicht aus publizistischer Überzeugung, sondern weil staatliche Werbegelder flossen. Sobald diese versiegen, wird ein Großteil dieser Strukturen in sich zusammenbrechen. Der künftige Regierungschef Péter Magyar fordert deshalb ein Moratorium für staatliche Werbung, solange kein transparentes, marktbasiertes System existiert. Marius Dragomir, Direktor des 'Media and Journalism Research Center', lässt keinen Zweifel daran, dass dies erst der Anfang ist. 'Die Fragen sind so viele und die Herausforderungen so groß', sagt er, 'dass ich manchmal völlig sprachlos bin, wenn ich daran denke, wie dieses Chaos behoben werden kann und wie lange das dauert.'" Auch bei den Staats- oder öffentlich-rechtlichen Sendern stellen sich tiefgreifende Probleme, so Bayer, eines davon: "Strukturen lassen sich relativ leicht ändern, doch was macht man mit den Menschen, die in dieser Sendeanstalt arbeiten?"
Im FR-Interview warnt Maria Aljochina von Pussy Riot, die offenbar gerade durch Deutschland tourt: "Wenn ihr in Deutschland akzeptiert, dass die AfD in Umfragen bei 27 Prozent steht, sollte sich die Gesellschaft dringend Fragen stellen. Denn diese Partei der Putin-Freunde ist brandgefährlich. Sagt nicht: Es ist mir scheißegal! Es ist gar nicht egal. Tut etwas. Organisiert euch. Bildet Bündnisse. Protestiert."
Am 7. Mai finden in Großbritannien Regional- und Kommunalwahlen statt. Und danach wird Keir Starmer zurücktreten, vermutet Dominic Johnson in der taz: "Insgesamt rund 5.000 Mandate stehen zur Disposition. Labour hält davon gut 2.500. Nach Prognosen könnten davon gerade 500 übrigbleiben. Die sozialdemokratische Regierungspartei würde dann auf dem fünften Platz landen - hinter den Rechtspopulisten von Reform UK, den Grünen, den Liberaldemokraten und den Konservativen. In Wales könnte Labour erstmals seit Gründung der Regionalregierung 1999 die Macht verlieren, im Norden Englands fast alle Mandate einbüßen."
Nun, da Péter Magyar die ungarischen Wahlen gewonnen hat, fragt sich Florian Bayer in der taz, wie er das von Viktor Orbán von Grund auf umgepflügte Mediensystem reformieren will. Die privaten Medien hatte Orbán in einer Holding zusammengegfasst. "Betrieben wurden sie nicht aus publizistischer Überzeugung, sondern weil staatliche Werbegelder flossen. Sobald diese versiegen, wird ein Großteil dieser Strukturen in sich zusammenbrechen. Der künftige Regierungschef Péter Magyar fordert deshalb ein Moratorium für staatliche Werbung, solange kein transparentes, marktbasiertes System existiert. Marius Dragomir, Direktor des 'Media and Journalism Research Center', lässt keinen Zweifel daran, dass dies erst der Anfang ist. 'Die Fragen sind so viele und die Herausforderungen so groß', sagt er, 'dass ich manchmal völlig sprachlos bin, wenn ich daran denke, wie dieses Chaos behoben werden kann und wie lange das dauert.'" Auch bei den Staats- oder öffentlich-rechtlichen Sendern stellen sich tiefgreifende Probleme, so Bayer, eines davon: "Strukturen lassen sich relativ leicht ändern, doch was macht man mit den Menschen, die in dieser Sendeanstalt arbeiten?"
Im FR-Interview warnt Maria Aljochina von Pussy Riot, die offenbar gerade durch Deutschland tourt: "Wenn ihr in Deutschland akzeptiert, dass die AfD in Umfragen bei 27 Prozent steht, sollte sich die Gesellschaft dringend Fragen stellen. Denn diese Partei der Putin-Freunde ist brandgefährlich. Sagt nicht: Es ist mir scheißegal! Es ist gar nicht egal. Tut etwas. Organisiert euch. Bildet Bündnisse. Protestiert."
Digitalisierung
Die Erziehungswissenschaftlerin Nina Kolleck erklärt im Interview mit der FAS, warum sie ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren als Maßnahme zu simpel findet: "Wir brauchen Plattformregulierung statt Nutzerbestrafung. ... Zur Regulierung muss eine fachlich verankerte Digitalkompetenz im Unterricht hinzukommen. Resilienz wächst nicht im Entzug, sondern im Üben. Digitale und politische Bildung sollte zu einem roten Faden verbunden werden, der sich durch alle Fächer zieht. Fragen wie diese müssen behandelt werden: Wie funktioniert so ein Algorithmus? Warum bleib ich immer so lange auf Tiktok, obwohl ich doch nur mal schnell was checken wollte? Wie unterscheide ich Fake News von Fakten? Auf diese Weise wird die eben erwähnte Selbstwirksamkeit gestärkt. Es kommt wie beim Sport, beim Essen oder beim Spielen auf das Maß, den Kontext, die Begleitung an."
Gesellschaft
Normalerweise schaffen es ja nur Fahrradunfälle in die Medien, aber Edo Reents zieht im Feuilleton der FAZ den Fokus ein bisschen weiter auf: "Fahrradfahrer und Fußgänger sind die Schwächsten der Schwachen, je jünger oder je älter, desto mehr, eine Personengruppe, die, obwohl sie täglich Lebensgefahr ausgesetzt ist, ohne im geringsten für andere eine darzustellen und ohne der Umwelt Schaden zuzufügen, aber nicht unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung steht."
Was war früher nicht alles am 1. Mai in Berlin los - die taz vermisste die Action neulich richtig (unser Resümee). Aber auch diesmal wieder verlief der 1. Mai wieder "weitgehend friedlich", meldet der Tagesspiegel.
Was war früher nicht alles am 1. Mai in Berlin los - die taz vermisste die Action neulich richtig (unser Resümee). Aber auch diesmal wieder verlief der 1. Mai wieder "weitgehend friedlich", meldet der Tagesspiegel.
Berlin Now - 01 Mai - #b0105 pic.twitter.com/AR20W7bKl0
— Iman Sefati (@ISefati) May 1, 2026
Kulturpolitik
Ein Jahr ist Wolfram Weimer nun im Amt. taz-Redakteur Dirk Knipphals warnt ihn vor einem unpolitisch schwärmerischen Kulturbegriff und mahnt: "Die Kulturpolitik der neuen Rechten einerseits und die autokratischen Tendenzen in der Welt, die über die Kultur ihre reaktionäre Sicht von Gesellschaft festschreiben wollen, andererseits ändern das kulturpolitische Feld von Grund auf. Es verliert endgültig seine Harmlosigkeit. Man muss sich nur einmal das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt anschauen. Es atmet den Anspruch, das Deutschtum wieder ins Zentrum der Kultur zu stellen, auf dem Theater (wiedererkennbare Klassiker), erinnerungspolitisch (gegen 'Schuldkult'), in der Architektur (Ziegel statt Beton). Herbeifantasiert werden eine einheitliche deutsche Nationalkultur und eine wesenhafte deutsche Identität, die es beide so nie gegeben hat."
Jörg Häntzschel und Felix Stephan recherchieren für die SZ unentwegt weiter zu den letzten Details um den Buchhandlungspreis-Skandal. Wolfram Weimer hatte bekanntlich ein paar linke Buchhandlungen von den Brosamen ausgeschlossen, obwohl eine unabhängige Jury ihnen den Preis (unter vielen anderen) zugesprochen hatte. Das alles geht auf ein anhaltendes Kesselreiben und zahlreiche Anfragen der AfD im Verbund mit dem rechtspopulistischen Medium Nius zurück, haben die beiden herausgefunden. Lange antworteten die Beamten auf der Kulturverwaltung vorbildlich distanziert. "Mit dem Jahreswechsel setzte sich beim BKM offenbar ein anderer Geist durch. Die Jury des Buchhandlungspreises hatte inzwischen ihre Arbeit gemacht und 118 Buchhandlungen für den Preis ausgewählt. Doch bei dreien davon waren die kurz zuvor noch so gelassenen Beamten misstrauisch. Aufgrund 'konkreter, öffentlich zugänglicher Anhaltspunkte' wandte sich das BKM am 16. Januar mit der Bitte um Auskunft nach dem Haber-Verfahren erstmals an den Verfassungsschutz, das geht aus der Urteilsbegründung des Berliner Verwaltungsgerichts hervor, die der SZ vorliegt."
Jörg Häntzschel und Felix Stephan recherchieren für die SZ unentwegt weiter zu den letzten Details um den Buchhandlungspreis-Skandal. Wolfram Weimer hatte bekanntlich ein paar linke Buchhandlungen von den Brosamen ausgeschlossen, obwohl eine unabhängige Jury ihnen den Preis (unter vielen anderen) zugesprochen hatte. Das alles geht auf ein anhaltendes Kesselreiben und zahlreiche Anfragen der AfD im Verbund mit dem rechtspopulistischen Medium Nius zurück, haben die beiden herausgefunden. Lange antworteten die Beamten auf der Kulturverwaltung vorbildlich distanziert. "Mit dem Jahreswechsel setzte sich beim BKM offenbar ein anderer Geist durch. Die Jury des Buchhandlungspreises hatte inzwischen ihre Arbeit gemacht und 118 Buchhandlungen für den Preis ausgewählt. Doch bei dreien davon waren die kurz zuvor noch so gelassenen Beamten misstrauisch. Aufgrund 'konkreter, öffentlich zugänglicher Anhaltspunkte' wandte sich das BKM am 16. Januar mit der Bitte um Auskunft nach dem Haber-Verfahren erstmals an den Verfassungsschutz, das geht aus der Urteilsbegründung des Berliner Verwaltungsgerichts hervor, die der SZ vorliegt."
Medien
Antisemitismus und guter Geschmack müssen sich nicht ausschließen! Die britische Vogue erklärt Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas, die etwa von UN-Delegationen des Antisemitismus beschuldigt wurde, jedenfalls zum It-Girl der Saison. "Ihre charakteristische Brille mit dickem Gestell und ihr singender Akzent (sowie der müde-amüsierte Gesichtsausdruck, den sie oft an den Tag legt, wenn sie von aggressiveren Medienkommentatoren interviewt wird) kommen all jenen sofort bekannt vor, die die Entwicklungen in der Region in den letzten Jahren mit wachsendem Entsetzen verfolgt haben", schwärmt die Vogue-Autorin Kerry McDermott.
Weitere Informationen hier.
In einem taz-Interview hält Albanese an ihrem vielfach wiederholten Völkermord-Vorwurf gegen Israel fest: "Israel hat ein Umfeld geschaffen, das an sich schon Folter ist. Von Lebensmitteln abgeschnitten zu sein, ansehen zu müssen, wie die eigene Familie am Hunger stirbt und die konstante Bedrohung, entweder getötet oder vertrieben zu werden - dieser Terror geht von israelischen Soldaten und Siedlern aus. Das ist psychologische Folter."
Weitere Informationen hier.
.@BritishVogue and the glamorization of antisemitism. Let's talk about what they chose not to tell you.
- Simone Rodan-Benzaquen (@srodan) May 1, 2026
Albanese is the UN Special Rapporteur who claimed America is "subjugated by the Jewish lobby," told the BBC "the Israeli lobby is clearly inside your veins," and- the day… pic.twitter.com/OzFBDiIeOt
In einem taz-Interview hält Albanese an ihrem vielfach wiederholten Völkermord-Vorwurf gegen Israel fest: "Israel hat ein Umfeld geschaffen, das an sich schon Folter ist. Von Lebensmitteln abgeschnitten zu sein, ansehen zu müssen, wie die eigene Familie am Hunger stirbt und die konstante Bedrohung, entweder getötet oder vertrieben zu werden - dieser Terror geht von israelischen Soldaten und Siedlern aus. Das ist psychologische Folter."
Politik
Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur erklärt in der NZZ ihre Sympathie für die "religiösen Aufklärer", die sie 1994 bei einem Teheran-Besuch kennenlernte und die an eine Reformierbarkeit Irans glauben: "Ein iranisch-amerikanischer Soziologe hat für das, was ich damals beobachtete, aber nicht in wissenschaftliche Termini fassen konnte, den Begriff 'post-islamistisch' geprägt. Asef Bayat, der heute an der University of Illinois lehrt, beschrieb 1995 in seinem wegweisenden Essay, 'The Coming of a Post-Islamist Society', Post-Islamismus als ein Konzept, das versuche, demokratische Prinzipien mit islamischen Werten zu versöhnen. Dass die iranische Gesellschaft dabei sei, zu einer solch post-islamistischen Gesellschaft zu werden." Aber es kam, wie es kommen musste - und schuld sind die üblichen Verdächtigen: "2018 setzte Trump das Atomabkommen aus. Das führte zu einer massiven Stärkung der Revolutionswächter."
Ideen
In der FAS blickt Martin Seng verstört auf KI-Bilder, mit denen linke Influencer für grüne Energie werben. Warum die Fascho-Ästhetik? "Saftig grüne Wälder, Blumen- und Getreidefelder, darin muskulöse Männer vor Fachwerkhäusern, begleitet von Frau und Kindern. Noch präsenter als die Männer in engen Oberteilen sind nur die Deutschlandflaggen und Maschinen zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Zwischen Windrädern, Solarpaneelen und Wärmepumpen flattert die schwarz-rot-goldene Trikolore, eingerahmt von Sprüchen wie 'Deutscher Strom aus deutscher Sonne', 'Sei kein Schuft, heiz mit Wärme aus deutscher Luft', 'Für meinen Sohn nur deutschen Strom' oder 'Nur echte Patrioten kaufen kein Öl bei Despoten'. ... Ob diese Memes nun ironisch oder mit vollem Ernst erstellt und geteilt werden, ist zweitrangig, denn bei ihnen siegt nicht die unverfängliche Energiebotschaft, sondern der faschistische Charakter."2 Kommentare



