9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2024 - Ideen

Frauen sind für Judith Butler nicht Frauen, Antisemitismus ist nicht Antisemitismus, Verbrechen ist Widerstand, konstatiert Thomas Ribi, der in der NZZ nochmal auf Butlers jüngste Äußerungen zurückkommt. "Man muss das wohl als intellektuelle Kapitulation einer Denkerin verstehen, die sich in ihren eigenen Theorien verfängt. Als Notsignal einer Philosophin, in deren Arbeitszimmer sich Hass, Gewalt, Elend und Tod in reine Begriffe aufgelöst haben, denen keine physische Realität mehr entspricht."
Stichwörter: Butler, Judith

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2024 - Ideen

Gestern Abend wurde die Leipziger Buchmesse eröffnet.

Die Zeit druckt bereits Omri Boehms Dankesrede für den "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung". Er bezieht sich auf Kant, Mendelssohn, Lessing und Arendt. Mit ihnen beschwört er den Begriff der Freundschaft, den er gegen den der Brüderlichkeit setzt und kommt dann auf die jüngste Gewalt in Israel und Gaza zu sprechen: "Wir schauen auf die Kibbuzim an der Grenze zu Gaza am 7. Oktober - als ganze Familien abgeschlachtet, Kinder vor den Augen ihrer Eltern ermordet, Frauen systematisch vergewaltigt wurden - und erleben dann den moralischen Bankrott jener angeblichen Radikalen, die dies 'bewaffneten Widerstand' nennen. Wir schauen auf die Zerstörung Gazas, die Tötung Tausender Frauen und Kinder, das Verhungern - und erleben dann, wie angebliche liberale Theoretiker eine humanitäre Waffenruhe im Namen der 'Selbstverteidigung' monatelang delegitimieren." Angesichts dieser Gewalt bleibt für Boehm nur die besagte "Freundschaft: "Es gibt noch jüdisch-palästinensische Freundschaften, und wo sie existieren, bieten die Forderungen, die sie stellen, Licht."

Eva Illouz knüpft in ihrer Laudatio für Boehm an sein Buch "Israel - eine Utopie" (englisch "Haifa Republic") an, das die Möglichkeit eines Zusammenlebens von Arabern und Juden in einem Staat beschwört: "In 'Haifa Republic' wird eine radikale Vision von Juden und Palästinensern entworfen, die Seite an Seite leben und universalistische Institutionen und Werte in einem föderativen politischen Modell teilen. Was Boehm im Sinn hat, würde keine postkoloniale Heilung der Wunden erfordern, sondern im Gegenteil einen aktiven Akt des Vergessens als Hommage aller Seiten an die Menschlichkeit des anderen und an ihre eigene. Radikaler Universalismus geht eindeutig auf diese Vision zurück und ist ein Versuch, diese Vision für die israelische Gesellschaft zu systematisieren."

Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von der Preisverleihung und stimmt Boehm zu: "Wer nicht selbst in den intellektuellen Schützengräben sitzt, wird Omri Boehm gerne beipflichten, zumal kaum jemand besser als er weiß, wie grotesk seine Hoffnung sowohl unter den Angehörigen der Hamas-Geiseln wie im Trümmerfeld von Gaza und in einem von Antisemitismusphobien vergifteten und paralysierten deutschen Diskurs anmuten dürfte. Seine vehemente Kritik an einer Zweistaatenlösung, die ohnehin zu einer kraftlosen Metapher für irgendeine Art von Friedensschluss geronnen ist, bleibt gerechtfertigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2024 - Ideen

Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie, interveniert in der FAZ-Debatte über die Frage, ob postkolonialistische Ansätze strukturell antisemitisch seien. Seine Antwort: nicht per se. "Antisemitismus (ist) tatsächlich nicht das entscheidende Problem der postkolonialen Ansätze. Ihr Problem ist ein anderes: ihre ins Prinzipielle gewendete Ablehnung des Westens, zu dem auch Israel geschlagen wird, sowie ihre damit zusammenhängende einseitige Parteinahme für den globalen Süden, der nur als Opfer erscheinen kann, nicht aber als Täter." Die Frage, ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, lässt Pollacks Artikel eher offen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2024 - Ideen

Eva Illouz antwortet in einer zornigen Intervention in Le Monde auf die jüngsten Äußerungen Judith Butlers, und spricht ihr die Attribute "links" und "feministisch" endgültig ab. Im Gegenteil, eine "Schlangenölverkäuferin" sei Butler, nicht einmal mehr zu Halbwahrheiten fähig. Mit Ekel nimmt Illouz die Verklärung der Hamas-Massaker zur Kenntnis, die Butler "mit der romantischen Vokabel des Widerstands" belege und von Antisemitismus freispricht. Zwei Passagen in Illouz' Text sind besonders niederschmetternd. Die eine betrifft Butlers "Feminismus". "Was sagt uns Butler am 3. März im Blick auf die unerhörte sexuelle Gewalt, die die Israelinnen in den Händen der Hamas erlitten haben, im Blick auf die Berichte der Presse, der Juristen, der Ärzte, der NGOs, die diese Ausschreitungen dokumentiert haben, im Blick auf die Bilder einer ermordeten jungen Frau, die in Gaza einer jubelnden Menge vorgeführt wird? Sie sagt, dass sie Beweise sehen will. Und sie sagt das mit dem skeptischen Schnütchen eines Polizisten vor fünfzig Jahren, der von einer Anklage erhebenden Frau Beweise sehen will." Diese Leugnung der sexuellen Gewalt durch Butler führt Illouz dann dazu, ihr "Negationismus" - das ist der ursprüngliche französische Begriff für Holocaustleugnung - vorzuwerfen. "Wie bei den Negationisten von einst liegt ihre Strategie darin, Zweifel zu säen: über die Realität der von den Frauen erlittenen Gewalt, über die genozidalen Absichten der Hamas, über die moralische Bedeutung der Massaker - die Henker werden freigesprochen, und die Opfer unter Verdacht gestellt, ja als imaginär dargestellt. Die Tatsache, dass Butler als Jüdin und als Frau geboren wurde, sollte uns nicht zurückscheuen lassen klarzustellen, dass wir es hier mit einem doppelten Negationismus zu tun haben: das Massaker an den Frauen betreffend und die Tatsache, dass Israelis ermordet wurden, weil sie Juden waren."

Von der deutschen  Presse (und uns) bisher nicht wahrgenommen wurde ein Artikel Butlers vor ein paar Tagen in Médiapart, wo sie nach ihren Äußerungen vom 3. März zwar nicht zurückrudert, aber einen weniger triumphalen Ton anschlägt. Dennoch bleibt sie dabei:"Der Angriff auf die Hamas im Oktober kam von der bewaffneten Fraktion einer politischen Partei, die den Gazastreifen verwaltet, und ich bin weiterhin bereit, diesen Angriff als eine Form des bewaffneten Widerstands gegen die Kolonisierung und die andauernde Belagerung und Enteignung zu beschreiben. Dies läuft jedoch nicht auf eine Verherrlichung ihrer Gräueltaten hinaus." Den Antisemitismus der Taten scheint sie diesmal nicht in Frage zu stellen: "Antisemitismus und antiarabischer Rassismus müssen gleichermaßen bekämpft werden". Abschließend stellt sie "mit Traurigkeit fest, welche Anstrengungen unternommen werden, um meine Aussagen und meine Arbeit zu verzerren und zu karikieren".

Richard Herzinger beobachtet in der NZZ "eine Tradition der Unterschätzung totalitärer Aggressoren, angesichts deren sich die Frage stellt, ob es einen strukturellen Hang von Demokratien zum Appeasement gibt. Nicht nur gegenüber Putin, auch gegenüber dem Iran und seinen Proxies in Israel falle der Westen in in Verhaltensmuster der dreißiger Jahre zurück. In der Geschichte gab es diese Beschwichtigung sowohl gegenüber dem Nationalsozialismus wie auch gegenüber Kommunismus. Einer von mehreren Faktoren dabei ist paradoxer Weise jener Kapitalismus, ohne den Demokratien nicht leben können: "Die Priorisierung des kurzfristigen ökonomischen Vorteils vor vermeintlich 'weltfremder' demokratischer Moral zieht häufig einen Werterelativismus nach sich, der postuliert, man dürfe nichtwestlichen Kulturen nicht "unsere" normativen Maßstäbe 'aufzwingen'. Dieses scheinbar von Respekt vor kultureller Vielfalt zeugende Argument wird gerne von Wirtschaftsführern vorgeschoben, wenn es ihnen in Wahrheit um ungehinderte Geschäftsbeziehungen mit Despotien geht."

Außerdem: In der taz spricht Harald Welzer mit Nisa Eren über die Relevanz der Kategorien "Ost" und "West".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2024 - Ideen

Buch in der Debatte

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In ihrem gerade erschienenen Buch "Die vulnerable Gesellschaft" diagnostizert die Kölner Rechtsprofessorin Frauke Rostalski eine Ethik der Verletzlichkeit, die dazu führe, dass sich Bürger zunehmend hinter dem Staat verstecken. (Unser Resümee) Die zunehmende Vulnerabilität habe auch mit Diskursverrohung zu tun, sagt sie im Welt-Gespräch: "Zum Thema Diskursverrohung habe ich in meinem Buch etwa den Ukraine-Krieg herangezogen. Relativ früh zu Beginn des Kriegs hatten einige Intellektuelle und Prominente vorgetragen, dass man vielleicht darüber nachdenken sollte, keine schweren Waffen zu liefern. Die Reaktion darauf war kein Einstieg in eine sachliche Debatte, vielmehr folgten direkte Angriffe ad personam. Und das mitunter vonseiten der Politik und der Leitmedien." Aber: "Es gibt keine demokratiegefährdenden Diskurse, solange wir uns im Rahmen des Gesetzes bewegen. Ich empfinde es als sehr problematisch, Diskurse, Personen oder Argumente abzuschneiden, weil wir damit in die Herzkammer unserer Demokratie eingreifen. Und das ist der offene Diskurs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2024 - Ideen

Buch in der Debatte

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Frauke Rostalski, 39, ist Rechtsprofessorin in Köln und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Im Verlag C. H. Beck erscheint dieser Tage ihr Buch "Die vulnerable Gesellschaft". In einem Zeit-Essay wendet sie sich gegen eine Machtübernahme des Snowflakes - sie spricht vornehmer von Ethik der Verletzlichkeit. Menschen, die sich in erster Linie als "vulnerabel" definieren, neigten "dazu, die Lösung darin zu suchen, dass nicht sie selbst, sondern andere für sie die Risikoabwehr übernehmen. Damit die besonders effektiv ausfällt, spricht vieles dafür, direkt den Staat in die Bresche springen zu lassen, ihm die Aufgabe zuzuordnen, sich schützend vor seine Bürger zu stellen, sie vor Risiken weitestgehend zu bewahren. Die vulnerable Gesellschaft erweist sich vor diesem Hintergrund als besonders risikoavers und dabei zugleich als besonders offen gegenüber staatlicher Regulierung zum Schutz der einzelnen Bürger."

Was Judith Butler betreibt, ist eine Auslöschung der Differenzen im Namen der Fluidität, kritisiert Jan Feddersen in der taz. Ohne mit der Wimper zu zucken stellt sie darum Fakten, etwa die Geschlechterdifferenz oder auch schlicht die Vergewaltigung israelischer Frauen in Frage, aber es geht auch um andere Differenzen, etwa den Klassengegensatz, so Feddersen: "Es ist insofern kein Wunder, dass Judith Butlers (und mit ihr die vieler anderer Theoretikerinnen*) wachsende Popularität in Academia mit dem Niedergang des Sozialismus, besser: mit der Abwicklung marxistischer Denkweisen an den westlichen Universitäten zu tun hat. In linken Denkschulen ging es um Interessen, um Kämpfe - nicht um Identitäten, es ging schlicht um Klassenkämpfe, nicht jedoch ums Ringen günstigerer Performanzchancen für Mittelschichtskinder."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2024 - Ideen

Man kann selbstverständlich über den Gazakrieg diskutieren, aber das setzt voraus, dass der 7. Oktober als Verbrechen anerkannt wird, fordert Laura Cazés, die sich in der Jüdischen Allgemeinen mit Judith Butlers jüngstem Vortrag zum Thema auseinandersetzt. Butler hatte behauptet, der Hamas-Überfall am 7. Oktober sein kein Terrorakt, sondern legitimer Widerstand gegen die israelische Besatzung gewesen. Butler postuliere "eine Perspektive, die Gewalt zu einem theoretischen Konstrukt reduziert und das Erleben der Opfer ausklammert. Genau an dieser Schnittstelle findet das entmenschlichende Motiv der antisemitischen Vernichtungssehnsucht seine Anknüpfung. Wo Juden zur abstrakten Hülle werden, werden die Auswirkungen antisemitischer Gewalt - sogar dann, wenn sie eine genozidale Dimension annehmen - zu einer vernachlässigbaren Variable in einer Gleichung, die (so pervers das auch klingt) am anderen Ende nicht ohne die Juden als Verursacher auskommt." Dass Butler in Paris ausdrücklich "as a Jew" sprach - was sie sonst nie tut - macht die Sache auch nicht überzeugender für Cazés: Man kann auch als Jude antisemitische Positionen vertreten, meint sie. Übrigens könne man durchaus für das Existenzrecht Israels sein und gegen die Hamas und sich trotzdem mit der palästinensischen Zivilbevölkerung solidarisieren, dies setzt nur "die Fähigkeit [voraus], Gleichzeitigkeiten zu verstehen und auszuhalten". Die Butler-Interventionen kann man hier inzwischen wieder in Gänze hören.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2024 - Ideen

In der Welt kritisiert die Autorin Christine Brinck den erblichen Flüchtlingsstatus vieler Palästinenser. Ihre Zahl ist seit 1949 von 750.000 auf 5,7 Millionen heute angewachsen, obwohl die meisten von ihnen nie geflohen sind. Ihr Flüchtlingsstatus verhindert jede Entwicklung, meint Brinck und vergleicht die Situation mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: "Ich war mal Flüchtling, wie meine Vorfahren, aber für mich war, wie für die meisten, dieser Status eine Durchgangsstation. Millionen wollen vorwärts- und weiterkommen, dazugehören. Ohne die Erinnerung an die verlorene Heimat zu verweigern, wird ihnen mit jedem neuen Tag klarer, dass sie nicht zum Sehnsuchtsort taugt. Die Millionen wollten so schnell wie möglich die Selbstbestimmtheit erlangen. Lager schaffen Pathologien, es fehlen das Private, die Verantwortung und das Eigene. 75 Jahre Flüchtlings-Kultur wie bei den Palästinensern sind ungesund und unmenschlich. Das Leben stagniert, die Kinder fallen zurück. No future. Vergangenheit ist Selbstblockade."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2024 - Ideen

Die amerikanischen Politologen William J. Dobson und Christopher Walker erklären in einem ganzseitigen Essay für die "Gegenwart"-Seite der FAZ, was sie unter "scharfer Macht" (sharp power) verstehen, Techniken der Einflussnahme von Autokratien, um Demokratien zu unterminieren. Die Demokratien hätten ihre Stärke - Transparenz und Meinungsfreiheit - bei weitem nicht entschieden genug verteidigt. "Weil die Demokratien die Augen vor den korrupten Praktiken autoritärer Regime verschlossen, Selbstzensur übten oder den diktatorischen Machthabern erlaubten, die Bedingungen der Zusammenarbeit zu diktieren, verloren sie und ihre zentralen Institutionen an Boden. So öffneten sich Universitäten in offenen Gesellschaften viel zu bereitwillig den von staatlicher Seite getragenen Konfuzius-Instituten zur Förderung der chinesischen Kultur und Sprache oder ließen auf andere Weise zu, dass autoritär gelenkte Initiativen die akademische Integrität untergraben konnten."

Antisemitismus kann gar nicht links sein, sondern war immer rechts, "das wissen wir aus der Geschichte, aus dem Geschichtsunterricht", erklärt allen Ernstes der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz im FR-Interview mit Michael Hesse. "Die Linke ist ideologisch an sich nicht antisemitisch, weder in der religiösen Spielart des Antijudaismus noch in der rassistischen des Antisemitismus. Wenn man generell gegen Juden Stellung bezieht, ist das Antisemitismus. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die unbedingte, einseitige und völlig unhinterfragte Parteinahme für oder gegen die eine oder die andere Seite das Problem darstellt."

Im Standard-Interview mit Oliver Geyer spricht Alexander Kluge, der vor Kurzem mit Stefan Aust das Buch "Befreit die Tatsachen von der menschlichen Gleichgültigkeit" herausgebracht hat, darüber, wie man der drohenden Gefahr durch die AfD besser begegnen solle. "Wenn ich das Erstarken der AfD betrachte, dann muss ich zurückgehen in das Jahr 1929. Da hätte man den Hitler verhindern können. 20.000 Lehrer und Lehrerinnen in der Erwachsenenbildung hätten den Mann (...) das Handwerk legen können. Dann hätten wir 1945 nicht im Keller sitzen müssen. Auch heute können wir uns um das kümmern, was 2032 nicht passieren soll." Konkreter wird er leider nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2024 - Ideen

Die postmoderne Philosophie glaubt, dass die Welt durch Sprache konstruiert wird. Judith Butlers Äußerungen zum 7. Oktober und ihre tendenzielle Leugnung des Antisemitismus und der sexuellen Gewalt bei den Hamas-Pogromen ist für Andreas Rosenfelder in der Welt so etwas wie der Super-GAU dieses Glaubens: "Auch wenn Judith Butlers Pariser Auftritt fassungslos macht, folgt er doch einer inneren Logik. Wer nur noch die 'strukturelle Gewalt' der Sprache in den Blick nimmt und sich besessen an der symbolischen Ordnung abarbeitet, der wird irgendwann blind für die reale, physische, ereignishafte Gewalt. So ist es fast schon wieder konsequent, dass Butler den Terror als 'Widerstand' bezeichnet und somit einen Lieblingsbegriff der postmodernen linken Zeichentheorie auf das Morden überträgt."

Für den Autor Leander Scholz sind die Resakralisierung der Hagia Sophia durch Erdogan und die Restitution von geraubter Kolonialkunst an die Ursprungsländer Ausdruck eines selben Phänomens, wie er in der NZZ darlegt: "Die Restitution der Gegenstände folgt dabei nicht nur dem Grundsatz, dass unrechtmäßig Erworbenes zurückgeführt werden muss. Es geht darüber hinaus auch darum, dass bedeutende Kulturgüter wieder den angestammten Platz in ihrer Herkunftsgesellschaft einnehmen sollen. Dem liegt die Vorstellung von intakten und integralen Kulturen zugrunde. Auch wenn es für die Rückgabe kolonialer Gegenstände ethische Motive gibt, gehört dieser Prozess der Wiederherstellung ebenso dem tiefgreifenden kulturellen Wandel an, der die erneute Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee bestimmt hat. In diesem Wandel bereitet sich eine neue Weltordnung vor."