Eva Illouz antwortet in einer zornigen Intervention in
Le Monde auf die jüngsten Äußerungen
Judith Butlers, und spricht ihr die Attribute "links" und "feministisch" endgültig ab. Im Gegenteil, eine "
Schlangenölverkäuferin" sei Butler, nicht einmal mehr zu Halbwahrheiten fähig.
Mit Ekel nimmt Illouz die Verklärung der Hamas-Massaker zur Kenntnis, die Butler "mit der
romantischen Vokabel des Widerstands" belege und von Antisemitismus freispricht. Zwei Passagen in Illouz' Text sind besonders niederschmetternd. Die eine betrifft Butlers "
Feminismus". "Was sagt uns Butler am 3. März im Blick auf die unerhörte sexuelle Gewalt, die die Israelinnen in den Händen der Hamas erlitten haben, im Blick auf die Berichte der Presse, der Juristen, der Ärzte, der NGOs, die diese Ausschreitungen dokumentiert haben, im Blick auf die Bilder einer ermordeten jungen Frau, die in Gaza einer jubelnden Menge vorgeführt wird? Sie sagt,
dass sie Beweise sehen will. Und sie sagt das mit dem
skeptischen Schnütchen eines Polizisten vor fünfzig Jahren, der von einer Anklage erhebenden Frau Beweise sehen will." Diese Leugnung der sexuellen Gewalt durch Butler führt Illouz dann dazu, ihr "
Negationismus" - das ist der ursprüngliche französische Begriff für Holocaustleugnung - vorzuwerfen. "Wie bei den Negationisten von einst liegt ihre Strategie darin,
Zweifel zu säen: über die Realität der von den Frauen erlittenen Gewalt, über die genozidalen Absichten der Hamas, über die moralische Bedeutung der Massaker - die Henker werden freigesprochen, und die Opfer unter Verdacht gestellt, ja
als imaginär dargestellt. Die Tatsache, dass Butler als Jüdin und als Frau geboren wurde, sollte uns nicht zurückscheuen lassen klarzustellen, dass wir es hier mit einem
doppelten Negationismus zu tun haben: das Massaker an den Frauen betreffend und die Tatsache, dass Israelis ermordet wurden, weil sie Juden waren."
Von der deutschen Presse (und uns) bisher nicht wahrgenommen wurde
ein Artikel Butlers vor ein paar Tagen in
Médiapart, wo sie nach ihren Äußerungen vom 3. März zwar nicht zurückrudert, aber einen
weniger triumphalen Ton anschlägt. Dennoch bleibt sie dabei:"Der Angriff auf die Hamas im Oktober kam von der bewaffneten Fraktion einer politischen Partei, die den Gazastreifen verwaltet, und ich bin weiterhin bereit, diesen Angriff als eine
Form des bewaffneten Widerstands gegen die Kolonisierung und die andauernde Belagerung und Enteignung zu beschreiben. Dies läuft jedoch nicht auf eine Verherrlichung ihrer Gräueltaten hinaus." Den Antisemitismus der Taten scheint sie diesmal nicht in Frage zu stellen: "Antisemitismus und antiarabischer Rassismus müssen gleichermaßen bekämpft werden". Abschließend stellt sie "mit Traurigkeit fest, welche Anstrengungen unternommen werden, um meine Aussagen und meine Arbeit zu
verzerren und zu karikieren".
Richard Herzinger
beobachtet in der
NZZ "eine Tradition der
Unterschätzung totalitärer Aggressoren, angesichts deren sich die Frage stellt, ob es einen strukturellen Hang von Demokratien zum Appeasement gibt. Nicht nur gegenüber Putin, auch gegenüber dem Iran und seinen Proxies in Israel falle der Westen in in Verhaltensmuster der
dreißiger Jahre zurück. In der Geschichte gab es diese Beschwichtigung sowohl gegenüber dem Nationalsozialismus wie auch gegenüber Kommunismus. Einer von mehreren Faktoren dabei ist paradoxer Weise jener Kapitalismus, ohne den Demokratien nicht leben können: "Die Priorisierung des
kurzfristigen ökonomischen Vorteils vor vermeintlich 'weltfremder' demokratischer Moral zieht häufig einen
Werterelativismus nach sich, der postuliert, man dürfe nichtwestlichen Kulturen nicht "unsere" normativen Maßstäbe 'aufzwingen'. Dieses scheinbar von Respekt vor kultureller Vielfalt zeugende Argument wird gerne von Wirtschaftsführern vorgeschoben, wenn es ihnen in Wahrheit um ungehinderte Geschäftsbeziehungen mit Despotien geht."
Außerdem: In der
taz spricht Harald Welzer mit Nisa Eren über die Relevanz der Kategorien "Ost" und "West".