9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2021 - Kulturmarkt

In der "Pléiade", der berühmten Klassikerbibliothek bei Gallimard, ist gerade unter dem Titel "L'Espèce humaine" ein Band mit wichtigen Erinnerungstexten an das Lagersystem der Nazis erschienen (unser Resümee). In der FAZ erinnert Jürg Altwegg an den Verleger Jacques Schiffrin, der die Pléiade erfunden hatte und sie bis 1940 leitete: "Die Umstände von Schiffrins Ablösung durch Jean Paulhan aber bleiben schleierhaft. Der Historiker Amos Reichman schildert sie in seiner soeben erschienenen Biografie 'Un éditeur en exil' (Le Seuil): Im November 1940 hatte Gaston Gallimard Schiffrin, der seit 1927 französischer Staatsbürger war, entlassen, weil er Jude war. Schiffrin konnte über Marokko nach Amerika fliehen. In New York tat er sich mit dem deutschen Verleger Kurt Wolff zusammen, der im Exil den Verlag Pantheon Books gründete - den später André Schiffrin leitete, der Sohn des Pléïade-Pioniers." Dessen Erinnerungen übrigens bei Wagenbach (siehe Literatur) erschienen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2021 - Kulturmarkt

Bruce Springsteen hat offenbar seine kompletten Rechte an Sony Music verkauft - für eine Summe von einer geschätzten halben Milliarden Dollar, berichtet Benjamin Fischer in der FAZ. "Der Verkauf hatte sich angebahnt, nicht zuletzt angesichts des Ansturms von Finanzinvestoren wie KKR, Blackstone oder Apollo Global Managment auf Rechte an Werken etablierter Künstler, der das schon hohe Preisniveau weiter befeuert. Billboard hatte schon Anfang November über Gespräche berichtet, ohne dass beide Seiten diese kommentierten. Im Falle von Springsteen galt Sony Music allerdings vor allem mit Blick auf die Rechte an den Aufnahmen stets als Favorit für den Zuschlag. Denn Springsteen arbeitet seit 1972 mit dem Sony-Label Columbia Records zusammen. Alle seine Alben sind über dieses erschienen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2021 - Kulturmarkt

Wie wenig der Kunstmarkt mit Kunst zu tun hat, lernt man in Kolja Reicherts Buch "Kryptokunst", schreibt Miryam Schellbach in der SZ. Dabei gehören heute einige der angebotenen Bilder in diesem Bereich zur teuersten Kunst überhaupt. "Jeder kann seine Kunstware als NFT anbieten. Bisher, so schreibt Reichert, ist 'Krypto-Kunst weitestgehend frei von ästhetischem oder konzeptuellem Orientierungssinn', was eine freundliche Formulierung dafür ist, dass hier ein Warhol-PDF unsortiert neben dem Spontan-Selfie einer Unbekannten feilgeboten werden kann. Was davon Kunst ist, wird dann, so ist Reicherts abgründige Beobachtung, einzig und allein dadurch bestimmt, ob es sich zu guten Preisen verkauft, 'die zum historischen Ereignis hochgejubelte Transaktion konstituiert erst das Werk'."

Kryptokunst wird über NFTs verkauft, sogenannte "non-fungible token". Damit kann man auch Filme produzieren, erklärt ebenfalls in der SZ Andrian Kreye. "Das ist vor allem eine basisdemokratische Form des Wirtschaftswesens, bei der sich Computer zusammenschließen und ein System von Vertrauen und Kontrolle automatisieren. Das eliminiert die traditionellen Mittelsmänner wie Banken, Regierungen und Aufsichtsbehörden und überträgt alle Macht dem Kollektiv der Nutzer und Maschinen", so Kreye. Der Filmproduzent Niels Juul will die nächsten Filme von Martin Scorsese so produzieren, so Kreye. "Wobei man alle möglichen Funktionen in so ein NFT einbauen kann. Zum Beispiel, dass die Produzenten und Filmschaffenden an jedem Weiterverkauf beteiligt werden. Was die beiden aber auch erobern, ist eine vollkommen neue Generation Investoren." Juul jedenfalls ist begeistert: "Ich werde zu Marty und all meinen alten Freunden in Hollywood zurückgehen und sagen: Leute, das ist es. Ihr könnt direkt mit eurem Publikum sprechen, und sie können eure Investoren sein. Und ich denke, das ist Demokratisierung und Dezentralisierung." Es gab schon unauffälligere Versuche, Leuten Geld aus der Tasche zu plaudern.

Bei Monopol berichtet Daniel Völzke über die App Clubhouse, die vor einigen Monaten als der neue heiße Scheiß vorgestellt wurde und heute kaum noch jemanden hervorlockt. "Was die Kunstwelt angeht, war Clubhouse indes vor allem der Nebeneffekt eines größeren Hypes: In der App wurde endlos diskutiert, was NFTs sind, wie sie die digitale Kunst verändern und ob sie den Kunstmarkt demokratisieren können. Mehr als einmal wurde in einem Panel die Ansicht vertreten, dass NFTs Galerien und Kunstmessen überflüssig machen würden". Das ist bisher nicht passiert, dafür gleicht das Clubhouse heute "selbst einer Ruine, nur dass bloß noch Kommunikationslüftchen statt Winde hindurchwehen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2021 - Kulturmarkt

Die Leipziger Buchmesse ist der festen Überzeugung, dass sie stattfinden wird (und zwar vom 17. bis 20. März 22), meldet der Buchreport: "Bis Wochenanfang hatten sich laut Buchmesse über 70 Prozent der Aussteller (im Vergleich zum Endstand 2020) mit eigenem Stand angemeldet. Da täglich noch weitere Anmeldungen eingingen, erwartet man aber noch eine höhere Auslastung. Eine Standbuchung ist bis 4 Wochen vor der Messe möglich, so noch Ausstellungsflächen verfügbar sind."
Stichwörter: Leipziger Buchmesse

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2021 - Kulturmarkt

Gerade hatte der Kampa Verlag den österreichischen Verlag Jung und Jung übernommen (unser Resümee), da kommt die Meldung, dass auch Schöffling nun zum Kampa-Portfolio gehört. Claus-Jürgen Göpfert verbindet sie in der  FR mit einem liebevollen Porträt des Verlegers Klaus Schöffling und des Verlags: "Tatsächlich ist Schöffling ein Verlag mit nur wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geblieben, die dafür mit großem Engagement zu Werke gehen. Als das Unternehmen 2016 den mit 50.000 Euro dotierten Binding-Kulturpreis erhielt, kam im Kaisersaal des Frankfurter Römers das gesamte Team auf die Bühne. Gerade einmal zehn Personen zeigten sich da zur Überraschung des Publikums."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2021 - Kulturmarkt

Im Gespräch mit Jochen Knoblach von der Berliner Zeitung spricht Hartwig Masuch, Chef der Bertelsmann Music Group, überaus kritisch über seine Kollegen von der Musikindustrie und ganz besonders über die Majors wie Universal, Sony und Warner. Das Streaming hat für ihn das Musikbusiness verbessert. Dass die Musiker aber aus dem Streaming so wenig Geld beziehen, liegt laut Masuch nicht an Spotify, "sondern an den Verträgen mit der Musikindustrie. Wenn vor Jahren jemand einen Vertrag unterschrieben hat, der ihm oder ihr fünf Prozent vom Verkaufspreis einer Schallplatte zusicherte, dann war das okay. Denn der größte Teil des Umsatzes ging nur dafür drauf, Platten zu pressen und in die Läden zu bringen. Es gab auch fette pauschale Abzüge für Retouren, kaputte Platten und Verpackungen, sogar eine Technologie-Abgabe für die CD. Diese Kosten gibt es im Streaming-Geschäft aber nicht mehr. Also sind fünf Prozent nicht mehr okay." Masuch plädiert für einen Anteil der Musiker von fünfzig Prozent.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2021 - Kulturmarkt

Der Schweizer Kampa Verlag kauft den österreichischen Verlag Jung und Jung, berichtet Michael Wurmitzer im Standard, der auch mit dem achtzigjährigen Verlager Jochen Jung gesprochen hat: "Der Zusammenschluss hilft vielleicht noch bei einem anderen Problem: dass österreichische Autoren, sobald der Erfolg einsetzt, zu großen deutschen Konkurrenten wechseln. 'Das habe ich immer wieder hinnehmen müssen.'"
Stichwörter: Buchbranche, Kampa Verlag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2021 - Kulturmarkt

In der SZ sieht Felix Stephan in dem Streit zwischen Verlagen und Bibliotheken um die "Online-Ausleihe" (Unsere Resümees) eine Fortsetzung des Konflikts um die Reform des Urheberrechts, "nur dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Interessen dieses Mal nicht gegen amerikanische Konzerne verteidigt, sondern gegen deutsche öffentliche Bibliotheken": "Die Verlage sehen in der Onleihe ein Leck in ihrem urheberrechtlichen Hoheitsgebiet, aus dem stetig und unkontrolliert Umsätze entweichen. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands, Andreas Degkwitz, hingegen legt Wert auf die Feststellung, dass die Lizenzen schon heute streng reglementiert sind. Die digitale Ausleihe ist in ihrer bestehenden Form der physischen auf fast komische Weise nachempfunden, obwohl es sich bei E-Books letztlich um Dateien handelt, die mühelos unendlich häufig kopiert und geteilt werden könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2021 - Kulturmarkt

Andreas Platthaus zieht im Leitartikel der FAZ eine traurig klingende Zwischenbilanz der Frankfurter Buchmesse, die immerhin Mut machte zurückzukommen, aber mit nur einem Viertel der Aussteller ein Schatten ihrer selbst ist: "Ein Teufelskreis für die Messe, denn durch das verringerte Angebot an Ausstellern war auch die Motivation für Besucher geringer, vor allem für das Fachpublikum, dem die ersten beiden Tage vorbehalten waren. Erstaunlich, dass die Messe an diesem alten Exklusivitätskonzept festgehalten hat. Auch falsch, wie man nun weiß, denn so herrschte zunächst gähnende Leere auf dem Gelände, was die Stimmung der Aussteller drückte."

Die schwarze Grünen-Politikerin Aminata Touré teilt zwar die Kritik an der Präsenz rechtsextremer Verlage auf der Buchmesse, hat sich aber trotzdem entschieden zu kommen. Im Gespräch mit Hadija Haruna-Oelke von der FR erklärt sie, warum sie der Argumentation der Buchmesse zum Thema nicht folgt: "Den Verweis auf Meinungsfreiheit bei rechten Positionen finde ich höchst problematisch. Diese Debatten führen wir seit Ewigkeiten, und wir sprechen hier ja dezidiert über Verlage, die andere Menschen abwerten. Wenn man das unter dem Spektrum der Meinungsvielfalt dulden möchte, ist das problematisch. Ich berufe mich auf die Würde des Menschen, die unantastbar ist. Genau mit diesem Grundsatz brechen Rechte." Auch Dirk Knipphals kommt in der taz nochmal auf die Debatte zurück. Und Andreas Speit, Autor mehrerer Bücher über Rechtsextremismus, erzählt, wie er von dem Verleger und einem Autor des Jungeuropa Verlags bedroht wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2021 - Kulturmarkt

Die Satzung der Buchmesse "sieht vor, dass der Veranstalter 'keinerlei Zensur' ausübt und dass eine Ausstellung von Werken nur dann unzulässig ist, wenn deren 'Herstellung, Verbreitung oder Einfuhr von Gerichten der Bundesrepublik Deutschland verboten' worden ist", schreibt Maria Delius in der Welt zum Buchmessen-Boykott verschiedener AutorInnen (Unsere Resümees). Auch Jasmina Kuhnkes Verweis auf Bedrohung will Delius nicht gelten lassen: "Hat nicht auch Salman Rushdie die Messe besucht, noch in Hochzeiten der Fatwa-Bedrohung?  (…) Nun ist es Jasmina Kuhnkes gutes Recht, als Opfer von Rassismus ihren Auftritt abzusagen, genauso wie es ihr frei steht, offen anzuklagen, dass sie bedroht wird. Aber gerade eine Autorin sollte doch die hermeneutische Genauigkeit und das Gespür für chronologische Abläufe besitzen, rhetorisch aus einem neurechten Verlagsstand als solchem nicht einen Nazi-Aufmarsch zu machen und daraus dann eine Legitimation für einen Boykott zu begründen; zu suggerieren, die Buchmesse bereite geradezu bereitwillig Rassisten eine breite Bühne, ist schlicht unredlich. Letztlich zeigt sich eine Verschiebung: wie der aufgeklärte Öffentlichkeitsbegriff angegriffen wird durch die Impulse einer aktivistischen Mobilisierung, die lieber absagt statt hinschaut."

Genau nach dieser Form von Aufmerksamkeit, die ihnen in den letzten Tagen zuteil wurde, gieren die rechten Verlage, schreibt der Schriftsteller Tijan Sila auf Facebook. Widerstand gegen Rechte ist sinnvoll, aber man sollte ihnen dabei nicht einfach nur Schlagzeilen und Raum liefern: "Jede Sekunde der PR, die die drei Rechten gestern bekamen (sie schafften es sogar ins Fernsehen, einer trug ein Rammstein-Shirt), ging auf Kosten von Schriftsteller:innen."

Nur ein Viertel der Aussteller ist dieses Jahr auf der Messe anwesend und auch sonst ist eine veränderte Stimmung spürbar, notiert Paul Jandl in der NZZ: "Die Schwerpunkte verschieben sich. Literarische Autoren müssen mit ihrer Biografie zunehmend für das geradestehen, was sie da schreiben. Das Identitätsthema ist das trojanische Pferd des Büchermachens. Es trägt eine Weltoffenheit in sich und zugleich Tendenzen der Abschottung. (…) Jo Lendle, Chef des Hanser-Verlags, meint zu den Debatten: 'Wie gehen wir mit Empfindlichkeitsbewegungen um? Kann man sich noch auf Zentren einigen, oder adressieren wir eigentlich nur noch voneinander unabhängige Bubbles?'"