9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Kulturmarkt

Der langjährige Direktor der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, will an die Zukunft der Veranstaltung glauben. In die Kritik an den Konzernverlagen, die die Messe nie gemocht hätten, will er im Gespräch mit Torsten Casimir vom Börsenblatt nicht einstimmen. "Eins will ich festhalten: Dass sich jetzt die Konzernverlage mit einem klaren Bekenntnis zur Leipziger Buchmesse zu Wort melden, ist für mich zunächst einmal kein schlechtes Zeichen. Wir nehmen das beim Wort. Und es zeigt doch: Die Absagen hatten in allererster Linie mit der Pandemie zu tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2022 - Kulturmarkt

Als kulturelles Desaster vor allem für Ostdeutschland wertet Felix Stephan in der SZ die Absage der Leipziger Buchmesse, die in den Zentralen der großen Buchkonzerne in München, Frankfurt und Stuttgart getroffen wurde. Dass sich diese Verlage aber durchaus auf der Lit.Cologne in Köln oder den Buchmessen in Bologna und London zeigen, muss Leipzig besonders bitter treffen: "Wirtschaftlich gesehen ergibt es für die Verlage also durchaus Sinn, die Frühjahrsmesse nach Köln zu verlegen: Wie die Lit.Cologne ist Leipzig mittlerweile ein reines Publikumsfestival, die großen Deals werden längst in Frankfurt und London abgeschlossen. Nur ist Leipzig eben auch das zentrale Monument der ostdeutschen Lesekultur, und dass die Entscheidung über die Absage nun in München, Stuttgart oder Frankfurt getroffen wurde, jedenfalls sicher nicht in Leipzig, ist ein Detail, das die Lage nicht unbedingt entspannt. Mit ihren Besatzern hätten die Ostdeutschen gleich doppelt Pech gehabt, schrieb der Leipziger Germanist Dirk Oschmann kürzlich sinngemäß in der FAZ: Erst kamen die Sowjets, dann die Westdeutschen."

In der taz sieht Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlags, hinter der Absage an Leipzig weniger einen Ost-West-Konflikt als vielmehr eine betriebswirtschaftliche Offensive der Konzerverlage: "Tatsächlich wird der Buchmarkt immer stärker durchkapitalisiert. Bürgerliche Clubs wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der von seinen Mitgliedern Traditionsbewusstsein und Einhaltung ungeschriebener Regeln, ja, sogar Fairness erwartet, merken dies etwa daran, dass Großverlage und Buchhandelsketten die Buchpreisbindung hinterfragen, die zwar die Vielfalt in der Branche stärkt, aber eben nicht den schnellen Cent einbringt. In den Sonntagsreden der Branchenprominenz sieht dies noch anders aus, in den Gremien gärt es jedoch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2022 - Kulturmarkt

Offenbar "waren die bösen Geister der Vergangenheit nicht wirklich tot", schreibt der ehemalige Verleger und Literaturhausleiter Rainer Moritz in der FAZ mit Blick auf die Absage der Leipziger Buchmesse. Eine Messe wäre möglich gewesen, aber Leipzig war bei den sämtlich westdeutsche Konzernverlagen seit je unbeliebt, so Moritz und erinnert an die frühen Jahre nach dem Mauerfall, als die großen Verlage quasi nur symbolisch kamen. Zu Frankfurt ist das Verhältnis anders: "Natürlich weiß jeder halbwegs Branchenkundige, dass - hätte man in den Verlagen so viel Einsatz gezeigt wie im vorigen Herbst, als man in Frankfurt eine Notmesse auf die Beine stellte - eine Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr unter klaren Auflagen möglich gewesen wäre. Die Macht der Konzerne hat die Messeleitung in die Knie gezwungen, zum Schaden der kleinen oder mittleren Verlage, für die Leipzig besonderes Gewicht hat."

Eine ganze Reihe von AutorInnen fordert in einem Aufruf, den das Börsenblatt veröffentlicht: "Macht die Buchmesse auf! Wir wollen lesen!"

"Gewissenlos" nennt Jens Christian Rabe heute in der SZ die "True Crime Story", die Harper Collins mit Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank: A Cold Case Investigation" (Unsere Resümees) vorgelegt hat: "Erkundigt man sich in der deutschen Verlagsszene ein wenig über die Geschichte des Buchs, landet man tief im Non-Fiction-Bestseller-Engineering, also der planmäßigen Herstellung von internationalen Sachbuch-Erfolgen. Auf der Londoner Buchmesse 2018 war das Projekt, das eine niederländische Literaturagentur anbot, eines der am heißesten gehandelten. Die Reizwörter damals wie heute: Anne Frank, Verrat, Cold Case Team, FBI, AI. Von Anfang an sei es bei der Bieterschlacht deshalb um viel Geld gegangen, obwohl bloß - nicht unüblich in solchen Fällen - ein kurzer 'Pitch' vorgelegen habe, also eine kleine Skizze des Projekts, ohne Recherche-Ergebnisse. Den Zuschlag bekam Harper Collins. Mutmaßlich für einen Betrag, der siebenstellig gewesen sein könnte - und den spätere Verkaufszahlen natürlich rechtfertigen müssen. Skrupel, Umsicht und Sorgfalt stehen da eher im Weg."

Unterdessen hat das Ermittlerteam, das den Verrat an Anne Frank neu untersucht hat, die Kritik an seinen Ergebnissen zurückgewiesen, meldet die Berliner Zeitung mit dpa. Der frühere FBI-Kommissar und Leiter der Untersuchung, Vincent Pankoke, "sprach von einem Frontal-Angriff - vor allem von Medien in den Niederlanden. 'Mit Medien, die offenbar nur eine Seite der Geschichte präsentieren, kann man einen Fall leicht vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gewinnen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2022 - Kulturmarkt

Zum dritten Mal in Folge wurde nun die Leipziger Buchmesse abgesagt, nicht durch die Stadt Leipzig, sondern aufgrund vieler Verlage, die ihre Teilnahme absagten. Nun steht nicht nur die Zukunft der Messe auf dem Spiel, sondern auch der Vorwurf im Raum, dass die drei großen Verlagsgruppen Randomhouse, Holtzbrinck und der schwedische Bonnier-Konzern "am Beispiel der Leipziger Buchmesse ausprobieren wollten, wie groß ihre Macht tatsächlich ist", schreibt Felix Stephan in der SZ: "Der Vorstoß der Konzerne sorgt ... auch deshalb für so viel Ärger, weil er ökonomisch kurzsichtig, gesellschaftlich rücksichtslos und für die kulturelle Landschaft schädlich ist: Während der Messewochen ist das Buch eines der medial bestimmenden Themen. Die Aufmerksamkeit, die diese Großereignisse herstellen, kommen nicht zuletzt kleineren Verlagen und (noch!) unbekannteren Autoren zugute. Malchow befürchtet in diesem Sinne, ohne die Messen werde sich ein Trend noch verstärken, der seit Beginn der Pandemie zu beobachten ist: Die Verkaufsschlager", die vor allem aus den Konzernen kommen.

Merken wir dazu an, dass auch die Zeitungen eine Rolle in diesem Spiel spielen. Die Zeit, der es so prächtig geht, hat heute keine einzige Buchkritik (als der Perlentaucher anfing, hatte sie ein ganzes "Buch" für Kritiken). Die Welt bringt nur noch einmal im Monat Kritiken. Wo die NZZ ihre Kritiken versteckt, ist auch nicht so ganz klar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2022 - Kulturmarkt

In Frankreich will Vivendi die zweitgrößte Verlagsgruppe des Landes, Hachette, übernehmen. "Das eingespielte Kräfteverhältnis zwischen zwei großen und drei mittelgroßen Verlagsimperien im Land wäre dahin. Es blieben ein Riese und ein paar halbwüchsige Zwerge", erklärt Joseph Hanimann in der SZ. Ähnliche Befürchtungen hat auch Antoine Gallimard, Chef der drittgrößten französischen Verlagsgruppe Madrigall: "Die Marktdominanz eines Einzigen zerstöre die Dynamik des Wettbewerbs, erklärt er und befürchtet, dass der künftige Koloss seine internationale Entwicklungsstrategie zulasten des französischen Buchmarkts betreiben werde. Überdies beunruhigt den Gallimard-Chef auch, dass der neue Großkonzern den kompletten Zyklus von Verlags- und Vertriebsbereich, über die Medien, bis zur Werbeagentur Havas in seiner Hand hätte." Es ist aber noch längst nicht ausgemacht, ob Brüssel dem zustimmen wird. Vivendi gehört überdies in großen Teilen dem fundamentalistischen Katholiken Vincent Bolloré, einem der Hauptfinanziers des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour (unser Resümee).

Die Penguin Random House Verlagsgruppe hat erklärt, dass sie nicht mit einem Stand an der Leipziger Buchmesse teilnehmen will, meldet das Börsenblatt. Der Verlag bedaure sehr, aber bei Randomhouse gelte nach wie vor die Home-Office-Pflicht und man wolle den Mitarbeitern die Messe nicht zumuten."Zugleich habe man die Messeleitung gebeten, der Verlagsgruppe in diesem Jahr dennoch eine Teilnahme an 'Leipzig liest' zu ermöglichen, 'diesem großartigen Lesefest'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2022 - Kulturmarkt

Der Amsterdamer Verlag Ambo Anthos, in dem das neue Buch über den Verrat an Anne Frank erschienen ist, hat sich entschuldigt, berichten in der SZ Thomas Kirchner und Jens-Christian Rabe. "Eine 'kritischere Haltung' zu den dem Buch zugrunde liegenden Recherchen wäre möglich gewesen, schreibt nun Tanja Hendriks, die Verlegerin von Ambo Anthos, in einer internen E-Mail an die Verlagsautoren, über die niederländische Medien am Montag berichteten. Eine zweite Auflage, so Hendriks, werde deshalb vorerst nicht gedruckt." Auch der deutsche Verlag, ein Ableger von HarperCollins, überprüft das Buch jetzt erst, so Rabe und Kirchner, die sich wundern, "dass so brisante Recherchen von den Verlagen, die sie veröffentlichen wollen, vorab offenbar nicht wirklich geprüft werden. Denn ob nun beabsichtigt oder nicht, bedient das Buch die Erzählung, die Juden selbst seien beteiligt gewesen am Holocaust. Dieses Narrativ war und ist im besten Fall fadenscheinig relativistisch, im schlimmsten blank antisemitisch. Schon deshalb führte das Buch bislang zu viel Entsetzen und Kritik."
Stichwörter: Frank, Anne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2022 - Kulturmarkt

Die Frankfurter Buchmesse sollte, falls sie nochmal stattfindet, rechtsextreme Verlage grundsätzlich ausschließen, fordert die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth im Interview mit Florian Leclerc von der FR. Das geht ganz einfach, meint sie: "Die Buchmesse sollte die Öffentlichkeit frühzeitig informieren, welche Verlage im Anmeldeverfahren sind. Es würde reichen, rechte Verlagsprogramme in ihrer Hauptlinie zu bewerten, man muss nicht jedes einzelne Buch lesen. Wer ist der Betreiber des Verlags? Ist er mit organisierten rechtsradikalen Kreise verbunden? Wie tritt er im Netz und auf der Straße auf? Das können Historiker:innen, Wissenschaftler:innen und erfahrene Antifaschist:innen ohne Probleme in kurzer Zeit herausarbeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2022 - Kulturmarkt

Die Coronakrise hat nicht nur erfolgreichen Theatern mehr geschadet als weniger erfolgreichen, weil die erfolgreichen einen größeren Teil ihrer Einnahmen aus dem Kartenverkauf erzielten, sie hat auch längerfristige Tendenzen offengelegt, schreibt Ralph Bollmann in der FAS. Akteure wie der Würzburger Operndirektor Berthold Warnecke verlangen, "dass die Branche aus der neuen Lage auch neue Konsequenzen zieht. 'Die Pandemie hat gesellschaftliche Entwicklungen beschleunigt, sie hat den Leuten zum Beispiel die Entscheidung abgenommen, ob sie ihr Theaterabo kündigen oder nicht', sagt er. 'Plötzlich war die Möglichkeit da, sich neu zu orientieren.' Im September und Oktober, als die Theater phasenweise ganz ohne Beschränkungen spielen durften, konnte er sogar die reduzierten Plätze in einem baubedingten Ausweichquartier nur mit Mühe füllen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2021 - Kulturmarkt

Für die SZ hat Miryam Schellbach den Schweizer Kampa Verlag besucht, der gerade den Frankfurter Schöffling und den Salzburger Jung-und-Jung-Verlag gekauft hat. (Unsere Resümees) Das Geld für den Kauf habe er sich bei Freunden geliehen, erklärt ihr Verleger Daniel Kampa, der lieber von "Kooperation" sprechen möchte. Der Verlag solle nach dem Prinzip "geteilter Ressourcen" funktionieren: "Die 'Backup-Synergien' kleiner Verlage seien die einzige Antwort auf die Krise des Buchmarkts, sagt Kampa, Kleinstverlage müssten sich zusammen organisieren, den teuren Vertrieb oder die aufwendige Netzwerkpflege teilen, einander helfen bei den komplizierten Lizenzverhandlungen und ein selbstbewussteres Gegengewicht gegenüber den Handelsfilialen und, ja, auch den Onlinehändlern bilden. Die Übernahmen sind so gesehen eine Kampfansage an die Konzentrationen in der Buchbranche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2021 - Kulturmarkt

Im Interview mit der FR erklärt der Verleger Daniel Kampa, warum es eine gute Sache ist, dass er die Verlage Schöffling und Jung und Jung übernommen hat: "Der Zusammenschluss ist eine Überlebensstrategie. Wir wollen unsere Zukunft sichern. Damit literarische Verlage auch in fünf oder zehn Jahren noch existieren. Es geht hier nicht um Wachstum. Mein Verlag ist so groß wie Schöffling, wir sind acht Leute und wollen auch nicht zu groß werden."