9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2022 - Kulturmarkt

So wie Deepl und Google Translate den Übersetzern Kopfzerbrechen bereiten dürften, gibt es in der Branche der Sprecher und Vorleserinnen Sorge vor automatisierten Stimmen, berichtet Fridtjof Küchemann, der für die FAZ mit verschiedenen Akteuren der Branche gesprochen hat. Mit künstlicher Intelligenz und immer echter klingenden Stimmen wollen darauf spezialisierte Firmen ganze Kontinente bisher unvorgelesener Texte erobern. "Bei Polly, dem Text-to-Speech-Angebot der Amazon-Tochter AWS mit 68 Stimmen in dreißig Sprachen im Angebot, erlauben sogenannte SSML-Tags im für die maschinelle Sprachproduktion vorgesehenen Text die Steuerung und Korrektur von Atmung, Betonung oder sogar dem Timbre einer Stimme. Der Befehl lässt die Stimme scheinbar Luft holen, lässt sie flüstern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2022 - Kulturmarkt

500 Jahre nach Erfindung des Taschenbuchs kommt die "Demokratisierung des Wissens" ausgerechnet durch Open-Access-Publikationen an ihr Ende, schreibt der Kulturwissenschaftler Jan Söffner in der NZZ. Durch digitale Übertragungswege sei der Preis für die Verbreitung von Texten faktisch auf null gegangen: "Gefördert wurde dieses Geschäftsmodell von der Politik wie auch von vielen Universitäten - und zwar dadurch, dass sie Open-Access-Publikationen, also digitale Gratispublikationen, einforderten. Sie verlangten damit unwissentlich, dass akademische Bücher in den Orkus irgendwelcher Massenspeicher versenkt und dort, wenn überhaupt, von akribisch suchenden Wissenschaftern aufgefunden werden sollten." Aber auch mit dem Gegenteil von Open Access, nämlich Wissenschaftsverlagen wie Elsevier kann Söffner nichts anfangen: "Der Preis für das Buch beziehungsweise die Online-Lizenzen wird so hoch gesetzt, dass die Universitäten, die zum Kauf verpflichteten Wissenschaftsbibliotheken und indirekt die Steuerzahler das Geschäft der Konzerne auch an dieser Stelle finanzieren." Die Antwort auf diese Problematik ist laut Söffner das Taschenbuch!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2022 - Kulturmarkt

Julia Hubernagel beschreibt in der taz, wie der Papiermangel in der Verlagsindustrie und die Weltpolitik zusammenhängen: "An welch dünnen Fäden eigentlich ein Betrieb in einer globalisierten Welt hängt, wird gerade wieder anschaulich. Reprodukt druckt viel in Litauen. Die litauischen Druckereien arbeiten jedoch mit ukrainischen Lkw-Unternehmen zusammen, deren Fahrer wiederum gerade im Krieg kämpfen. Probleme bereite zudem China", sagt Reprodukt-Sprecher Filip Kolek. "Shanghai befindet sich in einem strengen Lockdown, die Häfen sind dicht. US-Verlage ließen viele ihrer Bücher in China drucken und schwenken kurzfristig nun auf Osteuropa um, was die europäischen Verlage unter Druck setze, die auf die dortigen Druckereien angewiesen seien."
Stichwörter: Papiermangel, Litauen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2022 - Kulturmarkt

Moritz Baumstieger wirft für die SZ einen Blick ins direkt neben Dubai gelegene Emirat Schardscha, das sich nach einer Initiative des (an sich erzkonservativen) Scheichs Sultan bin Muhammed al-Quassimi anschickt ein Global Player im Literaturbetrieb zu werden. "Als reines Mäzenatentum ist diese Kulturförderung aber nicht zu verstehen - sie ist gleichzeitig Investment. Auch wenn die Geschäfte mit den Rohstoffen glänzend laufen, hat man in den Emiraten verstanden, dass das fossile Zeitalter zu Ende geht. Neben Messen für Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur hat die 2014 von der Regierung geschaffene 'Shardjah Book Authority' eine 'Publishing City' errichtet, eine Freihandelszone für Verlage und Buchgewerbe, mit Büro- und Lagerräumen und Druckereien, die - ganz unbescheiden - einmal zur Drehscheibe für den Buchmarkt weltweit werden soll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2022 - Kulturmarkt

Der Verlag Ambo/Anthos zieht die niederländische Ausgabe des umstrittenen Buches über den Verrat an Anne Frank zurück, bittet um Entschuldigung und die Buchhandlungen darum, die bereits gelieferten Bestände zurückzuschicken, meldet Jens-Christian Rabe in der SZ. (Unser Resümee) Am Dienstagabend habe ein "niederländisches Forscherteam um den Historiker Bart Wallet, Professor für jüdische Geschichte an der Universität Amsterdam, seine Überprüfung der im Buch präsentierten neuen Ermittlungen zum Verrat von Anne Frank vorgestellt. Die Veranstaltung war eine "Demontage erster Klasse", so Rabe weiter: "In dem 70-seitigen Report Wallets und seiner Kollegen werden die vermeintlichen Fakten und die Methoden des Cold Case Teams tatsächlich skrupulös und eindrucksvoll detailliert zerlegt. Das Cold Case Team behauptet, Arnold van den Bergh hätte das Wissen, das Motiv und die Gelegenheit gehabt, das Versteck zu verraten. Der Report zeigt dagegen, dass alle diese Unterstellungen auf Quellenmissbrauch und amateurhaften Schlussfolgerungen beruhen."
Stichwörter: Frank, Anne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2022 - Kulturmarkt

Jonathan Franzen, Martin Mosebach und weitere namhafte Autoren verlassen den Rowohlt Verlag, meldet Mara Delius in der Literarischen Welt, sie alle gehen zu dtv und damit zur früheren Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz. Delius geht ausführlich den Verwerfungen nach, die Rowohlt erschüttern, seit der Holtzbrinck Konzern seine Verlage nach dem Vorbild von Randomhouse auf mehr Effizienz und Zentralismus trimmen möchte: "2018, in jener Zeit kurz bevor Barbara Laugwitz Rowohlt verließ, war Joerg Pfuhl bei Holtzbrinck der für die Bucherlage zuständige CEO, Chief Executive Officer, davor hatte er dieselbe Position bei Random House innegehabt. Als Pfuhl begann, die jeweiligen Führungskräfte von Rowohlt, S. Fischer, Kiepenheuer & Witsch und Droemer Knaur zu einer übergeordneten Leitungsgruppe zusammenzustellen, gefiel Laugwitz das nicht. Sie pochte auf die grundsätzliche Eigenständigkeit des Verlags und stellte sich damit auch gegen Bestrebungen ihres kaufmännischen Geschäftsleiters Peter Kraus vom Cleff, der gleichzeitig, von Pfuhl eingesetzt, auch als COO, Chief Operating Officer, der Leitungsgruppe agieren sollte. Pfuhl gab dabei auf einer Mitarbeiterversammlung die Losung aus, man möge nicht mehr von den Verlagen Rowohlt oder Fischer im Einzelnen sprechen, sondern bitte von 'HBU', den Holtzbrinck-Buchverlagen. In einem Informationsnewsletter der Geschäftsleitung schrieb Pfuhl 2018, die gemeinsame Geschäftsleitung sei 'für die Koordination und strategische Entwicklung'der Verlagsgruppe 'von hoher Bedeutung', trete aber 'nicht nach außen in Erscheinung'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Kulturmarkt

Einige kleine Verlage haben nun eine Leipziger Ersatzmesse organisiert, freut sich Tilman Spreckelsen in der FAZ. Teilnehmen werden aber auch "Verlage wie Aufbau, C. H. Beck, Hanser und Suhrkamp, aber auch Kampa, Klett-Cotta, Matthes & Seitz oder Schöffling - die Namen der sogenannten Konzernverlage fehlen. Auf sie hatte sich in der Berichterstattung nach der Absage der Messe einiger Unmut konzentriert, obwohl besonnenere Stimmen wie die des Messedirektors Oliver Zille vor einseitigen Schuldzuweisungen - West gegen Ost, Groß gegen Klein - gewarnt hatten."

Die Absage der Leipziger Buchmesse, die durch die Absage wichtiger Akteure nötig wurde, zeigt, dass sich die Buchbranche wie auch Publikum fragmentieren, schreibt Buchmarktexperte Rüdiger Wischenbart in seinem Blog. Und in anderen Ländern geht's noch brutaler zu: "In New York ist nach Jahren der zunehmenden Erosion die größte Business Veranstaltung der Buchbranche, die BookExpo America, de facto eingestellt worden. Immer weniger war den großen Akteuren in der nationalen Book Industry zu vermitteln gewesen, warum sie sich Raum und Aufmerksamkeit mit allen möglichen Anderen aus der vermeintlich gemeinsamen Branche hätten teilen sollen. Lieber arrangierten jene, die es konnten, die Meetings in den eigenen Büros in Manhattan. Da blieb man unter sich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2022 - Kulturmarkt

Den Konzernverlagen die Schuld an der Absage der Leipziger Buchmesse zu geben, ist Adam Soboczynski in der Zeit zu einfach. Generell fehlte es den Verlagen an Mut und "Risikobereitschaft", überhaupt müsse sich das Kulturmilieu die Frage gefallen lassen, "ob es in all den Monaten zum Teil rigider Gesundheitspolitik, die für lange Zeit nicht einmal Veranstaltungen mit Masken zuließ, nicht zu duldsam, zu verständnisvoll, zu staatsfromm eingestellt war. Wer so lange die Verdrängung der liberalen Öffentlichkeit hinnahm, braucht am Ende nicht überrascht zu sein, wenn sie tatsächlich wegrationalisiert wird."

Die Zeit hat außerdem AutorInnen wie Thea Dorn, Anke Stelling oder Jonas Lüscher zur Absage befragt. Für Dorn passt sie "in das Bild, das die 'Kulturnation' Deutschland seit zwei Jahren bietet: Kultur lässt sich bereitwillig als 'nicht systemrelevant' einstufen, folgt weitestgehend widerspruchslos dem neuen kategorischen Imperativ, der da lautet: Handle so, dass du alles unterlässt, wodurch du dich, deine Mitarbeiter und dein Publikum einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzt!" Auch Julia Schoch ärgert sich: "Die Unterwerfung kultureller Dinge - speziell von Büchern - unter marktwirtschaftliche Ansprüche ist an sich schon fatal bis widerlich. Doch selbst wenn man sich auf diese Ebene begibt, lässt sich sagen: Der Umsatz an Büchern, Emotionen, Leserbindung nehmen zuverlässig dort zu, wo Schreibende und Lesende sich begegnen. Die Verkaufszahlen von Büchern sind mittlerweile eng an den Kontakt zwischen beiden geknüpft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Kulturmarkt

Der langjährige Direktor der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, will an die Zukunft der Veranstaltung glauben. In die Kritik an den Konzernverlagen, die die Messe nie gemocht hätten, will er im Gespräch mit Torsten Casimir vom Börsenblatt nicht einstimmen. "Eins will ich festhalten: Dass sich jetzt die Konzernverlage mit einem klaren Bekenntnis zur Leipziger Buchmesse zu Wort melden, ist für mich zunächst einmal kein schlechtes Zeichen. Wir nehmen das beim Wort. Und es zeigt doch: Die Absagen hatten in allererster Linie mit der Pandemie zu tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2022 - Kulturmarkt

Als kulturelles Desaster vor allem für Ostdeutschland wertet Felix Stephan in der SZ die Absage der Leipziger Buchmesse, die in den Zentralen der großen Buchkonzerne in München, Frankfurt und Stuttgart getroffen wurde. Dass sich diese Verlage aber durchaus auf der Lit.Cologne in Köln oder den Buchmessen in Bologna und London zeigen, muss Leipzig besonders bitter treffen: "Wirtschaftlich gesehen ergibt es für die Verlage also durchaus Sinn, die Frühjahrsmesse nach Köln zu verlegen: Wie die Lit.Cologne ist Leipzig mittlerweile ein reines Publikumsfestival, die großen Deals werden längst in Frankfurt und London abgeschlossen. Nur ist Leipzig eben auch das zentrale Monument der ostdeutschen Lesekultur, und dass die Entscheidung über die Absage nun in München, Stuttgart oder Frankfurt getroffen wurde, jedenfalls sicher nicht in Leipzig, ist ein Detail, das die Lage nicht unbedingt entspannt. Mit ihren Besatzern hätten die Ostdeutschen gleich doppelt Pech gehabt, schrieb der Leipziger Germanist Dirk Oschmann kürzlich sinngemäß in der FAZ: Erst kamen die Sowjets, dann die Westdeutschen."

In der taz sieht Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlags, hinter der Absage an Leipzig weniger einen Ost-West-Konflikt als vielmehr eine betriebswirtschaftliche Offensive der Konzerverlage: "Tatsächlich wird der Buchmarkt immer stärker durchkapitalisiert. Bürgerliche Clubs wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der von seinen Mitgliedern Traditionsbewusstsein und Einhaltung ungeschriebener Regeln, ja, sogar Fairness erwartet, merken dies etwa daran, dass Großverlage und Buchhandelsketten die Buchpreisbindung hinterfragen, die zwar die Vielfalt in der Branche stärkt, aber eben nicht den schnellen Cent einbringt. In den Sonntagsreden der Branchenprominenz sieht dies noch anders aus, in den Gremien gärt es jedoch."