Offenbar "waren die bösen Geister der Vergangenheit nicht wirklich tot", schreibt der ehemalige Verleger und Literaturhausleiter
Rainer Moritz in der
FAZ mit Blick auf die Absage der
Leipziger Buchmesse. Eine Messe wäre möglich gewesen, aber Leipzig war bei den sämtlich westdeutsche
Konzernverlagen seit je unbeliebt, so Moritz und erinnert an die frühen Jahre nach dem Mauerfall, als die großen Verlage quasi nur symbolisch kamen. Zu Frankfurt ist das Verhältnis anders: "Natürlich weiß jeder halbwegs Branchenkundige, dass - hätte man in den Verlagen so viel Einsatz gezeigt wie im vorigen Herbst, als man
in Frankfurt eine Notmesse auf die Beine stellte - eine Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr unter klaren Auflagen
möglich gewesen wäre. Die Macht der Konzerne hat die Messeleitung in die Knie gezwungen, zum Schaden der kleinen oder mittleren Verlage, für die Leipzig besonderes Gewicht hat."
Eine ganze Reihe von AutorInnen fordert
in einem Aufruf, den das
Börsenblatt veröffentlicht: "
Macht die Buchmesse auf! Wir wollen lesen!"
"Gewissenlos" nennt Jens Christian Rabe heute in der
SZ die "True Crime Story", die Harper Collins mit
Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank: A Cold Case Investigation" (
Unsere Resümees) vorgelegt hat: "Erkundigt man sich in der deutschen Verlagsszene ein wenig über die Geschichte des Buchs, landet man tief im
Non-
Fiction-
Bestseller-
Engineering, also der planmäßigen Herstellung von internationalen Sachbuch-Erfolgen. Auf der Londoner Buchmesse 2018 war das Projekt, das eine niederländische Literaturagentur anbot, eines der am heißesten gehandelten. Die Reizwörter damals wie heute: Anne Frank, Verrat, Cold Case Team, FBI, AI. Von Anfang an sei es bei der
Bieterschlacht deshalb um viel Geld gegangen, obwohl bloß - nicht unüblich in solchen Fällen - ein kurzer 'Pitch' vorgelegen habe, also eine kleine Skizze des Projekts, ohne Recherche-Ergebnisse. Den Zuschlag bekam Harper Collins. Mutmaßlich für einen Betrag, der
siebenstellig gewesen sein könnte - und den spätere Verkaufszahlen natürlich rechtfertigen müssen. Skrupel, Umsicht und Sorgfalt stehen da eher im Weg."
Unterdessen hat das Ermittlerteam, das den
Verrat an Anne Frank neu untersucht hat, die Kritik an seinen Ergebnissen zurückgewiesen,
meldet die
Berliner Zeitung mit
dpa. Der frühere FBI-Kommissar und Leiter der Untersuchung,
Vincent Pankoke, "sprach von einem
Frontal-
Angriff - vor allem von Medien in den Niederlanden. 'Mit Medien, die offenbar nur
eine Seite der Geschichte präsentieren, kann man einen Fall leicht vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gewinnen.'"