9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1451 Presseschau-Absätze - Seite 48 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2022 - Kulturpolitik

In der Welt fragt sich Thomas Schmid, warum der Documenta-Skandal eigentlich so locker an Kulturstaatsministerin Claudia Roth vorbeigegangen ist, obwohl auch sie lange abgewiegelt und heruntergespielt habe. Für Roth ist Kultur eben vor allem "Mittel zum Zweck. Der Völkerverständigung. Des wechselseitigen Respekts. Des Abbaus von Vorurteilen und rassistischen Einstellungen usw.", da passte Ruangrupa einfach zu gut rein. Aber wenn sie etwa in dem Aufruf "Für eine gemeinsame Kultur der Demokratie in Europa" schreibt, dass wir "alle dasselbe Ziel haben. Das einer guten und gemeinsamen Zukunft, des friedlichen Zusammenlebens und der demokratischen Selbstbestimmung", dann ist das für Schmid weniger menschenfreundlich als autoritär: "Die Ministerin dekretiert nämlich, was sie gar nicht wissen kann: dass wir alle dasselbe Ziel haben. Und dass die Kultur, einer Magd der Politik gleich, die Aufgabe habe, uns immer wieder darauf zu stoßen. Keine Spur von Freiheit, Wagnis, Differenz, Avantgarde und Akzeptanz des fremden Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2022 - Kulturpolitik

Bundeskulturministerin Clauda Roth ist erstaunlich ungeschoren aus dem Documenta-Gau hervorgegangen. Das ist aber auch kein Wunder, findet Welt-Autor Thomas Schmid, denn sie ist die "Königin der Töpfe" und wird nicht so leicht attackiert. Lohnenswert wäre aber mal, Roths Kulturbegriff in ihren offiziellen Äußerungen zu erkunden, die Schmid an die "verkitschte Straßenfestharmonie der siebziger und achtziger Jahre" erinnern: Aber "der Kulturbegriff der Kulturstaatsministern ist nicht bloß kitschig.... Dieser Schmus ist keineswegs so menschenfreundlich wie er vorgibt. Er ist sogar ziemlich autoritär. Die Ministerin dekretiert nämlich, was sie gar nicht wissen kann: dass wir alle dasselbe Ziel haben. Und dass die Kultur, einer Magd der Politik gleich, die Aufgabe habe, uns immer wieder darauf zu stoßen. Keine Spur von Freiheit, Wagnis, Differenz, Avantgarde und Akzeptanz des fremden Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2022 - Kulturpolitik

Der Sozialwissenschaftler Felwine Sarr hat zusammen mit Bénédicte Savoy eine große Rolle bei der Frage der Restitution von Kunst kolonialisierter Völker gespielt, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. Im Gespräch mit Werner Bloch von der FAZ hofft er, dass es in afrikanischen Präsentationen gelingt, "Gegenstände aus dem Diskurs befreien, in den sie der Kolonialismus mit seinem Diskurs eingesperrt hat". Europa solle lernen zu schweigen: "Europa, scheint es, ist mit vielem am Ende, es wirkt ausgelaugt. In Afrika dagegen wendet man sich mit großer Frische der Kultur und den Kulturfragen zu. Afrikaner leben schon immer am Schnittpunkt verschiedener Kulturen. Für sie ist es ganz normal, auch das arabisch-muslimische Erbe zu integrieren. Aufgrund ihrer Multiperspektivität sehen und verstehen Afrikaner manchmal mehr als andere. Es fällt ihnen nicht schwer, zwischen verschiedenen Welten zu navigieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2022 - Kulturpolitik

Die taz bringt eine Doppelseite mit Weiterungen zum Gurlitt-Skandal - zur Erinnerung, Hildebrand Gurlitt war der Kunsthändler, in dessen Nachlass viele Bilder der "Entarteten Kunst"-Ausstellung gefunden worden waren. Die Affäre hatte ihren Höhepunkt im Jahr 2013 (unsere Resümees). taz-Redakteur Thomas Gerlach erzählt heute von Hans Prolingheuer, der schon in den frühen Neunziger Pionierarbeit zum Schicksal der Bilder der Ausstellung geleistet hatte, und vom "evangelischen Kunstdienst, ursprünglich gegründet, um moderne Kunst in Kirchen zu etablieren", der sich dann den Nazis angedient hatte, die um die 15.000 Werke zu "verwerten". Seine wichtigste Mitarbeiterin war Gertrud Werneburg, geboren 1901 in Thüringen.

Mit ihr hatte Prolingheuer 1991 ein Interview geführt, das die taz nun erstmals veröffentlicht. Sie hatte mit dem Preis, zu dem die Werke verkauft wurden, nichts zu tun, beteuert sie. "Ich habe nur gehandelt. Und am Schluss haben sie (Abteilung im Propagandaministerium; d. Red.) sie nahezu verschenkt, weil sie eben Dollar haben wollten. Und die (Kunsthändler) haben gesagt, wenn wir einen Dollar oder vier Dollar geben, kriegen wir auch ein Bild. Da haben sich Leute bereichert, ich kann Ihnen sagen, die haben alle Geschäfte gemacht. Ich wollte nichts damit zu tun haben und ich hatte auch nichts damit zu tun. Mir haben später Leute erzählt, wie sie die Bilder für Pfennige gekriegt haben. Ein Herr, der hat einen Feininger gehabt, den hat er später für 200.000 Mark verkaufen können. Er hat mir selbst erzählt, dass er sich ein Haus dafür in Westdeutschland gekauft hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2022 - Kulturpolitik

"Kolonialismus hat nicht aufgehört, es ist ein Geschäft", sagt im Standard-Gespräch mit Katharina Rustler der Maori-Künstler George Nuku, der derzeit im Wiener Weltmuseum ausstellt. Er fordert komplette Entscheidungsfreiheit seitens der Communitys über die restituierten Werke: "Sobald Museen Objekte zurückgeben, geht es die Institutionen nichts mehr an, was damit passiert. Auch wenn sie die ursprünglichen Besitzer am Tag nach der Rückführung auf Ebay stellen, kann man sie nicht davon abhalten. Es ist ihr Eigentum. Es ist so, als ob ich Ihr Auto stehlen würde, wir vor Gericht gehen und dieses entscheidet, dass ich das Auto zurückgeben muss, aber nur wenn Sie garantieren können, es in einer Garage zu erhalten. Das ist doch paternalistisch!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2022 - Kulturpolitik

In prächtigem Ornat und unter Wahrung des höfischen Zeremoniells nahm König Asabaton, der Fon von Fontem im westlichen Kamerun, im Rautenstrauch-Joest-Museum der Stadt Köln eine Figur eines Pfeifenträgers entgegen, die seinem Volk vor über hundert Jahren gestohlen worden war. Patrick Bahners berichtet in der FAZ, wie der König die Figur zunächst dreimal berühren durfte. Für den König und die ihn begleitende Delegation sei der Pfeifenträger ein verschollener Verwandter: "Die Hoffnung, die sie an seine Heimkehr knüpfen, könnte kühner nicht sein. Seit der Niederlage gegen die Deutschen liegt ein Fluch auf ihrem Reich, und alles soll sich zum Besseren wenden, wenn die heimgeholte Trophäe in ihrer natürlichen Umwelt wieder ihre spirituelle Kraft entfaltet. Soll man darüber staunen, dass Absolventen internationaler Universitäten, die als Unternehmensvorstände und Professoren arbeiten, einem Gegenstand aus Holz zutrauen, solche Wunder zu wirken?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2022 - Kulturpolitik

Katarzyna Wielga-Skolimowska wird neue Chefin der Kulturstiftung des Bundes. Die polnische Kulturmanagerin löst Hortensia Völckers ab, die in den Ruhestand geht, berichtet unter anderem Jörg Häntzschel in der SZ. Eine der Fragen wird sein, ob Wielga-Skolimowska mehr Zugriff auf die Documenta bekommt, vermutet Häntzschel: Obwohl der Beitrag der Bundesstiftung "im Vergleich zu denen von Land Hessen und Stadt Kassel gering ist, forderten in den vergangenen Wochen viele, der Bund müsse seine Beteiligung ausweiten und Mitgesellschafter werden, während andere das als unzulässig zurückwiesen, Kultur ist schließlich Ländersache."

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Großteil der Benin-Bronzen durch den nigerianischen Staat der entmachteten Königsfamilie als ursprüngliche Besitzer übergeben wird, meint Matthias Busse in der Welt, aber: "Wird so das stets erneuerte Ziel erreicht, den Nigerianern und speziell der Edo-Bevölkerung ihre Geschichte anhand der historischen Objekte näherzubringen? So einfach wie es aus dem Mund der Politiker klingt, ist die Sache nicht. Denn nicht nur der deutsche Kolonialismus fordert eine kritische Aufarbeitung, auch die Zeit der Oba war kriegerisch. Sie unterwarfen ihre Nachbargesellschaft, beuteten sie aus, versklavten die Menschen und opferten Gefangene in blutigen Ritualen. Darüber schweigen die Offiziellen in Nigeria - und auch die aus der Oba-Familie stammende Kuratorin der aktuellen Benin-Ausstellung in Köln." Ebenfalls in der Welt porträtiert Thomas Schmid den Arzt und Anthropologen Felix von Luschan, der Hunderte Benin-Bronzen für Deutschland erwarb.

"Von seiner Verantwortung für die große ökonomische Kluft zwischen den europäischen und den afrikanischen Ländern will Europa nach wie vor nichts wissen", sagt der Soziologe Olaf Bernau, der mit "Brennpunkt Afrika" gerade ein Buch über Kolonialismus und Fluchtursachen veröffentlicht hat, im Standard-Interview mit Ruth Renée Reif: "Diese Kluft hat auch mit schlechter Regierungsführung im zeitgenössischen Afrika zu tun, doch ihr eigentlicher Ursprung liegt im 17. Jahrhundert. Damals traten die Entwicklungspfade auseinander, und dieser Prozess hat sich durch Sklaverei und Kolonialismus immer weiter zugespitzt. Das grundlegende Muster lautet, dass afrikanische Länder primär Rohstoffe exportieren und verarbeitete Produkte importieren. Im Zuge der Verschuldungspolitik der 1980er- und 1990er-Jahre wurde es einmal mehr zementiert. Nähme Europa seine Verantwortung wahr, müsste es etwas von dem verbrecherisch zusammengeraubten Reichtum zurückgeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2022 - Kulturpolitik

Harry Nutt kommentiert in der Berliner Zeitung die jüngsten Vereinbarungen zur Rückgabe von Benin-Bronzen (unser Resümee): "Inzwischen ist überdeutlich zum Vorschein gekommen, dass in der Mitte Berlins nicht nur ein Ausstellungstanker für die Präsentation außereuropäischer Kunst entstanden ist. Vielmehr vollzieht sich hier eine Neupositionierung Deutschlands im Verhältnis zu einer postkolonialen Konstellation."
Stichwörter: Benin, Benin-Bronzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2022 - Kulturpolitik

Die Diskussion um die Sammlerin Julia Stoschek hat es nun in die New York Times gebracht, und dürfte das Leben der einst so umworbenen Sammlerin, die auch in amerikanischen Museen in vielen Gremien sitzt, nicht angenehmer machen. Die Diskussion um Stoschek entbrannte in Deutschland unter anderem, weil sie von zwei Aktivisten in einem Instagram-Video als "Mensch mit 'Nazihintergrund'" angegriffen wurde (unser Resümee). In der Times schreibt jetzt der in Berlin lebende Journalist Thomas Rogers und spürt den Selbstrechtfertigungen Stoscheks nach, die als Sammlerin von Medienkunst großen Einfluss in der Kunstszene genießt. Da nützt es ihr auch nichts, dass sie in der aktuellen "Worldbuilding"-Ausstellung in Düsseldorf "fast zur Hälfte Werke von Frauen oder nicht-binären Menschen" zeigt. Rogers überprüft eine Biografie Max Broses, des Großvaters von Stoschek, die die Familie in Auftrag gegeben hatte, um den Nazi-Vorwurf aufzuarbeiten. Brose hatte als Lieferant der Wehrmacht Millionen gescheffelt und dafür natürlich auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Die bei Gregor Schöllgen in Auftrag gegebene Biografie erweist sich bei näherem Hinsehen als recht mild, so Rogers: "Abschnitte, in denen die großzügige Behandlung von Zwangsarbeitern durch das Unternehmen beschrieben wird, gehen auf Aussagen von Brose selbst zurück. Das Buch erwähnt kaum ein Dutzend Zeugenaussagen von Brose-Arbeitern, die in anderen Prozessdokumenten enthalten sind, die die Times in den bayerischen Staatsarchiven einsehen konnte. In diesen Berichten wird die Misshandlung von Zwangsarbeitern beschrieben, darunter in einigen Fällen tägliche Schläge und chronische Unterernährung." Brose hatte seine Biografie vor einigen Jahren in der SZ gerechtfertigt.

Außerdem: Benno Stieber berichtet in der taz über die Restitution von Benin-Bronzen durch das  Stuttgarter Linden-Museum.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2022 - Kulturpolitik

Dies ist eine Woche der Restitution. Die fünf deutschen Museen mit den größten Benin-Sammlungen  wollen das Eigentumsrecht an ihren sämtlichen Benin-Bronzen an Nigeria übertragen, meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "Nach der Vereinbarung werden nigerianische Museumsleute in Zukunft entscheiden können, welche Bronzen aus Deutschland für Ausstellungen verliehen werden und wie diese präsentiert werden." Unter anderem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will die Stars ihrer ethnologischen Sammlung im Humboldt-Forum, die Benin-Bronzen nun zurückgeben, es ist offiziell, berichtet Susanne Memarnia in der taz: "Am Freitag sollen nun Claudia Roth und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit ihren nigerianischen Amtskollegen eine Absichtserklärung unterzeichnen, die den Weg für die Eigentumsübertragungen freimacht. Für die nigerianische Seite sollen Kulturminister Lai Mohammed und der Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten, Zubairo Dada, dabei sein. Dabei sollen nach dpa-Information symbolisch zwei Bronzen aus der Berliner Sammlung übergeben werden." Für das Humboldt-Forum ist die Rückgabe eine Chance, kommentiert Andreas Kilb in der FAZ, da die Skulpturen nun, wenn auch als Leihgabe, mit historisch-politischem Hintergrund gezeigt werden könnten.

Ebenfalls in der FAZ berichtet der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinscha über russische Museumsraube in der Ukraine, an denen ukrainische Behörden, die nicht rechtzeitig für Sicherung der Sammlungen sorgten, mitschuldig seien.