9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2022 - Kulturpolitik

"Kolonialismus und Holocaust sind unvergleichlich. Das macht es aber nicht unmöglich, sie in Bezug zu setzen, um sie in ihrer Unvergleichlichkeit besser zu verstehen", sagt Generalintendant Hartmut Dorgerloh im Gespräch mit Nicola Kuhn (Tagesspiegel+), in dem er auch kritisiert, dass der Förderverein des Stadtschlosses bis heute über die Herkunft der Spenden schweigt. Und er erklärt noch einmal, weshalb er die Initiative GG5.3 Weltoffenheit unterzeichnet hat: "Wir müssen diese Räume verteidigen, in den Medien, Kultureinrichtungen und der Wissenschaft. Ansonsten öffnen wir populistischen, autoritären Strukturen Tor und Tür. Deshalb finde ich den kuratorischen Ansatz der Documenta auch prinzipiell richtig, nicht länger nur den Meistererzählungen zu folgen. Kollektive sind eine Alternative. Ähnlich verstehen wir uns als Humboldt Forum, wenn wir Gäste einladen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2022 - Kulturpolitik

Eine Diskussion über Antisemitismus mit den Documenta-Verantwortlichen? Unmöglich, stellen in der SZ Julia Alfandari und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main fest, die auf der Documenta das indonesische Lumbung-Konzept ausprobiert haben: "Vom Lumbung-Party-Spirit blieb bei uns angesichts all der Anschuldigungen und kruden Behauptungen nicht viel übrig, er war längst in Galgenhumor umgekippt. ... Wir wollten mit den Künstlern auf der Documenta zusammenstehen, und doch fühlten wir, dass man uns mit Misstrauen begegnet. Wir sagen, wir wollen mitkochen, werden aber wie unzufriedene Gäste im Restaurant behandelt. Ist es eine zurückgewiesene Liebe, haben wir uns gefragt? Und ist das der Grund, warum es uns so trifft? Haben wir uns nur eingebildet, dass wir mit links-progressiven Künstlern aus dem globalen Süden viel mehr gemeinsam haben als mit den konservativen Herren des Zentralrats der Juden?"

In der SZ beklagt Paul Munzinger die Kürzung der Mittel für die auswärtige Kulturpolitik - "Der Kulturetat sinkt, während es der Welt schlecht geht - Ukraine-Krieg, Klima-Krise, Konfrontationen der Großmächte" - ohne klar zu machen, was ausgerechnet Kulturpolitik daran ändern könnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Kulturpolitik

Einen wunden Punkt trifft die New Yorker Anwältin Deadria Farmer-Paellmann mit einem Brief, der deutsche Museen auffordert, die Benin-Bronzen zurückzuhalten, bis Nigeria die Nachfahren der Sklaven, mit denen es handelte, entschädigt hat (mehr dazu hier), meint Andreas Kilb in der FAZ. "Im postkolonialen Weltbild haben die Benin-Bronzen den Rang von Kronjuwelen: Sie sind das Zeichen der Stärke Afrikas, seiner kulturellen Gleichwertigkeit, seiner glorreichen Vergangenheit. Dass diese Glorie, wie jede Form imperialer Kultur, eine barbarische Kehrseite hat, hören die Aktivisten aus Nigeria oder Senegal weniger gern. Aber der Prozess der historischen Gerechtigkeit lässt sich nicht an einer beliebigen Stelle anhalten. Wer die Rückgabe der Bronzen als Wiedergutmachung für koloniales Unrecht fordert, kann den Unrechtszusammenhang nicht ausblenden, aus dem die Skulpturen einst hervorgingen. Insofern wirft der Brief der amerikanischen Anwältin ein Schlaglicht auf einen Vielvölkerstaat, der seine Vergangenheit noch längst nicht bewältigt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2022 - Kulturpolitik

Peter Richter braucht in der SZ fünf Absätze, um zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen: dass die Kulturinstitutionen bald nicht nur die Heizungen runtergefahren müssen, sondern ihren ganzen Betrieb, der in der Regel vom Staat abhängig ist: "Und bei einem dermaßen dramatischen Verlauf der Dinge, wie oft prognostiziert, ist leider absehbar, dass dieser Staat irgendwann vor einer Situation stehen wird, die man dann gewissermaßen als Triage der Mittelzuwendungen bezeichnen muss. Wenn wirklich massenhaft Haushalte ihre Heiz- und Stromkosten nicht mehr bezahlen können, Schulkinder zittern müssen, die Wirtschaft einfriert und Krankenhäuser an den Rand des Kollapses kommen, werden diejenigen nicht zu beneiden sein, die dann noch die Kulturetats verteidigen wollen."

Vielleicht hilft der Vorschlag von Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie Berlin: "Er hoffe, dass im kommenden Winter 'ganz viele Leute einfach in den Museen überwintern'", erzählt Peter Laudenbach in der SZ. "Die Museen zu Wärmestuben zu machen, dürfte schon aus Sicherheitsgründen schwierig werden. Aber Biesenbach scheint zu ahnen, dass der Energieverbrauch zum Problem für die Kultur-Paläste werden könnte, und das nicht nur, weil ihre Stromrechnung steigen wird. Der Betrieb von Museen, Opernhäuser, Theatern, viele von ihnen in historischen Bauten, ist energieintensiv. Unter Gesichtspunkten der Wärme-Isolation ist zum Beispiel die Neue Nationalgalerie, Mies van der Rohes cooler Tempel der Moderne mit Komplett-Glasfassade, der helle Wahnsinn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2022 - Kulturpolitik

Nach dem Rückgabevertrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mit dem Staat Nigeria geht der Streit um die Benin-Bronzen in eine neue Runde, berichtet Matthias Busse in der Welt, diesmal in Nigeria, wo darüber gestritten wird, wer die Bronzen bekommen soll: "Anlass war die öffentliche Vorstellung der Pläne für einen Museumspavillon, der erste Abschnitt des geplanten Edo Museum of West African Art (EMOWAA). Nach Ankündigung des ehemaligen deutschen Außenministers, Heiko Maas, sollte dieser Bau die deutschen Restitutionen beherbergen. Aber genau gegen ein solches unabhängiges Museum einer nigerianischen Stiftung geht eine mit dem Königshaus verbündete Gruppe an. Osazee Amas-Edobor, Sprecher einer "Coalition of Benin Socio-Cultural Organizations", verlangt stattdessen ein königliches Museum unter der Ägide des Palastes zu errichten." Und aus den USA melden sich Afroamerikaner, die daran erinnern, dass Benin einst mit Sklaven handelte und dafür auch mit den Metallen bezahlt wurde, aus denen die Bronzen gegossen wurden. Die Juristin Deadria Farmer-Paellmann hat darum bereits "das Miteigentum der Sklavennachfahren daran in einigen amerikanischen Museen angemeldet" und forderte Deutschland auf, die Bronzen nicht zurückzugeben, mit dem bemerkenswerten Satz: "Solange die Bronzen sich auf westlichem Boden befinden, haben wir immer noch eine Aussicht auf Gerechtigkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2022 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat  sich mit Nigeria auf eine Rückgabe der Benin-Bronzen geeinigt. Zwei Drittel der 500 Artefakte gehen gleich zurück nach Nigeria, ein Drittel darf vorerst als Leihgabe bleiben. Andreas Kilb nimmt das alles in der FAZ zur Kenntnis, notiert aber auch, was der Vertrag "nicht annähernd klärt", nämlich "die Frage, welchen Einfluss die nigerianischen 'Partner', deren Kooperationsfreude zu betonen man nicht müde wird, künftig auf die Darstellung der Benin-Artefakte nehmen sollen." Hier höre man bisher nur Flötentöne. Bei der Präsentation der Bronzen seien aber auch folgende Fragen zu stellen: "Ist denn die Aufklärung geschichtlicher Tatsachen auch nur ein Narrativ - oder hat sie einen höheren Rang als die Mythen der Nationen? War das Königreich Benin am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt oder nicht? Hat es mit den dabei erlösten Profiten seine Kunstproduktion angekurbelt und Feuerwaffen gekauft, mit denen es seine Nachbarvölker unterjochte, oder ist das nur eine eurozentristische Zuspitzung?"

In der taz schreibt Susanne Memarnia, dass die ersten Bronzen noch in diesem Jahr zurückgehen werden, welche, entscheidet Nigeria, das auch entscheidet, welche als Leihgabe erst mal hierbleiben dürfen. Allerdings werde  es im ersten von zwei Benin-Räumen in Berlin nur eine Bronze geben: "den Gedenkkopf einer Königinmutter, oder: Iyoba. Im zweiten Raum werden rund dreißig der historischen Objekte gezeigt, dazu aktuelle Kunst aus Nigeria." Im Tagesspiegel freut sich Birgit Rieger: "Berlin setzt damit international Maßstäbe. Deutschland ist eines der ersten Länder, das Benin-Kunst an Nigeria zurückgibt. Bisher haben nur die USA und zwei britische Universitätsmuseen Raubkunst aus dem ehemaligen Königreich Benin restituiert. ... Das British Museum in London, das ebenfalls ein riesiges Konvolut an Benin-Bronzen besitzt, weigerte sich bis dato, eine Restitution der Werke in Betracht zu ziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2022 - Kulturpolitik

Im Van Magazin erzählt Hartmut Welscher, wie der SPD-Politiker Johannes Kahrs als Mitglied des Haushaltsausschusses im Bundestag immer wieder Gelder für seine Heimatstadt Hamburg locker machte. Kahrs ist gerade im Gespräch, weil in einem Bankschließfach von ihm 214.000 Euro gefunden wurden, die gerüchteweise mit der Cum-Ex-Affäre in Zusammenhang gebracht werden, deren Folgen wiederum den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz bis heute beschäftigen. Kahrs und sein CDU-Kollege Rüdiger Kruse waren Virtuosen darin, im letzten Moment Gelder für Hamburg loszueisen: "die Modernisierung der Laeiszhalle (10,75 Millionen Euro), ein Hafenmuseum mitsamt der Überführung und Restauration der Viermast-Stahlbark 'Peking' (168 Millionen Euro), die Sanierung des Bismarck-Denkmals (6,5 Millionen Euro), des Alten Elbtunnels (21,3 Millionen Euro) oder der Nikolaikirche (7 Millionen Euro), die Instandsetzung des Fernsehturms (18,5 Millionen Euro)." Hamburg hat's halt wirklich nötig!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2022 - Kulturpolitik

Die regionalen indischen Sprachen machen zwar gegenüber dem Englischen Boden wett, berichtet Martin Kämpchen in der FAZ, etwa auch, was die Anerkennung von Literaten angeht: "Doch gleichzeitig soll nach dem Willen jeder Regierung der letzten Jahrzehnte eine einzige Sprache, das Hindi, zur uniformen Verbindungssprache (link language) des gesamten Landes werden, wogegen sich die südlichen Provinzen heftig sträuben, weil ihre Sprachen keine gemeinsamen Wurzeln mit Hindi teilen."

Im kürzlich geführten FAZ-Gespräch empfahl der Sozialwissenschaftler Felwine Sarr Europa, Afrika gegenüber zu schweigen und seine "Machtgesten über Bord zu werfen" (Unser Resümee) In der FR möchte Harry Nutt von Sarr da schon "gern wissen, wie er sich das Überbordwerfen von Machtgesten in Bezug auf China und Russland vorstellt, die sich zahlreichen afrikanischen Staaten als Partner andienen, im Grunde aber ganz ungeniert ihren imperialen Einfluss ausweiten. Es gibt viele Formen des Neokolonialismus, die von den Kritikern postkolonialer Verhältnisse nur schwach oder gar nicht erfasst werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2022 - Kulturpolitik

Hat der deutsche Kulturbetrieb ein Antisemitismusproblem oder nicht doch eher ein Israelproblem, fragt in der Berliner Zeitung der ehemalige Knesset-Sprecher Avraham Burg in einem zuvor bei Haaretz erschienenen Artikel. Wichtige Institutionen wie das HKW oder das Zentrum für Antisemitismusforschung, aber auch Peter Schäfer, Ex-Direktor des Jüdischen Museums, würden vom Zentralrat der Juden "eingeschüchtert", behauptet er: "Israel wird derzeit von einer rechtskonservativen Ideologie bestimmt, die von Siedlern und Ultraorthodoxen sowie von xenophoben, homophoben und auch christlichen Kräften bestimmt wird. (...) Rechte und extrem rechte Kräfte steuern Israels Politik. Und Israel prägt die Positionen des Zentralrats. Sprich, der konservative und rassistische Flügel der israelischen Rechten verwaltet indirekt Deutschlands Gefühle in Bezug auf Juden, Antisemitismus und Israel. Wie konnte es dazu kommen? Israel hat den Antisemitismus zu einem mächtigen politischen Instrument gemacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2022 - Kulturpolitik

Jenseits von antikolonialistischem Aktivismus ist das Interesse an afrikanischer Gegenwartskultur gering, bemerkt Thomas E. Schmidt in der Zeit. Viel mehr gehe es um das schlechte Gewissen der Europäer als um die Bedürfnisse der Afrikaner, meint er: "Viele der dekolonialisierenden Aktivitäten kranken daran, dass sie das Grundverhältnis zu den afrikanischen Gesellschaften vom selbsterklärt guten weißen Menschen und von seinem Geschichtsbewusstsein her definieren. Der weiße Mensch möchte seine Historie reparieren und sich mit Gesten der Großmut von seiner Schuld befreien. Das geschieht jetzt: Die ersten bedeutsamen Restitutionen finden statt. Dennoch ist die Stimmung gedämpft. Man spürt, dass sich ein gewisses Missverhältnis bestätigt oder sogar erneuert. So könnte die Zerknirschung auf deutscher Seite auch eine Geste der Überlegenheit sein: Wer unter den Afrikanern die Objekte annimmt, will besitzen, ist gerade nicht großmütig, sondern besteht auf Rückzahlung. Das Hergeben erlaubt es den Europäern, ihre Geschichte nachzuerleben und sie dabei in ihrem heutigen Sinn geradezurücken: Sie haben ein Opfer gebracht, selbst wenn sie das energisch bestreiten. Die große Geste erfolgt auf dem alten Spielplatz der Eroberer, wo Deals gemacht werden: im Ökonomischen, als Übertragung von Eigentumsrechten."