9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2024 - Medien

Sineb El Masrar schreibt bei Qantara über die Schwierigkeiten der Berichterstattung aus Gaza, wo Medien auf Mitarbeiter vor Ort angewiesen sind, deren politische Orientierung nicht immer leicht zu erkennen ist. Was Propaganda und was Wahrheit ist, ist darum schwer auszumachen. Sie kritisiert in ihrem Artikel aber auch die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland, die vor allem die von Nazis geprägten antisemitischen Diskurse arabischer Akteure so gut wie nie benennen würden: "Gerade vor dem Hintergrund postkolonialer Debatten wird die deutsche Verantwortung für diesen Teil der Geschichte in dieser Region völlig vernachlässigt. Auch in der Berichterstattung. Das ist fatal, denn bis heute rächt sich diese NS-Propaganda im Nahen Osten und hierzulande, bis heute wird der palästinensischen Bevölkerung ein friedliches und sicheres Leben ohne Hass verwehrt."

In der SZ-Serie "Rettet die Öffentlich-Rechtlichen" schwelgt die Filmproduzentin Regina Ziegler in nostalgischen Erinnerungen an die Zeit zwischen 1970 und 1980 bei den Öffentlich-Rechtlichen, in denen noch "kreatives Chaos" durch Quereinsteiger herrschte. Heute fehlten diese Quereinsteiger, neue Ideen seien unerwünscht, Programme werden gestrichen und überall gespart. "Doch das Geld darf nicht der Knackpunkt für das Überleben eines Rundfunktyps sein, den sich ausschließlich Demokratien leisten können. (...) Sparappelle treffen da den falschen Ton. Und wenn die Kritiker dann noch beachten würden, was autoritäre Regime mit einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk machen, sobald sie die Macht dazu haben, müssten sie sogar einer Forderung von zehn Milliarden freudig zustimmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2024 - Medien

Alexandra Föderl-Schmid kehrt zur SZ zurück, allerdings auf eigenen Wunsch nicht in die Chefredaktion, ab September leitet sie stattdessen gemeinsam mit Jens Schneider den Newsdesk, meldet Zeit Online mit dpa.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2024 - Medien

Offiziell wegen der "Verbreitung von Falschinformationen über die russische Armee" angeklagt, wurde die US-Journalistin Alsu Kurmasheva wegen ihres Buches "Nein zum Krieg. 40 Geschichten über russische Bürger, die sich der Invasion in der Ukraine widersetzen" in Russland zu 6,5 Jahren Gefängnis verurteilt, meldet Inna Hartwich in der taz. Ein weiterer Schlag gegen die Pressefreiheit, kommentiert Hartwich: "Kurmasheva ist Radiojournalistin und arbeitete für das russischsprachige Internetmedium Idel.Realii, einen Ableger des vom US-Kongress finanzierten Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL), in Russland als 'unerwünschte Organisation' gebrandmarkt. Alle russischen Bürger*innen, die für eine solche arbeiten, machen sich strafbar. Aus Prag in Tschechien informiert Idel.Realii über die Wolga-Region und ethnische Minderheiten und Menschenrechte in den russischen Teilrepubliken Tatarstan und Baschkortos-tan. Auch Kurmasheva war aus Kasan nach Prag gezogen, kam aber wegen eines 'familiären Notfalls' im Mai 2023 zu ihrer Mutter zurück nach Tatarstan. Als sie wieder wegfliegen wollte, wurde sie an der Grenze festgehalten. Der Vorwurf: Kurmasheva habe ihren US-Pass nicht offiziell gemeldet."

Ein signifikanter Teil der Bevölkerung misstraut den Faktencheck-Organisationen, sagt Nicholas Pröllochs, Professor für Data Science und Digitalisierung, im FAZ-Gespräch über Fake News: "Das Hauptproblem ist, dass Faktenchecks politische Schlagseite unterstellt wird. Zumindest in den USA ist das auch ganz stark der Fall. Es gibt Studien dazu, die zeigen, dass mehr als 50 Prozent der Republikaner Faktenchecks misstrauen. Auch in Deutschland wird es sicherlich so sein, dass ein Teil der Bevölkerung Faktenprüfern misstraut, weil Parteilichkeit vermutet wird."

"Tradwife"-Content auf Instagram und Tiktok löst hierzulande größtenteils Verwunderung aus: Frauen, die bewusst ein sittsames, häusliches Leben propagieren, traditionell eben, das lediglich darauf ausgerichtet ist, ihrem Mann oder Partner behiflich zu sein. In den USA sind die traditionellen Hausfrauen deutlich erfolgreicher, schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ und warnt: "Es geht hier nicht ums Keksebacken". Tradwife-Content "ist eben oft mehr als nur die Glorifizierung von Hausarbeit. Eine Media-Matters-Studie, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, besagt jedenfalls, dass der Algorithmus auf Tiktok denen, die Tradwife-Content aufrufen, im Anschluss rechte Inhalte und Videos mit Verschwörungserzählungen empfohlen wurden. Gemüse-Bowls wirken unverdächtig, das explizite Bekenntnis zu traditionellen Geschlechterrollen ist aber in den Programmen rechter Parteien weiter verbreitet als anderswo."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2024 - Medien

Verschwörungstheorien werden mit großer Reichweite verbreitet und sind mehrheitsfähig geworden, sagt der Dokumentarfilmer Stephan Lamby im Zeit Online-Gespräch, in dem er nur wenig Hoffnung in den Journalismus setzt: "Es wird deshalb … unerheblicher, was der kritische Journalismus sagt. Er büßt seine klassische Stellung als Gatekeeper ein. Unsere journalistische Profession, auszusortieren, also zwischen legitimer Meinungsäußerung und gefährlicher Meinungsäußerung, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, verliert in schwindelerregendem Tempo an Bedeutung. Vor Kurzem habe ich zwei Tage lang im Gerichtssaal in Halle den Prozess gegen Björn Höcke verfolgt. Höcke hat dort wie nebenbei erzählt, er habe seit zwei Jahrzehnten keine etablierten Medien mehr konsumiert, kein öffentlich-rechtliches Fernsehen, keine anderen Leitmedien. Damit spricht er für viele Leute. Das ist ein strukturelles Problem."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2024 - Medien

So gerne Medien über Trump reden, so gerne schwiegen sie über Biden - zumindest, was seinen Gesundheitszustand anging. Eine zaghafte Aufarbeitung hat angefangen, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ: "Beim Columbia Journalism Review und anderen war beschämt von einer 'Siegesrunde' des Wall Street Journal die Rede. Die Zeitung hatte Anfang Juni einen Artikel über Bidens 'Anzeichen des Niedergangs' gebracht und dafür viel Kritik von liberaler Seite - auch vom Columbia Journalism Review - eingesteckt. Das Wall Street Journal spiele mit rechten Erzählungen Trump in die Hände, lautete der Vorwurf. Auch andere Journalisten, die ihre Beobachtungen eines zunehmend altersschwachen Joe Biden publik machten, wurden mit Vorwürfen überzogen."

Die Junge Welt darf weiterhin als linksextremistischer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz geführt werden (Unser Resümee). In der Redaktion geht die Angst um, dass der Tageszeitung wie dem rechtsextremen Magazin Compact nun ein Verbot droht, schreibt Beatrice Achterberg in der NZZ. "Dass die Sorgen der JW-Macher nicht ganz unbegründet sind, zeigt eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion aus dem Jahr 2021. Die Regierung sollte die Erwähnung der JW im Verfassungsschutzbericht erläutern. In der Antwort heißt es, dass es das Ziel sei, die Öffentlichkeit über die verfassungsfeindlichen Bestrebungen zu informieren und der JW damit den 'Nährboden' zu entziehen." Ähnlich argumentierte das Innenministerium beim Verbot von Compact (Unsere Resümees).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2024 - Medien

Wenn T. C. Boyle ein bisschen mehr über die Frage nachgedacht hätte, welche Fehler die Trump-Gegner gemacht haben (siehe oben), hätte er auch über die ungute Trump-Fixierung gerade eher liberaler oder linker Medien wie der Washington Post sprechen können. Nicholas Potter berichtet auf der Medienseite der taz über die Krise der Post, die unter dem neuen Eigner Jeff Bezos bis 2020 prächtig wuchs: "Doch nach den Trump-Jahren ging es schnell bergab. 2023 verzeichnete die Post Verluste von 77 Millionen Dollar, wie die Zeitung bekannt gab. Die Zahl der Onlinebesucher hat sich halbiert, seit dem Amtsantritt Joe Bidens hat die Zeitung eine halbe Million Abonnenten verloren." Inzwischen ist die Post allerdings auch von internen Skandalen geplagt, so Potter.

Die SZ-Medienseite startet eine Serie zur Frage, wie man "die Öffentlich-Rechtlichen vor sich selbst retten kann". Als erste schreibt die Autorin Mithu Sanyal, die auch eine freie Mitarbeiterin des WDR ist. Man kann nicht sagen, dass ihr Beitrag vor Ideen sprudelt, aber bei der Klage über die grassierende Einstellung von Literatursendungen muss man ihr zustimmen: "So will der SWR 'Lesenswert' einstellen, der MDR 'Fröhlich lesen', der BR hat bereits 'Lido' und 'Lesezeichen' gecancelt und der HR das 'Bücherjournal'. Früher wurde zumindest noch gelogen, dass man in Wirklichkeit nur kürze, um mehr Platz für Literatur und überhaupt Kultur zu schaffen. ... Inzwischen wird offen gesagt, dass jede Pferdedoku mehr Zuschauer bringt als eine Literatursendung." Sanyal erzählt auch, wie ein geplantes Literatur-Podcast, an dem sie beteiligt war, von Bedenkenträgern im Sender gar nicht erst veröffentlicht  wurde.

Die RT, äh, Berliner Zeitung, bringt einen Beitrag von Mathias Brodkorb, ehemals Bildungs- und Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern, der Jürgen Elsässer eigentlich richtig sympathisch findet, zumal er schon vor fünfzehn Jahren Thesen wie heute Sahra Wagenknecht vertreten habe. Aber er sei auch ein Narzisst und Neurotiker, immer gegen den Mainstream. "Elsässer also will das 'Regime' stürzen und dieses wehrt sich nun dagegen. Man könnte den Fall daher für eindeutig halten. Er ist es aber nicht. Es ist nicht verfassungsfeindlich, verfassungsfeindlich zu denken. Man könnte sogar sagen: Genau diese Möglichkeit ist der Sinn der 'freiheitlichen demokratischen Grundordnung'. Die Verfassung erlaubt es nicht nur ausdrücklich, dass jeder Bürger regierungskritische Gedanken hegt. Jeder darf Staat und Demokratie sogar ganz ablehnen. Nur eines darf auch ein verfassungsfeindlicher Bürger nicht tun: sich politisch aktiv gegen den Kern der Verfassung betätigen. Er darf, wie die Juristen es sagen, also keine 'Bestrebung' verfolgen." In der taz plädiert Andreas Speit dagegen eindeutig für ein Verbot von Compact.

Außerdem: Mit der melodramatischen Formel "Alea iacta est" kommentiert Michael Hanfeld in der FAZ den Beschluss der Ampel, die Presse nun doch nicht für die Zustellung der letzten Printexemplare zu subventionieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2024 - Medien

Jeder kennt inzwischen das "ikonische" Bild Trumps nach dem Attentat mit Blut im Gesicht, gereckter Faust und amerikanischer Fahne vor blauem Himmel. Der Fotograf Jörg Colberg erklärt in der taz, warum er  solche Bilder problematisch findet. "In einer Zeit komplexer Multikrisen ist es schlichtwegs absurd, ein Ereignis auf ein einzelnes Bild reduzieren zu wollen. Diskussionen über ikonische Bilder sind ein Ausdruck einer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Modell des heroischen Fotojournalisten entstand, der unter Einsatz seines Lebens dramatische Fotos produziert. Genau dieses Modell wird angewandt, wenn die Organisation 'World Press Photo' jedes Jahr die 'besten' Pressebilder auszeichnet. Das Problem ist nicht, dass die Fotos schlecht sind oder dass sie nicht das bebildern, was sie darzustellen haben. Das Problem ist die Unterkomplexität, die daraus resultiert. Insbesondere ikonische Bilder reduzieren ein komplexes Thema oder Ereignis oft auf eine leicht begreifbare Ebene, die wichtige Aspekte ausklammert." Fotograf des Bildes ist Evan Vucci, der sich im Guardian dazu geäußert hat.

Gestern entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass die Zeitung Junge Welt weiter vom Verfassungsschutz beobachtet werden darf (unser Resümee), meldet Ronen Steinke in der SZ: "Die Bezeichnung 'marxistisch-leninistisch' für die Ausrichtung des Blattes sei zutreffend, erklärte das Gericht laut dpa."

"Zur Freiheit des Wortes gehört auch die Freiheit des dummen Wortes, die Pressefreiheit gilt auch für abwegige, verstörende und - ja, auch das - radikale Ansichten", kommentiert Deniz Yücel das Urteil in der Welt: "Eine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus ist nicht nur legitim, sie ist auch durch das Grundgesetz geschützt. Und das erlaubt nicht bloß die Auslegung, die die jeweilige Bundesregierung und ihre führenden Beamten gerade für die richtige halten." Zudem wundert sich Yücel: "Selbst Linke - die sogar besonders -, die noch vor wenigen Jahren den Verfassungsschutz aus guten Gründen wahlweise für die gefährlichste oder die dümmste Behörde Deutschlands hielten, übernehmen nicht nur gedankenlos einen autoritär geprägten - und en passant den Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung verschleiernden - Begriff wie 'wehrhafte Demokratie'; sie berufen sich im Zusammenhang AfD oder aktuell dem Compact-Verbot fortwährend auf den Verfassungsschutz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2024 - Medien

Gestern diskutierten die Zeitungen noch über das geplante Verbot des rechtsextremen Magazins Compact (Unser Resümee). Ronen Steinke (SZ) besucht derweil die Redaktionsräume der Jungen Welt, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird und Gefahr läuft, aufgrund linksextremer Positionen verboten zu werden - der Prozess läuft. Klar, die Junge Welt sympathisiere mit autokratischen Regimen wie Russland und Venezuela, schreibt Steinke, aber muss man sie gleich verbieten? "Wo ist die logisch konsistente, klare Linie, die aus einer außenpolitischen Meinungsäußerung, die man vielleicht haarsträubend findet, bereits eine Gefahr für die Demokratie hier entstehen lässt?"

Der Gründer der "Perplexity"-Suchmaschine Aravind Srinivas unterhält sich im FAZ-Interview mit Roland Lindner und Maximilian Sachse über die Konkurrenz mit Google. "Perplexity" beantwortet Fragen mit KI und verzeichnet mittlerweile bis zu 250 Millionen Suchanfragen im Monat, sagt Srinivas. Es gab auch schon erste Versuche von Google, mit KI zu arbeiten, die scheiterten allerdings krachend: die Suchmaschine schlug beispielsweise vor, Klebstoff in Pizzasoße zu mischen. Srinivas erklärt: "Man kann nicht einfach die Google-Suche und das Sprachmodell Gemini - die beide großartig sind - zusammenbasteln und auf den Markt werfen. Es geht darum, herauszufinden, welche Quellen wichtig sind, um nicht irgendwelche willkürlichen Kommentare aus Onlineforen für die Realität zu halten. Es braucht Modelle, die die Wahrheit von einem Witz unterscheiden können. ... Wir haben bessere Modelle im Einsatz als Google. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir als Start-up werden gefeiert, wenn wir acht von zehn Fragen richtig beantworten. Für Google ist das wegen seiner Größe und der schieren Menge an Suchanfragen eine schreckliche Quote. Es braucht nur ein Prozent der Leute mit Fehlern einen Screenshot zu posten, und schon gibt es Millionen Menschen, die sagen: Google ist Mist."

Außerdem: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube verteidigt das Kolumnistenpaar Meron Mendel und Saba Nur-Cheema, die mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet werden sollen, gegen einen Protest Josef Schusters, der die Jüdische Gemeinde in Mendels Positionierungen nicht repräsentiert sieht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2024 - Medien

Die Zeitungen streiten über das geplante Verbot von Compact. Deniz Yücel hält das Verbot in der Welt in jedem Fall für einen Fehler. Er wirft Nancy Faeser, die in der Begründung des Verbots von der "unsäglichen" Hetze des Magazins gesprochen hatte, "moralischen Rigorismus und hemdsärmelige Auslegung von Grundrechten" vor - nicht nur in diesem Fall: "Ob das Forschungsministerium versucht, missliebige Universitätsprofessoren zu bestrafen oder das Innenministerium 'unsäglich' für eine hinreichende Verbotsbegründung hält - es ist derselbe Mechanismus: Eine Exekutive, die keinen Unterschied mehr zwischen Recht und Moral kennt und deren leitendes Personal derart beseelt ist von der Richtigkeit des eigenen Tuns (gegen 'Hass', Rechtsextremismus, Antisemitismus etc.), dass es rechtsstaatlichen Prinzipien so viel Beachtung schenkt wie dem Kleingedruckten auf einem Beipackzettel."

"Compact mag ein rechtsradikales, verschwörungsgläubiges, Putin-liebendes Blatt sein - aber gilt das nicht auch für andere Magazine, Parteien, Gesellschaftsschichten? Sind Verbote in solchen Fällen wirklich das richtige Mittel?", kommentiert Anton Rainer auf Spon. Ja, meint er, denn ein "Magazin wie Compact muss den Rechtsstaat aushalten. Zumindest, wenn es denselben Schutz genießen will wie andere Presseerzeugnisse. Dass Jürgen Elsässer und seinem Team aus ehemaligen NPD-Politikern, Rechtsextremisten und Identitären daran wenig gelegen ist, haben sie in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. Faeser begründete ihr Verbot damit, dass Compact auf unsägliche Weise 'gegen Jüdinnen und Juden, gegen Menschen mit Migrationsgeschichte und gegen unsere parlamentarische Demokratie' hetze. Aber selbst das ist noch untertrieben. In Compact sind die übelsten antisemitischen Verschwörungsmythen publizistischer Alltag. Bei Elsässer ist der 11. September bis heute ein 'Inside Job', eingefädelt unter anderem von der 'Israel-Lobby'. Er hielt bereits Reden gegen 'die Herren Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski' und veröffentlicht nun Texte mit der Zeile: 'Jetzt bewiesen: Hamas-Überfall von Israel gewollt'."

Medienverbote sind ein relativ neues Phänomen, die Gesetzeslage noch unklar, meint Ronen Steinke in der SZ. Ausschlaggebend wird sein, ob man dem Magazin eine "Aufstachelung zu Gewalt" nachweisen kann: "Aggression darf man verbieten - absolut. Bloße Meinungsäußerungen aber nicht. Hier die wehrhafte Demokratie, dort die Meinungsfreiheit: Das ist das flimmernde Spannungsfeld, in das sich jetzt Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) vorwagt, mit einer juristisch mutigen Verbotsverfügung. Ob es für ein Verbot schon genügt, dass Compact etwa den mordlüsternen Sturm auf das Washingtoner Kapitol 2021 als 'Happening' verniedlichte und Tipps gab, wie eine solche 'Revolution zur Rettung der Demokratie' beim nächsten Mal besser klappen könnte? Das dürften demnächst hohe Gerichte überlegen."

Michael Hanfeld zeichnet indes für die FAZ nicht nur das Profil von Compact nach, sondern skizziert auch, wie dessen Gründer Jürgen Elsässer von ganz links außen nach rechts rutschte: "Er war beim Kommunistischen Bund und schrieb von Mitte der Siebzigerjahre an für Blätter wie Arbeiterkampf, Bahamas, Jungle World, Junge Welt, konkret und Neues Deutschland. 2010 gründete er Compact (Auflage zuletzt: 40.000 Exemplare) und hatte die Wende vom Antideutschen ins übersteigerte Nationaldeutsche vollzogen, dem Antiamerikanismus blieb er treu, ebenso der Verbrüderung mit Autokraten, etwa dem iranischen und dem russischen Regime. Bis in die frühen Zweitausenderjahre passte er bestens in die Linke (und zu Oskar Lafontaine), heute ist er Gewährsmann der neuen Rechten und der AfD. Seinem Profil nach wäre er auch gut in der Partei von Sahra Wagenknecht aufgehoben."

Michael Wolffsohn macht in der Welt seiner Wut über die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien Luft. Vor allem beim Thema Israel fehlt ihm Differenzierung, viel zu oft erschöpften sich die Nachrichten in persönlichen Stellungnahmen. Das ist auch das "Ergebnis des Versagens weiter Teile der Geisteswissenschaften an den Universitäten in Deutschland", meint er: "Doch warum sollten Journalisten mehr wissen als die (Geistes-) Wissenschaftler, bei denen sie studiert haben? Jene haben sich durch nahezu totale Parteilichkeit als Wissenschaftler selbst abgeschafft. Sie addieren Wissen, um ihr Vorurteil zu zementieren. Echte Wissenschaft hingegen sammelt Wissen, um gegebenenfalls das eigene Vorurteil infrage zu stellen oder gar über den Haufen zu werfen. Nicht nur in Deutschland dokumentieren weite Teile der vornehmlich geistes-'wissenschaftlichen Eliten' derzeit besonders im Zusammenhang mit Juden, Israel, Palästina und Nahost ihr Unwissen sowie ihre Unfähigkeit plus Unwilligkeit zur vielschichtigen Analyse, die ihr Vorurteil möglicherweise aufhebt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2024 - Medien

Kürzlich warnte Daniel Kehlmann in einer Rede vor dem Bundestag vor den Gefahren der KI für die Gesellschaft (unser Resümee). Nathalie Weidenfeld rät in der Welt zu etwas mehr Gelassenheit und Vertrauen in den Menschen: "Ja, selbst, wenn in ein paar Jahren künstliche Intelligenz halbwegs gute Drehbücher und Romane schreibt, würden wir Menschen sie dann wirklich lesen wollen? Würden Sie in einen Film gehen, von dem sie wissen, dass er von einer Maschine produziert wurde und digitale Schauspielersurrogate einen digital erstellten Text sprechen? Was wäre das für ein Erlebnis? In einem künstlerischen Akt geht es nicht nur um das Endprodukt. Es geht dabei um das Zelebrieren des menschlichen Geistes in all seinen Imperfektionen, aber auch seinen genialen Einfällen. Das mag pathetisch klingen und nach einer Art Kunstreligiosität, so ist es aber nicht gemeint. Der menschliche Geist, seine lebendige Schaffenskraft, seine Kreativität sind nicht auf große Künstler beschränkt."

Innenministerin Nancy Faeser hat das von Jürgen Elsässer geleitete Compact-Magazin verboten, berichtet der Spiegel. Es "richte sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung, heißt es in der Verbotsverfügung des Innenministeriums. Bei der Razzia soll neben Dokumenten und Datenträgern auch das Vermögen der Compact-Magazin GmbH beschlagnahmt werden. Das seit 2010 erscheinende Monatsmagazin gilt als eine der wichtigsten Publikationen der neurechten Szene. Die Macher unterhalten enge Verbindungen zum völkischen Flügel der AfD, der rechtsextremen Kleinpartei 'Freie Sachsen' und zu Aktivisten der 'Identitären Bewegung'. Immer wieder fiel Compact zudem durch die Verbreitung von Verschwörungsmythen, prorussischer Propaganda und antisemitischer Narrative auf."