9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2023 - Medien

Am Beispiel der Nachrichtenseite CNet, die monatelang von Künstlicher Intelligenz erstellte Texte veröffentlicht haben soll, erklärt Nina Rehfeld in der FAZ, wo es mit dem Journalismus künftig hingehen könnte: CNet war 2020 von dem Unternehmen Red Ventures gekauft worden. "Dessen Geschäftsmodell besteht darin, Leser mit bestimmten Interessen direkt in die Arme von Konzernen zu leiten, die entsprechende Produkte anbieten. Einem Artikel über die Vorteile unterschiedlicher Kreditkarten zum Beispiel, der dank optimierter Stichworte in der Google-Suche nach 'Kreditkarten' ganz oben rangiert, sind die Werbeangebote von Kartenanbietern beigestellt, die hohe Kommissionen für die Vermittlung neuer Kunden bezahlen. ... Die New York Times hatte Red Ventures im vergangenen August als den 'größten digitalen Medienkonzern in Amerika, von dem Sie noch nie gehört haben', beschrieben. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren Ratgeber-Publikationen wie den Reiseführer 'Lonely Planet', die Medizin-Website 'Healthline' oder das Punkte- und Meilensammler-Magazin 'The Points Guy' einverleibt. Inzwischen ist Red Ventures der Times zufolge ein Milliardenunternehmen mit rund 750 Millionen monatlichen Besuchern auf den konzerneigenen Websites, welche ihre ratsuchenden Leser mit relevanten Konzernen in Kontakt bringt."

Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen nun mehr kooperieren, geplant ist auch mehr gemeinsame Verwaltung in den Sendern, mehr digitale Transformation, mehr Regionalität und bessere Führungskultur, schreibt Claudia Tieschky in der SZ. Im Grunde aber müssten die Länder den Rundfunk "radikal verkleinern, Sender streichen, Strukturen aufbrechen" - digital ist die föderale Struktur der ARD ohnehin längst einem "mächtigen und sinnvollen Zentralismus gewichen", so Tieschky weiter: "Wenn man die ARD also einmal so betrachtet, wie sie heute wirklich ist, dann fällt auf, dass neun Intendantinnen und Intendanten mit jeweils eigener Geschäftsführung und Verwaltung immer weniger wichtig sind und immer weniger zu den Strukturen passen, die die ARD selber im Digitalen aufbaut. Mehr Zentralismus, vielleicht sogar eine Holdingstruktur mit Landesstudios statt eigenen Sendern - das stünde absolut nicht im Widerspruch zu einem sinnvollen Dritten Programm und zu mehr regionalen Inhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2023 - Medien

Vor einem Jahr tobte die Affäre um den Bild-Chefredakteur Julian Reichelt. Damals stieg die Funke-Mediengruppe unter Julia Becker - Erbin der WAZ-Gruppe - aus dem Zeitungsverlegerverband BDZV aus. Dessen Chef war damals der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner. Becker begründet ihren Ausstieg heute in der SZ mit feministischen Argumenten: "Spätestens da ist klar geworden, dass der Verband dringend einer Erneuerung bedarf: einer Erneuerung vor allem der Kultur und führenden Köpfe, aber auch der Strukturen. Wir hätten uns ein paar mehr Stimmen von Branchenvertreterinnen und -vertretern gewünscht, die das Bedürfnis haben, den Machtmissbrauch und seine Hintergründe zu benennen und - soweit das überhaupt geht - wiedergutzumachen."

Dass sexistischer Machtmissbrauch auch in aktuellen Medien noch vorkommt, zeigt die Geschichte der Redakteurin Anuschka Roshani, die jahrelang als Blattmacherin beim Magazin, dem Wochenmagazin des Zürcher Tages-Anzeigers gearbeitet hat und ihren Chef Finn Canonica beschuldigt, sie übel gemobbt zu haben. Als sie sich beim Tages-Anzeiger beschwerte, wurde sie entlassen. Im Spiegel schildert sie ihre Geschichte, die bei Zeit online (hier) aufgegriffen wird. "Hinter meinem Rücken nannte er mich vor einer Kollegin 'die Ungefickte'. Sagte coram publico zu mir, mein Mann habe 'einen kleinen Schwanz'. Brüstete sich in meinem Beisein vor Kollegen mit einem scheinbaren Exklusivwissen über mein Liebesleben: dass ich zu Beginn meiner Magazin-Zeit öfter die Männer gewechselt hätte. In der Redaktion tat man trotzdem so, als wäre Canonica einfach nur ziemlich verquer. Als hätte er einen Spleen, mit dem man sich halt arrangieren müsse."

Der Artikel offenbart Abgründe über die Schweizer Medienszene, schreibt Nadine A. Brügger  in der NZZ: "2021 prangerten 78 Tamedia-Journalistinnen in einem Brief ein sexistisches und frauendiskriminierendes Betriebsklima bei dem linksliberal positionierten Medienhaus an. Aussagen wie: 'Da bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?' würden in Sitzungen toleriert, Frauen aufgrund ihres Geschlechts weniger gefördert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2023 - Medien

Nachdem das Video von der brutalen Tötung eines jungen Schwarzen durch Polizeibeamte in den USA tagelang in den Medien verbreitet wurde, fragen sich jetzt einige kritische Stimmen, ob das wirklich nötig war, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ. "Der renommierte CBS-Reporter Wesley Lowery, ein Veteran der Berichterstattung über Polizeigewalt, fragte angewidert nach der 'Grenze zwischen Information und Spektakel'." Die New York Times hingegen verteidigte die Veröffentlichung: Sie sprach "von einer 'Bürgerpflicht' des Hinschauens. 'Zu oft darf der übelste Machtmissbrauch im Dunkeln gären, von Lügen, Bürokratensprache und Halbwahrheiten verschleiert. Rohe Videoaufnahmen versprechen Klarheit, Transparenz und vielleicht sogar die Haftung der Schuldigen', hieß es da."

Tayo Bero hat das Video nicht gesehen, erzählt sie im Guardian, "weil ich es ehrlich gesagt leid bin, schwarze Männer sterben zu sehen. Es sollte nicht normal sein, an den letzten Momenten eines Menschen auf diese Weise teilzunehmen. Schwarze Männer nach ihren Müttern schreien zu hören, während der Staat ihnen das Leben nimmt. Ständig von den Bildern junger Männer und Frauen heimgesucht zu werden, die leicht Sie oder jemand, den Sie kennen, hätten sein können. ... Warum legen wir die Last des Videobeweises weiterhin den schwarzen Gemeinschaften auf, die zu Opfern werden? Warum reicht die bloße Tatsache dieser Vorfälle nicht aus, um dem Ganzen ein Ende zu setzen? Warum haben all die Jahre, in denen wir uns dieses Filmmaterial angesehen haben, nicht ausgereicht, um unsere Gesetzgeber zu echten Maßnahmen zu bewegen? Es kommt mir vor wie eine schmerzhaft sinnlose Übung."

Außerdem: In der FAZ kritisiert Jochen Zenthöfer die von der Juris GmbH veröffentlichten Kommentare zu Gerichtsurteilen, die häufiger "Richterschelte" beinhalteten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2023 - Medien

Erst exlodierten beim RBB die Kosten für die Entlohnung seiner Spitzenfunktionäre, jetzt explodieren die Kosten bei der Aufarbeitung des Skandals, berichtet Aurelie von Blazekovic in der SZ. Bis November habe die Anstalt schon 1,4 Millionen Euro für beauftragte Anwaltskanzleien und ihre Compliance-Gutachten ausgegeben, etwa bei der Kanzlei Lutz Abel, bisher ohne Ergebnis: "Rund 980.0000 Euro brutto habe die Kanzlei bis Ende November bereits abgerechnet. Im Wissen, dass man für eine öffentlich-rechtlich finanzierte Institution arbeite, sei ein reduzierter Stundensatz von 300 Euro pro Stunde vereinbart worden. Doch ausgeschlossen sei eben, dass man, wie versprochen, bis Ende Februar fertig werde."
Stichwörter: RBB, RBB-Skandal

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2023 - Medien

Bertelsmann will Gruner + Jahr bekanntlich komplett abwickeln. Nur der Stern soll eine Marke von RTL werden. Die Mitarbeiter von Zeitschriften wie Brigitte, Gala, Barbara, Guidos Deko Queen, Beef, Schöner Wohnen, Art und Geo haben gestern protestiert, berichtet etwa Anna Ernst in der SZ. Es sieht aber so als, als gäbe es Interessenten für die Titel oder einige von ihnen: "Der Ausverkauf, so wird gehofft, könnte noch im ersten Quartal über die Bühne gehen." In der taz berichtet René Martens.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2023 - Medien

So geht's zu im "Raumschiff Bonn":

Springer-Chef Mathias Döpfner hat in einem dpa-Interview, das bei Spiegel online zitiert wird, Entlassungen bei Bild und Welt angekündigt. "Eine Größenordnung und den Zeitpunkt nannte er nicht."
Stichwörter: Döpfner, Mathias

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2023 - Medien

Erst jüngst hat tagesschau.de der Havarie von Fukushima 18.500 Tote zugeschrieben (unser Resümee). Es waren allenfalls drei oder vier - die eigentliche Katastrophe mit vielen Toten war der Tsunami, der auch Fukushima betroffen hatte. Aber die Fehlmeldung hat in Deutschland bereits Tradition, schreibt Stefan Niggemeier bei den Übermedien: "Zum fünften Jahrestag der Katastrophe 2016 gab es einen ganzen, nun ja: Tsunami an falschen Berichten. Während in Japan der Opfer des Erdbebens gedacht wurde, wurde daraus in der Berichterstattung in Deutschland ein Gedenken der Opfer von Fukushima oder konkret sogar der Atomkatastrophe. Unter anderem der NDR, die Süddeutsche Zeitung und die Augsburger Allgemeine schrieben ihr die 18.000 Todesopfer zu. In anderen Medien wurden die Opfer von Tsunami und Reaktorkatastrophe mindestens missverständlich, wenn nicht irreführend zusammengefasst. Das hatte damals auch die schwarz-rote Bundesregierung in den Sozialen Medien getan."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2023 - Medien

ZDF-Intendant Norbert Himmler fordert im Gespräch mit Claudia Tieschky von der SZ höhere Gebühren: "Die Inflation betrifft die gesamte Gesellschaft, aber auch alle Unternehmen. Wir sind als ZDF der größte Auftraggeber auf dem Fernseh- und Produktionsmarkt mit einer Größenordnung von 800 Millionen Euro im Jahr. Die Produzentinnen und Produzenten fordern zu Recht, dass die Preiserhöhungen, die in unserer Branche massiv sind, in den Verträgen nachvollzogen werden." Nach dem Preis für die Rechte an den Olympischen Spielen, die das ZDF gerade zusammen mit der ARD gekauft hat, fragt Tieschky leider nicht.
Stichwörter: ZDF, ARD, Inflation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2023 - Medien

ARD und ZDF haben die Rechte zu einer umfangreichen TV-Berichterstattung von den Olympischen Spielen bis 2030 erworben, berichtet unter anderem Spiegel online mit Hilfe von Tickern. Ausgehandelt wurde der Vertrag mit IOC-Präsident Thomas Bach. Die Gebührenzahler werden offenbar nicht darüber informiert, wie viel sie für das Vergnügen berappen müssen: "Das IOC werde 90 Prozent der erwirtschafteten Einnahmen weiterverteilen, sagte Bach. Wie hoch der Vertrag dotiert ist, sagte er nicht. Bei der bisher letzten Ausschreibung für Europa hatte das IOC nach eigenen Angaben für vier Spiele 1,3 Milliarden Euro eingenommen. Zu dem TV-Paket gehören die Sommerspiele 2028 in Los Angeles und 2032 in Brisbane sowie die Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina d'Ampezzo und die noch nicht vergebenen von 2030." Wenn für ganz Europa Einnahmen von 1,3 Milliarden aus Rechten zusammenkommen - wieviel davon zahlen ARD und ZDF?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2023 - Medien

Hanno Hauenstein, der Doyen der Israelkritik im deutschen Journalismus, antwortet in der Berliner Zeitung auf einen FAZ-Artikel, der gar nicht mehr existiert (er existiert in Wirklichkeit doch noch, im Archiv darf man ihn für 3 Euro kaufen): Es geht um Thomas Thiels offenbar doch ziemlich schnell hingeworfene Kritik an den EU-Positionen zu Israel (unser Resümee), die dann wegen zahlreicher Fehler im Detail von der Zeitung mit überraschendem Brimborium online zurückgezogen wurde - mehr hier. Hauenstein hat den Artikel nochmal gelesen und herausgefunden, dass die Autoren, auf die sich Thiel mit seiner Krtiik an der EU maßgeblich bezieht, offenbar der evangelikalen Rechten der USA angehören. Der Evangelikalismus sei zwar proisraelisch, aber antisemitisch so Hauenstein. Nicht selten koppele sich die antisemitische Haltung "an eine zynische Bewunderung für Nationen wie Israel, wo ethnische Homogenität politisch immer wichtiger wird - fraglos wichtiger ist als staatsbürgerlich verbürgter Pluralismus". Womit erwiesen wäre, dass Israel-Befürworter sich als Antisemiten entpuppen können, während Israelkritiker wie Hauenstein nur aus Sorge um die Juden agieren.

Die "Tagesschau" hat sich verrechnet: