9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2023 - Medien

Am 4. Januar erschien in der FAZ ein Artikel von Thomas Thiel über die Zweistaatenlösung für Israel und Palästina (Unser Resümee). In der Online-Ausgabe der FAZ wurde der Artikel kurze Zeit später gelöscht und durch eine Korrektur ersetzt, laut Redaktion soll er zehn sachliche Fehler enthalten haben, berichtet Alan Posener in der Welt. An sich kein Problem, einige "gravierende" Fehler waren durchaus dabei, so Posener: "So sprach Thiel von einem israelischen 'Verteidigungskrieg gegen die Palästinenser' 1967, während der Sechstagekrieg tatsächlich gegen die arabischen Staaten Ägypten, Syrien und Jordanien geführt wurde." Aber in der Korrektur "schießt die FAZ-Redaktion weit übers Ziel hinaus", findet Posener. "So sei der Sechstagekrieg 'kein Verteidigungskrieg' gewesen, sondern 'ein Überraschungsangriff' Israels. Jenseits arabischnationalistischer und islamistischlinker Propaganda dürfte es jedoch klar sein, dass Israel damals einem geplanten Vernichtungskrieg seiner Nachbarn zuvorkam." Posener glaubt, dass Teile des FAZ-Feuilletons die Fehler als Chance nutzten, "einen Artikel zu torpedieren und einen Redakteur öffentlich zu diskreditieren, der dem herrschenden deutschen Narrativ über den 'Nahost-Konflikt' widersprach. (…) Einmal den Gedanken zuzulassen, dass nicht Israels Politik das Haupthindernis für den Frieden darstellt, sondern die Nichtanerkennung des Rechts von Juden, in ihrer alten Heimat zu leben, nicht als Dhimmis von Gnaden ihrer muslimischen Herren, sondern als Bürger ihres eigenen Staates: dagegen scheint es nicht nur in Brüssel, sondern auch in der FAZ-Redaktion erheblichen Widerstand zu geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2023 - Medien

Das Wort "Freiheit" wurde zur "Floskel des Jahres" gekürt, die "Jury" besteht allerdings nur aus zwei Journalisten, die ein Online-Projekt mit dem Namen "Floskelwolke" betreiben und vor allem Aufsehen erregen wollen, schreibt Christian Meier in der Welt. Die Onlineseiten von Spiegel, ZDF, Deutschlandfunk Kultur oder der Tagesschau brachten die Meldung, ohne Nachrichtenwert und Relevanz zu überprüfen: "Die Tagesschau verweist auf Nachfrage nur darauf, dass die Redaktion, wie 'viele Nachrichtenmedien' auch, die von den Nachrichtenagenturen dpa (Deutsche PresseAgentur) und epd (Evangelischer Pressedienst) verbreitete Meldung übernommen habe, so wie man auch auf eine 'Vielzahl von Nachrichtenquellen' zugreife. Was zeigt, dass das Nachrichtengeschäft im Grunde so funktioniert wie seit Jahrzehnten: Was über die Agenturen kommt, wird als besonders relevant und vertrauenswürdig wahrgenommen - und auch eine Top-Nachrichtenmarke wie die Tagesschau übernimmt das dann - gegebenenfalls ohne selbst die Relevanz eines Preises einzuschätzen, die in diesem Fall eher gering ist."

Charlie Hebdo hat einen Karikaturenwettbewerb zu den iranischen Unruhen ausgeschrieben und präsentiert die Ergebnisse jetzt in einem Sonderheft, gegen das die Mullahs schon bei der französischen vorstellig geworden sind (in der FAZ berichtet heute Marc Zitzmann). Alle Mullahs? Einer freut sich über die endlich gewonnene Freiheit:
Stichwörter: Charlie Hebdo, Tagesschau, Mullahs

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2022 - Medien

Michael Hanfeld blickt in der FAZ abschließend zurück auf einen Riesenskandal, der kaum Öffentlichkeit hatte, denn "vor allem die beteiligten öffentlich-rechtlichen Sender hatten kein Interesse daran". Es geht um das inzwischen aufgelöste Institut für Rundfunktechnik (unsere Resümees), das den Sendern gehörte, Erfinder des im Netz allgegenwärtigen MPEG-Standards für Audiodateien. Daraus hätte das Institut etwa 300 Millionen Euro Lizenzeinnahmen erzielen können, aber es arbeitete mit der italienischen Firma Sisvel zusammen, das die Rechte verwertete, Riesengewinne einstrich und den Sendern Brosamen abgab. Betrug war es aber nicht, wie die Prozesse laut Hanfeld endgültig erwiesen haben. "Sisvel wies den Vorwurf zurück: Man habe stets die in einem solchen Geschäftsverkehr obliegenden Pflichten erfüllt. Man habe dem Institut eine pauschale, aber auch eine variable und erfolgsabhängige Abgeltung der Lizenz angeboten. 'Aufgrund ihrer besonderen Risikoaversion' habe die Klägerin - also das IRT - es jedoch 'hingenommen', dass Sisvel 'möglicherweise eine große Gewinnmarge erzielen könnte'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2022 - Medien

Bertelsmann geht's laut SZ-Informationen prächtig, trotzdem sollen Zeitschriften wie Brigitte, Gala, Schöner Wohnen und die bisher "sicher geglaubte" Geo vermutlich schon im ersten Quartal 2023 veräußert werden, meldet Anna Ernst in der SZ. (Unsere Resümees) Die Bieter bringen sich bereits in Stellung, die Stimmung in den Magazinen ist angespannt. Die Pläne von Bertelsmann-CEO Thomas Rabe das Angebot aus TV und Print zu bündeln und eine der größten Redaktionen Deutschlands zu schaffen, liegen derweil brach, so Ernst weiter: "Mittlerweile hat Thomas Rabe persönlich den Vorsitz der Geschäftsführung von RTL Deutschland mitsamt dem einverleibten Printgeschäft übernommen. Praktisch: Als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und Geschäftsführer der gesamten RTL Group kontrolliert er sich in der neuen Funktion quasi selbst. Die korrigierende Rolle des Aufsichtsrates? Nicht in Sicht. Weiß man dort im Detail Bescheid, was Rabe da gerade veranstaltet? Nun führt Thomas Rabe nach SZ-Informationen auch die Verkaufsverhandlungen mit den bisherigen Konkurrenzverlagen. Damit könnte er - acht Jahre nach seinem 'Bekenntnis zum Journalismus' - als der Mann in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingehen, der am schnellsten den Niedergang eines großen Traditionsverlags herbeigeführt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2022 - Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland gehörten zu den wichtigsten Finanziers der Fußball-Weltmeisterschaft. Aber die Quoten haben die Hoffnungen nicht erfüllt, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ: "Bei der WM 2018 in Russland hatte es 20 Übertragungen mit mehr als zehn Millionen TV-Zuschauern gegeben. Beim Turnier in Qatar waren es vier. Das Finale vor vier Jahren zwischen Frankreich und Kroatien (4:2) hatten 21,45 Millionen Menschen im ZDF geschaut, während es am Sonntag bei Argentiniens 4:2-Sieg im Elfmeterschießen gegen Frankreich nur 13,86 Millionen waren. ARD und ZDF erlebten einen Einbruch von rund 40 Prozent bei der Reichweite." Das stärkste Ergebnis eines Spiels von Nationalmannschaften erzielte übrigens der Finale der Europameisterschaft der Frauen, so Hanfeld.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2022 - Medien

Die große Reporterin Marie-Luise Scherer ist gestorben. In der FAZ erinnert sich Katharina Teutsch an sie: "Fotografen sprechen von einem farblichen Mittelwert. Scherer hatte keinen. Sie war immer nur radikal. Radikal war auch ihr Blick, der nichts und niemanden schonte. Etwa in einer Reportage über eine in Kreuzberg verschollene junge Westdeutsche. Bei aller Sympathie für die Hausbesetzerszene erkennt Scherer Mitte der Achtzigerjahre den fundamentalen Widerspruch im System: 'Dem unfehlbaren Nichtnormalen ist jeder faschistisch, der Anzeichen von Versöhnung mit dem 'Schweinesystem' zeigt.'" Spon hat einige ihrer Reportagen freigeschaltet., darunter auch "Der unheimliche Ort Berlin", über die Teutsch spricht. Auf der Medienseite der SZ schreibt Willi Winkler. Einen Nachruf auf die Kollegin scheint man beim Spiegel nicht vorbereitet zu haben, immerhin verweist das Blatt auf einige ihrer Reportagen, die sich noch im Archiv finden, darunter ihre wohl bekannteste, "Die Hundegrenze".

Die philippinische Journalistin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa glaubte lange an den Nutzen der sozialen Medien, gründete sogar selbst welche. Heute ist sie "überzeugt, dass soziale Medien zu einem Instrument geworden sind, mit dem illiberale Politiker Wahlen manipulieren und ihre Länder in Autokratien verwandeln können", wie sie in ihrem neuen Buch schreibt und im Interview mit Zeit online erklärt. "Für investigativen Journalismus bedeutet das: Unsere Arbeit wird in sozialen Netzwerken allzu leicht unter einem Berg von Lügen begraben. So werden wir unserer Bedeutung beraubt. ... Wir brauchen einen Entzug. Deshalb fordere ich gemeinsam mit Dmitri Muratow, dem Chefredakteur der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, mit dem ich vor einem Jahr den Nobelpreis bekommen habe: Reguliert die Algorithmen. Stoppt die Voreingenommenheit in digitalen Programmen. Und stärkt Journalismus als Gegenmittel der Tyrannei. Denn wir Journalisten, wir sind keine Inhaltsschleudern, wir sind keine Influencer, es geht nicht um Popularität. Wir ziehen die Mächtigen zur Rechenschaft.

Wenn die Trennung zwischen bösen sozialen Medien und gutem Journalismus nur so einfach wäre: Silvio Berlusconi steht offenbar kurz davor, mit seinem Medienimperium die deutsche Sendergruppe ProSiebenSat.1 zu übernehmen, meldet unter anderem die FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2022 - Medien

Die Fußball-WM geht zu Ende. Katar hat außerdem durch eine Korruptionsaffäre in der EU von sich reden gemacht (aber das ist natürlich vor allem eine Affäre der EU). Und SZ-Redakteurin Dunja Ramadan bleibt dabei: Die Kritik an Katar in den Medien war überzogen. Ihr Kronzeuge ist der Kulturwissenschaftler Kai Hafez: "Beim Thema Homosexualität ist Hafez ebenfalls ein eurozentrischer Blick aufgefallen. 'Natürlich gibt es eine Homosexuellen-Szene in der arabischen Welt. Sie findet zwar nicht im öffentlichen Raum statt, aber in Amman gibt es Travestieboutiquen und in und um Damaskus Bars, in den sich Homosexuelle treffen.' Stattdessen bekam man den Eindruck, dass Homosexuelle in Doha automatisch um ihr Leben fürchten müssen." Und Hafez geht noch weiter. Es wäre leicht, auch Deutschland "als Land von Rassisten und Europa als Heimat einer illegalen Schattenwirtschaft mit schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen für Migranten erscheinen zu lassen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2022 - Medien

Michael Hanfeld greift in der FAZ die Berichte über die pharaonischen "Ruhegelder" auf, die ehemaligen RBB-Granden neben der Rente bezahlt werden. "Die einstige Programmdirektorin Claudia Nothelle, die inzwischen Professorin für Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal ist, habe inzwischen rund eine halbe Million Euro Ruhegeld mitgenommen." Aber "einlassen wollen sich die Empfänger des Ruhegelds zum Thema nicht. Etwas dazu zu sagen hätten aber auch die Vertreter anderer öffentlich-rechtliche Sender. Einer Recherche des NDR zufolge werden Ruhegelder - und zwar lebenslang - auch beim MDR und beim ZDF bezahlt. Beim ZDF hätten der Intendant und alle fünf Direktoren des Senders einen Ruhegeldanspruch. Beim NDR gebe es diesen für den Intendanten und dessen Stellvertreterin, allerdings nur bis zum Eintritt ins Pensionsalter. Der RBB ist in Sachen Ruhegeld also kein Einzelfall."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2022 - Medien

Um die BBC wird seit ihrer Gründung vor hundert Jahren gestritten, erinnert Gina Thomas in der FAZ, und natürlich stehen irrwitzige Moderatorengehälter oder journalistische Leitlinien immer wieder in der Diskussion. Aber inzwischen vermengen sich auf ungute Weise politische Affekte und wirtschaftliche Ideologie: "Die BBC ist Gegenstand eines Kulturkriegs. In der Debatte um die Zukunft des Senders wird die grundsätzliche Frage, ob das BBC-Modell noch zeitgemäß ist, vom gleichen politischen Geist getrieben, der die Brexit-Debatte gelenkt hat. Die konservativen Medien dreschen auf die Anstalt ein, der sie linksliberale Voreingenommenheit vorwerfen. Vor allem die Daily Mail. Sie gefällt sich in der Rolle der Spitzenreiterin jener Fraktion, die der vor Jahren von dem Thatcher-Minister Norman Tebbit ausgesprochenen Einschätzung beipflichtet, die BBC präge die 'unerträgliche, blasierte, scheinheilige, naive, schuldbeladene, waschlappenhafte, linke Orthodoxie jenes Altenheims drittrangiger Köpfe jenes drittrangigen Jahrzehnts der Sechzigerjahre'."
Stichwörter: BBC, Brexit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2022 - Medien

Schnell und überraschend gut vorbereitet berichteten zumindest einige Medien über die Großrazzia in der "Reichsbürger"-Szene. Im Tagesspiegel glaubt Jost Müller-Neuhof, hier habe "eine Inszenierung stattgefunden; ein PR-Coup, der die Verantwortlichen der Staatsmacht in gutes, die Festgenommenen in ein schlechtes Licht rücken soll." Und: "Ein solcher Eindruck wäre schädlich. Die Verantwortlichen sollten deshalb glaubhaft darlegen, dass sie alles dafür getan haben, den Einsatz im Vorfeld geheim zu halten. Die eigene Überraschung über die vielen Kameras und Blitzlichter vor Ort kundzutun, genügt dafür nicht. Sie müssen dem Verdacht nachgehen, wann und wie die Informationen aus den Reihen der Behörden abfließen konnten. Es handelt sich - mutmaßlich - um Geheimnisverrat."

Auch Aurelie von Blazekovic und Philipp Bovermann stutzen in der SZ über die eiligen Hintergrundrecherchen, die allerdings auch die SZ am Tag der Razzia lieferte, wie sie bekennen. Indes teilt das Bundeskriminalamt mit, "dass es 'grundsätzliche keine Informationen mit nicht berechtigten Stellen und Personen' teile. Das Bundesinnenministerium beteuert das ebenfalls. 'Die Weitergabe von Informationen an Außenstehende im Vorfeld von Ermittlungsmaßnahmen ist aus unserer Sicht unverantwortlich,' fügt eine Sprecherin hinzu. Denn: 'Es handelte sich gestern um einen gefährlichen Einsatz, deutlich wird dies allein an der Anzahl der eingesetzten Spezialkräfte.' Die Anwesenheit von Medienvertretern vor Ort bei Durchsuchungsmaßnahmen gefährde nicht nur sie selbst, sondern auch die Einsatzkräfte."
Stichwörter: Reichsbürger, Razzia