9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

2335 Presseschau-Absätze - Seite 52 von 234

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2023 - Medien

In einem offenen Brief beschuldigen tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der New York Times die Zeitung der "tendenziösen Berichterstattung" bei Transgender-Themen, berichtet Birgit Schmid in der NZZ: "Der offene Brief beanstandet ein paar Artikel in der Times, die den starken Anstieg von Transdiagnosen und Behandlungen schon von Kindern kritisch hinterfragen. Dazu gehört ein Beitrag, in dem eine junge Frau berichtet, ihre Transition bereut und rückgängig gemacht zu haben. Auch die Sprache wird in einem Times-Artikel kritisiert. So stört man sich am Wort 'Patient' für ein Kind, das sich eine geschlechtsangleichende Behandlung wünschte: 'Patient' verunglimpfe die Transidentität als Krankheit, die man fürchten müsse. Richtig gelesen. Was im Brief nur nebenbei erwähnt wird: In den vergangenen Jahren hat sich die New York Times in zahlreichen Texten und Meinungsbeiträgen für die Rechte von Transmenschen ausgesprochen, und dies so einfühlsam und ausführlich, dass man manchmal den Eindruck erhielt, hier würde lobbyiert. Doch den Briefunterzeichnern wäre lieber, wenn nur noch positiv über Transthemen berichtet würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2023 - Medien

Bertelsmann hielt es nicht für nötig, die vielen freien MitarbeiterInnen persönlich in Kenntnis über die Abwicklung der Magazine zu setzen, erfährt Saskia Aleythe, die in der SZ auch über die zunehmend problematische Situation vieler Freier im Journalismus berichtet: "'Für viele Freie sind Magazin-Honorare ein Grundpfeiler ihrer journalistischen Arbeit und wichtig, um überhaupt im Journalismus arbeiten zu können', sagt Sigrid März, die Vorsitzende vom Freischreiber-Verband, in dem sich freie Journalisten organisieren. So hat der Wegfall der Magazine Folgen über Gruner + Jahr hinaus. 'Durch diese Entwicklungen können freie Journalisten immer weniger allein vom Journalismus leben', sagt Matthias von Fintel, Leiter des Bereichs Medien, Journalismus und Film der Gewerkschaft Verdi: 'Sie sind immer mehr gezwungen, auch in der Öffentlichkeitsarbeit zu arbeiten, für Werbung und andere Bereiche, in denen journalistische Fachkräfte ja durchaus gefragt sind.' In der Regel werden sie dort auch besser bezahlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2023 - Medien

Teseo La Marca berichtet in der taz von der immer schärferen Repression gegen Journalisten im Iran und ist sich doch sicher: "Bei aller Härte, die die Islamische Republik gegen Journalisten und Journalistinnen anwendet, die nichts anderes tun, als ihren Beruf auszuüben, ist es unwahrscheinlich, dass der 'mediale Krieg' noch gewonnen werden kann. Selbst wenn es dem Regime gelingen sollte, die eigenen Berichterstatter mundtot zu machen, informieren sich die meisten Iranerinnen und Iraner heute ohnehin lieber über soziale Medien und persischsprachige Auslandsmedien, wo rote Linien und Zensur gar nicht existieren."

Jürgen Kaube berichtet im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, dass Frank Berberich, Chef der Lettre International, unter anderem Sinn und Form klagt, weil diese Zeitschrift von der Akademie der Künste und also vom Staat finanziert wird. "Betroffen von weiteren Klagen sind die Zeitschrift Kulturaustausch, die vom Auswärtigen Amt finanziert wird, sowie das Onlineportal LCB diplomatique, betrieben vom Literarischen Colloquium Berlin... Der Staat lässt Zeitschriften publizieren und behauptet zugleich, er dürfe sich nicht in die Zeitschriftenlandschaft einmischen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2023 - Medien

Ärger bei der New York Times, auf den Tom Jones im Poynter hinweist (mehr auch in der Daily Mail): Die New-York-Times-Redakteurin Pamela Paul hat ein Editorial "In Defense of J.K. Rowling" geschrieben. Hier  weist sie auf ein Podcast hin, in dem Rowlings selbst ausführlich über die äußerst scharfe Debatte um sie sprechen wird und kommentiert gegen die Angriffe aus der Trans-Community: "Diese Kampagne gegen Rowling ist ebenso gefährlich wie absurd. Die brutale Messerattacke gegen Salman Rushdie im letzten Sommer ist eine eindringliche Erinnerung daran, was passieren kann, wenn Schriftsteller dämonisiert werden. Und im Fall von Rowling stimmt die Charakterisierung als Transphobikerin nicht mit ihren tatsächlichen Ansichten überein." Diesem Editorial war ein Offener Brief von 200 New-York-Times-Mitarbeitern vorausgegangen, in dem "ernste Sorgen über redaktionelle Voreingenommenheit in der Berichterstattung der Zeitung über Transgender, nicht-binäre und geschlechtsuntypische Menschen" vorgebracht wurden. Dieser Brief wurde auch von namhaften JournalistInnen wie Roxane Gay, Dave Itzkoff und Ed Yong unterzeichnet.

Auf die Kampagne ist die LGBT-aktvistische Gruppe GLAAD um einige bekannte Celebrities aufgesprungen, die mit einem Plakatwagen vor dem Times-Gebäude demonstriert und ebenfalls einen Offenen Brief publiziert hat. Sie warnt schon aus gesundheitlichen Gründen vor anderen Debattenstandpunkten als dem eigenen: "Die Times hat wiederholt gleichgeschlechtlichen (nicht-transgender) Menschen eine Plattform geboten, die ungenaue und schädliche Fehlinformationen über transgender Menschen und Themen verbreiten. Dies schadet der Glaubwürdigkeit der Zeitung. Und es schadet allen LGBTQ-Menschen, insbesondere unseren Jugendlichen, die sagen, dass sich Debatten über die Gleichstellung von Transsexuellen  negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirken, was ein Faktor ist, der zu den hohen Selbstmordraten bei LGBTQ-Jugendlichen beiträgt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2023 - Medien

Der einst sehr renommierte amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh hat in seinem Substack-Newsletter behauptet, der amerikanische Geheimdienst habe mit Hilfe der Norweger die Ostseepipelines Nordstream 1 und 2 gesprengt. In einem langen Interview mit der Berliner Zeitung darf er seine Theorie ohne jede kritische Nachfrage ausführlich darlegen. Es ist die taz, die darauf hinweist, dass der Text gegen journalistische Standards verstößt, weil er sein Wissen aus nur einer und dann noch anonymen Quelle bezieht: "Hershs Grundproblem ist die mehr als dürftige Faktenlage", schreibt Pascal Beucker. "Er kommt vollständig ohne Beweise aus. Das alleine macht die Geschichte zwar noch nicht unseriös. Aber wenn sich der altgediente Journalist stattdessen ausschließlich auf eine einzige anonyme 'Quelle mit direktem Wissen über die operative Planung' beruft, ist das zu wenig, um journalistischen Standards zu genügen. Dafür hätte er sich wenigstens an das Zweiquellenprinzip halten müssen, das verlangt, dass eine Information durch zwei zuverlässige und unabhängige Quellen bestätigt wird. Das soll davor schützen, Räuberpistolen aufzusitzen. Der vermeintliche Whistleblower hätte also Ausgangs-, nicht Endpunkt der Recherche sein müssen."

Auf Zeit online ist Carsten Luther enttäuscht von einem Reporter, der einst große Verdienste hatte, jetzt jedoch mehr und mehr unter die Verschwörungstheoretiker rutscht.

"ONE" nennt Bertelsmann das Projekt, in dem skizziert wird, wie der Konzern etwa tausend Stellen bei Gruner und Jahr abwickeln will, weiß Anna Ernst, die für die SZ in interne Unterlagen blicken konnte: "Die Chefs sollen drei Aspekte beachten: Im ersten Schritt geht es RTL zufolge darum anzuerkennen, 'was ist'. In dieser Zeit voller Ängste, Unsicherheiten, Stress und Spannungen sollen die Vorgesetzten 'Vertrauen schenken, psychologische Sicherheit sicherstellen, Halt geben, ehrlich kommunizieren, Orientierung und Sinn vermitteln'. RTL rät, gendernd und kumpelhaft duzend: 'Die Unsicherheit bei deinen Mitarbeiter:innen wird hoch sein. Sprich dies offen und ehrlich in deinen Teams an. Biete Dialog und Austausch an.'" In einer weiteren Handreichung gibt RTL Tipps, wie auf Sorgen der Mitarbeiter reagiert werden kann: " 'Wie könnt Ihr mir (uns) das nach so vielen Jahren antun?' - 'Deine Enttäuschung und Wut können wir nachvollziehen. Die Entscheidungen, die getroffen wurden, sind keine Entscheidungen gegen dich als Mitarbeiter, sondern Entscheidungen, um die Zukunftsfähigkeit von RTL Deutschland zu sichern.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2023 - Medien

Thomas Knüwer kommt in seinem Blog Indiskretion Ehrensache auf die Schleifung von Gruner und Jahr zurück und kann zurecht von sich behaupten, schon vor 15 Jahren gewarnt zu haben. Die jetzige Katastrophe ist jedenfalls das Ergebnis jahrzehntelanger eitler Untätigkeit, so Knüwer. Darin manifestiere sich eines der Probleme der Branche: "Sie findet sich selbst derartig geil, das Veränderungen praktisch unmöglich sind." Knüwer belegt, wie oft er seit bald zwanzig Jahren Internetstrategien einforderte: "Vielleicht ist meine Meinung da ja Blödsinn, genau wie meine oben verlinkten Artikel. Nur: Es gab wenig Gegenargumentation. Die Reaktion von Verlagsangehörigen auf diese Stücke teilte sich in jene auf, die sie pauschal abtaten und jene, die behaupteten, es gehe der Branche doch wunderbar, man müsse nichts ändern."

Knüwer zitiert auch einen Perlentaucher-Artikel des unvergessenen Robin Meyer-Lucht aus dem Jahr 2008, der damals über Medienhäuser wie Gruner und Jahr schrieb: "Sie stehen wie altbackene Warenhäuser oder etwas fettig riechende Kantinen in einem sich rasant entwickelnden Umfeld. Sie haben damit ein Qualitätsproblem nicht nur in den Augen ihrer professionellen Kritiker, sondern vor allem auch in den Augen ihrer Nutzer." Meyer-Luchts Kolumen im Perlentaucher kann man hier nachlesen.

In der SZ berichtet Anna Ernst heute, dass unter all den gecancelten Magazinen Geo Epoche vielleicht doch noch eine Chance gegeben war, weil der Ableger von Geo profitabel sei.
Stichwörter: Gruner und Jahr

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2023 - Medien

In der SZ singt Willi Winkler - unter Auslassung peinlicher Vorkommnisse - eine Hymne auf den Verlag Gruner und Jahr, der einst eine Bastion der unterhaltsamen Aufklärung gewesen sei und nun unaufhaltsam verRTellisiert werde: "In Gütersloh tat man immer fromm und betete doch nur den Gott Mammon an, der zuverlässig aus Hamburg nachlieferte. Dort war man schon immer ziemlich gottlos und glaubte deshalb an ein besseres Deutschland, das hinter den Greisen Adenauer und Lübke zum Vorschein kommen würde, das nicht so vergangenheitsbelastet wie die ehemaligen NSDAP-Mitglieder Kiesinger und Carstens wäre, das sich am Wahlsonntag nicht von der Kanzel herunter bepredigen ließ, dass die SPD des reinen Teufels sei. Der Stern erzürnte schon 1962 das katholische Deutschland mit der scheinheiligen Frage: 'Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?' Der CDU-Bundesvorstand missbilligte schärfstens, der Stern-Verleger Gerd Bucerius, der auch Abgeordneter war, trat aus der Partei aus. 'Ich bin stolz, Verleger eines Blattes zu sein, dessen Journalisten nicht nach der Pfeife ihres Verlegers tanzen müssen.'"

Weiteres: In der FAZ fragt sich Jürg Altwegg in der Affäre um dem Chefredakteur Finn Canonica, dem die Journalistin Anuschka Roshani vorwirft, beim Schweizer Magazin ein Regime der Einschüchterung und Vulgaritäten geführt zu haben, was eigentlich der Rest der Redaktion dazu zu sagen hat. Die Berliner Zeitung annonciert ihre Rückkehr an den Alexanderplatz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2023 - Medien

Schon mit der Integration von Gruner + Jahr in RTL war Hamburgs Kultur- und Mediensenator Carsten Brosda (SPD) nicht glücklich, sagt er im SZ-Gespräch mit Anna Ernst. Überhaupt sei die Innovationsfreude in der Medienbranche "unterausgeprägt. Dabei ist der Veränderungsdruck in den privaten Medien enorm hoch. Andere Branchen wären schon längst dabei, Innovationsökosysteme zu bauen: Auch mit wissenschaftlicher Begleitung, die man braucht um neue Ideen für die Transformation zu entwickeln und auszuprobieren. In dem ein oder anderen Verlagshaus hat man immer noch das Gefühl, dass sich ein wesentlicher Bestandteil der Innovationsperspektive immer noch darauf bezieht, wie vor dreißig Jahren zu sagen: Wir machen mal 'ne Nullnummer und gucken, ob die am Kiosk gekauft wird und dann gucken wir weiter."

Für den Zeitraum von 2025 bis 2028 hat die ARD 250 Millionen Euro angesetzt, um in digitale Angebote zu investieren, meldet Joachim Huber im Tagesspiegel. Der ARD-Vorsitzende Kai Gniffke kündigte "eine 'Portfoliobereinigung' an, die bei den linearen Angeboten, aber auch bei den Social-Media-Auftritten stattfinden solle. Im April werde es dazu einen ersten Ideenaustausch geben. Dabei werde auch die kommende gesetzliche Möglichkeit genutzt, lineare TV-Sender zu einem digitalen Angebot zu machen oder gar einzustellen, bekräftigte der SWR-Intendant. Die Einstellung könnte den Sender One betreffen, das Umswitchen die Programme tagesschau24 und ARD alpha. Kooperationen unter den Sendern des Verbunds werden laut ARD zum Regelfall werden, um mehr Kräfte für 'journalistische Exzellenz und hohe Recherchetiefe' zu bekommen."

Schön, wenn man mal so eben 250 Millionen Euro für die Digitalisierung ausgeben kann, kommentiert Michael Hanfeld in der FAZ und staunt über Losungen des öffentlich-rechtlichen Wandels: "Nicht mehr 'alle machen alles' lautet die Devise, sondern - überall anders würde man das für selbstverständlich halten - 'Kooperation wird der Regelfall'."

Der WDR hat eine Umfrage in Auftrag gegeben und herausgefunden, dass nur 41 Prozent der Bevölkerung das Gendern richtig und wichtig finden. Nun soll es nicht mehr die Regel im Sender sein, freut sich Matthias Heine in der Welt "Überzeugende sprachwissenschaftliche Argumente fürs Gendern hat es ohnehin nie gegeben. Die immer wieder angeführten psychologischen Studien, die beweisen sollten, dass bei der Verwendung der im Deutschen üblichen Verwendung des 'generischen Maskulinums' als geschlechterneutrale Form Frauen 'ausgeblendet' oder 'unsichtbar' würden, sind wissenschaftlich äußerst anfechtbar. Und eine Petition gegen die genderpositive Praxis der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender wurde im Juli zunächst von siebzig renommierten Sprach- und Literaturwissenschaftlern unterzeichnet. Mittlerweile ist die Zahl der Forscher, die unterschrieben haben, auf 470 gewachsen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2023 - Medien

Ex-Magazin-Chefredakteur Finn Canonica hat in einem Brief, in dem er sich als "Opfer einer Intrige und Rufmordkampagne" darstellt, auf die Vorwürfe, die Anuschka Roshani im Spiegel erhoben hat (Unser Resümee), reagiert, berichtet Lucien Scherrer in der NZZ. "Die Frage ist, weshalb das 'System Canonica' bei Tamedia so lange geduldet wurde. Bereits am 5. Februar hat die Tamedia-Chefredaktion eine Stellungnahme veröffentlicht. Nach dieser waren Roshanis Vorwürfe erst seit Frühjahr 2021 bekannt. Damals protestierten über hundert Tamedia-Frauen gegen das ruppige und sexistische Arbeitsklima. Ein externes Anwaltsbüro, so die Chefredaktion weiter, habe während einer monatelangen Untersuchung festgestellt, dass der Magazin-Chef durch 'nicht angebrachtes Verhalten' aufgefallen sei und sich herablassend geäußert habe. Die Tatbestände der sexuellen Belästigung, des Mobbings und der Diskriminierung seien jedoch 'im Wesentlichen zu verneinen'. Man arbeite intensiv daran, die Redaktionskultur zu verbessern."

So viel ist sicher: Um Journalismus geht es Bertelsmann-Chef Thomas Rabe bei der Schleifung von Gruner und Jahr nicht, schreibt Laura Hertreiter, die für die SZ auch mit Manfred Bissinger, Zeitungsgründer und ehemaliger Stern-Chefredakteur gesprochen hat: "Die Strategie habe 'nur wenig mit Journalismus und Verlegerei, dafür aber sehr viel mehr mit dem Verkauf von Immobilien und Autos zu tun'. Die Ursache? 'Satt von ihren guten Gewinnen haben die Manager aus Gütersloh die digitale Revolution verschlafen.' Was Thomas Rabe jetzt mit RTL und Gruner + Jahr anstellt, ist eine Albtraum für die Belegschaft, für Hamburg, für Leserinnen und Leser. Und es ist ein gefährliches Szenario: Das Geschäft mit dem Schreiben, Dokumentieren und Unterhalten in Diagrammen zu bemessen, funktioniert nur sehr begrenzt. Wenn Medienunternehmer Publizistik verkaufen wollen wie Schrauben und Wurst, läuft etwas ganz grundsätzlich falsch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2023 - Medien

Unter Buhrufen verkündete Thomas Rabe, CEO von Bertelsmann und Geschäftsführer von RTL, gestern die große Abwicklung bei Gruner + Jahr: Nur "13 Marken, die nach Unternehmensangaben etwa 70 Prozent des Umsatzes von G+J ausmachen, bleiben im Portfolio. Dazu gehören Stern, Geo, Capital, Brigitte und Gala sowie Ableger wie Geolino und Geolino Mini. Alle anderen Zeitschriftentitel werden eingestellt oder verkauft", meldet Zeit Online mit dpa. "Keine Zukunft sieht RTL zum Beispiel für die Geo-Ableger Geo Wissen, Geo Epoche, Geo kompakt und Geo Saison sowie für Brigitte Woman und den Stern-Ableger View. Auch die Magazine Guido um den Designer Guido Maria Kretschmer und Barbara um TV-Moderatorin Barbara Schöneberger werden eingestellt. Zu den Titeln, die RTL verkaufen will, gehören unter anderem das Kunstmagazin art, die Fußballzeitschrift 11 Freunde sowie die Magazine Beef! und Business Punk." Entsprechend sollen rund 700 der 1900 Stellen wegfallen, heißt es weiter.

An allen Ecken und Enden soll nun also gespart werden, aber waren die Einsparungen wirklich nötig, fragt Anna Ernst in der SZ: "Bis einschließlich 2021 war Gruner + Jahr eigenständig - und hatte damit eigene Geschäftsberichte, geprüft von externen Wirtschaftsprüfern. Und diese Berichte zeichneten das Bild eines gesunden, rentablen Verlages, der neben Print auch in neue Digitalunternehmen investierte. Der Gewinn vor Abzug von Steuern lag 2021 bei stolzen 134 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 127 Millionen Euro." 2022 aber sei man nur noch "marginalprofitabel" gewesen, behauptete Rabe gestern gegenüber den Angestellten, die ihm wenig Glauben schenkten: "Die Hoffnung liegt nun auf Betriebsräten und Gewerkschaften, die ankündigten, für jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen zu wollen. Verdi spricht in einer Mitteilung von einer 'Zerschlagung' - und erwartet, dass sogar noch mehr als 700 Stellen betroffen sein könnten."

"Management-Versagen auf allen Ebenen" attestiert Hannah Kluth bei Zeit Online in ihrer Analyse, für die sie auch mit Rabe gesprochen hat, den Verantwortlichen. "'Den Magazinen steht ein Verwaltungsapparat gegenüber, der viel zu groß ist, der einfach nicht passt', sagt Rabe. Er spricht von 40 Millionen Euro Kosten. (…) Wer mit einstigen Managern und Chefs von Gruner spricht, bekommt ein anderes Bild: Bertelsmann habe über Jahre nicht in Gruner + Jahr investiert, es sei kaum Geld für die Digitalisierung geflossen. Immerzu, heißt es, musste das Haus sparen und dabei weiterhin zweistellige Renditen abwerfen. Der Verlag habe nie in neue Geschäftsfelder investieren dürfen, dabei habe es dafür Pläne gegeben: 2012 wollte man das britische Marktforschungsunternehmen YouGov kaufen, das heute eine Milliarde wert sein soll. Doch die Bertelsmann-Philosophie lautete: Keine Tochterfirma sollte in eigene Geschäftsfelder investieren."

RTL bleibt mit den verbliebenen Titel nun ein Zeitschriftenverlag "wider Willen", meint Christian Meier in der Welt: "Es darf nicht vergessen werden, dass G+J ein großer Fisch in Frankreich war, aktiv in Spanien, Polen, den Niederlanden, Russland und sogar China. 2,83 Milliarden Euro erwirtschaftete der Verlag im Jahr 2007, bei einem operativen Gewinn von 264 Millionen Euro und mehr als 14.000 Beschäftigten. Wer da meint, die neuerliche Verkleinerung sei der echte Hammer, blendet die Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt aus. Der Mittelweg ist darum vermutlich auch nur ein weiterer Zwischenschritt und damit letztlich ein Kompromiss mit überschaubarer Haltbarkeit. Für die bekannten Marken des Hauses hätte es sicherlich Abnehmer gegeben zu für Bertelsmann akzeptablen Preisen. Auch für profitable Titel kann ein Verkauf sinnvoll sein, wenn man glaubt, nicht mehr der beste Eigentümer zu sein."

Neueste Meldung: Die Chefredaktion von Geo ist unter Protest gegen die von Bertelsmann verkündeten Sparmaßnahmen zurückgetreten, meldet etwa Zeit online.