Unter Buhrufen verkündete
Thomas Rabe, CEO von Bertelsmann und Geschäftsführer von
RTL, gestern die große Abwicklung bei
Gruner + Jahr: Nur "
13 Marken, die nach Unternehmensangaben etwa 70 Prozent des Umsatzes von G+J ausmachen, bleiben im Portfolio. Dazu gehören
Stern,
Geo,
Capital,
Brigitte und
Gala sowie Ableger wie
Geolino und
Geolino Mini. Alle anderen Zeitschriftentitel werden
eingestellt oder verkauft",
meldet Zeit Online mit
dpa. "Keine Zukunft sieht
RTL zum Beispiel für die Geo-Ableger
Geo Wissen,
Geo Epoche,
Geo kompakt und
Geo Saison sowie für
Brigitte Woman und den
Stern-Ableger
View. Auch die Magazine
Guido um den Designer Guido Maria Kretschmer und
Barbara um TV-Moderatorin Barbara Schöneberger werden eingestellt. Zu den Titeln, die
RTL verkaufen will, gehören unter anderem das Kunstmagazin
art, die Fußballzeitschrift
11 Freunde sowie die Magazine
Beef! und
Business Punk." Entsprechend sollen rund
700 der 1900 Stellen wegfallen, heißt es weiter.
An allen Ecken und Enden soll nun also gespart werden, aber waren die Einsparungen wirklich nötig, fragt Anna Ernst in der
SZ: "Bis einschließlich 2021 war Gruner + Jahr eigenständig - und hatte damit eigene Geschäftsberichte, geprüft von externen Wirtschaftsprüfern. Und diese Berichte zeichneten das Bild eines gesunden,
rentablen Verlages, der neben Print auch in neue
Digitalunternehmen investierte. Der Gewinn vor Abzug von Steuern lag 2021 bei stolzen
134 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 127 Millionen Euro." 2022 aber sei man nur noch "
marginalprofitabel" gewesen, behauptete
Rabe gestern gegenüber den Angestellten, die ihm wenig Glauben schenkten: "Die Hoffnung liegt nun auf Betriebsräten und Gewerkschaften, die ankündigten,
für jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen zu wollen. Verdi spricht in einer Mitteilung von einer 'Zerschlagung' - und erwartet, dass sogar noch mehr als 700 Stellen betroffen sein könnten."
"
Management-
Versagen auf allen Ebenen" attestiert Hannah Kluth bei
Zeit Online in ihrer Analyse, für die sie auch mit Rabe gesprochen hat, den Verantwortlichen. "'Den Magazinen steht ein Verwaltungsapparat gegenüber, der viel zu groß ist, der einfach nicht passt', sagt Rabe. Er spricht von
40 Millionen Euro Kosten. (…) Wer mit einstigen Managern und Chefs von Gruner spricht, bekommt ein anderes Bild: Bertelsmann habe über Jahre nicht in Gruner + Jahr investiert, es sei
kaum Geld für die Digitalisierung geflossen. Immerzu, heißt es, musste das Haus sparen und dabei weiterhin zweistellige Renditen abwerfen. Der Verlag habe nie in neue Geschäftsfelder investieren dürfen, dabei habe es dafür Pläne gegeben: 2012 wollte man das britische Marktforschungsunternehmen
YouGov kaufen, das heute eine Milliarde wert sein soll. Doch die Bertelsmann-Philosophie lautete: Keine Tochterfirma sollte in eigene Geschäftsfelder investieren."
RTL bleibt mit den verbliebenen Titel nun ein
Zeitschriftenverlag "
wider Willen", meint Christian Meier in der
Welt: "Es darf nicht vergessen werden, dass G+J ein großer Fisch in Frankreich war, aktiv in Spanien, Polen, den Niederlanden, Russland und sogar China.
2,
83 Milliarden Euro erwirtschaftete der Verlag im Jahr 2007, bei einem operativen Gewinn von
264 Millionen Euro und mehr als 14.000 Beschäftigten. Wer da meint, die neuerliche Verkleinerung sei der echte Hammer, blendet die Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt aus. Der Mittelweg ist darum vermutlich auch nur ein weiterer Zwischenschritt und damit letztlich ein
Kompromiss mit überschaubarer Haltbarkeit. Für die bekannten Marken des Hauses hätte es sicherlich Abnehmer gegeben zu für Bertelsmann akzeptablen Preisen. Auch für profitable Titel kann ein Verkauf sinnvoll sein, wenn man glaubt, nicht mehr der beste Eigentümer zu sein."
Neueste Meldung: Die Chefredaktion von
Geo ist
unter Protest gegen die von Bertelsmann verkündeten Sparmaßnahmen
zurückgetreten, meldet etwa
Zeit online.