9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 54 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2017 - Religion

Endlich glauben die Amerikaner ein kleines bisschen weniger an Gott - statt 6 Prozent im Jahr 1992 erklären heute 22 Prozent der Amerikaner, nicht an Gott zu glauben -,  aber statt diesen wachsenden Säkularimus als eine gute Nachricht zu begrüßen, schaltet Peter Beinart im Atlantic die Alarmsirenen ein. Nein, Säkularismus mache eine Gesellschaft nicht entspannter: "Das anzunehmen, war naiv. Säkularismus bringt zwar größere Toleranz für Homoehe und Cannabis-Legalisierung mit sich. Aber er verschärft auch die politischen Auseinandersetzungen. Und er trägt zum Aufstieg von Donald Trump und der sogenannten Alt-Right-Bewegung bei, die sich als Repräsentanten des weißen Nationalismus sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2017 - Religion

Getrennt, wie sie sind, teilen sich Kirche und Staat in Deutschland gern die Aufgaben: die Kirchen machen Missionsarbeit - etwa in Form von Kirchentagen -, und der Staat bezahlt: Ab 24 Mai findet in Berlin der Evangelische Kirchentag statt, schreibt Claudius Prösser in der taz: Zwar gehörten "wenig mehr als 16 Prozent der BerlinerInnen 2016 noch einer evangelischen Kirche an, die KatholikInnen kamen auf unter 9 Prozent. Der Rest gehört einer anderen oder - größtenteils - gar keiner Religion an. Andererseits übernehmen Berlin, Brandenburg und der Bund zusammen über die Hälfte der mit 23 Millionen Euro veranschlagten Kosten. Die Evangelische Landeskirche schießt nur 3,7 Millionen Euro zu, weniger als die Hälfte des Betrags, den der als Verein eingetragene Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT e. V.) selbst über Eintrittskarten, Spenden und Sponsoring hereinholt." Ähnliche Diskussionen gab es vor ein paar Monaten auch anlässlich des Katholischen Kirchentags in Leipzig (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2017 - Religion

Der Staatsrechtler Christoph Möllers lässt sich in der FR von Arno Widmann zum sich verändernden Verhältnis von Staat und Religion in vielen Ländern befragen. Nur in Deutschland bleibt alles wie immer: "In Deutschland haben die Kirchen gelernt, dass ihr Einfluss durch direkte Beteiligung an politischen Auseinandersetzungen eher leidet. Ihre - für die Zahl ihrer Mitglieder recht große - politische Bedeutung verdanken sie einer Dauerpräsenz im politischen Diskurs, der sich nicht eindeutig parteipolitisch abbilden lässt."

In der NZZ bekennt Adolf Muschg über Kierkegaard wieder zur Kirche gefunden zu haben: "Inzwischen beginnt mir Jesus wieder etwas zu bedeuten, ich bin auch wieder in die reformierte Kirche eingetreten. Weil ich an ihre Botschaft glaube? Viel eher, weil sie vom Glauben daran so weit entfernt ist wie ich. Aber vom Jesus der Bergpredigt und der Feindesliebe hat sie die heilige, die verdammte Pflicht geerbt, sich an diese Entfernung zu erinnern und sie nicht gut sein zu lassen. Es ist nichts Seligmachendes, schon gar nichts Alleinseligmachendes mehr an dieser Kirche; sie befindet sich in einer fast schon absoluten Minderheitsposition. Darin fühle ich mich in ihrer Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2017 - Religion

Im Interview mit der Mailänder Obdachlosenzeitung Scarp de' Tenis hat Papst Franziskus Leitlinien für den Umgang mit Bettlern gegeben, freut sich die NY Times im Leitartikel. Grundsätzlich gelte: Geben ist immer richtig. "But what if someone uses the money for, say, a glass of wine? (A perfectly Milanese question.) His answer: If 'a glass of wine is the only happiness he has in life, that's O.K. Instead, ask yourself, what do you do on the sly? What 'happiness' do you seek in secret?' ... Then he posed a greater challenge. He said the way of giving is as important as the gift. You should not simply drop a bill into a cup and walk away. You must stop, look the person in the eyes, and touch his or her hands. The reason is to preserve dignity, to see another person not as a pathology or a social condition, but as a human, with a life whose value is equal to your own."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2017 - Religion

Mahershala Ali, der für seine Nebenrolle in "Moonlight" ausgezeichnet wurde, sei der erste amerikanische Muslim, der einen Oscar erhielt, hieß es am Montag. Ali selbst würde in vielen muslimischen Ländern ganz und gar nicht als Muslim anerkannt, denn er ist Anhänger der Ahmadiyya-Sekte, schreibt Max Bearak in der Washington Post: "In den letzten Jahren sind Hunderte von Ahmadis in Pakistan ermordet worden. Islamistische Gruppen demonstrierten in Paklistan und forderten die Todesstrafe für Gotteslästerer. Im April wurde ein Ahmadi in Schottland von einem anderen Mann ermordet, der ihn beschuldigte, den Islam nicht zu respektieren." In Pakistan dürfen sich Ahmadis nicht als Muslime bezeichnen - und in Mekka sind sie nicht zur Hadsch zugelassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2017 - Religion

Auch Religionsfreiheit hat ihre Grenzen, schreibt Ahmad Mansour in der Welt in einer kritischen Betrachtung jüngster Urteile des Bundesverfassungsgerichts, die das Recht aufs Kopftuch über das Gebot staatlicher Neutralität stellten. Die Grenze liege da, "wo eine gesellschaftliche Grundordnung verletzt wird und ein höheres Rechtsgut betroffen ist - wie hier, wo wir es mit staatlichen Schulen und einem staatlichen Bildungsauftrag zu tun haben. Es ist unproblematisch, wenn Frauen, etwa als Angestellte von Banken, Fabriken oder in privaten Forschungseinrichtungen ein Kopftuch tragen. In den Bereichen jedoch, in denen Angestellte oder Beamte den Staat repräsentieren, in denen sie für den Staat eine Tätigkeit ausüben, wie als Lehrerin, Erzieherin, Polizistin oder Richterin, bleibt religiöse Neutralität unumgänglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2017 - Religion

Auf Zeit online plädiert der pakistanischer Wissenschaftler Syed Qamar Afzal Rizwi für den Sufismus als Gegenpol zum islamistischen Extremismus: "Die große Stärke des Sufismus liegt darin, dass er einen nachhaltigen Dialog zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen anstoßen kann. Zudem verkörpert er den Geist des säkularen Islams, dessen Ausbreitung in diesen Zeiten wichtiger ist denn je. Weil der Sufismus jede Form von Gewalt ablehnt, kann er als Gegenpol zum gewaltorientierten Extremismus wirken. Seine Konzepte sollten in die Bildungsprogramme der westlichen und arabischen Welt einbezogen werden. So kann der negative Einfluss von Fundamentalisten eingedämmt werden, die den wahren Geist des Islams zerstören."

Unterdessen wächst in der islamischen Welt eine "radikale Anti-Sufi-Bewegung", die kürzlich in einem Selbstmordattentat bei einem großen Fest im Sufi-Tempel Sehwan im pakistanischen Lahore gipfelte und 90 Menschenleben kostete, schreibt William Dalrymple im Guardian. Er hatte den Tempel vor einigen Jahren besucht und dabei auch mit Saleemullah gesprochen, dem Leiter einer Madrassa ganz in der Nähe, der aus der Ablehnung des Sufismus keinen Hehl machte: "He saw his role as bringing 'the idol and grave-worshippers from kufr [infidelity] back to the true path of the sharia'. He said: 'Mark my words, a more extreme form of the Taliban is coming to Pakistan.' Saleemullah claimed most people wanted a return to the caliphate and said Pakistan's intelligence agencies were on his side. And when the caliphate comes, he said: 'It will be our duty to destroy all the mazars [mausoleums] and the dargahs [shrines] - starting with the one here in Sehwan.'"

In der FAZ schreibt Ilija Trojanow zum Thema, der gerade in Sehwan Sharif war und sich dem Sufismus nahe fühlt. Dieser tolerante Islam verschwindet: "Der wachsende Einfluss der Medresas verdankt sich der Ausbreitung tribaler Haltungen und dem Import saudi-arabischer Ideologie, vor allem aber - darin sind sich alle Vertreter der Zivilgesellschaft einig - dem dämonischen Doppelspiel der Armee, die eine Million Mann stark und wohl die professionellste Institution des Landes ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2017 - Religion

Imamin Sherin Khankan hat in Dänemark eine Art Reformislam begründet: Frauen müssen in ihrer Moschee kein Kopftuch tragen, sie können geschieden werden und dürfen predigen. Mit Verweis auf den Historiker Ibn Sa'd, der im 8. Jahrhundert in Bagdad lebte, erklärt Khankan im Interview mit Zeit online, dass die Gleichberechtigung der Frauen durchaus vom Koran gestützt werde: "Da gibt es eine Sammlung von Hadithen, die klar unterstreichen, dass die Frauen sehr viele und unterschiedliche Rollen hatten. Darin steht auch, dass Mohammeds Frauen Aisha und Umm Salama die Gebete für die Frauen einführten. Mein Punkt ist: Wenn einige Muslime heute darüber diskutieren, ob eine Frau die Gebete, auch die Freitagsgebete, durchführen kann, gibt es eine klare Antwort: Ja, und das wird durch die islamische Tradition bestätigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2017 - Religion

Auf Zeit online erklärt der Islamwissenschaftler Hazim Fouad, wie der Salafismus entstand, der, das würde er gerne festhalten, "nur von einer deutlichen Minderheit" der Muslime vertreten werde: "Vor allem bei den gewaltaffinen Salafisten fällt auf, dass ihre theologischen Kenntnisse oft gegen null tendieren. Ein Großteil der sogenannten Foreign Fighters hat eine kriminelle Vergangenheit und sieht in der Ideologie des IS wahlweise die Möglichkeit, Gewalt mit neuer Legitimation fortzuführen oder sich vermeintlich von seinen bisherigen Sünden reinzuwaschen. Von einer 'Islamisierung von Radikalität' spricht daher der französische Politologe und Islamexperte Olivier Roy statt von der 'Radikalisierung des Islams'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2017 - Religion

Mit naivem Optimismus berichtet Annika Joeres von einer Initiative des Rechercheteams Correctiv.org. Man will wissen, wie das Erzbistum Köln, das jährlich  627 Millionen Euro  aus dem gewaltigen deutschen Kirchensteueraufkommen erhält und rund 2,5 Milliarden Euro, etwa in Aktien, auf die hohe Kante gelegt hat, sein Geld investiert. "Weil wir der Meinung sind, dass die Öffentlichkeit über die Investitionen der katholischen Kirchen informiert sein sollten, klagen wir gegen die erzbischöflichen Heimlichtuer vor dem Verwaltungsgericht Köln auf Auskunft. Es ist eine exemplarische Klage. Bekommen wir Recht, müssten auch alle 27 katholischen Bistümer und alle 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland offenlegen, wie sie ihr Vermögen investiert haben."