9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 53 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2017 - Religion

In der taz stellt Elise Graton die Französin Sarah Zouak vor, die den Verein Lallab für feministische Musliminnen gegründet hat: "Bei Lallab herrscht eine Regel: Die Betroffenen sprechen immer für sich selbst. Das gilt auch für Sarah Zouak, die inzwischen etliche Preise für ihr Engagement gewonnen und dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Als sie im letzten Januar zu einer Debatte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit dem damaligen Premierminister Manuel Valls zum Thema Kopftuch eingeladen wird, entgegnet sie: 'Ich bin nicht die beste Wahl, denn ich trage kein Kopftuch. Aber unser Vereinsmitglied Attika Trabelsi kann von ihrer Erfahrung erzählen.' Nach einer Woche Verhandlungen setzte sie die Änderung durch und mit Trabelsi wurde anstatt ihrer eine kopftuchtragende Muslimin in die Sendung geladen. 'Es war ein kleiner Sieg', freut sich Zouak, 'auch wenn uns seitdem die rechtsextreme Blogosphäre auf dem Kieker hat.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2017 - Religion

In der NZZ stellt der Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi den hiesigen Imamen - radikal oder nicht - ein vernichtendes Zeugnis aus: "Es wird immer eine Religiosität des Erlaubten und des Verwerflichen gepredigt. So entstand mit der Zeit eine ganze Generation 'Halal oder Haram' ('erlaubt oder verwerflich'). Die Grundsätze des Westens gelten als verwerflich, die Lehren des Islam hingegen als zeitlos und für alle Muslime bindend. Alles, was mit dem reinen Islam der Gemeinde des Propheten von 610 bis 661 nicht vereinbar ist, wird als unerlaubte Innovation (Bid'a) betrachtet. Die 'Kultur des Konflikts' ist damit programmiert."

Sehr lesenswert das ausführliche Gespräch des Tagesspiegel mit Hamed Abdel-Samad und Mohanad Khorchide über die  Reformfähigkeit (oder auch nicht) des Islams.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2017 - Religion

Die Debatte um die Beschneidung von Jungen ist vor fünf Jahren nach einer eilends herbeigerufenen Abstimmung im Bundestag entschlafen. Einige Gegner gibt es aber noch, die  sich am 8. Mai in Düsseldorf zu einer Tagung treffen. Hüseyin Topel spricht für den Deutschlandfunk mit Kritikern und Befürwortern des Eingriffs: "In der Frage der Beschneidung von Männern ist zurzeit in Deutschland kein Kompromiss in Sicht. Geschieht sie aus religiösen Gründen, fällt sie unter die Religionsfreiheit, die sich auf das Grundgesetz berufen kann. Sie kollidiert aber mit der gesetzlich festgelegten Religionsmündigkeit, wonach ein Junge mit 14 Jahren über seine Religionszugehörigkeit selbst entscheiden kann. Kritiker sehen dieses Recht auf freie religiöse Entscheidung bei der Beschneidung nicht ausreichend geschützt. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2017 - Religion

Im FR-Interview mit Arno Widmann spricht der Berliner Pfarrer Matthias Loerbroks über Schleiermacher und den besonderen Pfiff des christlichen Glaubens. Asfa-Wossen Asserate schreibt in der FAZ über Ostern in der äthiopischen Kirche und der heiligen Stadt Lalibela.
Stichwörter: Ostern, Asserate, Asfa-Wossen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2017 - Religion

Schlimm sind Religionskritiker, die Beschneidung bei kleinen Jungen nicht gutheißen, findet die Religionswissenschafterin Franziska Holzfurtner bei den Salonkolumnisten: "Die Eltern nehmen die Beschneidung beziehungsweise Taufe und religiöse Erziehung nicht als Vorsorge dafür wahr, dass die Kinder linientreu zurechtgebogen werden (oder -geschnitten, wie Antisemiten sich gelegentlich auszudrücken pflegen), sondern die Eltern erfüllen das natürliche Recht ihres Kindes darauf, Teil ihrer Religion zu sein. In einer pluralistischen, gewissensfreien Gesellschaft muss und darf von den Eltern natürlich erwartet werden, dass sie es akzeptieren, wenn das religionsmündige Kind diese Gemeinschaft selbst verlässt." Und seine Beschneidung rückgängig macht?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2017 - Religion

Erstaunlich: Ardian Syaf, Zeichner einer neuen Reihe von "X-Men"-Heften des Marvel Verlags hat islamistische Anspielungen in seinen Zeichnungen untergebracht, berichtet Marco Stahlhut in der FAZ - die Anspielungen beziehen sich zum Beispiel auf bestimmte Koran-Stellen und sind nur für Kenner der indonesischen Politik verständlich: "Die islamistischen Anspielungen sind im Ursprungskontext offensichtlich, und Ardian Syaf bestreitet die Vorwürfe auch gar nicht. Nur extremistisch sei das alles nicht gemeint. Das mag subjektiv sogar ehrlich gemeint sein, denn viele konservative indonesische Muslime halten den Extremismusvorwurf nur dann für berechtigt, wenn Muslime eine Bombe zünden oder Menschen erschießen." Gizmodo berichtet, dass der Verlag die Hefte zurückzieht.
Stichwörter: Islamismus, Marvel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2017 - Religion

Anders als Frankreich herrscht in Deutschland eine Arbeitsteilung zwischen Staat und Kirchen, geregelt durch das sogenannte Staatskirchenrecht. Darüber wurde gerade in Berlin getagt, berichtet Martin Otto in der FAZ. Anlass waren 500 Jahre Luther, eins der Themen das knifflige Problem mit dem Islam. Und Schreckgespenst das laizistische Frankreich. "De Maizière distanzierte sich mit einem persönlichen Bekenntnis von einem laizistischen Verdrängen der Religion aus dem öffentlichen Raum: 'Selbstverständlich hängt in meinem Dienstzimmer ein Kreuz.'" Und noch ein Problem wurde beklagt: "Vierzig Prozent der Bundesbürger seien gegenüber religiösen Fragen völlig gleichgültig, das Religionsrecht des Grundgesetzes entstammt aber einer Zeit, in der nahezu alle Deutschen einer Konfession angehörten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2017 - Religion

Papst Franziskus hat die Mitschuld der katholischen Kirche am Völkermord in Ruanda in klaren Worten anerkannt, schreibt François Misser in der taz. Er sprach von Priestern, die sich "der Gewalt hingegeben und ihre Mission verraten haben". Es hat auch Katholiken gegeben, die den Völkermord bekämpften und dafür ihr Leben ließen, betont Misser. "Aber die Existenz dieser Märtyrer unterstreicht eher, dass sie die Ausnahme waren. Und nachdem Tutsi-Rebellen Mitte 1994 den Völkermord beendeten und die Hutu-Staatsmacht floh, half weltweit die katholische Kirche im Einklang mit der europäischen Christdemokratie, Täter außer Landes zu bringen und ihnen Schutz zu gewähren."

Zugleich prangert eine ganze Gruppe prominenter Autoren in einem von der taz dokumentierten Aufruf die Rolle Frankreichs beim Völkermord in Ruanda an, dessen zunächst von François Mitterrand protegierte Hauptverantwortliche oft genug unbehelligt in Frankreich leben: "Es ist höchste Zeit, dass alle beteiligten Länder, an erster Stelle Frankreich, die strafrechtliche Verfolgung, mit Auslieferung nach Ruanda oder Gerichtsverfahren im Land ihres Aufenthalts, von Völkermordtätern und ihren Komplizen ins Zentrum ihrer Strafrechtspolitik stellen."

In der FR plädiert Klaus Staeck dafür, das Neutralitätsgebot der Berliner Verfassung (Art. 29) endlich ernst zu nehmen: "Einen der schönsten Eiertänze in dieser Causa führt der neue Berliner Kultursenator Klaus Lederer von der Linkspartei auf, wenn er einerseits in der taz erklärt, die strikte Trennung von Staat und Religion sei richtig, andererseits jedoch zu Protokoll gibt: 'Wenn die Praxis aber anders aussieht, muss das Gesetz diskutiert und in der Konsequenz auch aufs Neue verhandelt, überarbeitet werden.' Man könnte ein solches Denken auch als überholende Kausalität einstufen. Wird ein Gesetz nur häufig genug durch praktisches Handeln unterlaufen, kann man es auch von der Legislative zur Disposition stellen."

Außerdem: Frederik Schindler schildert in der taz den Fall des religionskritischen Bloggers Mishu Dhar, der nach Bangladesch zurückgeschickt werden soll - trotz der bekannten und straflos bleibenden islamistischen Mordpolitik gegen Kritiker in diesem Land. Und Seyran Ates beschreibt im Interview noch einmal die liberale Moschee, die sie gerade mit anderen - hauptsächlich schweizer - Muslimen gründet: "Wir sind Sunniten, Schiiten und Aleviten, bei uns sind auch alle geschlechtlichen Identitäten willkommen. Es gibt ja viele Schwule und Lesben, die in die Moschee gehen und den Islam verstehen wollen. Die haben bis heute keinen Ort dafür."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2017 - Religion

Die Literatur und Kunst in der NZZ widmet sich heute vollständig Martin Luther. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf referiert die Luther-Rezeption seit dem 18. Jahrhundert und betont die Aktualität der reformatorischen Prinzipien: "Glaube wird zum Vollzug personaler Selbstverantwortung. Daran in Zeiten zu erinnern, in denen Angst vor Mündigkeit und Vielfalt verbreitet wird, dürfte nicht falsch sein." Der Historiker Thomas Maissen beleuchtet die Folgen der Reformation für die europäische Staatenwelt. Cord Aschenbrenner führt durch die neueste Luther-Literatur. Und die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff untersucht Luthers sprachliche Qualität: "Bei diesem Thema darf man durchaus ins Schwärmen geraten, denn sein wortbewimmeltes Hirn - seine eifrigen Studien, um immer mehr Wörter aus den verschiedenen Teilen des Landes in sein Werk zu inkorporieren - erfüllt mich mit heller Begeisterung. Das Übersetzungswerk ist würzig, ist derb, das haut rein, ist zuweilen zart und steht einem heutigen Leser auch deshalb als Faszinosum vor Augen, weil die Bibel in dem älteren Deutsch als eine befremdliche Schönheit wie neu ersteht, mit deren Sinn er sich frisch befassen muss, eben weil die Sprache nicht in der gewohnten Geläufigkeit dahergaloppiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2017 - Religion

Der Journalist Constantin Schreiber hat gerade ein Buch herausgebracht, das seine Erfahrungen beim Besuch der Freitagsgebete in verschiedenen deutschen Moscheen resümiert. Im Interview mit Dradio Kultur fasst er sie noch einmal zusammen: "Ich hatte irgendwie, glaube ich, doch so das Gefühl: Wahrscheinlich wird es irgendwie sein wie eine christliche Predigt. Man hört irgendwie gesellschaftlich relevante Themen, vielleicht irgendwas Theologisches, aber es war dann doch, ich sage so, der rote Faden war schon die Warnung vor dem Leben draußen in Deutschland. Es ging immer darum zu sagen: Wir, die Muslime, und die anderen, die Christen, die Ungläubigen auch zum Teil, draußen. Das gab es in verschiedenen Schattierungen, das gab es mal subtiler, mal war es sehr ausdrücklich. Da war die Rede davon: Deutschland will dich auslöschen. Wie können wir hier standhaft bleiben. Und dann gab es auch ganz konkret Hetze, wo also gegen Juden und Yesiden gehetzt wurde, wo gesagt wurde: Man kann nicht Moslem und auch Demokrat sein. Das war tatsächlich in eigentlich allen, in fast allen Predigten, 80, 90 Prozent, so, dass das der rote Faden war, der offenbar Imame in diesem Land unglaublich beschäftigt." (Ein weiteres Interview mit Schreiber findet man bei der Deutschen Welle.)

David Lynch, Lena Dunham, angeblich sogar Thomas Tuchel mitsamt seiner Borussia stehen im Bann des (2008 verstorbenen) Maharishi Mahesh Yogi, des Begründers der "Transzendentalen Meditation", von dem sich einst schon John Lennon abwandte (wofür er laut dem Meister qua Attentat gerecht bestraft wurde). Valerie Graf erzählt bei Zeit online, wie grässlich es war, in dieser Sekte aufzuwachsen - inklusive sexuellen Missbrauchs durch Sektenobere. "Maharishi Mahesh Yogi nutzte die Leerstellen, die aus politischen und gesellschaftlichen Versäumnissen heraus entstanden waren, so, wie populistische Politiker heute die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die Angst vor Terrorismus und die ausgehöhlte Selbstverwirklichungsideologie des Neoliberalismus für sich nutzen. Dass Ivanka Trump auf ihrem Blog Werbung für Transzendentale Meditation macht, kann kaum verwundern: Die haltlosen Versprechungen der Sekte passen hervorragend zum unterkomplexen politischen Programm ihres Vaters."