9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2017 - Religion

In Berlin wird das "Neutralitätsgesetz", das etwa Lehrern und Lehrerinnen verbietet, religiöse Symbole wie Kreuz oder Kopftuch zur Schau zu stellen, in Frage gestellt, nachdem eine Lehrerin vor dem Landesarbeitsgericht Berlin Entschädigung zugesprochen bekam, weil man sie wegen des Kopftuchs nicht einstellen wollte, berichtet Susanne Memarnia in der taz. Der grüne Justizsenator Dirk Behrendt hat gleich seine Genugtuung per Twitter bekanntgegeben: "Das ist der Anfang vom Ende des Berliner #Neutralitätsgesetzes. Und ein guter Tag für die #Antidiskriminierung."

In der Berliner Zeitung bemerkt Julia Haak zwar, dass der Berliner Senat in der Frage des Kopftuchs uneinig sei, doch will man den Streit offenbar nicht ausfechten: "Eine Revision gegen die Entscheidung ist nur für das Land Berlin zugelassen. Doch die Bildungsverwaltung dürfte daran kein allzu großes Interesse haben. Die Verantwortlichen sind eher bestrebt, dass wenigstens dieser konkrete Fall nicht mehr vor dem Bundesarbeitsgericht oder gar vor dem Karlsruher Bundesverfassungsgericht landet."

Jost Müller-Neuhof begrüßt das Urteil im Tagesspiegel: "Lehrerinnen mit Kopftuch sind ein Anfang. Danach könnten es auch Berufe in der Rechtspflege sein. Den klugen und begabten Frauen an den juristischen Fakultäten der Stadt zu erklären, dass es für sie faktisch ein weitgehendes Berufsverbot gibt, fällt Dozenten zunehmend schwer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2017 - Religion

Isolde Charim hält in der Wiener Zeitung daran fest, dass wir, "um eine pluralisierte Gesellschaft lebbar zu machen, säkulare Räume brauchen. Säkulare Räume wie Gerichte, die sich gemäß säkularer Prinzipien organisieren. Säkulare Räume aber müssen sichtbar säkular sein. Interessanterweise gibt es keine Zeichen für Neutralität. Das aber heißt, sichtbare Neutralität besteht in der Abwesenheit von nicht-neutralen, von sakralen Zeichen. Kopftücher etwa. Aber um nichts weniger auch Kreuze. An den Körpern. Und im Raum. Die zutreffende Behauptung, Kopftücher wären bei Richterinnen nicht zulässig, verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn gleichzeitig Kreuze als 'gewachsene Kultur' 'selbstverständlich' nicht angerührt werden. Das ist nicht gewachsene Kultur, sondern gewachsene Vorherrschaft."

Terre des Femmes und das Bundesfamilienministerium haben eine Studie vorgestellt, nach der in Deutschland heute etwa 48.000 Frauen leben, die Opfer von Genitalverstümmelung sind, berichtet Simone Schmollack in der taz: "Die in Deutschland lebenden betroffenen Frauen kommen vor allem aus Ägypten, Eritrea, Somalia, Äthiopien, Mali und Irak. Die Zahl der geflüchteten Frauen, in deren Herkunftsländern Genitalverstümmelungen praktiziert werden, ist laut Studie in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gestiegen." Mehr als 9.000 Mädchen sollen hier laut Terre des femmes gefährdet sein. "Um sogenannte 'Ferienbeschneidungen' zu vermeiden, sollen Eltern und Verwandten gefährdeter Mädchen künftig die Pässe abgenommen werden können. Das geplante Gesetz soll im Frühjahr in Kraft treten."

Und noch ein Bericht, den laut Urs Wälterlin in der taz die australische Regierung herausbrachte: " Zwischen 1950 und 2015 hätten durchschnittlich 7 Prozent aller katholischen Priester Kinder sexuell missbraucht, heißt es darin. In einigen Diözesen seien es 15 Prozent gewesen. In einzelnen Orden, wie dem bekannten St John of God Brothers, hätten sich gar bis zu 40 Prozent der Glaubensbrüder des Missbrauchs schuldig gemacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2017 - Religion

In Marokko hat Mohammed IV. einige Reformen hingelegt, die NZZ-Reporter Beat Stauffer höchsten Respekt abringen: So haben auf königliche Anordnung hin die Religionsgelehrten der "Ligue Mohammedia des Oulémas" anhand von sieben Begriffen den radikalislamistischen Diskurs "dekonstruiert", um islamistischem Fanatismus die religiöse Begründung zu entziehen. Und die Materialien für den Religionsunterricht an Schulen, die laut dem Schriftsteller Ahmed Assid oft "zu Hass und zur Ausgrenzung des Andersgläubigen aufrufen", wurden in kürzester Zeit reformiert. "Eine überwältigende Mehrheit der marokkanischen Zivilgesellschaft begrüßt diese Reform der islamischen Erziehung. Sie erblickt darin aber bloß einen ersten Schritt, dem weitere folgen müssten."
Stichwörter: Religionsunterricht, Marokko

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2017 - Religion

Die Zeit hat online das pro und contra von Manuel J. Hartung und Stefan Schmitt zum Religionsunterricht an den Schulen nachgereicht. Evelyn Finger plädiert derweil für konfessionsübergreifenden Unterricht: "Das wäre der beste Schutz gegen Intoleranz. Wer Religion lernt, während neben ihm einer sitzt, der anderes oder gar nichts glaubt, dem wird man später nicht mühsam eintrichtern müssen, was Toleranz ist. Der versteht intuitiv Lessings Ringparabel: Jede Religion ist gleich wahr und gleich falsch, so weit wahr, wie sie tolerant, so weit falsch, wie sie dogmatisch ist."
Stichwörter: Religionsunterricht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2017 - Religion

Daniel Deckers macht sich im politischen Teil der FAZ Sorgen um die katholische Kirche in Deutschland. Um materielle Sorgen handelt es sich aber nicht: "Misst man den Erfolg der Kirchen in Deutschland an dem Geld, das ihr die Mitglieder zukommen lassen, so könnte er derzeit größer nicht sein. Mehr als elf Milliarden Euro nahmen die 27 katholischen Bistümer und die 20 Gliedkirchen der EKD im Jahr 2015 ein. Obwohl die Zahl der Kirchenaustritte mit zusammen fast 400.000 im Jahr auf historisch hohem Niveau verharrt, dürfte es 2016 noch mehr geworden sein." Leider sind es ja nicht einfach die "Mitglieder", die den Kirchen das Geld zukommen lassen - sondern der Staat knöpft es ihnen ab!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2017 - Religion

Auch die Aufklärung basiert auf dem Christentum, behauptet der katholische Priester und Ethikprofessor Martin Rhonheimer in der NZZ, ebenso wie die moderne Wissenschaft und die Erfindung des Individuums. Um den Islam zu integrieren, ist es jetzt notwendig, so Rhonhemer, dass der Westen "an seinem christlich fundierten Verständnis von Religion festhält und es unverrückbar allen Tendenzen entgegensetzt, die - im Namen falsch verstandener Religionsfreiheit und Toleranz - eine mit unserem Rechtsverständnis inkompatible Islamisierung der Gesellschaft zuzulassen bereit sind. Eine sich auf die religionsfeindlichen Aspekte der Aufklärung berufende Ächtung religiöser Heilsverheißungen als freiheitsfeindlich hingegen hätte totalitäre Züge. Sie würde indirekt den Staat überhöhen und eine säkular-freiheitliche politische Kultur untergraben."

In Frankreich ist ein "neuer Identitätskatholizismus" bereits feste im Anmarsch, notiert in der SZ Joseph Hanimann. "Ein Wort ist neuerdings besonders in den Vordergrund getreten: 'Sens commun', Gemeinsinn. So heißt eine 2013 entstandene politische Gruppierung, die sich mittlerweile der Partei 'Les Républicains' von François Fillon angeschlossen hat. Mit ihrer brillanten Sprecherin, der 27-jährigen Madeleine de Jessey, setzt sich die Gruppierung für die traditionelle Familie, klassische Geschlechterrollen, ein positives französisches Kulturverständnis ein und bekämpft In-vitro-Fortpflanzung oder das Fristenmodell bei der Abtreibung. Diese Identitätskatholiken hätten ihren Gramsci gelesen und begriffen, dass der Kampf auf der Ebene von Kultur und Gesellschaftsethik geführt werden müsse, stellen Beobachter fest."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2017 - Religion

Nicht nur der Islam, auch das Christentum wird zunehmend reaktionärer, lernt Malte Lehming (Tagesspiegel) aus britischen und amerikanischen Quellen. Nicht in Europa, doch leben heute zwei Drittel aller Christen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Sie sind sehr konservativ und ihre Zahl wächst, während sie in Europa stagniert. Der britische Historiker und Religionswissenschaftler Philip Jenkins prognostizierte schon 2002 "neue christliche Revolution", so Lehming. "'Die Konfessionen, die sich im Süden der Welt durchsetzen - radikale protestantische Sekten, evangelikale oder Pfingstkirchen oder orthodoxe Formen des römischen Katholizismus - sind stramm traditionell oder sogar reaktionär', schreibt Jenkins. Der katholische Glaube, der sich in Afrika und Asien rasch verbreite, wirke wie eine religiöse Tradition aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil: voller Respekt vor der Macht der Bischöfe und Priester, verhaftet den alten Gottesdienstformen. ... Viele evangelikale Gemeinden in Afrika haben es sich zum Ziel gesetzt, Zweigstellen in Europa und den USA zu errichten. Man spricht von einer 'afrikanischen Revanche'. Unterstützt werden sie dabei von Migrationsbewegungen. Rund die Hälfte aller Migranten, etwa 105 Millionen von 214 Millionen weltweit, sind Christen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2017 - Religion

Aus einer Parallelgesellschaft ganz eigener Art berichtet Philipp Gessler in der taz: Er erzählt unter Bezug auf ein Buch der Journalistin Eva Müller über die Geheimgerichte der katholischen Kirche, die entweder versuchen, Scheidungen zu verhindern, oder - besonders heuchlerisch - Ehen als ungültig zu erklären, um sie aufzulösen. Für Mitarbeiter in katholischen Krankenhäusern oder Kindergärten (die nicht aus Kirchensteuer bezahlt werden), sind diese Gerichte existenziell wichtig: "In der Bundesrepublik gibt es 22 katholische Kirchengerichte mit Hunderten fester und freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bezahlt durch die Kirchensteuer. In ihnen wurden nach Müllers Recherche im vergangenen Jahr gut 1.200 Prozesse geführt. In der Regel werden alle Beteiligten der Verhandlungen an den Kirchengerichten zur Geheimhaltung verpflichtet. Die Verfahren sind nicht öffentlich." Die Kirchengerichtsbarkeit betrifft in Deutschland insbesondere 700.000 Arbeitnehmer, zum Beispiel bei der Caritas.

Eine WDR-Dokumentation Eva Müllers über den Pfarrer Peter R., der am Berliner Canisius-Kolleg über hundert Schüler missbraucht haben soll, und nie vor ein weltliches Gericht kam, kann man hier sehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2017 - Religion

Das Berliner "House of One", in dem die Vertreter der drei großen Religionen gemeinsam beten, wird wohl eine Illusion bleiben, bedauert Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung. Initiiert von der evangelischen Kirche hat das Projekt mit dem Abraham Geiger Kolleg, einem progressiven Rabbinerseminar in Potsdam, einen ersten Partner gefunden: "Das wirklich unüberwindbare Problem aber liegt auf  muslimischer Seite. Die Evangelischen räumen offen ein, dass die Suche nach starken muslimischen Partnern erfolglos war. Keiner der großen Verbände zeigte Interesse. Gemeinsam mit Juden und Christen auf einem Podium? Niemals. Einzig die Vertreter der Gülen-Sekte waren bereit dazu. Man nahm sie ins Projekt - wohl wissend, dass deren religiöses Konzept Zweifel weckt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2016 - Religion

In der NZZ schreibt Friedrich Wilhelm Graf zum Tod des protestantischen Theologen Trutz Rendtorff. In der FAZ beschwört Stefan Weidner Sufi-Traditionen, um das Fremdsein in der Welt positiv zu definieren.