9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2023 - Wissenschaft

Hieronymus Bosch, Aufstieg der Seligen, Bildtafel aus dem  Polyptychon "Visionen des Jenseits", 1505-1515. Abb. Wikipedia
In der FAZ empfiehlt Alexander Kosenina wärmstens die Ausstellung "Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst" im frisch und "ungeheuer modern" renovierten (gilt leider nicht für die Webseite) Medizinhistorischen Museum in Berlin: Untersucht wird, wie man neuronale Netzwerke anregt und misst. Denn "wie eine Idee, eine Willensentscheidung oder ein Traumbild entsteht, bevor es neuronale Spuren hinterlässt", sei immer noch unklar. "So ist es beispielsweise erstaunlich, dass Wahrnehmungen bei Nahtoderfahrungen nach Herzstillstand oder Hirnverletzungen große Ähnlichkeiten mit alten Gemälden aufweisen. Im Sterbeprozess kommt es wie bei Schlaganfällen zu riesigen Entladungswellen. Diese messbaren neuronalen Ereignisse erzeugen häufig Bilder von dunklen Tunneln mit starkem Lichteinfall. So etwas ist schon Anfang des 16. Jahrhunderts in den 'Visionen des Jenseits' von Hieronymus Bosch zu sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2023 - Wissenschaft

In der FAZ zieht Felix Ackermann den Hut vor den Holocaustforscher Jan Grabowski und Shira Klein, die in einer Langzeitbeobachtung Änderungskampagnen bei Einträgen in der englischsprachigen Wikipedia zum Verhältnis von jüdischen und nicht jüdischen Bürgern in Polen während des Zweiten Weltkriegs nachgewiesen haben. "Die beiden Forscher zeigen, wie Wikipedia-Autoren mit Pseudonymen wie Volunteer Marek, Piotrus und Poeticbent durch eine Vielzahl von kleineren Veränderungen das Bild der nicht jüdischen polnischen Gesellschaft aufhellten, indem sie die Folgen eines weitverbreiteten Antisemitismus verringerten und die Zahl von Polen, die Juden trotz von deutscher Seite drohender Todesstrafe halfen, erhöhten. Streit entfachte sich um Formulierungen in neuralgischen Einträgen, in denen sich die Interpretationen des polnischen Binnenverhältnisses im Angesicht der deutschen Gewaltherrschaft kristallisieren." Da man in der Wikipedia jede Änderung nachverfolgen kann, waren Klein und Grabowski erfolgreich mit ihrer Untersuchung: einige der Wikipedia-Autoren wurden für die Bearbeitung der entsprechenden Kapital gesperrt. Die Methode der beiden Forscher "sollte in jedem Proseminar eingeübt werden", empfiehlt Ackermann.

In der taz bekennt Mathias Geffrath, dass er wenig Ahnung von neuen Technologien wie Chat-GPT und ihren Auswirkungen hat - wie die meisten Menschen. "Und während Kulturkritiker und Soziologen noch versuchen zu begreifen, was da geschieht, werden die Claims gesteckt: in der globalen Privatisierung der digitalen Infrastrukturen, im 'Chip War' zwischen den beiden Supermächten. Die KI-Revolution ist global, sie erfordert eine globale Kontrolle - der Satz ist wirkungsloser als die Beschlüsse der Pariser Klimakonferenz. Europa humpelt hinterher, auch das ist ein Allgemeinplatz ohne Folgen. Belastbare Ahnungen vom Umfang kommender Arbeitslosigkeiten gibt es so wenig wie Ideen über ihre Kompensation. Politische Metaphysiker halten sich an Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Dazu braucht es aber mehr Diskussionen und vor allem mehr Bildung, so Greffrath. "Vor ein paar Tagen haben hundert Verbände hundert Milliarden für Bildung gefordert. Haben Sie heute davon noch etwas gehört? Vielleicht hilft ja wirklich nur noch Festkleben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2023 - Wissenschaft

Der amerikanische Historiker Stephen Gross hat ein Buch über die verschiedenen Energiewenden in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geschrieben. Im Welt-Gespräch mit Hannes Stein kritisiert er, dass die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet wurden. Außerdem erinnert er an die rechten Anfänge der Anti-Atomkraftbewegung durch den österreichischen Autor Günther Schwab: "Er war ein recht typischer Autor der frühen Öko-Katastrophenliteratur. Sein Buch 'Tanz mit dem Teufel' erschien in den Fünfzigerjahren und erlebte viele Neuauflagen. Es gab das Avocado-Syndrom: außen grün, innen braun. Schwab war ein typisches Beispiel: Er gehörte einer konservativen Bewegung an, der es um die Bewahrung der Landschaft ging, um die Konzentration auf das Lokale." Erst "in den Sechziger und Siebzigerjahren wurde die Kritik an Großtechnologien zu einer Sache der Linken. Das begann in Amerika, wo progressive Ökonomen sich Projekte wie Staudämme und Kraftwerke in Indien anschauten und feststellten, wie viel ökologische Zerstörung sie bewirkt hatten. Eine Schlüsselfigur war da bei der deutschbritische Ökonom Ernst Friedrich Schumacher, der den Slogan 'Small is beautiful' prägte. Diese Kritik an Großtechnologien erreichte Deutschland von der anderen Seite des Atlantik her. Die Deutschen verknüpften diese Kritik dann mit der Kritik am 'Dritten Reich' - das ist der Moment, in dem Robert Jungk die Szene betritt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2023 - Wissenschaft

Vor zwei Wochen vergriff sich Boris Palmer, nachdem er von einer Gruppe Studenten als Nazi beschimpft worden war, mit einem "Judenstern"-Vergleich und verfocht später noch ostentativ den Gebrauch des Worts "Neger" (unsere Resümees). Seitdem sieht sich Susanne Schröter, die Veranstalterin des Symposions, an dem Palmer teilnahm, Pressionen ausgesetzt. Der Frankfurter Universitätspräsident Enrico Schleiff hat sich bisher nicht vor die Professorin gestellt, konstatiert Thomas Thiel in der FAZ: "Eine öffentliche Verurteilung der Mobbingkampagne gegen die veranstaltende Ethnologie-Professorin Susanne Schröter hat sich das Präsidium bislang nicht abringen können. Sprachlos steht es vor der Tatsache, dass Besucher und Redner der Konferenz auf dem Frankfurter Campus über Stunden hinweg als Nazis und Rassisten beschimpft wurden. Schleiff will dazu erst eine 'sachorientierte Befassung' vornehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2023 - Wissenschaft

Im Interview mit der Zeit verteidigt sich die Ethnologin Susanne Schröter vehement gegen den Vorwurf, sie sei rechts. Boris Palmer war bei der von ihr ausgerichteten Veranstaltung entgleist, nachdem er selbst als Nazi beschimpft worden war, gibt sie zu, aber dass die taz die Rednerliste ihrer Konferenz als "whos who der Rechten" bezeichnete, findet sie absurd, zumal die taz "vor nicht langer Zeit selber noch Boris Palmer als Redner zu ihrer Jahreskonferenz eingeladen" hatte. "Krass" findet sie auch, dass "alle Redner durch einen lärmenden Mob als Rassisten beleidigt wurden", die Presse dies aber kaum thematisierte. Und was die übrigen Redner anging: "Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Lehrerverbandes, referierte über die hohe Quote von Schülern nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, die ihren Schulabschluss nicht schaffen. Er stellte einen ganzen Katalog möglicher Hilfen vor, damit diese Schüler gleiche Chancen bekommen und letztlich nicht in der Arbeitslosigkeit landen. Außerdem haben wir über positive Entwicklungen wie die zunehmende Zahl deutscher Akademiker mit Migrationsgeschichte geredet. Die Kritiker der Konferenz aber behaupteten, wir würden Nichtdeutsche als weniger intelligent darstellen, also rassistisch diskriminieren. Das ist ein Missbrauch des Rassismusbegriffs. Als Ethnologin kann ich nur warnen: Rassismus ist ein ernstes Problem! Man sollte das Wort nicht als Label benutzen, um Wissenschaftler, deren Ergebnisse einem nicht passen, niederzumachen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2023 - Wissenschaft

"Ich halte nichts davon, verschiedene Forschungsgebiete gegeneinander auszuspielen", sagt die Historikerin Susanne Heim, die einen der sechzehn Bände der Edition "Judenverfolgung 1933 bis 1945" herausgegeben hat, im Gespräch mit Harry Nutt (Berliner Zeitung) zur Debatte über die Singularität des Holocaust: "Die Beschäftigung mit den Kolonialverbrechen ist zweifellos wichtig, und es ist gar keine Frage, dass es in diesem Bereich großen Nachholbedarf gibt. Aber das macht die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht überflüssig. Ich denke nicht, dass die Holocaustforschung die Erforschung der Kolonialverbrechen verdrängen oder nicht zulassen würde. Die Zulässigkeit des Vergleichens steht ja auch gar nicht zur Debatte. Es gibt bestimmte Merkmale des Holocaust, die sich in der Form bisher nicht wiederholt haben. Gewiss gibt es auch Merkmale in den Kolonialverbrechen, die sehr besonders sind und einer weitergehenden Erforschung bedürfen. Ich kann nicht erkennen, warum es für das Interesse, genaue Forschung zu betreiben, einer Hierarchisierung der historischen Gewaltphänomene bedürfen sollte."

In der FAZ blickt Helmut Mayer missmutig auf den Exzellenzcluster "Africa Multiple" an der Universität Bayreuth, der die Tagung des an der Frankfurter Universität angesiedelten "Forschungszentrums Globaler Islam", auf der Boris Palmer neulich sein Schlechtestes gab, zum Anlass nahm, gleich das ganze Zentrum zu diskreditieren: "Fehlgriffe nüchtern festzuhalten, auch und gerade dann, wenn politische Konsequenzen gefordert werden, genügt nicht mehr. Tief sitzender Rassismus muss es schon sein oder eben gleich 'weiße deutsche Nekropolitik'. ... Wir lesen das so, dass Bayreuth durchaus bereit ist, das Frankfurter Forschungszentrum zu übernehmen und politisch in die richtige Richtung zu lenken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2023 - Wissenschaft

In der Welt erinnert Michael Pilz an das Phänomen der "Kalten Fusion", eine künstliche Kernschmelze im Wasserglas bei Zimmertemperatur, vorgestellt im Frühjahr 1989 von den beiden Chemikern Stanley Pons und Martin Fleischmann. Heute wird wieder an dem Verfahren, Deuterium, also schweren Wasserstoff zu Helium zu verschmelzen und in den Atomen Energie zu gewinnen, geforscht, damals blieb es eine Utopie, erinnert Pilz: "Viele wohltemperierte kleine Sonnen auf Erden, friedliche Wasserstoffbömbchen für die Zukunft. Stanley Pons und Martin Fleischmann waren nur wenige Wochen die 'Kinder von Marie und Pierre Curie', das 'Osterwunder' ihrer Kalten Fusion war schon im Frühling 1989 keines mehr. Ihr größter Fehler lag nicht in ihrer Versuchsanordnung, sondern in ihrer Methode, sich der Menschheit als Erlöser vorzustellen. Kein Kollege wurde für eine externe Expertise eingeweiht."

Außerdem: In der taz stellt Johannes Drosdowski die Biochemikerin Rosalind Franklin vor, die eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung der DNA spielte, aber vom Nobelkomitee und ihren Kollegen übergangen wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2023 - Wissenschaft

Auch Provenienzforschung kann als kolonialistisch angesehen werden, informiert uns Hans Peter Hahn in der FAZ und nennt als Beispiel die Forschung des Berliner Ethnologischen Museums: "Während vor 120 Jahren Berlin als Zentrale für die Verwaltung der Kolonien zuständig war und mithin ein Netz entstand, das auf diesen Ort konzentriert war, ergibt sich das gleiche räumliche Muster heute aufs Neue in der Provenienzforschung. Von Berlin ausgehend werden in Togo, Kamerun, Namibia, Tansania und in vielen anderen ehemaligen Kolonien Nachforschungen angestellt, um herauszufinden, wie genau die Erwerbskontexte ausgesehen haben. Aus der Sicht der Experten sieht das dann so aus, dass von der 'Zentrale' Objektlisten - oft ergänzt um Bilder - versendet werden. Dazu ergeht die Aufforderung, den genauen Ort der Herkunft zu bestimmen und vor Ort nach Erinnerungen zum Erwerb zu fragen. Wissenschaftler in Togo und anderen Ländern werden zu Ausführenden von Arbeitsaufträgen. Sie erledigen eine Arbeit, die von Berliner Akademikern vordefiniert wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2023 - Wissenschaft

Die Corona-Maßnahmen gelten offiziell nicht mehr und auch der Expertenrat der Bundesregierung zur Corona-Pandemie wurde aufgelöst. Im Tagesspiegel zieht der Virologe Hendrik Streeck Bilanz: Der Expertenrat setzte ein "ein wichtiges Zeichen für Wissenschaft und Politik - nämlich den Dialog zwischen beiden zu stärken", schreibt er: "Aus der Erfahrung dieses Expertenrates gilt es für künftige Formate Lehren zu ziehen und Standards zu formulieren. An erster Stelle steht dabei die praktische Unabhängigkeit. Institutionelle Abhängigkeitsverhältnisse können in der Beratung wie Gift wirken - ebenso wie wissenschaftspolitisches Kalkül. Daher ist eine Besetzung außerhalb der gängigen Wissenschaftsinstitutionen nichts Falsches."

Weniger positiv fällt Katja Klapsas Bilanz in der Welt aus. Fünf Lehren gelte es aus der Pandemie zu ziehen, schreibt sie und fordert unter anderem ein unabhängiges Robert-Koch-Institut. "Schnell fiel auf, dass die Behörde selten eigene Akzente setzt und sich inhaltlich kaum von den Empfehlungen der Regierung unterscheidet. Das liegt unter anderem daran, dass das Institut dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt ist: Gefallen dem Minister die Äußerungen des RKI-Chefs nicht, kann er ihn theoretisch jederzeit entlassen. Schon vor zwei Jahren wurden daher Rufe laut, das Institut unabhängig zu strukturieren. 'Das RKI soll in seiner wissenschaftlichen Arbeit weisungsungebunden sein', schrieb sich die Ampel Ende 2021 in ihren Koalitionsvertrag. Doch seitdem ist nichts passiert, Minister Karl Lauterbach (SPD) hat keine Vorschläge vorgelegt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Wissenschaft

Die Angst geht um an deutschen Universitäten, schreibt Ronen Steinke, der in der SZ den jüngsten Fall um eine in letzter Sekunde vom Präsidenten der Hamburger Universität, Hauke Heekeren, gestoppte Konferenz über Utopien beleuchtet. Gäste aus aller Welt sollten unter dem Motto "Wir wollen unsere Welt zurück" debattieren. Aber nun gilt Hausverbot, da auch "kurdische Aktivisten, die der Separatistenpartei PKK 'nahestehen', in Hamburg ein Mikrofon in die Hand bekommen könnten. 'Laut Information des Landesamtes für Verfassungsschutz' sei dies zu befürchten, sagte der Pressesprecher des Uni-Präsidenten. Das gehe nicht. Juristisch ist das Unsinn, denn: Natürlich geht das. Die Kurdenpartei PKK ist in Deutschland zwar verboten, weil sie bei ihrem Kampf um politische Autonomie gegenüber der Türkei immer wieder auch auf Terroranschläge setzt. Aber dieses Verbot ist inzwischen sehr umstritten, es gibt ernst zu nehmende Menschen, die eine Aufhebung des Verbots und einen politischen Dialog vorschlagen, zum Beispiel der SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich - immerhin liefern die Deutschen mittlerweile sogar Waffen an die Kurden, wenn es gegen Islamisten und andere Menschenrechtsfeinde geht. Und wo, wenn nicht an einer Universität, sollte man über so eine Frage einmal kundig - und frei - diskutieren können?"