9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

375 Presseschau-Absätze - Seite 30 von 38

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2017 - Wissenschaft

Die rationalen Naturwissenschaften. Der Stuttgarter Kulturhistoriker Roland Halfen musste über diese Vorstellung herzlich lachen, als er in der NZZ die Ausführungen des britischen Astronomen Martin J. Rees las, der unser baldiges Aufgehen in der Künstlichen Intelligenz prophezeite (unser Resümee). Mehr Gläubigkeit geht ja kaum, spottet Halfen in seiner Antwort. "Martin Rees etwa bezeichnet sich selber zwar als Atheist. Aber seine Ausführungen legen nahe, dass die von der traditionellen Religion bedienten Bedürfnisse − nach einem Ausblick auf eine Zukunft jenseits von Geburt und Tod, nach einer Verlegung des Wohnortes in den Himmel, nach ewigen Wesen, unverletzlich und ohne Makel, mit überragenden Einsichten in die Natur des Kosmos − in seinem seelischen Souterrain anscheinend noch vernehmlich wirksam sind; gleichsam sträflich unversorgte Kellerleichen, die bisher nicht durch unangenehme Gerüche auffielen, weil sie nicht wirklich tot sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2017 - Wissenschaft

Auf Zeit online porträtiert  Thomas Trescher den Wiener Kybernetiker und AI-Forscher Robert Trappl, leider ohne groß auf seine konkrete Arbeit einzugehen. Soviel steht jedenfalls fest nach der Lektüre: Ein Apokalyptiker ist er nicht. "Heute steht AI auch als Synonym für eine Bedrohung, welche die Menschheit auslöschen könnte. Davor warnt der Physiker Stephen Hawking ebenso wie die Silicon-Valley-Milliardäre Bill Gates und Elon Musk. 'Alles keine AI-Forscher', sagt Trappl, der ausrückt, um die Maschinen zu verteidigen. Trappl ist die Mensch gewordene Gegenthese zu den apokalyptischen Szenarien. Eine Superintelligenz, die - wie vom Philosophen Nick Bostrom postuliert - ein posthumanes Zeitalter einläutet, fürchtet er nicht. 'Ich weiß nicht, wie das gehen sollte. Den Leuten, die das glauben, sage ich immer, sie sollen an den Zoo in Schönbrunn spenden. Damit der gut ausgestattet ist, wenn wir Menschen dort von den Robotern besucht werden.'"

Im Silicon Valley hat AI jetzt eine Kirche. Way of the Future heißt sie, ihr Gott ist eine künstliche Intelligenz und ihr Gründer ist Anthony Levandowski, berichtet auf Zeit online Patrick Beuth, der eine Reportage dazu in Wired gelesen hat. "'Wir reden nicht von einem Gott, der Blitze oder Wirbelstürme auf die Erde schickt. Aber wenn etwas eine Milliarde mal klüger ist als der klügste Mensch, wie soll man es anders nennen?', fragt er den Wired-Journalisten rhetorisch. So ein System werde 'garantiert' entstehen. 'Was wir wollen, ist die friedliche, gelassene Übergabe der Kontrolle über den Planeten vom Menschen an Was-auch-immer. Und wir wollen sicherstellen, dass dieses Was-auch-immer weiß, was es uns Menschen zu verdanken hat.'" (Warum, soll er etwa dankbar sein?)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2017 - Wissenschaft

Die schwedische Universität Lund fordert von ihren Dozenten, dass sie bei allen Themen mindestens zu 40 Prozent weibliche Primär- und Sekundärliteratur verwenden. Das schafft Probleme, lernt Thomas Steinfeld in der SZ. "Denn eine rückwirkend beanspruchte Frauenquote bedeutet, dass alle Geschichte eine Spiegelung feministisch geprägter Gegenwart zu sein hat. Sogar die christliche Kirche besaß in der Epoche ihrer absoluten Macht ein Bewusstsein davon, dass es Zeiten gegeben hatte, in der sie noch nicht existierte. Eine Quote selbst für Primärliteratur aber verhält sich zur Geschichte wie die Erfinder der 'Familie Feuerstein' zur Urgeschichte der Menschheit, als sie das amerikanische Suburbia der frühen Sechziger in die Steinzeit verlegten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2017 - Wissenschaft

Wir müssten viel mehr tun, um den Klimawandel aufzuhalten, meint die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert. Doch in den USA, die den weltweit zweitgrößten Ausstoß an Kohlenstoffen haben, kann die Mehrheit von der Dramatik der Lage nicht überzeugt werden, gibt sie im Interview mit der SZ zu: "Viele Leute in meinem Land scheinen allen Tatsachen gegenüber vollkommen immun zu sein, selbst wenn ihr eigenes Haus von einem Hurrikan zerstört wird. Wir müssen gerade in den USA lernen, dass Unvernunft und Ignoranz plötzlich nahezu unbegrenzten Einfluss haben können. Für mich als Journalistin ist das eine so deprimierende wie beängstigende Erfahrung; das ganze Ethos unseres Berufsstandes fußt ja auf der Annahme, dass die Leute bessere Entscheidungen treffen, wenn man ihnen mehr Informationen zur Verfügung stellt. Trotzdem gibt es meines Erachtens keine Alternative als zu hoffen, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommt."
Stichwörter: Klimawandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2017 - Wissenschaft

Im Gespräch mit Arno Widmann von der FR empfiehlt der Wissenschaftsautor Stefan Klein besonders gläubigen Menschen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse anzunehmen: "Sind nicht die würdigsten Gebete die, in denen einfach die Hingabe an die Wirklichkeit zum Ausdruck gebracht wird? Da nimmt der Beter sich ganz zurück und verlangt nicht von einer höheren Macht, dass die auf seine kleinen Wünsche hört oder ihn tröstet. Naturerkenntnis bringt einem, entschuldigen Sie bitte das altmodische Wort, Demut bei."

Der Wissenschaftsverlag Springer hat seine chinesische Webseite zensiert, meldet in der SZ Kai Strittmatter. "Wie der Verlag am Mittwoch mitteilte, habe er in Übereinstimmung mit 'lokalen Regularien' wissenschaftliche Artikel so blockiert, dass sie von China aus nicht mehr einsehbar sind. Es handle sich dabei allerdings um 'weniger als ein Prozent' des Verlagsangebots. Die Financial Times hatte die Zensurmaßnahme aufgedeckt und mehr als eintausend Artikel gezählt, die nun blockiert sind. Die betroffenen Akademiker waren vom Verlag selbst nicht informiert worden, viele China-Wissenschaftler reagierten mit Protest."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2017 - Wissenschaft

Auf Zeit online porträtiert Andreas Loos den jetzt mit 51 Jahren gestorbenen russischen Mathematiker Wladimir Wojewodski: "In Interviews beklagte er gern, die Wissenschaft sei so komplex geworden, dass man Jahre brauche, um überhaupt die aktuellen Forschungsfragen zu verstehen. Doch ihn bremsten auch seine neuen Ideen: Ab 2002 begann Wojewodski, sich mit der Verifizierung von Beweisen via Computer zu befassen. Er entwickelte eine Bibliothek für das Computerbeweissystem Coq. Mit diesem Programm kann man maschinell prüfen, ob ein Beweis tatsächlich korrekt ist, ob er irgendwo eine Lücke enthält oder ob er einer seiner Annahmen widerspricht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2017 - Wissenschaft

Wie eine Stichflamme loderte in der vergangenen Woche kurz das Skandalon um die Cambridge University Press auf, von der Peking die Streichung bestimmter Artikel für die chinesischen Zugänge verlangte (unser Resümee). Mark Siemons sieht darin in der FAS einen Vorboten für das chinesische Zeitalter. Peking, bemerkt er, hat nicht einfach selbst die Artikel gelöscht: "China wünscht sich ein Cambridge und einen Westen, die so aussehen wie bisher, wie der allseits respektierte, bewunderte, weltweit für Normen und Prinzipien sorgende Universalismus, der von ihnen ausgeht - einzig mit der winzig kleinen Modifikation, dass alles, was mit der Herrschaft der neuen Macht im Widerspruch steht, daraus getilgt wird. Und dass der frühere Westen selbst sein Einverständnis dazu gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2017 - Wissenschaft

"Die Geisteswissenschaften sind digitale Spätzünder", stellt Manfred Ronzheimer in der taz fest. Aber das ändert sich gerade, lernt er von dem Mathematiker Martin Grötschel und Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), der schon seit 20 Jahren von Open access träumt. "Eine vom Senat beauftragte Arbeitsgruppe, der Grötschel angehört, erarbeitet derzeit die Strukturen, damit bis zum Jahr 2020 auf 60 Prozent der wissenschaftlichen Literatur in Berlin über das Internet zugegriffen werden kann. ... Auch inhaltlich öffnen sich den Wissenschaftshistorikern neue Möglichkeiten. So verweist Ottmar Ette darauf, dass durch die digitale Auswertung der Tagebücher die kritische Haltung Alexander von Humboldts zur Sklaverei, die er in den Plantagen auf Kuba antraf, viel deutlicher werde. Auch lasse sich jetzt besser nachvollziehen, wie sich Humboldts Positionen im Lauf der Zeit verändert haben, etwa in seiner Haltung den Indianern gegenüber. Ette zu den digitalen Erkenntnisgewinnen: 'Wir entdecken jetzt den politischen Alexander von Humboldt.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2017 - Wissenschaft

In der Welt meldet Johnny Erling, dass die Cambridge University Press ihre Zeitschrift China Quarterly nun doch nicht für den chinesischen Markt zensieren wird. Nach weltweiten Protesten bekenne sich der Verlag jetzt wieder zur akademischen Freiheit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2017 - Wissenschaft

In der Welt berichtet Johnny Erling, dass die Cambridge University Press den chinesischen Zugang zu 315 Artikeln der Zeitschrift China Quarterly sperrt - und zwar auf Geheiß Pekings: "Cambridge University Press argumentierte, man habe Pekings Forderungen nachgeben müssen. Man befürchtete, dass ansonsten die Volksrepublik über ihre große Firewall alle ihre Onlinepublikationen für die Nutzung innerhalb der Volksrepublik sperren lassen würde. So widerfuhr es einst Google als Strafe, weil sich der US-Internetsuchdienst der Kontrolle der Zensur nicht unterwerfen wollte." Die indizierten Beiträge fallen großenteils unter die großen drei Tabus, weiß Erling zudem: "Also Berichte über die Lage in Tibet, auf Taiwan und über das Tiananmen-Massaker 1989."