9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

375 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 38

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2018 - Wissenschaft

Die Wissenschaftssprachen in den Geisteswissenschaften sind alt geworden, meint ein melancholischer Peter Strasser in der NZZ. Welcher Student weiß heute noch, was der "Positivismusstreit" war? Expertenkauderwelsch gibt's zwar immer noch, so der emeritierte Philosophieprofessor, doch es fehlt ihm der Schwung ins Neue. Was auch mit dem Hang zum interdisziplinären Team zusammenhängen mag, für das Fachbegriffe wie "Duftmarken" funktionieren: "Es kommt immer mehr auf die 'conceptual skills' im Team an, für dessen netzwerkartige Interaktionen die sprachliche Ausdrucksform wesentlich ist, oft wesentlicher - warum es nicht offen ansprechen? - als das vorhandene Erkenntnispotenzial ... In der heutigen Teamhaltung wird, um Nietzsches Sprache zu verwenden, der Wille, 'einen neuen Stern zu gebären', eher belächelt oder als Affront gegen den Teamgeist empfunden."

Außerdem: Die Philosophin Manuela Lenzen erklärt, ebenfalls in der NZZ, Versuche des Wissenstransfers auf Maschinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2018 - Wissenschaft

Die Wahrheit steht auf dem Spiel, behauptet Florian Felix Weyh in einem Dlf-Essay, denn das Buch geht verloren, und damit die Fußnote und die Belegbarkeit von Behauptungen: "Elektrifiziert sich der bislang überwiegend noch an Papier gebundene Wissensdiskurs vollständig, dann bekommen wir gewaltige Schwierigkeiten beim Umgang mit Wahrheitssetzung und Wahrheitsfindung... Im digitalen Flirren ist alles manipulierbar, weil alles aus demselben Lehm geknetet wird." Die Wikipedia, die es immerhin geschafft hat, ein sicher verbesserungsfähiges kollektives System der Wissensabsicherung zu schaffen, kommt bei Weyh nicht vor.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2018 - Wissenschaft

Open Access gehört zwar die Zukunft, aber nicht in den Geisteswissenschaften, meint der Staatsrechtler und Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bernhard Kempen in der FAZ: "Viele Fächer der philosophischen Fakultät, die Rechtswissenschaft und die Theologie befinden sich in einer engen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Verlagen, die für die Verfeinerung und Sichtbarmachung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse einstweilen unverzichtbar bleibt. Eine kluge und umsichtige Politik muss daher eine Gratwanderung vollziehen."

Außerdem: In Dlf Kultur unterhält sich Frank Meyer mit Leonhard Dobusch über den Streit zwischen deutschen Uni-Bibliotheken und dem Wissenschaftsverlag Elsevier, dessen Zeitschriften für die Unis kaum mehr zu bezahlen sind.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2018 - Wissenschaft

Keine Angst vor China! Die "Kulturrevolution 2.0" des chinesischen Staatspräsidenten Xi, mit ihrem Willen zur totalen Überwachung und "Erziehung", geht nicht zusammen mit der geplanten Entwicklung zu einer führenden Wissensgesellschaft, meint der Politikwissenschaftler Christian Grünwald in der NZZ. "Ein solches System erzeugt Konformität, Selbstzensur und Angst vor Fehlern. Aus dem bei Samuel Beckett entlehnten Silicon-Valley-Mantra des 'Fail again, fail better' wird in diesem Kontext 'Fail never'. Es erzieht zu einer Mentalität des Kopierens, indem es nur systemkonforme Äußerungen gutheißt. ... Innovation und Disruption kommen gerade dann zustande, wenn bestehende Denkmuster verlassen und Grenzen neu ausgelotet werden. Hierfür braucht es Zweifel, Kritik an Bestehendem, Neugierde, Risikobereitschaft und vor allem Freiheit - sprich: einen tiefen Punktestand auf dem Sozialkreditkonto."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2018 - Wissenschaft

Leonhard Dobusch resümiert in Netzpolitik den Diskussionsstand zu Open Access an deutschen Universitäten: Über 180 Forschungseinrichtungen sind seit Anfang des Jahres ohne Vertrag mit dem Verlagsriesen Elsevier. "Mehr noch, zahlreiche namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben herausgeberische Tätigkeiten für Elsevier eingestellt." Mit den Elsevier-Konkurrenten SpringerNature und Wiley fand man bei den sogenannten DEAL-Verhandlungen bereits Kompromisse in Richtung Open Acess, nicht so mit Elsevier. Falls sich Elesevier nicht bewegt, so DEAL-Verhandler Bernhard Mittermaier in einerm Gespräch, das Dobusch zitiert, "werden weitere Eskalationsstufen folgen: weitere Einrichtungen werden Verträge kündigen, Herausgeber werden in regelmäßigen Abständen zurücktreten. Schließlich wird DEAL Elseviers finales Angebot an die Einrichtungen, inklusive aller finanzieller Details, offenlegen. Spätestens wenn die Vereinbarungen mit Wiley und Springer Nature abgeschlossen sind, wird Elsevier den Offenbarungseid antreten müssen. Wenn sich bis dahin kein Fortschritt zeigt, müssen wir annehmen dass Elsevier lieber auf Umsätze in Deutschland verzichtet als ihr Geschäftsmodell in Frage zu stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2018 - Wissenschaft

In der NZZ informiert uns die Biopsychologin Kate Jeffery, dass das menschliche Gedächtnis ein höchst unzuverlässiger Erinnerungsspeicher ist. Und nun noch das: Demnächst können Wissenschaftler die Erinnerungen einer Person an ihr Leben selektiv verändern. "Mithilfe der verblüffenden neuen molekulargenetischen Techniken, die in den letzten dreißig Jahren entwickelt worden sind, können wir erkennen, welche neuronale Untergruppe an der Codierung eines Ereignisses beteiligt war. Als Nächstes können wir einige dieser Neuronen in Experimenten reaktivieren, damit das Versuchstier sich (nach unserer Ansicht) an das jeweilige Ereignis erinnert. Wissenschaftlern ist es gelungen, Erinnerungen während dieser Reaktivierung zu beeinflussen, so dass am Ende etwas anderes als die ursprüngliche Erinnerung herauskommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2017 - Wissenschaft

Vielleicht ein Trost für alle, die es weit zum Silvester-Fest haben. Moritz Honert spricht im Tagesspiegel mit Astrophysiker Hermann Nicolai über die Ausmaße unserer unmittelbaren Nachbarschaft: "Wir sind so unvorstellbar unbedeutend, wie das Universum unvorstellbar groß ist. Die Voyager-Sonde, die 1977 gestartet ist, fliegt mit 17.000 Metern pro Sekunde durchs All und ist jetzt nach 40 Jahren gerade mal am Rande des Sonnensystems. Der nächste Stern von uns ist Alpha Centauri, vier Lichtjahre entfernt, im kosmischen Maßstab also ein Katzensprung. Mit jeder realistisch denkbaren Technologie braucht man dahin mindestens 30.000 Jahre."
Stichwörter: Astronomie, Silvester

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2017 - Wissenschaft

Peter Glaser fürchtet in der NZZ einen neuen Rüstungswettlauf - diesmal zwischen China und den USA um die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz, seit die chinesische Regierung im Juli einen 12-Jahres-Plan verabschiedet hat, wonach sie bis 2030 das "führende und globale Innovationszentrum für künstliche Intelligenz" werden will: "Im Juli 2015 hatte eine Gruppe amerikanischer Robotiker und KI-Forscher in einem offenen Brief ein Verbot für autonome Waffen gefordert. 'Wir haben es geschafft, chemische und biologische Waffen zu verbieten, warum sollte das nicht auch mit autonomen KI-Waffen möglich sein?' Aber anders als Anthrax-Sporen können etwa Drohnen sowohl für friedliche als auch für destruktive Zwecke eingesetzt werden. Die gleiche Technologie, die Facebook so gut darin macht, Fotos mit Tags zu versehen, kann Sicherheitsbehörden dabei helfen, Spione zu enttarnen. Privatunternehmen betreiben nun militärische Forschung, ob sie wollen oder nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2017 - Wissenschaft

Der Kampf um Rohstoffe auf dem Mond hat begonnen, berichtet Michael Pilz in der Welt. Jeff Bezos betreibt ein Start-up namens Blue Origin, Elon Musk von Tesla plant mit Spaces seine eigene Mondfahrt und auch Luxemburg sichert sich qua Gesetz Rohstoffrechte, informiert Pilz und erklärt warum: "Ohne Yttrium, das im System der Elemente weiter oben steht, aber als seltene Erde gilt, obwohl es häufiger als Blei vorkommt, wären die Farben unserer Bildschirme weniger satt. Damit ließe sich leben. Ohne die Magneten aus Dysprosium, Neodym und Praseodym bald nicht mehr. Ohne sie gäbe es keinen Strom aus Windmotoren. Ohne sie fährt kein Elektroauto, jedenfalls nicht schnell und weit, wie Tesla mit seinem magnetfreien Hybridmobil gerade beweist. Ohne die seltsamen Metalle blieben unsere Telefone, unsere Faustkeile im 21. Jahrhundert, schwarz und stumm. Ohne die seltenen Erden keine schöne smarte, grüne Welt als einzige, die uns noch bleibt."

"Mischt euch ein!" ruft Marc Tribelhorn in der NZZ den Wissenschaften in postfaktischen Zeiten zu - trotz und gerade wegen der oft wenig fundierten Kritik von antiintellektueller Seite: "Irritierenderweise spielt die jeweilige Argumentation der Experten in den Debatten oft eine geringere Rolle als deren vermeintliche Gesinnung. Als wissenschaftlich gilt damit nicht mehr, was die Fachdisziplin als solches definiert, sondern was einzelnen Kreisen politisch genehm ist. Die Ideologisierung und die Polarisierung haben mittlerweile groteske Ausmaße angenommen. Provokative Wissenschafter werden systematisch angefeindet und an den Pranger gestellt."

Ebenfalls in der NZZ warnt der Physiker und Philosoph Eduard Kaeser nicht nur vor der postmodernen Ideologie des "Anything goes" und der Tendenz zum zeitgeistigen Tribalisieren des Wissens, sondern auch vor "Diskursverweigerung": "Auf beiden Seiten wird der andere erst einmal zum diskursunwürdigen Gegenüber erklärt, um ihn dann Verachtung spüren zu lassen: die Hochqualifizierten, die 'Elite' hier, die Unterqualifizierten, der 'Sack von Kläglichen' dort. Als probat Kommunikationsform fungieren Shitstorming, Bashing, Mobbing. Man diskutiert nicht mit dem Gegner, man 'entfreundet' ihn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2017 - Wissenschaft

In der NZZ berichtet Marc Felix Serrao vom Fall des Leipziger Rechtsprofessors Thomas Rauscher, der aufgrund einiger Tweets von Studenten und Lehrkräften von der Universität vertrieben werden soll: 18.000 sollen bereits eine entsprechende Petition unterschrieben haben. Rauscher hatte u.a. Sprüche polnischer Rechtsextremer, die kürzlich in Warschau für ein "weißes Europa brüderlicher Nationen" demonstrierten, als "wunderbares Ziel" bezeichnet. Serrao findet das weder wunderbar noch brüderlich, aber warum der Mann derart geächtet wird, begreift er nicht: "Die linken wie die rechten Scharfrichter eint ein unheilvoller Reinheitsfimmel: Da ist einer, dessen Weltbild ich ablehne, und deshalb muss er nicht nur aus meinem, sondern aus dem Blickfeld aller Menschen verschwinden. Und zwar selbst dann, wenn er, wie Rauscher und Schutzbach, als Privatmensch politisiert hat. ... eine Hochschule sollte sich so etwas verbieten. Wo, wenn nicht hier, sollen junge Menschen lernen, ihren Intellekt an Überzeugungen zu reiben, die ihnen fremd sind?"

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ berichtet Felix Ackermann von der "Ausstellung der Errungenschaften der Wissenschaft" an der um ihre Existenz kämpfenden Europäischen Universität in St. Petersburg.