Aus dem Jiddischen von Gernot Jonas. Mit dem dritten Band der Schriftenreihe liegt der vollständige Erzählungszyklus Eisenbahngeschichten von Scholem Alejchem (1859-1916) nun erstmals zweisprachig, jiddisch und deutsch, vor. In diesem Werk begegnen wir einem der drei Klassiker der jiddischen Literatur in der Gattung, in der er eine besondere Meisterschaft erlangt hatte: der Kurzgeschichte. Seine prägnante Schilderung von Menschentypen und Alltagssituationen in ausdrucksstarken Monologen haben ihn über die jiddische Literatur hinaus berühmt gemacht. Als Nachwort zur vorliegenden Ausgabe dient Dan Mirons eindrücklicher Essay "Reise ins Zwielicht", der eine ausführliche Entstehungsgeschichte bietet und eine multifokale Interpretation des Werks leistet.
Thomas Schmid lässt sich von Scholem Alejchem mitnehmen auf eine Eisenbahnfahrt, die auf ihn wie der Besuch eines Schtetls wirkt. Doch Vorsicht, warnt Schmid, die vertraute Welt Alejchems mit ihren jüdischen Heimkehrern, Händlern und Betrügern wird in diesen zwanzig von einem fiktiven Reisenden aufgezeichneten Erzählungen gebrochen, und nichts ist mehr wie es scheint. Zwar trifft der Leser noch auf das Augenzwinkernde, doch es ist nur noch Fassade, erklärt Schmid, dahinter lauert ein Abgrund aus Unsicherheit, Misstrauen, Melancholie und Dunkelheit. Zu der jüdischen Welt aus den Fugen, wie sie der Autor hier festhält, passt die seinerzeit neue Raum-Zeit-Erfahrung der Eisenbahn sehr gut, findet der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2019
Susanne Klingenstein ist begeistert von dieser Ausgabe von Scholem Alejchems lange zu Unrecht, wie sie meint, missachteten "Eisenbahngeschichten". Allein die elegant arrangierte Zweisprachigkeit im Band und die aktualisierte Übersetzung von Gernot Jonas mit ihrem Gefühl für Rhythmus und Ton entlockt ihr Lobeshymnen. Wie Alejchem die jüdische Gesellschaft im freien Fall beschreibt, konzentriert und mit viel Sinn für die Vergeblichkeit des Seins, aber auch für Witz und Humor, findet Klingenstein stark. Und über allem schwebt gütig die Liebe des Autors für seine Leute, stellt sie gerührt fest.
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