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Efeu - Die Kulturrundschau

Die erste Popkultur ohne Pop

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2018. In der NZZ fragt der BE-Intendant Oliver Reese: Wo sind eigentlich die Figuren mit Charisma in der modernen Dramatik? Der Guardian erlebt sein monarchistisches Wunder beim Blick auf die ungeahnten Kunstschätze der Queen. Die Welt feiert die schiere Malerei des Georg Baselitz. Die taz erlebt in Rotterdam, wie aus dem berüchtigtsten Hafenviertel Katendrecht ein lebendiges Viertel jenseits aller Gentrifizierung. Zeit Online erkundet die Musikszene der Neuen Rechten. Und Clemens Setz erkennt beim Computerspiel "Getting Over It" die hypnotische Qualität frustrierender Erfahrung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2018 finden Sie hier

Kunst


Georg Baselitz, Fingermalerei - Adler, 1972, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München © Georg Baselitz, 2018. Foto: © Bayer&Mitko - Artothek

Georg Imdahl schreibt in der FAZ zum Achtzigsten Georg Baselitz', haut ihm allerdings auch den Unsinn um die Ohren, den er jüngst in der Zeit über Donald Trump oder eine "deutsche Autokratie" von sich gegeben hat. In der Berliner Zeitung besänftigt Ingeborg Ruthe: "Kunst-Machen bedeutet auch, Regeln zu brechen. Polterer-Image und Malerfürsten-Habitus schließen sich nicht aus." In der Welt sieht Hans-Joachim Müller das ähnlich: "Fahrt nach Basel in die Fondation Beyeler!" Müller feiert allen Provokationen zum Trotz die großartige Ausstellung, die Baselitz dort ausgerichtet ist: "In der grandiosen Geburtstagsausstellung erfahrt Ihr alles, was Ihr über den Künstler wissen müsst. Und Ihr braucht dort nur zu schauen, müsst nichts hören, gar nichts, kein geiles Interview lesen, seid endlich einmal frei vom ganzen öffentlichen Baselitz-Sound, der diesem Werk von Anfang an wie ein dumpfer Basso continuo unterlegt ist. Schiere Malerei. Überwältigend in der mühelosen Gebärde, mit der sie sich immer wieder erneuert hat. So ähnlich muss es gewesen sein, als die Nachkriegsgeneration vor dem Kraftpaket stand, das die amerikanischen abstrakten Expressionisten geschnürt und zur bildmoralischen Aufrüstung nach Europa geschickt haben."


Und ein van Dyck der Königin: Sir Anthony van Dyck, Charles I and Henrietta Maria with their two eldest children, Prince Charles and Princess Mary (detail). Royal Collection Trust/© Her Majesty Queen Elizabeth II 2017

In einer opulenten Ausstellung "King and Collector" über den verrückten König Charles I. zeigt die Royal Academy in London die königliche Sammlung, und im Guardian erlebt Jonathan Jones seinen antimonarchistischen Moment: Wo kommen denn auf einmal all diese Kunstwerke her? "Hier ist der Dürer der Königin, ein Gemälde des deutschen Renaissance-Genies, das besser ist als alle, die in der National Gallery hängen. Hier ihr Tintoretto, ein verschattetes, rauchiges Meisterwerk an Expressivität von diesem experimentellen venezianischen Meister. Ich habe keines dieser Werke zuvor gesehen. Wo hängen die normalerweise - in einem privaten Palast oder in einer dunklen Ecke in Kensington Palace? Oder Hampton Court."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung zu Willi Baumeister im Berliner Kupferstichkabinett (FAZ) und eine Ausstellung des jüdischen Malers Armin Stern im Berliner Kunsthaus Dahlem (SZ).
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Bühne


Nico Holonics in "Die Blechtrommel" am Berliner Ensemble, Foto:
© Birgit Hupfeld
Im NZZ-Interview mit Bernd Noack spricht Oliver Reese über seinen Start als Intendant am offenbar etwas maroden Berliner Ensemble und über die Schwierigkeit, die moderne Dramatik auf der Bühne zu behalten: "Es ist etwas mühsamer als gedacht, weil einige prominentere deutsche Autoren mittlerweile richtige Vorbehalte gegenüber dem Theater haben. Es ist nicht mehr unbedingt en vogue, es gilt nicht mehr als attraktiv, Theaterstücke zu schreiben, weil ja auch die Theater selber das Drama, das Theaterstück infrage stellen. Ich glaube aber an Tugenden oder vielleicht besser an Qualitäten wie Dialog, Konflikt, Figur. Der Grund, warum sich so viele Theater auf Romane stürzen, liegt meiner Meinung nach hier: Da gibt es starke Figuren. Aber wo sind die Figuren mit Charisma in den modernen Dramen?"

Besprochen werden  das Ballett "Peer Gynt" des rumänisch-slowenischen Choreografen Edward Clug an der Wiener Staatsoper (Standard), Antú Romero Nunes' Inszenierung von Kleists "Michael Kohlhaas" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik), Rosa von Praunheims frivole Revue "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht"am Deutschen Theater in Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Tom Kühnels Bühnenfassung von Robert Menasses Brüssel-Roman "Die Hauptstadt" am Zürcher Neumarkt-Theater (FAZ) und Nina Raines Stück "Konsens" in Düsseldorf (das Martin Krumbholz in der SZ als Stück zur #MeToo-Debatte empfiehlt), die beiden Berliner Opnerinszenierungen "Carmen" und "Die Gezeichneten" (taz, FAZ).
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Architektur

taz-Autor Klaus Englert glaubt seinen Augen nicht: Rotterdams altes und recht heruntergekommenes Hafengebiet wandelt sich gerade zu einer Stätte des nachhaltigen Bauens. "Der Soziologe Marten Hajer, der 2016 auf Katendrecht eine Architektur-Biennale ausrichtete, glaubt an das Entwicklungspotenzial des Hafenviertels: 'Seit 1900 erlebte Katendrecht einen permanenten Niedergang. Zuerst kamen die Matrosen und die billigen Kneipen, danach entstand hier Europas größte Chinatown und Rotterdams berüchtigtstes Rotlichtviertel. Aber seit wenigen Jahren ist Katendrecht kaum wiederzuerkennen.' Marten Hajer ist beeindruckt von der Dynamik in Katendrecht. In den umgebauten Hafenspeichern wurden Künstlerateliers, Galerien, Cafés und Appartements eingerichtet. 'Im Gegensatz zur Stararchitektur auf der gegenüberliegenden Wilhelminakade setzt man hier auf einen anderen Städtebau, mit sozial inklusiven und lebhaften Vierteln. Ich glaube, dass Katendrecht eine Test Site für ein Stadtentwicklungsmodell jenseits von Gentrifizierung ist."

Dezeen sammelt den Spott, den Boris Johnson für seine Idee eingeheimst hat, eine Brücke über den Ärmelkanal zu bauen: "Der Architekt Alan Dunlop sagt der Times, es wäre leichter und billiger, 'Frankreich näher heranzurücken'."
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Film

Im Tagesspiegel schreibt Andreas Busche über den Erfolg von Webserien wie etwa "High Maintenance" und "Insecure", die erst auf gängigen Videoplattformen starteten und mittlerweile in etablierten Produktionsumgebungen bei HBO gelandet sind, wo sie erst richtig aufblühen. Anke Sterneborg berichtet in der SZ von der Berliner Tagung "Saving Bruce Lee", in der es um afrikanische und arabische Filmemacher ging, die in der Sowjetunion ausgebildet wurden.

Besprochen werden der Golden-Globe-Gewinner "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" mit Frances McDormand (ZeitOnline) und die auf Netflix veröffentlichte Roadmovie-Serie "The End of the F***ing World" (NZZ).
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Literatur

Schriftsteller Clemens J. Setz berichtet im Logbuch Suhrkamp von seiner frustrierend-faszinierenden Erfahrung mit dem Computerspiel "Getting Over It", das ihn an Szenarien bei Kafka und Dante erinnert. Frustrierende Kunst sei zwar nichts Neues, schreibt er, doch was "neu scheint, "ist die außergewöhnlich hypnotische Qualität dieses Spiels. Man wird augenblicklich süchtig nach dieser Welt, nach den unmöglichen Bewegungen, dem Rhythmus und der Gestik. Etwas an der Figur des herumzappelnden, vergeblich an allen möglichen Widerständen mit seinem Hammer Funken schlagenden Kesselreiters, etwas an dem herrlichen Sonnenschein und der interessanten Welt übereinandergetürmter Möbelstücke und Gebäude, in der er zu leben gezwungen ist, dringt tief ins Hirn." Auf Youtube gibt es ein Video, in dem die Sisyphos-Aufgabe des Durchspielens tatsächlich gemeistert wird:



Roman Bucheli spürt in der NZZ der klangmalerischen Kunst der beiden Schweizer Dichter Ugo Petrini und Pierre Chapuis nach: "Chappuis wie Petrini suchen in ihren Gedichten die emphatische Nähe zu den Sachen, zu den unbelebten Dingen wie den belebten, indem sie im Buch der Natur mit der Hellhörigkeit von Eremiten lesen und die Gegenstände mit der abwägend nüchternen Zurückhaltung derer beschreiben, die um die brüchige Verbindung zwischen den Dingen und ihren Namen wissen. Stets wohnt ihren Versen etwas Tastendes inne. Sie sind 'Seiltänzer der Leere', wie es bei Petrini heißt."

Weitere Artikel: Ein kürzlich entdeckter Briefwechsel belegt, wie die DDR Thomas Mann für ein geplantes  Museum der deutschen Nationalliteratur vereinnahmen wollte, berichtet Paul Jandl in der NZZ.  "Die ermatteten Akteure" in den Auseinandersetzungen um Katalonien sollten "wieder ihren Cervantes lesen", rät der Schriftsteller Cees Nooteboom in der NZZ. Helmut Höge besucht für die taz Harald Hentrichs Antiquariat in Berlin-Steglitz und erkundigt sich dort danach, warum immer Antiquariate ihre Pforten schließen. Klaus Bartels beleuchtet in der NZZ die Geschichte des Begriffs "Legende".

Besprochen werden außerdem Pia Tafdrups Gedichtband "Tarkowskis Pferde" (SZ) und Haruki Murakamis "Die Ermordung des Commendatore" (FAZ, mehr dazu hier).
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Musik

Jens Balzer fürchtet weder Tod noch Teufel und hat sich für ZeitOnline in die Welt der Popkultur der Neuen Rechten vorgewagt. Viel vorzuweisen haben die Rechten vom äußeren Rand freilich nicht: Dass die sich selbst als smart annoncierenden Identitären die Hände nach dem Mainstream ausstrecken, wie mancher Feuilletonist bereits unheilvoll raunt, kann Balzer nicht bestätigen: Sollte das hier tatsächlich eine Popkultur sein wollen, "dann ist sie jedenfalls die erste Popkultur ohne Pop. Sie hat keine Popstars, keine Konzerte, keine Klubs, keinen Soundtrack. Ihre 'Kultur' beschränkt sich auf die Kultur des Protests, auf das Ventilieren politischer Parolen und Thesen. Das ist doch ein erheblicher Unterschied zum politischen Aufruhr der echten 68er", die vom Gegenwartspop ihrer Zeit durchtränkt war."

Außerdem: Der Vinyl-Hype des letzten Jahres kam insbesondere Major-Label-Acts und dem Wiederveröffentlichungsmarkt zugute, berichtet Marc Hogan in seiner Analyse jüngster Zahlen auf Pitchfork. Ole Schulz spricht in der taz mit der Sängerin Amparo Sánchez über deren Band Amparanoia und die Mestizo-Bewegung in Spanien, die die Musik der aus Lateinamerika kommenden Migranten mit eigenen Einflüssen verschmilzt. Bei der Musica Viva habe es "schon stimmigere Programme gegeben", meint Michael Stallknecht in der SZ. Die Spex bringt Auszüge aus Anja Ruetzels Gespräch mit Tocotronic über deren autobiografisches Album "Die Unendlichkeit". René Walter präsentiert auf Nerdcore alte Nirvana-Demotapes. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ der Kontrabassistin Barbara Sanderlin zum 80. Geburtstag. Bei The Quietus erinnert Brian Coney an Pere Ubus vor vierzig Jahre erschienenem Album "The Modern Dance", das Post-Punk den Weg bereiten sollte. Hier das Titelstück:



Besprochen werden Teodor Currentzis' Debüt mit dem SWR-Sinfonieorchester (NZZ, mehr dazu hier, sowie ein Mitschnitt bei Arte), Sophie Fiennes' Porträtfilm "Grace Jones: Bloodlight And Bami" (Spex), ein Beethoven-Abend der Wiener Philharmoniker unter Philippe Jordan (Standard), ein Konzert der Staatskapelle Berlin unter Christoph von Dohnányi (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Kollegah und Farid Bang (FR).
Archiv: Musik