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Efeu - Die Kulturrundschau

Warum kann es hier nicht schön sein?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2019. FAZ und SZ kommen berauscht aus dem Louvre, der einen frischen Blick auf Leonardo da Vinci wirft. In der taz erklärt Gorki-Chefin Shermin Langhoff das Motto ihres Herbst-Salons, "De-Heimatize it". In der FAZ vermisst der Musikwissenschaftler Christian Ahrens Frauen in Spitzenorchestern und leitende Funktionen. Die Filmkritiker feiert eine Retro-Party mit "Terminator 6". Die Literaturkritiker von FAZ und Presse beugen sich über den neuen Asterix-Comic "Die Tochter des Vercingetorix".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2019 finden Sie hier

Kunst

Leonardo da Vinci, La Scapigliata, ca. 1500-1510. Galleria nazionale di Parma


Der Louvre hat's geschafft und zum 500. Geburtstag Leonardo da Vincis eine Ausstellung ausgerichtet, die einen frischen Blick auf den italienischen Meister wirft, der sich eher als Universalkünstler denn als Maler verstand, freut sich Stefan Trinks in der FAZ: "Für ihn war ein Bild nie vollendet, alles hängt in einer Endlosschleife des ewigen Prozesses. Die meisten seiner wissenschaftlichen Zeichnungen, deren schönste - inklusive des nun doch im letzten Moment vom italienischen Staat ausgeliehenen Vitruvmanns - jetzt im Louvre zu sehen sind, zeigen, dazu passend, Wasser- und Blutkreisläufe, wirbelnde Winde und Überschwemmungen, die zerstören und doch im selben Moment wieder Neues entstehen lassen. Fortpflanzungsmechanismen bei Mensch und Tier war er ebenso auf der Spur wie frühen archäologischen Ausgrabungen etwa von etruskischen Grabhügeln, die wie schon seine Naturstudien mit verwelkenden und wieder aufblühenden Pflanzen für ihn den unausgesetzten Kreislauf von Werden und Vergehen symbolisieren."

Auch SZ-Kritikerin Kia Vahland kommt angeregt aus der Pariser Ausstellung: "Die Blickbeziehungen in der Schau sind stupend, kongenial zu Leonardos Fähigkeit, Figuren immer neu miteinander agieren zu lassen sowie sie im steten Wandel auseinander heraus zu entwickeln. Vor allem die präzise ausgewählten Zeichnungen zeigen, wie er vorging. Auf einer Federskizze wird ein Greis zum Kleinkind, ein Mädchen- zum Männerkopf. Anderswo deutet eine junge Frau auf ein Einhorn, das wiederum mit seiner Hornspitze auf sie zeigt. Und immer wieder wendet sich Maria liebevoll ihrem Kind zu, wäscht ihm die Füße, offeriert ihm Früchte, beobachtet seine Tollerei mit einer widerborstigen Katze. Leben heißt kommunizieren, in Bewegung bleiben und im Gespräch." In der Zeit schreibt Hanno Rauterberg über die Ausstellung.

Weitere Artikel: In der Zeit berichten Tobias Timm und Stefan Koldehoff von Ermittlungen wegen Kunstbetrugs gegen den Berliner Galeristen Michael Schultz, im Tagesspiegel berichtet Christiane Meixner: Schultz soll gefälschte Urkunden für Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen ausgestellt haben, darunter auch für ein Werk Gerhard Richters. In der SZ schildert Ingo Arend Probleme der Contemporary Istanbul: nach der rückhaltlosen Unterstützung von Messechef Ali Güreli für die Militäroffensive Erdogans in Nordsyrien hat das internationale Auswahlkommittee geschlossen seinen Rücktritt erklärte: "Es ist schwer vorstellbar, dass Künstler und Galeristen im nächsten Herbst noch einmal an einer Messe teilnehmen wollen, an deren Spitze ein Mann steht, der eine völkerrechtswidrige Invasion guthieß", glaubt Arend.

Besprochen werden außerdem die Vincent-van-Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel (FR) und die Ausstellung "Maske. In der Kunst der Gegenwart" im Aargauer Kunsthaus (NZZ).
Archiv: Kunst

Musik

Wenn es um Frauen in leitenden Funktionen in Orchestern geht, liegen Deutschland und Österreich weit hinter den internationalen Werten, fasst der Musikwissenschaftler Christian Ahrens in der FAZ die Ergebnisse seiner online beim Sophie Drinker Institute veröffentlichten Studie über die Situation von Orchestermusikerinnen (hier das PDF) zusammen. Das Ergebnis "steht im Widerspruch zu jenen Zahlen, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder mit einer gewissen Genugtuung präsentiert werden. Denn die Angabe des Gesamtanteils aller Orchestermusikerinnen, wie er sich in vielen offiziellen Statistiken findet, verschleiert einen bedeutsamen Sachverhalt: Die Zahl von Musikerinnen ist umso geringer, je höherrangig das betreffende Orchester ist. Frauen sind, mit anderen Worten, sehr viel häufiger in Regionalorchestern beschäftigt als in Spitzenorchestern, und von denen, die es bis in die berühmtesten Orchester geschafft haben, nehmen nur wenige eine Solistenstelle ein." Aktuell vermisst Zeit-Reporterin Hannah Schmidt Frauen beim Donaueschinger Festival. Und Peter Uehling stellt sich in der Berliner Zeitung die Fragen: "Dirigieren Frauen anders als Männer? Komponieren sie anders? Spielen sie anders Klavier oder Geige?"

Weiteres: Für die SZ hat Wolfgang Schreiber den Piano-Salon Christophori in Berlin-Wedding besucht. Im Standard gibt Bruce Springsteen Auskunft über seinen Musik- und Erinnerungsfilm "Western Stars". In der FAZ gratuliert Achim Heidenreich George Crumb zum 90. Geburtstag. Max Nyffeler schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dirigenten und Komponisten Hans Zender. Besprochen wird das neue Album von Ringo Starr (SZ).
Archiv: Musik

Bühne

Gorki-Intendantin Shermin Langhoff spricht im Interview mit der taz über das Motto des 4. Herbstsalon des Gorki-Theaters, "De-Heimatize it", denn Heimat ist ein Begriff, mit dem sie nicht mehr spielen mag, seit es in Deutschland ein Heimat-Ministerium gibt: "Wir greifen den politischen Konsens und Diskurs an. Wir kritisieren, dass wir über 'Heimat' reden sollen und nicht darüber, dass ein Einwanderungsgesetz fehlt. Statt über 'Heimat' müssten wir über europäische Flüchtlingspolitik sprechen. Das ist doch die Verbindung von Bayern über Berlin bis Brüssel, dass Menschen, die ihre Heimat verlieren, von Heimat ausgeschlossen werden. Wir wollen auch niemandem sein 'Heimatgefühl' wegnehmen. Das ist auch eher etwas Privates, Intimes fast. Aber es wird Politik damit gemacht, eine Politik des Ausschlusses und der Selektion."

Besprochen werden Tatjana Gürbacas Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" in Bremen (nmz), Luise Kautz' Inszenierung von Korngolds "Die tote Stadt" am Theater Kiel (nmz), drei Hamburger Theaterstücke über Mütter - "Anatomie eines Suizids", "Neverland" und "Sechs Koffer" - die SZ-Kritiker Till Briegleb jede Lust aufs Kinderkriegen nehmen und Tschechows "Möwe", mit der sich Kay Voges von seiner Intendanz in Dortmund verabschiedet (SZ).
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Archiv: Bühne

Film

Actionfilmdiagnose der Gegenwart: Linda Hamilton in "Terminator: Dark Fate"

Der neue, nunmehr sechste Film der Reihe - diesmal wieder mit Arnold Schwarzenegger und Linda Hamilton (Teil 3 bis 5 werden inhaltlich aus dem Kanon der Reihe gestrichen) - beschäftigt die Filmkritik sehr (unser erstes Resümee). "Das Spielfeld für die Krieger aus der Zukunft ist von der naiven und noch analogen Welt der 80er/90er zur digitalen Gegenwart geworden", schreibt Karsten Munt im Perlentaucher zum Menschmaschinen-Komplex des Franchise. Nur halb überzeugend findet Lukas Foerster im Filmbulletin diesen Versuch, an alte Zeiten anzuschließen, zu groß ist der qualitative Abstand zu James Camerons ersten beiden Teilen, die Filmgeschichte geschrieben haben - und auch die Actionszenen sind eher schlecht geraten. Interessant ist der Film aber im Kontext des neuen Rambo-Films (unsere Kritik), der gerade im Kino gewütet hat: "Zwei Erzählungen über eine überkommene Achtzigerjahremännlichkeit, die sich in die texanische Wildnis und also gleichzeitig ins alleramerikanischste aller Amerikas zurückgezogen hat und die jetzt doch noch einmal aktiviert wird, um einer von south of the border herrührenden Bedrohung Herr zu werden. Politisch sind die Filme allerdings Antipoden: Beide spannen ihre plakative Actionfilmdiagnose der trumpistischen Gegenwart nicht zufällig zwischen Mexiko und den USA auf, Terminator tut dies von links, Rambo von rechts."

Das Franchise wird "endgültig zu einer Retro-Party", meint Barbara Schweizerhof in der taz und denkt darüber nach, wo der ins Alter gekommene Terminator - früher ein popkulturelles Phänomen, in dem sich der Zeitgeist bündelte - heute steht: "Das vielleicht vernichtendste Urteil über 'Terminator 6: Dark Fate' besteht darin, dass das Franchise heute gar nicht mehr auftaucht, wenn über den Untergang des Kinos debattiert wird. In der aktuellen Kontroverse, in der Regisseure wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und Ken Loach in unterschiedlichen Nuancen die Marvel-Comicverfilmungen kritisieren und im Gegenzug von deren Fans dementsprechend angegangen werden, spielt der 'Terminator' auf keiner Seite eine Rolle mehr. ... 'Terminator 6: Dark Fate' mag das beste aller möglichen Sequels sein. Aber es interessiert keinen mehr." Gegen diese These spricht allerdings die Fülle der Besprechungen, weitere davon finden sich in NZZ, Tagesspiegel und SZ.

Sonderforschungsbereich im Kino: "Weitermachen Sanssouci" von Max Linz

In seiner neuen Satire "Weitermachen Sanssouci" nimmt sich Max Linz (der vor einigen Jahren auch mal als Filmkritiker für den Perlentaucher tätig war) den Universitätsbetrieb vor, der längst mehr damit beschäftigt ist, Drittmittel zu akquirieren als sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren. "Dennoch", schreibt Carolin Weidner in der taz, "zieht Linz eine recht scharfe Linie zwischen denen, die sich der neuen Wirklichkeit längst gefügt haben und Profit wie Geltungsstreben innerhalb eines von Evaluationsmodellen bestimmten Systems befriedigen (...) Und denen, die noch an 'Wahrheit', pardon, 'Wahrheiten', wie sich Phoebe Phaidon im Gespräch mit Wendela Wendela (Maryam Zaree) sogleich verbessert, glauben. ... Sogar einen Chor gibt es, der allerdings sowohl inhaltsleeren Vorträgen beipflichten kann als auch die zwar berechtigte, aber zu einem gänzlich unpassenden Zeitpunkt vorgetragene Frage singt: 'Warum kann es hier nicht schön sein?'"

Bert Rebhandl freut sich in der FAZ darüber, dass mit diesem Film "die kleine Berliner Schule eines gewitzten neuen Agitprops (neben Max Linz wäre da auf jeden Fall noch Julian Radlmaier mit 'Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes' zu nennen) weiter Konturen annimmt. Das Erbe von Brecht, der Modellsituationen gern mit kritischem Witz besingen ließ, verwandelt sich über lokale Traditionen (der ehemalige Volksbühnendramaturg Carl Hegemann wird im Abspann als Inspiration genannt) in eine neue Form von Kino-Lehrstück. Man könnte von einem Sonderforschungsbereich sprechen, der mit den Mitteln des Spiels tatsächlich Erkenntnisse vermittelt."

Seit Anfang des Jahres laufen die Digitalisierungsprogramme zur Rettung des Filmerbes, Christiane Peitz wirft für den Tagesspiegel einen ersten Blick auf die bisherigen Ergebnisse: Nicht immer werden die Filme in ihrer Originalfassung gerettet, erklärt sie, etwa "wenn bei der Restaurierung der Handke-Adaption 'Die Angst des Tormanns beim Elfmeter' die Musik teilweise ausgetauscht wird, da die Rechte etwa für einen Elvis-Song nur für die TV-Ausstrahlung abgedeckt waren und fürs Kino unerschwinglich sind. Was bitte ist nun das Original?" Dazu passend schreibt Fabian Tietke in der taz  über das Berliner Festival FilmRestored.

Weiteres: Lutz Herden erinnert im Freitag an die Premiere von Heiner Carows "Coming Out" im Jahr 1989, einem der letzten DEFA-Filme. Besprochen werden Mark Jenkins Schwarz-Weiß-Abenteuer "Bait" (taz, unsere Kritik hier), eine Neuauflage der "Addams Family" als Animationsfilm (NZZ), Piere Salvadoris "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" (SZ) und eine große Box mit sämtlichen Spielfilmen David Lynchs (Intellectures).
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Design

In ihrer ZeitOnline-Kolumne tadelt Mely Kiyak Influenzerinnen, die zwar einerseits für nachhaltige Mode und Feminismus werben, "aber einen Blogpost weiter, vergessen sie wieder alles und bewerben Klamotten und Schuhe und Kosmetika und Möbel, alles zusammengerührt, genäht, gebaut von Frauen in Südasien, die unter erbärmlichen Bedingungen für diesen Lifestyle ihre Gesundheit, ach was, ihr Leben ruinieren. Das muss man als feministische Modebloggerin und als Redakteurin von Frauenzeitschriften und als Model und als Irgendwas-mit-Fashion-und-Beauty total ablehnen. Beides gleichzeitig ist doch Verhöhnung."
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Literatur

"Die Tochter des Vercingetorix" - der neue Asterix (Bild: Egmont Ehapa)

Mit "Die Tochter des Vercingetorix" erscheint heute der neue, nunmehr vierte Asterix-Band des neuen Duos Jean-Yves Ferri und Didier Conrad. Recht zufrieden ist FAZ-Kritiker Patrick Bahners mit der Geschichte um eine geheim gehaltene Tochter des gallischen Kriegsherrn aus dem Titel des Albums offenbar nicht: "Auf Conrad und Ferri hat der unpolitische Geist der skeptischen Generation abgefärbt, die sie in der im Kanon nur selten im Hintergrund sichtbaren Dorfjugend ausmachen. Schlägereien auf der Galeere und dem Piratenschiff, sozusagen die Stockfotos im Asterix-Album, verdrängen die Satire in der Manier Goscinnys." In der Presse winkt Thomas Kramar ab: Das Thema politischen Widerstands wird nur am Rande ausgeführt, "die Bildungszitate wirken eher beliebig ('Ex malo bonum' sagt ein Pirat - nicht der mit dem Sprachfehler! - diesmal); das Nuscheln der Arverner nervt; und trügt der Eindruck, dass die Namen (z. B. Ludwikamadeus für einen gotischen Trommler) zumindest in der deutschen Version immer blöder werden?" Lars von Törne vermutet im Tagesspiegel, dass mit diesem Album ein jüngeres und vor allem auch weiblicheres Publikum gefunden werden soll.

Für Tell Review legt Sieglinde Geisel Peter Handke auf den Seziertisch des Page-99-Tests und stößt dabei auf keineswegs unterhaltsamen "Qualschrott": Der Autor will "gewaltig altertümeln. Er tut alles, um sich das Alltagsdeutsch vom Leib zu halten, und er will uns zeigen, was er kann." Das neue Suhrkamp-Verlagsgebäude in Berlin hat Adressprobleme, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel.

Besprochen werden Delia Owens' "Der Gesang der Flusskrebse" (SZ), Nick Drnasos für den Booker-Prize nominierter Comic "Sabrina" (Intellectures) und Nora Bossongs "Schutzzone" (FAZ).

Diese und viele weitere Bücher finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Bücherladen Eichendorff21.
Archiv: Literatur