Efeu - Die Kulturrundschau

Die Notwendigkeit einer jeden Note

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2026. Donald Trump präsentiert Entwürfe für seinen neuen Ballsaal und die SZ mokiert sich über Treppen, die ins Nichts führen. Lustvoll plattwalzen lässt sich die Welt von Raphael Pichons majestätischer neuer "Johannespassion"-Einspielung. Die Zeit tanzt in Carla Simóns Film "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter" mit Geistern. Die FAZ begegnet in Apolda den märchenhaften Aktfotografien Günter Rösslers. critic.de bejubelt Barbara Lodens unter die Haut gehenden Klassiker "Wanda", der erstmals in die deutschen Kinos kommt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2026 finden Sie hier

Film

Zöglicher und unsicher: Llucía Garcia in "Romería" von Carla Simón

Die autofiktionalen Filmen von Carla Simón handeln vom "Schweigen über die Familiengeheimnisse", das "zugleich das Schweigen über die politische Macht" ist, schreibt Georg Seeßlen in der Zeit zum Kinostart von "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter", in dem Simón - analog zur ihrer eigenen Biografie - von einer jungen Frau erzählt, die in einen Küstenort kommt, um die Geschichte ihrer früh verstorbenen Eltern zu rekonstruieren. Simón bediente bislang ein eher beobachtendes künstlerisches Register, "hier nun aber verbinden sich Quasi-Dokumentarisches, Kammerspielhaftes und magischer Realismus; gleich zu Beginn gibt es eine Unterwasserszene mit Marina, mit Korallen und Meeresgetier, die man kurz unter Kitschverdacht zu stellen versucht ist, doch sie wiederholt sich gegen Ende, diesmal mit der Mutter in der atlantischen Unterwelt. Nicht nur da wird deutlich, dass 'Romería' nicht bloß erzählerische Konstruktion, sondern auch lyrische Komposition ist. Sie hat den etwas harten Rhythmus eines García-Lorca-Gedichts, und einer der Höhepunkte des Films ist eine Art Geistertanz, bei der sich die Tänzerinnen und Tänzer nach und nach in Leintücher verhüllen und zu Gespenstern werden."

Philipp Stadelmaier (SZ) fühlt sich in diesem nur "auf den ersten Blick federleicht" wirkenden Film an Eric Rohmer erinnert. "Die Zeit vergeht ohne Hast. Man springt ins Wasser, grillt am Strand, genießt das Leben." Doch "Marina stößt auf Erinnerungen einer Generation, die nach der Franco-Zeit in den Achtzigerjahren Aufbruch und Freiheit genoss - und gleichzeitig an Aids und Heroin zugrunde ging. ... Llucía Garcia bringt Marinas Irritation hervorragend zur Erscheinung: die Zögerlichkeit und Unsicherheit einer jungen Person, die nicht genau weiß, wie sie sich verhalten soll." Für die taz hat Arabella Wintermayr mit der Regisseurin gesprochen.

Unterprivilegiert im Patriarchat: "Wanda" von Barbara Loden

Besser spät als nie: Barbara Lodens einzige Regiearbeit "Wanda" aus dem Jahr 1970 kommt nun doch noch regulär in die deutschen Kinos. Loden, ansonsten als Schauspielerin bekannt, erzählt (und spielt) in diesem auch zu den Klassikern von "New Hollywood" quer stehenden Klassiker des Independentfilms "eine arbeits- und mittelose Frau aus der Arbeiterschicht, die ihren Mann scheinbar völlig ungerührt verläßt, und dann ziel- und antriebslos durch die Lande streift", bis sie an einen Kleinkriminellen gerät und in ein Verbrechen verstrickt wird, schreibt Annette Brauerhoch auf critic.de. Zu sehen ist "ein Amerika der Unorte mit Shopping Malls, Riesenparkplätzen, heruntergekommenen Hotels und schäbigen Bars. ... 'Wanda' ist ein Film ohne Telos, ohne Heldin oder Held, aber mit einem ungemein klaren Blick auf seine Hauptfigur. Ein Blick, der von einer intimen Kenntnis, einem tiefen Verständnis zeugt." Dieser Film "geht unter die Haut und bleibt für jede Zuschauerin unvergessen in der Präzision seines Blicks auf das Schicksal einer unterprivilegierten Frau im Patriarchat".

Weiteres: Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem Filmemacher Richard Linklater, der kurz nach "Nouvelle Vague" gleich noch seinen zweiten neuen (hier in der Jungle World besprochenen) Film "Blue Moon" in die Kinos bringt (unser Resümee). Robert Wagner empfiehlt auf critic.de die von Perlentaucher-Filmkritiker Tilman Schumacher kuratierte Harald-Reinl-Retrospektive im Berliner Zeughauskino. Marius Nobach blickt im Filmdienst auf die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis.

Besprochen werden François-Xavier Drouets "The Gospel of Revolution" über den Aufstieg der Befreiungstheologie in Lateinamerika (Jungle World), Aaron Horvaths und Michael Jelenics Computerspieleverfilmung "Super Mario Galaxy" (Standard) und die Apple-Dokuserie "Twisted Yoga" über sexuellen Missbrauch im Yoga (NZZ).
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Kunst

Ein Stück Fotografie- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands macht FAZ-Autor Freddy Langer im Kunsthaus Apolda ausfindig. Ausgestellt sind dort Mode- und Aktbilder des DDR-Fotografen Günter Rössler. Vor allem die Akte habe es Lange angetan. Als "Newton des Ostens" wird Rössler gelegentlich bezeichnet. Aber das täuscht. "Denn obwohl Rössler zeitlebens davon sprach, selbstbewusste, dabei ausnahmslos junge Frauen zu fotografieren, liegt seinen Bildern nichts ferner als Newtons Allmachtsfantasien mit Darstellungen aggressiv in Stöckelschuhen und Leder auftretender Amazonen oder allerorten lasziv hingestreckt - vom Pool über die Küche bis zum Waschsalon. Günter Rösslers Aufnahmen wirken reiner, verklärter, fast märchenhaft, als hätten sich Feen in sein Wohnhaus verirrt. Dort vor allem entstanden die Bilder, auf dem immer selben Sofa oder Sessel, vor dem immer selben Fenster, vor allem im immer gleichen Licht mit dem er die jungen Körper umschmeichelte, fast streichelte und ein ums andere Mal aus einem tiefschwarzen Hintergrund herausschälte."

Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt zur Zeit "Sex Work - Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit". Für SZ-Kritiker Peter Littger eine Schau, die deutlich Partei nimmt für eine Normalisierung von Prostitution und gegen das "Nordische Modell", das den Kauf von Sex unter Strafe stellt - so äußert sich auch die Chefkuratorin Johanna Adam in Littgers Artikel. Der Kritiker hat sich anscheinend prächtig amüsiert: Kunstwerke von Otto Dix und Elfriede Lohse-Wächtler werden gezeigt. Und "Dass dies ganz gewiss die Fantasien aller sind, erschließt einem der Kurzfilm 'Deep Gold' von Julian Rosefeldt: Ein eleganter Herr wird angetrieben vom Schlachtruf 'Lust is a force' und streift durch eine schwarz-weiße Traumwelt der Laster und der Lust. In der Endlosschleife löst sich dabei für den Betrachter die Unterscheidung auf zwischen den einen, die mit Sex arbeiten, und den anderen, die gewissermaßen bearbeitet werden. Alleine für diesen Einblick lohnt es sich, den neuen Sextempel von Bonn zu besuchen." Problematisch scheint der Kritiker das alles überhaupt nicht zu finden. 

Weitere Artikel: Auf monopol unterhält sich Silke Hohmann mit der Kuratorin Larissa Kikol, die für den Kunstverein Hannover die Ausstellung "Under the Milky Way" zusammengestellt hat. Im Standard beleuchtet Olga Kronsteiner Mobbing-Vorwürfe gegen die Geschäftsführung des Wiener Kunsthistorischen Museums. Ebenfalls der Standard berichtet über einen spektakulären Kunstdiebstahl in Italien. Besprochen wird die Schau "Lucian Freud: Drawing into Painting" in der National Gallery, London (Welt).
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Literatur

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Dass mit den Übersetzungen von Daniel Kehlmanns "Lichtspiel" und Shida Bayzars "Nachts ist es leise in Teheran" in diesem Jahr gleich zwei deutsche Romane für den International Booker Prize nominiert sind, überrascht Gerrit Bartels vom Tagesspiegel insbesondere im zweiten Fall: Bayzars ursprünglich 2016 erschienener Debütoman wurde erst im letzten Herbst von einem britischen Verlag aufgegriffen. Sie erzählt "eine autobiografisch grundierte persische Familiengeschichte vom Sturz des Schahs 1979 bis ins Jahr 2009" und erzielte damit "einige Achtungserfolge hierzulande". Doch "anders als Kehlmann oder auch Jenny Erpenbeck ist der Name von Bayzar außerhalb des Literaturbetriebs nur wenigen ein Begriff. ... Das kann sich nun über den Umweg des Vereinigten Königreichs und des International Booker Prize ändern, auch weil vor dem Hintergrund der Ereignisse in Iran Shida Bayzars Roman viel aktuelle Brisanz bekommen hat und die Verhältnisse dort und in der iranischen Diaspora besser verstehen lässt."

Weitere Artikel: Der Tagesspiegel meldet, dass Boualem Sansal Schirmherr des Internationalen Literaturfestivals Berlin wird. Johanna Adorján erzählt in der SZ von ihrem Treffen in Wien mit dem Booker-Preisträger David Szalay. Der Übersetzer Frank Heibert blickt auf Tell auf zehn Jahre Tell zurück. Katrin Hörnlein spricht in der Zeit mit dem US-Jugendbuchautor Jason Reynolds, der in seinen Büchern bewusst gesellschaftspolitische Themen anspricht - und im aktuellen Buch "24 Sekunden ab jetzt" von einem verunsicherten Jungen schreibt, der mit Liebe und Sex ziemlich überfordert ist. Die Zeit präsentiert ab diesem Monat alle vier Wochen die besten Kinder- und Jugendbücher, Katrin Hörnlein erklärt dies auch als Maßnahme dagegen, dass immer mehr Kinder nach der Grundschule keine ausreichenden Lesekenntnisse haben. Auf der ersten Liste auf Platz Eins ist Elin Lindells "12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle".

Besprochen werden unter anderem Navid Kermanis "Sommer 24" (taz), Jacqueline Harpmans "Ich, die ich Männer nicht kannte" (FR), Xaver Bayers "Hauch" (Standard), Tomer Gardis "Liefern" (FAZ), Monika Marons Tagebuch "Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig" (Zeit) und Sabine Lidls im Kino gezeigter Porträtfilm "Dance Around the Self" über die Schriftstellerin Siri Hustvedt (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Akademietheater - Glaube, Liebe, Hoffnung. © Tommy Hetzel

Enthusiastisch bespricht Sophie Klieeisen in der FAZ Lucia Bihlers Inszenierung von Ödon von Horváths "Glaube, Liebe, Hoffnung" am Wiener Akademietheater. In der Hauptrolle der Elisabeth, die von Horváth und Bihler durch ein "Purgatorium der Wirklichkeit" geschickt wird, brilliert Marie-Louise Stockinger. Doch auch sonst stimmt hier alles: "Hier quälen und leiden alle und leiden am Quälen, und wie sie das tun, sprachlich, stimmlich und choreographisch, ist für jede Rolle durchdacht konzipiert. Von Victoria Behr als diese fabelhaften Wesen verkleidet, schleichen und stolpern alle angsteinflößend und ängstlich über und durch diese Vorhöllenbühne, schwinden blindlings, fallen und füllen ihre doppelte Aufgabe, eine Figur zu sein und eine Allegorie. Nichts ist hier Zufall, trotzdem regiert das Spiel, es ist eine außergewöhnliche Ensembleleistung mit Marie-Louise Stockinger als unerschütterliches Zentrum." (Standard und nachtkritik waren am Samstag nicht beeindruckt.)

Außerdem: Shirin Sojitrawalla schreibt auf nachtkritik über die Schultheatertage in Wiesbaden, eine Initiative, die "wir gerade verdammt gut gebrauchen" können. Und: Aprilscherzalarm bei der taz.

Besprochen werden ein "Lohengrin" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden (FR - "teils sehr reizvoll, teils blutleer"; der NZZ gefällt's), Kirill Serebrennikows "Rheingold" bei den Salzburger Osterfestspielen (Christine Lemke-Matwey schreibt für die Zeit einen zweiten Text und ist immer noch angetan, zum ersten siehe hier), "Die Theatermacherinnen" von Carmen Kirschner und Berenice Pahl im Theater am Werk, Wien (Standard - "Der ins Unendliche weisende Aufbegehrenston nützt sich ab") und Verdis "Un ballo in maschera" in der Inszenierung von Rafael Villalobos an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (Welt - "eine szenisch fade, sinnentleerte Aufführung").
Archiv: Bühne

Architektur

Gerhard Matzig zieht in der SZ über die Pläne für den Ballsaal her, mit dem Donald Trump das Weiße Haus zu verschandeln gedenkt. Erweitert wird der Anbau um eine sauteure Bunkeranlage. Matzig beschreibt die Pläne als Teil einer "Diktator-Baugeschichte". Zu allem Überfluss wird auch noch an allen Ecken und Enden gepfuscht: "Der Südportikus wird zum Beispiel nicht über Türen verfügen, 'die in den Ballsaal führen'. Normalerweise dient ein Portikus als genau das: als Vorhalle mit der Funktion der Zugänglichkeit. Aber dieser Portikus ist rein dekorativer Natur. Auf diese Weise stört auch eine Treppe nicht, die im Nichts endet wie manches fehlgeplante Brückenbauprojekt hierzulande. Es irritiert auch nicht, dass die Ballsaal-Insassen kaum nach draußen sehen können, weil dort sinnlose Deko-Säulen den Blick verstellen, während die Kolonnade im zweiten Stock eigentlich nur aus einer fensterlosen Wand besteht, deren Mauernischen nur von Weitem wie Fenster anmuten. Das ist Mimikry. Dahinter befinden sich die Toiletten." In der FAZ berichtet Frauke Steffens über Kritik diverser Architekten an den Entwürfen.

Ebenfalls in der FAZ schreibt Andreas Kilb über die auch nicht gerade goldigen Aussichten bei einem deutschen Bauvorhaben: Die Baustelle des Berliner Museum der Moderne ist von Feuchtigkeit und inzwischen möglicherweise auch Schimmelbefall bedroht. (Mehr hier).
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Musik

Pünktlich zur Karwoche kommt eine aus dem unüberschaubaren Meer der Aufnahmen von Bachs "Johannes-Passion" turmhoch herausragende Einspielung auf den Markt, schreibt ein restlos begeisterter Elmar Krekeler in der Welt. Dafür verantwortlich sind Raphael Pichon und sein Pygmalion Ensemble. "Es rollt ein Meer an, das brodelt und kocht, eine Urgewalt fegt alle Zweifel weg. Das Orchester stampft und grummelt, die Oboen schreien. Der Chor lässt Anrufung und Angst hereinbrechen und Wut und den Triumph im Glauben. ... Es ist eine Musik wie ein Naturereignis. ... Nahezu ein Wunder ist, wie Pichon (...) die Balance hält zwischen Aufschrei und Innigkeit, die Notwendigkeit einer jeden Note hinterlegt und uns, die wir beim Hören immer weiter vorne auf der Bankkante sitzen, den Atem nimmt."



Weiteres: Merle Zils führt in der taz durch die Musik des Münchner Experimentalmusikers Salewski, der von NDW bis zu späten Kollaborationen mit den Krautrockern von Faust alles mitgenommen hat. Leon Frei porträtiert in der SZ den Thüringer Musiker Betterov, dessen "Stimme so klingt, als würde ihm das ganze Gesicht wehtun, leidend, brüllend und träge zugleich". Besprochen werden Kim Gordons Album "Play Me" (FR), Fleas Soloalbum "Honora" (Standard) und ein von Daniel Harding dirigiertes Haydn-Konzert der Berliner Philharmoniker bei den Salzburger Osterfestpielen (Backstage Classical).
Archiv: Musik