Efeu - Die Kulturrundschau

Frisch aus dem Reliquienschrein

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30.03.2026. Alle strömen zu den Osterfestspielen in Salzburg, um Kirill Serebrennikows Inszenierung des "Rheingold" als rauschendes Klangfest zu erleben. Für James Blake hat Musik, die von Menschen geschaffen wurde und nicht von KI, etwas Widerständiges, sagt er im Zeit-Interview. Die taz taucht tief in die frühen Alben von Popol Vuh ein. Harry Lightons Langfilmdebüt über eine BDSM-Affäre überzeugt NZZ und Standard mit seiner Offenheit für eine ganz eigene Szene. Im frühen 19. Jahrhundert war der Künstler Joseph Kyselak sowas wie ein früher Sprayer, erfahren wir aus dem Standard.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Rheingold", Bild: Frol Podlesnyi


Kirill Serebrennikow hat Wagners "Rheingold" für die Salzburger Osterfestspiele so actionreich inszeniert, dass Zeit-Kritikerin Christine Lemke-Matwey kaum weiß wo sie hinschauen soll: "Das Gold selbst etwa thront anfangs als funkelnde Tiara auf den Häuptern der Rheintöchter - wie frisch aus dem Reliquienschrein von Santa Maria Maggiore entlehnt und sehr katholisch. Walhall scheint das süße kleine Gewächshaus zu sein, das halbrechts hinten einiger Hege und Pflege bedarf. Wotan, der Göttervater, schlurft die meiste Zeit wie ein zutiefst deprimierter Petrus durchs Geschehen, leinene Kutte und Zepter inklusive (gleichzeitig lässt er mit seiner einäugig abgedunkelten Intellektuellenbrille an Salman Rushdie denken). (…) Auf geradezu brechtsche Weise kommentiert wird dieses Panoptikum der Götzen, Rituale und magischen Selbstbeschwörungen von einem mehrfach gesplitteten, beweglichen Videoscreen über der Szene (Video: Yurii Karikh)."

taz-Kritiker Joachim Lange ist hingerissen vom Sound, den Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern zaubert: "Hier fließt ein klarer Klangstrom, fasziniert mit detailgenauer Transparenz und der packenden Dramatik eines betont zügigen Tempos. Petrenko bleibt deutlich unter den angegebenen zweieinhalb Stunden." Und auch Jan Brachmann (FAZ) lauscht mit Hingabe zum Detail der musikalischen Interpretation: "Die Kunst Kirill Petrenkos, die man kaum groß genug veranschlagen kann, besteht darin, sich im Widerstreit der unterschiedlichen musikalischen Parameter nicht einseitig für den einen und gegen den anderen zu entscheiden. Sobald nämlich die drei Rheintöchter mit ihrem Gesang einsetzen, halten auch punktierte Siciliano-Rhythmen Einzug in die Musik, zu Barkarolen beschleunigte Schaukelmuster des Wiegens, die Petrenko durch ein leichtes Stakkato auf der jeweils letzten Note der Dreiergruppen besonders plastisch macht." SZ-Kritiker Egbert Tholl erlebt "reines Wagner-Glück", für Christoph Irrgeher (Standard) ist die Inszenierung ein "Ereignis".

Weitere Artikel: Markus Hinterhäuser, bisher Chef der Salzburger Festspiele, ist bis zum Ende seines Vertrags am 30. September beurlaubt - eine Nachfolge für ihn zu finden, wird nicht einfach, ist sich Manuel Brug in der Welt sicher.

Besprochen werden außerdem die Theateradaption von Nino Haratischwilis Roman "Das achte Leben (Für Brilka)", Regie führt Alexander Nerlich am Staatstheater Mainz (FR), Felix Weingartners Oper "Kain und Abel", inszeniert von Kerem Hillel am Staatstheater Darmstadt (FR), Peter Lunds Inszenierung von Franz Lehárs "Graf von Luxemburg" am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz), Luise Voigts Inszenierung von Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Kleists "Der zerbrochne Krug" am Thalia Theater Hamburg, Regie führt Lilja Rupprecht (Nachtkritik), Meo Wulfs neues Stück "Warten auf Bardot" an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik, Tagesspiegel, taz, Berliner Zeitung), Marko Stormann bringt Elfriede Jelineks Oscar-Wilde-Überschreibung "Der ideale Mann" auf die Bühne des Schauspiels Stuttgart (Nachtkritik), Jan Bosse inszeniert Anna Gmeyners "Automatenbüfett" am Deutschen Theater in Berlin (taz), das zukünftige Leipziger Intendantentrio Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander inszeniert am Theater Magdeburg Shakespeares "Was ihr wollt" (FAZ), Wagners "Lohengrin", inszeniert von Johannes Erath auf den Osterfestspielen in Baden-Baden (FAZ), Marius Petipas Ballett "La Bayadère", aufgeführt vom Niederländischen Nationalballett in Amsterdam und "Scylla et Glaucus" von Jean-Marie Leclair, inszeniert von Claus Guth auf dem Festival "Zürich Barock" (NZZ).
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Architektur

Nikolaus Bernau findet im Tagesspiegel: Es sollte mehr Mitbestimmung der Berliner Bürger bei den Bauten der Stadt geben. Das hat ihm die Ausstellung "Nah dran! Schätze des Modellbaus" der Fachhochschule Potsdam in der Berliner Kunstbibliothek gezeigt.
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Musik

Der Musiker James Blake ist zwar nicht hundertprozentig gegen den Einsatz von KI in der Musik, aber Vorbehalte hat er im Großen und Ganzen schon. "Die einzige Musik, die uns wirklich befriedigen kann, ist organisch", meint er im Gespräch mit dem ZeitMagazin. "Allein die Bearbeitung der Stimmen, die vielen Filter, Kompressoren, Pitch-Korrekturen, Autotune und, und, und. Am Ende hört man eine Stimme aus der Mikrowelle. ... Ich glaube, ein Instrument wirklich gut spielen und auch singen zu können, ist 2026 schon ein Akt des Widerstands."

Diedrich Diederichsen versenkt sich für die taz nochmal ganz tief in die Klangwelten der Popol Vuh, genauer: in die frühen Alben der Krautrockband rund um Florian Fricke, die in England gerade neu aufgelegt werden. Zu hören ist auf "Affenstunde", dem Debüt der Band, die später auch einige Filme von Werner Herzog vertonen sollte, "ein ebenso wildes wie virtuoses Gezischel, Gefiepe, Geschrängel, Getappel und kosmisches Geschwelge, bevor es das Signifikat 'kosmisch' für Synthesizermusik gab. Ein Album von Popol Vuh, das einerseits die Möglichkeit des Synthesizers, Klänge problemlos lang und sich langsam verändernd stehen lassen zu können, ausspielt, ohne schon eines der Space- und New-Age-Klischees zu kennen, die mit diesen Möglichkeiten später einhergehen sollten; andererseits pulsieren extrem aufgeweckte Percussionprügel unter dem mal nervösen Vogelschwarm, dann wieder der hochmögenden Stasis des Synthiesounds."



Weitere Artikel: Für die FAZ spricht Jan Brachmann mit Boris Giltburg über Sergej Rachmaninow, dessen gesamtes Klavierwerk der Pianist derzeit einspielt. Besprochen werden Chris Blackwells Buch "Als die Boxen in den Bäumen hingen. Die unglaubliche Geschichte von Island Records" (NZZ), das neue Album von Kanye West, das SZ-Kritiker Joachim Hentschel kaum erträgt angesichts der bizarren politischen Wortmeldungen des Künstlers in den letzten Jahren, und Altın Güns neues Album "Garip" (Jungle World).

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Kunst

Alicja Schindler empfiehlt in monopol den Instagram-Account der Künstlerin SAGG Napoli, der für sie selbst etwas von einem (sehr disziplinierten) Kunstwerk hat. Aus dem italienischen Städtchen Mamiano di Traversetolo wurden wertvolle Bilder von Cézanne, Renoir und Matisse gestohlen, meldet der Standard.

Besprochen wird die Ausstellung "Alex Katz - Dancing With Reality" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

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Manfred Rebhandl unterhält sich im Standard mit der Kunsthistorikerin Gabriele Goffriller über den Sonderling Joseph Kyselak, der im frühen 19. Jahrhundert quer durchs österreichische Kaiserrreich wanderte, dabei nach Manier heutiger Graffiti-Künstler seinen Nachnamen als Signatur an Wänden und Bergen hinterließ und schließlich über seine Abenteuer ein Buch verfasste, das Goffriller nun neu herausgegeben hat. Die Schriftstellerin Daniela Emminger erzählt im Standard, warum sie für eine Romanrecherche nach Grönland gezogen ist. Dem Schriftsteller Paul Auer wird es im Standard nostalgisch warm ums Herz, wenn er sich an seine Zeiten als jugendlicher Interrail-Reisender in den Neunzigern erinnert. Außerdem präsentiert die NZZ "hundert Bücher, die die Welt veränderten".

Besprochen werden Lukas Rietzschels "Sanditz" (NZZ), Olivier Guez' "Die Welt in ihren Händen. Die Abenteuer der Gertrude Bell in Mesopotamien" (Standard), ein von Ulrike Schuldes herausgegebener Band mit den "schönsten Gedichten" von James Krüss (FR) und Jennette McCurdys "Half His Age" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film

Neugierige Blicke: "Pillion" von Harry Lighton


Sehr beeindruckt ist Jens Balkenborg (NZZ) von Harry Lightons Langfilmdebüt "Pillion", das von der SM-Romanze zwischen einem jungen Mann (Harry Melling) und dem wesentlich älteren Biker Ray (Alexander Skarsgård) erzählt, dem sich ersterer quasi bedingungslos unterwirft. "Es ist erstaunlich, wie offensiv und behutsam zugleich sich Lighton seinem Sujet nähert. Anstatt moralisch zu werten, blickt er durch die Augen Colins mit Neugier und Offenheit auf die Beziehung des Doms und des Sklaven. Und auf die Gruppe schwuler Biker, in die Colin eingeführt wird. ... Lightons Film eröffnet einen unverstellten, durch und durch empathischen Blick in einen Mikrokosmos, der eigenen (sexuellen) Regeln folgt." Ähnlich sieht es Valerie Dirk im Standard.

"Sternstunde der Mörder" (ARD)

Carolin Ströbele ärgert sich auf ZeitOnline über den bereits in der Mediathek abrufbaren Osterwochenende-Vierteiler "Sternstunde der Mörder" der ARD. Die Miniserie sieht nicht nur aus wie ein Abklatsch von "Babylon Berlin", sondern erzählt in den letzten Tagen Prags unter deutscher Besetzung auch von ähnlichen Themen. Ein Serienmörder treibt überdies sein Unwesen. Und für komplett aus der Zeit gefallen hält es Ströbele, dass "im Jahr 2026 ein sogenannter Event-Film zur sogenannten besten Sendezeit genau" jene Bilder der duldsamen und schwachen Frau "aufnimmt und zementiert". Männerrollen gibt es viele, Frauen "stöckeln derweil über Friedhöfe, wo sie der Killer erspäht und nach Hause verfolgt. Zu sagen haben sie wenig. ... Männer handeln, Frauen werden behandelt."

Weiteres: Auf ZeitOnline verabschiedet sich der Regisseur Volker Schlöndorff von Alexander Kluge (mehr zu dessen Tod hier).
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