Efeu - Die Kulturrundschau

Konzert der Intelligenzen

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27.03.2026. Die Feuilletons trauern um Alexander Kluge, den vielleicht letzten Renaissance-Menschen unserer Gegenwart. Die Salzburger Festspiele steuern nach dem Absägen des Intendanten Markus Hinterhäuser auf die größte Krise der Nachkriegszeit zu, befürchtet die FAZ. Überhaupt steckt das "Theater zwischen Krisen", erfährt die nachtkritik aus einem gleichnamigen Forschungsband. Der Guardian lernt in Cambridge von Frank Bowling, dass auch abstrakter Expressionismus politisch sein kann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2026 finden Sie hier

Film

Alexander Kluge, 2020 (Bild: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0)
Einen wie ihn wird es wohl kein zweites Mal geben: Der unvergleichliche Alexander Kluge ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Filmemacher, Autor, Soziologe, Philosoph, Jurist, Kulturhistoriker, Hörspielautor, Medienkünstler, Fernsehmacher - die Feuilletons verabschieden sich vom vielleicht letzten wirklichen Renaissance-Menschen unserer Gegenwart. Er, der bei einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg nur denkbar knapp mit dem Leben davonkam, "war ein Geschichtenerzähler, einer der in allen möglichen Genres vom Überleben berichtete", schreibt Arno Widmann in der FR. Nach Enzensberger und Habermas tritt mit Kluge eine intellektuelle Generation der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nun endgültig ab, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ: "Dieser Seele fiel zu allem etwas ein, sie entzündete sich an allem. ... Das macht sein Werk zu einem Bau mit hundert Gängen und Öffnungen. Er handelte von chinesischen Schriftzeichen und von der Inquisition, von Waffenherstellern und der Eigentümlichkeit von Viren, von King Kong und von Fontane."

Oder wie es Andrian Kreye in der SZ auf den Punkt bringt: "Alexander Kluge war der neugierigste Mensch der Welt". Zuletzt beschäftigte er sich enthusiastisch mit Künstlicher Intelligenz. Sie "war für ihn ein Füllhorn, aus dem er die gesamte Geistes- und Kulturgeschichte der Menschheit herausdestillieren wollte". Und er hoffte auf die Vermählung der Künstlichen Intelligenz mit der Quantenphysik: "Dann würden sich Körper, Geist und Verstand, Logik, Informatik und Quantenphysik, Biologie und Astronomie, die gesamte Ideengeschichte zu etwas Wunderbarem vereinen - einem 'Konzert der Intelligenzen'. Dann wäre die Menschheit einen Schritt weiter und nicht einmal die Profiteure des Silicon Valley könnten das aufhalten. 'Es sind eben nur Zauberlehrlinge, die da etwas versuchen, das sie gar nicht erst beherrschen können.'"

Bekannt machte ihn aber sein Engagement für den Film, erst als Unterzeichner des Oberhausener Manifests, später mit eigenen Filmen - "Abschied von gestern", "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos", "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit", allesamt Klassiker des Jungen Deutschen Films. "Oft entsprach das schnelle, filmische, assoziative Denken seinem Denken mehr als die langsame Schrift", meint Peter Neumann auf Zeit Online. Es war "eine unverwechselbare Handschrift", schreibt Cosima Lutz in der Welt, "eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, assoziativ, schweifend und sinnbildlich selbst dann, wenn nicht genau erklärt wurde, wofür". Auch war Kluge ein Aktivist in Sachen Filmförderung, deren Ursprünge in Deutschland er maßgeblich mitgestaltete, erinnert Claudia Lenssen in der taz: "Er erkannte die Tücken des schwächelnden deutschen Kommerzkinos, organisierte Bündnisse mit der Filmkritik und Autoren/Produzenten und verfasste mit anderen flammende filmpolitische Analysen, vor allem in Richtung der mächtigen Fernsehanstalten, deren Beteiligung an der Autorenfilmförderung er einforderte."

Andreas Platthaus spricht in der FAZ Kluges schier unüberschaubare Fernseharbeit seit den späten Achtzigern. Durch eine gewiefte juristische Finte konnte Kluge den Privaten Programminseln abluchsen, in denen er auf redaktionell eigene Verantwortung Kulturfernsehen betrieb, wie es eigentlich die Öffentlich-Rechtlichen leisten sollten: "Das war Fernsehen, wie man es noch nie gesehen hatte, ohne Rücksicht auf Sehgewohnheiten oder Halbbildung." Auch Willi Winkler schwärmt auf Seite Drei der SZ von diesen quotenkillenden TV-Sternstunden: "Das Leitmedium musste die schöpferische Zerstörung ertragen." Kluge "entfaltete in diesen Zweiergesprächen eine ähnlich raunende Präsenz, verstärkt durch das Nachfragen, das sokratische Immernochmehrwissenwollen", bei dem er sich "in oft schwindelnde intellektuelle Höhen schraubte". Online sind die Arbeiten auf dctp.tv archiviert - ein Füllhorn, das zum endlosen Stöbern und Staunen einlädt.

Weitere Nachrufe in Standard und NZZ. Der Merkur hat ein paar Kluge-Texte aus seinem historischen Archiv für die Online-Lektüre freigeschaltet, darunter Kluges "Die Utopie Film" von 1964. Archivgespräche mit Kluge finden sich hier in der ARD Mediathek sowie hier und dort bei Dlf Kultur. In der ARD Audiothek finden sich zahlreiche Gespräche, Hörspiele, Nachrufe und Features. Auf Eichendorff21 haben wir für Sie einen Büchertisch mit aktuell lieferbaren Büchern Kluges zusammengestellt.

Weitere Artikel: Dunja Bialas schreibt auf Artechock einen Nachruf auf die Münchner Kinobetreiberin Marlies Kirchner. Anna Edelmann berichtet für Artechock über das Münchner Jugendfilmfestival "flimmern&rauschen". Und in seiner Artechock-Kolumne notiert Rüdiger Suchsland, über was er sich in dieser Woche geärgert hat.

Besprochen werden Ratchapoom Boonbunchachokes "A Useful Ghost" (Perlentaucher), Harry Lightons SM-Drama "Pillion" (critic.de, SZ),  Richard Linklaters "Blue Moon" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Maryam Touzanis "Calle Málaga" (Artechock), Sven Unterwaldt jrs "Horst Schlämmer sucht das Glück" (Artechock) und Antoine Lanciauxs "Die Schatzsuche im Blaumeistental" (Artechock).
Archiv: Film
Stichwörter: Kluge, Alexander

Musik

Hilka Dirks unterhält sich für die taz mit Robyn über deren neues Album "Sexistential". Besprochen werden Ensos Album "Peaceful Dwelling" (FR) und Rayes Album "This Music May Contain Hope" (taz).
Archiv: Musik

Kunst

Einst schrieb der britisch-guyanische Maler Frank Bowling an John Berger, er wolle "nur sein Volk malen: Schwarze". Zum Glück orientierte er sich aber bald an einem Verständnis von Kunst als reiner Ästhetik, erkennt Ben Eastham (Guardian) in der Ausstellung "Seeking the Sublime" im Fitzwilliam Museum in Cambridge. Denn Freiheit fand Bowling erst im abstrakten Expressionismus, auch wenn das Politische in seinen Werken blieb, wie etwa das Bild "Lenoraseas" von 1976 zeigt: "Diese Anordnung von Farbe und Form bietet mehr als nur ihre wunderbar ansprechenden optischen Effekte. Da ist zunächst die physische Oberfläche des Gemäldes, eine gebirgige Landschaft aus Graten, Ebenen und Tälern, die durch den Farbauftrag entstanden ist. Dann ist da der Titel, der (unter anderem) auf das Dorf Lenora in Guyana anspielt, wo der Essequibo-Fluss in den Atlantik mündet. Das heißt, es handelt sich sowohl um ein abstraktes Gemälde als auch um eine Flussdarstellung. ... Es ist ein Zeugnis persönlicher und gesellschaftlicher Geschichte, da dieser Fluss in das Gewässer mündet, das der Künstler und seine Vorfahren unter anderen Umständen durchquerten."

Sophie Jung kann sich in der taz nur wundern: Iran, Saudi-Arabien, Katar und Russland sind mit Pavillons auf der Biennale in Venedig zum Teil in den Giardini vertreten, Israel rückt indes ins Abseits ins Arsenale. Und nun soll auch die südafrikanische Künstlerin Gabrielle Goliath ihr umstrittenes Performance-und Filmprojekt "Elegy" zeitgleich zur Biennale in der Chiesa di Sant'Antonin zeigen: "Goliath hätte eigentlich den Pavillon Südafrikas bespielen sollen. Der bleibt nun aber leer, nachdem Südafrikas Kulturminister Gayton McKenzie 'Elegy' abgesagt hatte. Es sei 'höchst spaltend', tritt es doch in die ideologisch umkämpfte Deutung des Gazakriegs ein. Goliath erzählt darin unter anderem von zwei Nama-Frauen, die von deutschen Kolonialisten ermordet wurden, und sie zieht eine Parallele zu der palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die im Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff in Chan Junis umgekommen ist." Goliath war juristisch erfolglos gegen die Entscheidung McKenzies vorgegangen, nun wird sie "Elegy" abseits der Biennale zeigen.

Hintergründe lieferte Philip Oltermann bereits am Mittwoch im Guardian. So distanzierte sich McKenzie von der Position der vorherigen Regierung Südafrikas, die 2023 Klage gegen Israel wegen Völkermords einreichte: "McKenzie sprach sich jedoch weiterhin für den israelischen Staat aus und sagte der Zeitung Daily Maverick: 'Dort findet kein Völkermord statt.'" Der Krieg in Gaza werde in Goliaths Werk zwar nicht direkt thematisiert, so Oltermann. Aber die Künstlerin verweist in einer kuratorischen Erklärung auf "ein Gespenst des Völkermords" und spricht von "Tausenden von Frauen, Kindern und Zivilisten, die in Gaza getötet wurden". Der südafrikanische Pavillon bleibt indes nun leer.

Weitere Artikel: Von Krise keine Spur - der Kunstmarkt boomt, bemerkt Philipp Meier in der NZZ auf der Art Basel in Hongkong. Schon kurz nach Eröffnung waren viele bedeutende Werke, etwa von Picasso, Tracey Emin oder Louise Bourgeois verkauft. Im taz-Gespräch mit Pauline Cruse kündigt Alhena Caicedo, seit 2022 Direktorin des Kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte, an, die San-Augustin-Statuen, die durch den Ethnologen Konrad Theodor Preuss nach Deutschland geschafft wurden und heute im Ethnologischen Museum in Berlin lagern, zurück nach Kolumbien zu holen. 

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale, die die Schamanin von Bad Dürrenberg zeigt: Es handelt sich um die Überreste einer Frau, die in der Mittelsteinzeit vor etwa 9000 Jahren zeigt und den Ursprüngen des Schamanismus nachgeht (FAZ, SZ).
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Literatur

Michael Moorstedt blickt in der SZ darauf, wie Fanfiction den Literaturmarkt umkrempelt: Wer heute Bestseller landen will, muss aus der Fan-Szene kommen und auf deren Bedürfnisse eingehen. Leonard Hillmann erinnert im Tagesspiegel an den vor allem für seine Dagobert-Duck-Comics bekannten Zeichner und Autor Carl Barks, der vor 125 Jahren geboren wurde. Besprochen werden unter anderem Thomas Hettches "Liebe" (NZZ), Percival Everetts "Ausradiert" (FR) und Simon Chevriers "Foto auf Anfrage" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

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Christopher Balme leitete die DFG-Forschungsgruppe "Krisengefüge der Künste", die nun ihren Abschlussband vorgelegt hat. Wie steht's um die Krise im Theater, will Nachtkritikerin Elena Philipp wissen. Theater würden heute als soziale Institution positioniert, ihre Aufgabe bestehe weniger darin, Kunst auf hohem Niveau zu produzieren, erklärt er: "Die darstellenden Künste müssen soziale Probleme behandeln, Diversität reflektieren und die Stadtgesellschaft abbilden. Das ist, glaube ich, das zentrale Krisensyndrom, mit dem sich die Theater bis heute auseinandersetzen müssen. Ihre Antworten werden nicht immer positiv aufgenommen, gerade von einem Abonnentenpublikum oder der Kritik, die eher die Theaterkunst im Vordergrund sehen wollen und nicht die sozialen Fragen." Dennoch wurde festgestellt, "dass die Stadt- und Staatstheater eine sehr hohe Legitimation in der Bevölkerung genießen und dass diese allgemeine Akzeptanz sehr stabil ist, auch bei Menschen, die nicht ins Theater gehen."

Die Salzburger Festspiele und Intendant Markus Hinterhäuser haben nun eilig ihre einvernehmliche Trennung beschlossen, wie gestern bekannt wurde. Bis zum Vertragsende im September wird Hinterhäuser beurlaubt. Über weiteres wurde Stillschweigen vereinbart, weiß Jan Brachmann in der FAZ: "Das Kuratorium hat sich aber nun, zwei Jahre vor Beginn der Sanierungsarbeiten am Großen Festspielhaus und ohne definierte Areale für Ausweichspielstätten, in eine Situation gebracht, da es eine neue Intendanz, eine neue Schauspieldirektion, eine neue Festspielpräsidentschaft und eine neue kaufmännische Direktion finden muss, weil auch die Verträge der Letztgenannten enden. … Durch diese Führungskrise steuert das weltgrößte Festival für Oper, Schauspiel und Konzert auf seine größte Krise seit 1944/45 zu. Wer auch immer sich jetzt zumutet, den ganzen Laden zu retten, wird zunächst einmal Ruhe herstellen müssen in einem Klima der Intriganz, der Kälte und der Schäbigkeit im Umgang miteinander." Ähnlich sieht es Egbert Tholl in der SZ.

Weitere Artikel: Am Rande der Bühnenproben zum "Lohengrin" für die Osterfestspiele in Baden-Baden plaudert Reinhard J. Brembeck (SZ) unter anderem mit Dirigentin Joana Mallwitz und Regisseur Johannes Erath über die musikalische Herausforderung der Wagner-Oper und ihre feministische Interpretation. Jakob Hayner (Welt) ärgert sich über Stefan Bachmanns zwischen Betroffenheit, Empörung und Langweile mäandernde Inszenierung "Wir sind noch einmal davongekommen" am Wiener Burgtheater so sehr, dass er sich fragt, ob das Haus zum 250. Jubiläum seinen Niedergang einleiten möchte. Neue Hoffnung ins Burgtheater schöpft Hayner hingegen in der nachtkritik nach dem Besuch von Luca Bihlers Inszenierung von Ödön von Horváths "Glaube, Liebe Hoffnung": "Es ist ein Abend wie eine rasante Geisterbahnfahrt, bei dem man am Ende erst einmal durchatmen muss. So schnell folgt ein Nackenschlag auf den anderen." 

Besprochen werden außerdem Jan Bosses Inszenierung des Stücks "Automatenbüfett" von Anna Gmeyner am Deutschen Theater in Berlin (nachtkritik), Bérénice Hebenstreits Uraufführung von "Piksi-Buch" nach Barbi Markovic im Wiener Teata (nachtkritik) und Ersan Mondtags Inszenierung der Walter-Braunfels-Oper "Die Vögel" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik).
Archiv: Bühne