Efeu - Die Kulturrundschau

Verlischt und bleibt ewig

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31.03.2026. FAZ und SZ applaudieren einer grandiosen Anna Netrebko in Rafael R. Villalobos "Maskenball"-Inszenierung in Berlin - die Welt ist nicht glücklich. Die SZ taucht in einer vor fünfzig Jahren gecancelten Ausstellung in Dortmund in das Leben griechischer Gastarbeiter ein. Der wahre Horror besteht darin, sterblich zu sein, verrät die Regisseurin Julia Ducournau im Filmdienst-Interview. Die Schauspielerin Kim Novak lehnt es ab, in einem Biopic von Sydney Sweeney gespielt zu werden, weiß die SZ: "zu sexy".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2026 finden Sie hier

Bühne

Anna Netrebko in "Maskenball" an der Staatsoper unter den Linden. Foto: Stephan Rabold

Mit Rafael R. Villalobos Inszenierung der Verdi-Oper "Maskenball" an der Berliner Staatsoper ist Gerald Felber in der FAZ zwar nicht zufrieden (zu viele "pseudointellektuelle Anstrengungen" und sinnlose Szenenarrangements), aber die Gesangsperformance von Anna Netrebko entschädigt den Kritiker vollends: "Da waren eben nicht nur frappierende, in Zehntelsekunden ansatzlos die gesamte Tonpalette umfärbende Registerwechsel, höchstkontrolliert gesteuerte Vibrati oder das Vermögen, ein Decrescendo bis zum hauchenden Flüstern abzusenken und dabei trotzdem noch den Raum zu füllen - es waren, mit all ihrer differenzierenden Linien- und Phrasierungskunst, die nicht nur lange Bögen, sondern auch kompakt plastische Staccati zu gestalten vermag, immer auch Ausformungen einer verletzlichen und verletzten Seele, innere Erschütterungen und Hilfeschreie."

Egbert Tholl ist in der SZ nicht so streng mit der Inszenierung, er sieht ein paar "tolle Tricks", auch, dass Villalobos das Stück näher an die Gegenwart heranrückt, gefällt ihm. Das ware Highlight ist aber auch für ihn die Netrebko: "Völlig nahe geht Netrebko einem dann im dritten Akt. Vermeintlich den Tod vor Augen bittet Amelia darum, noch einmal ihren Sohn sehen zu dürfen. Netrebko fleht um Erbarmen, die Zeit steht still, ihre Stimme fliegt unendlich frei in fernste Höhen, verlischt und bleibt doch ewig." Vor der Oper gab es derweil erneute Proteste wegen Netrebkos nicht ganz klarer Haltung zu Putin. 

Kein gutes Haar lässt Manuel Brug in der Welt an diesem Abend, die Aktualisierungen Villalobos findet er sinnlos und selbst die Netrebko singt nicht mehr so gut wie vor zehn Jahren, meint er: "Vor allem ist dieser ärgerliche Abend eine szenisch fade, sinnentleerte Aufführung, die mit ein paar überflüssigen Amerika-Verweisen (CNN) aufwartet und die Sängerinnen und Sänger weitgehend solistisch und ohne überzeugende Personenführung auf der Bühne stehen lässt. Und das in einem halbzerstörten, atmosphärelosen Betoneinheitsraum, wie sie an der Staatsoper inzwischen fast die Regel sind." 

Weiteres: Egbert Tholl versucht in der SZ herauszufinden, warum genau der Salzburger Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser (unsere Resümees) eigentlich gehen musste. Besprochen werden Max Hopps Lesung von Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick" am Berliner Ensemble (FAZ), Ewelina Marciniaks Inszenierung von Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites" an der Staatsoper Stuttgart (FR), Felix Rothenhäuslers Inszenierung des Stücks "Revue. Über das Sterben der Arten" am Theater Freiburg (taz) und Herbert Fritschs Händel-Inszenierung von "Belshazzar" am Schillertheater in Berlin (taz) und Bernhard F. Loges Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz (Van).
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Film

Zeigt, wie Trauer die Identität mutieren lässt: "Alpha" von Julia Ducournau


Mit dem Label "Body Horror" kann die französische Regisseurin Julia Ducournau, die 2021 für "Titane" mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, zwar soweit gut leben, verrät sie Felix Knorr im Filmdienst-Gespräch. Ihr neuer Film "Alpha", in dem ein Virus Menschen versteinern lässt, sei aber nicht als kathartischer Horrorfilm angelegt, denn "er ist nicht gemacht, damit man irrationale Ängste kontrollieren kann. Ich will diese Distanz brechen, weil ich den wirklichen Horror zeigen will, der für mich darin besteht: sterblich zu sein. Die Menschen loslassen zu müssen, die wir lieben. Das ist eine Aufgabe, die oft unmöglich scheint. Und wenn man es tut, hinterlässt es Narben fürs Leben. Trauer ist nicht etwas Temporäres. Sie verändert deinen ganzen Zustand des Seins."

Die 94-jährige Kim Novak lehnt es ab, in einem Biopic von Sydney Sweeney gespielt zu werden: Die Schauspielern sei ihr "zu sexy". Dabei ging von Novak selbst zu ihrer Blütezeit in den Fünfzigerjahren, "selbst wenn sie hochgeschlossene Kostüme trug, eine Sinnlichkeit aus, die Hollywoods Anstandsnormen bis zum Äußersten ausreizte", schreibt Claudius Seidl in der SZ. Wobei "man in diesem Zusammenhang allerdings nicht Kim Novak mit Kim Novak verwechseln darf. ... In 'Vertigo' wird ja die Kimnovakwerdung der Kim Novak sehr anschaulich beschrieben: Da trifft James Stewart auf einer Straße in San Francisco eine brünette Frau, die ihn an eine blonde Frau erinnert. Und dann sorgt er dafür, dass diese Frau sich von Szene zu Szene immer perfekter in Kim Novak verwandelt. Das war zwar nur die fiktionale Obsession James Stewarts aus dem Filmplot - aber genau so darf man sich den Blick der Studiobosse auf ihre weiblichen Stars schon vorstellen."



Weiteres: Der Regisseur Jean-Pierre Bekolo erinnert sich auf critic.de an eine Begegnung mit Alexander Kluge. Besprochen werden Richard Linklaters "Blue Moon" (taz, mehr dazu bereits hier), Tom Harpers Netflix-Film "Peaky Blinders: The Immortal Man" mit Cilian Murphy (NZZ) und Julian Radlmaiers "Sehnsucht nach Sangerhausen", der in Deutschland bereits vergangenen Herbst anlief (Standard, unsere Kritik).
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Literatur

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Ulf Lippitz unterhält sich für den Tagesspiegel mit Siri Hustvedt, die mit "Ghost Stories" an ihren 2024 verstorbenen Ehemann Paul Auster erinnert. Unter anderem geht es darum, dass man selbst im liberalen Kulturmilieu New Yorks als Witwe doch immer noch etwas distanzierter behandelt wird als ein Witwer - und warum sie Ratgeber- und Self-Help-Bücher bei der Trauerarbeit ablehnt: "Es gibt die weitverbreitete Vorstellung, dass ein Mensch, der die richtigen Werkzeuge besitzt, sich durch die Einhaltung einfacher Regeln zu jemand Besserem machen kann. Ich halte das für Unsinn. Wir alle werden aus dem Körper einer anderen Person geboren, sind als Kinder völlig abhängig von anderen Menschen und in unterschiedlichem Maße auch im Erwachsenenalter. Es gibt eine Grenze für unsere Kontrolle über äußere Umstände."

Weitere Artikel: Frank Nienhuysen porträtiert in der SZ die nach Bayern ausgewanderte russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa, die für ihr Heimatland alle Hoffnungen aufgegeben hat: "Jeden Tag erhöht sich der Anteil des Absurden", sagt sie. Jan Wiele (FAZ) und Jan Küveler (Welt) resümieren Michel Houellebecqs offenbar wie üblich muffig-patzigen Auftritt beim Literaturfestival "Eventi Letterari" auf dem Monte Verità in Ascona.

Besprochen werden unter anderem Lukas Rietzschels "Sanditz" (FR), Josef Winklers "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht" (NZZ), Helene Bukowskis "Wer möchte nicht im Leben bleiben" (Intellectures),Ben Lerners "Transkription" (Standard) und neue Sachbücher, darunter Stefan Müller-Doohms "Frankfurt als geistige Lebensform" mit "Erinnerungen und Essays" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Hustvedt, Siri, Trauerarbeit

Kunst

Ausstellung "Wie's innen aussieht, geht niemand etwas an..." im Hoesch-Museum in Dortmund. Foto: Jürgen Spiler & Thomas Strenge


Eine spannende Ausstellung sieht SZ-Kritiker Max Florian Kühlem im Hoesch-Museum in Dortmund: Drei Monate tauchten die Fotografen Jürgen Spiler und Thomas Strenge im Jahr 1976 in das Leben der griechischen Gastarbeiter-Community ein. Die Fotos sollten damals ursprünglich bei den Dortmunder "Auslandskulturtagen" ausgestellt werden, wurden dann aber aus dem Programm genommen, so Kühlem, die Fotos waren dem damaligen Bürgermeister nicht "positiv" genug. Heute sei die Ausstellung "ein Schatz. Sie legt ein Brennglas auf die Situation von Arbeitsmigranten in einer urbanen Industrieregion. Die Fotografen tauchten etwa in das religiöse Leben in einer griechisch-orthodoxen Kirche ein oder in das reiche Familienleben in einer kleinen Dortmunder Wohnung, wo jeder Quadratzentimeter mit geladenen Gästen und geteilten Speisen gefüllt ist. 'Für uns war es völlig neu, dass nicht jeder einen Teller und Besteck hatte', erinnern sie sich. 'Wir haben uns abgewechselt. Der eine saß mit am Tisch, der andere konnte fotografieren. Wenn man die Fotos genauer anguckt, sieht man ja, dass die Leute kaum in die Kameras geguckt haben. Die haben sich selbst gar nicht so dargestellt, sondern sie haben sozusagen einfach ihre Situation zelebriert."

Weiteres: In der FAZ resümiert Paul Ingendaay die Debatte um das Picasso-Gemälde "Guernica": die baskische Regierung hat erneut die Forderung gestellt, das Bild in der Region ausstellen zu können, das Madrider Reina-Sofía-Museum rät aus konservatorischen Gründen von einem Transport ab. Nach einem langen Restitutions-Streit geben die Pinakotheken in München Lesser Urys Gemälde "Interieur mit Kindern" an die Erben zurück, berichet Gabi Czöppan im Tagesspiegel.  Benno Schirrmeister schreibt in der taz einen Nachruf auf den Schweizer Künstler Roger von Gunten, der kürzlich verstorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "Skandal! Hermione von Preuschen und der Mors Imperator" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

Der in Kenia geborene, seit einiger Zeit aber in Berlin lebende Joseph Kamaru, der als Künstler unter dem Namen KMRU firmiert, "zählt zu den interessantesten Musikern zwischen Elektronik und Improvisation", schreibt Stefan Michalzik in der FR und vertieft sich tief in dessen neues, zwischen Ambient, Noise und Field Recordings changierendes Album "Kin": "Im drei Minuten knappen 'With Trees Where We Can See' zu Beginn zieht der Klangstrom lavazäh daher; im entwicklungsreichen finalen Zwanzigminutenstück 'By Absence' ist zunächst ein ostinates Surren grundlegend, am Ende fließen Maschinengeräusche ein. ... Angeregt durch Gespräche mit dem kurz darauf verstorbenen britisch-österreichischen Ambientmusiker Peter Rehberg, hat sich Joseph Kamaru mit dem noisigen Gitarrenspiel aus seiner Jugendzeit in Nairobi beschäftigt. Mit dem Resultat von gewaltigen Klangwänden, die an Shoegaze erinnern, wie in 'Blurred', mit dem sich zwischen Ambient und Jazz bewegenden Wiener Musiker Christian Fennesz an der von Fuzz- und Rückkoppelungseffekten geprägten Gitarre."



Außerdem: Max Dax spricht in der FR mit Little Annie über deren Arbeitsprozess für ihr neues Album. Im Tages-Anzeiger porträtiert Lukas Hausendorf die Popmusikerin Ilira Gashi. Hannah Jauch und Corina Gall sprechen in der NZZ mit dem Schweizer Popduo Lo & Leduc. Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das aktuelle Album von James Blake (Standard).

Archiv: Musik
Stichwörter: Ambient, Experimentalmusik, Kmru