Sessel mit einklappbarer Lehne, sog. "Garten Ei", Entwurf: Peter Ghyczy, 1968. VEB Synthesewerk Schwarzheide, um 1971. Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Felix Ghyczy / FG Foundation
"Die DDR war auch Pop", lernttaz-Kritiker Tom Mustroph angesichts der wunderbar bunten "Kultobjekte aus DDR-Produktion", wie etwa das "Garten-Ei" oder der "Känguru-Stuhl", die das Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt mit der Ausstellung "Pure Visionen" zeigt: "Beim "Garten-Ei" handelt es sich um eine stark abgeflachte Kugel von etwa 70 cm Durchmesser. Ihre Oberseite kann geöffnet und um 90 Grad als Rückenlehne aufgeklappt werden. Es gab Ausführungen in Rot, Rosa, Orange, Weiß und Blau. Im Inneren des Plaste-Eis befinden sich Polster, die das bodennahe Sitzen bequem machen. Die Hülle ist aus Polyurethan. Dieser Kunststoff wurde bereits 1937 in den Laboren der I.G. Farben hergestellt; wenige Jahre später wurde die Firma durch das in NS-Konzentrationslagern zum Massenmord eingesetzte Giftgas Zyklon B berüchtigt. Polyurethan, abgekürzt PUR, wurde dann ab den 1950er Jahren zu einer feinen Sache. Dank seiner Härte und Wetterbeständigkeit wurde PUR beim Häuserbau wie in der Möbelindustrie eingesetzt. Früh waren auch Ästhetikspezialisten begeistert von dem Werkstoff. Schade nur, dass Polyurethan in der Herstellung "hochgiftig" ist, so Mustroph.
Jan Nicolaisen hat für "Bilder und Zeiten" (FAZ) die von Edmund de Waal kuratierte dänische Ausstellung "Playing with Fire" mit Werken des Malers, Dichters und vor allem KeramikersAxel Salto besucht (sie endet heute, ist aber ab 27. September im norwegischen Kunstsilo in Kristiansand zu sehen). Zuerst betritt Nicolaisen einen imaginären Ofen: "Edmund de Waal mag zu dieser Präsentation unter anderem durch eine historische Fotografie von 1956 angeregt worden sein, die Salto in einem hohen abgekühlten Ofen zeigt, in dem die Keramik 'Der Kern der Kraft/Macht' gerade fertig gebrannt worden ist. Die Kraft, von denen seine Gefäße sprechen, ist nicht die angsteinflößende Kernkraft, wie man denken könnte, sondern die Wachstumsenergie der Natur. Salto beschwört in Gefäßen, aus denen buckelige Wölbungen oder spitzige Stacheln hervorsprießen oder die Münder haben wie die Trichter von Unterwasserschloten, elementare Naturkräfte. Hier knospen und blühen Formen, Gewächsen gleich, in der Tradition archaischer und antiker Plastik wie den steinernen Pflanzen, die antike Bildhauer aus den Kapitellen sprießen ließen."
Kanzaki Shihō, Teeschale (shino chawan), 1995/96 (gefördert durch die Kulturstiftung der Länder). Foto: Die Neue Sammlung (Kai Mewes)
Welt-Kritikerin Annegret Erhard bestaunt im Münchener Designmuseum eine kleine, aber sehr feine Auswahl japanischer Keramik aus der Sammlung von Gisela und Fred Jahn, die das Museum gerade erworben hat: "Ein dunkles Vorratsgefäß (tsubo), geformt vor dem Jahr 1573 von einem unbekannten Meister, dokumentiert die Qualität der vorbildlichen Gefäße aus der frühen Blütezeit japanischer Keramik. Eine große Deckeldose von der Designerin Tokutake Toshiko aus Schwarzlack mit Perlmutt- und Eierschaleneinlagen ist verspielt, aber von innovativer Kunstfertigkeit. Sie verweist auf das erweiterte Spektrum der Sammlung. Und geradezu majestätisch thront die große aus zwei Teilen zusammengesetzte Kugelvase mit sparsam und wirkungsvoll eingesetzten graublauen Pinselschwüngen im hellen Schlicker von Tsujimura Shiro. Die Ausstellung ist so - bei aller Knappheit - ein Reigen der exemplarischen keramischen Exzellenz japanischer Kunsthandwerker."
Weitere Artikel: In der FAZ begutachtet der Soziologe Stefan Müller-Doohm die verschiedenen Covergestaltungen fürAdornos "Minima Moralia".
Michael Mönninger philosophiert auf zwei FAZ-Seiten über der Frage, "auf welchen kommunikativen und materiellen Strukturen dasDing-RegimeimAusstattungsuniversumvonIkea aufbaut und wie diese Möbel zu Akteuren werden, die ihren Nutzern einen starken milieustabilisierenden Außenhalt geben." Eine von vielen Antworten: "Die Klarheit und Kargheit des Mobiliars erzeugt jenen Hunger nach affektiver Besetzbarkeit, zu dessen Beseitigung die Kunden sich ständig neue Stücke zulegen. Es ist die Eigendynamik des bedingungslos Praktischen beziehungsweise der Leerlauf des maximal Funktionstüchtigen. Anders gesagt: Je reiner die feilgebotenen Mittel, desto unendlicher die Zahl der Zwecke, die der funktionalistische Terror der Gebrauchsorientierung erzeugt. Letztlich schafft das Diktat der Nützlichkeit einen Sog, in dem das 'Warum' vom 'Wozu', das Kausale vom Finalen, geschluckt wird: Der IKEA-Kunde sucht nicht ein bestimmtes Mittel für einen konkreten Zweck, sondern immer wieder einenZweck für die große Fülle an Mitteln."
Jeroen van Rooijen seufzt in der NZZ, dass selbst angesehene Modefirmen mittlerweile mit Touri-Kitsch bedruckte Mode für den Urlaub am Mittelmeer auf den Mark werfen. "Verspiegelte Sonnenbrillen, auf denen das Amalfi-Küstenpanorama oder der Strand von Rimini mitsamt Liegestühlen aufgedruckt sind - ein eindeutigeres Souvenir kann man nicht aus den Ferien mitbringen. Klingt nach Trash, ist aber ein Entwurf des italienischen Luxuslabels Prada für Sommer 2025. ... Wir werden vieles davon in den kommenden Monaten auf den Laufstegen zurück sehen, denn es ist davon auszugehen, dass sich nach den Männermode-Designern auch die Kollegen der Frauenmode für den Sommer 2025 in die Wellen des Mittelmeers stürzen. Das leichte Sommerthema bietet sich an in einer Zeit voller Unwägbarkeiten. Die Leute zieht es in den Süden weg vom Alltag, von negativen Schlagzeilen und vom wolkenverhangenenHimmel."
"Giorgio Armani ist Italien, und Italien ist Giorgio Armani", schreibt Janique Weder in der NZZ - und Armani wird in wenigen Tagen 90 und herrscht immer noch alleine und ohne Aktionäre und ohne Übernahmen über sein Imperium. Gerade das wird zunehmend heikel, findet Weder: "Jede Herrschaft geht einmal zu Ende. Die Umsätze, die Armani mit seiner Mode macht, wachsen seit längerem nicht mehr. Und so fragt man sich auch jetzt wieder, kurz vor seinem runden Geburtstag: Was kommt nach König Giorgio?" Laut einem internen Dokument sind wohl engste Verwandte und Vertraute für die Nachfolge vorgesehen. Darin soll "angeblich auch stehen, wie diese Erben an eine möglicheBörsennotierung herangehen sollten: frühestens fünf Jahre nach Armanis Tod. Macht sich der Patron tatsächlich Gedanken um eine Nachfolge?"
Christine Meffert erzählt im Zeit Magazin von ihrer Begegnung mit der Designerin IngaSempé in Paris. Dass Handtaschen namhafter Marken heute schon im Einstiegsbereich vierstelligeBeträge kosten, hat auch mit dem Siegeszug der Billigtaschen-Anbieter zu tun, schreibt Tillmann Prüfer im Zeit Magazin: Wo Stil als Distinktionsmerkmal verloren geht, muss es eben der Preis richten.
Naomi Campbell ist das erste Mode-Modell, dem eine (obendrein noch selbst kuratierte und abgesegnete) Ausstellung im altehrwürdigen Victoria & Albert in London gewidmet ist und das zu Recht, freut sich Eva Ladipo in der FAZ: Immerhin lässt sich "über ihren Werdegang eine ganze Epoche des Glamour erschließen". Aus armen Verhältnissen arbeitete Campbell sich kurz nach ihrer Entdeckung als Fünfzehnjährige konsequent nach oben und das mit einer berüchtigten "kratzbürstigen Art", die ihr auch diverse Gerichtsurteile einbrachte. "Abgesehen von dieser Härte im Nehmen und Austeilen hat Campbell ihren Weltruhm auch dem Talent zu verdanken, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein", etwa als PeterLindbergh das legendäre Titelbild der Vogue-Ausgabe vom Januar 1990 konzipierte, auf dem Linda Evangelista, Christy Turlington, Cindy Crawford, Tatjana Patitz und Naomi Campbell das neue Jahrzehnt einläuteten. "Das ikonische Bild gilt als Geburtsurkunde der Supermodels. Ein Jahr später buchte George Michael die fünf für das Musikvideo von 'Freedom'. MTV verbreitete die Legende der Supermodels weit über die Modewelt hinaus. Die 'Supers' ... waren keine anonymen lebenden Kleiderständer mehr, sondern unverwechselbar, selbstbewusst und eigenwillig. Sie genossen eine Prominenz, die bis dahin Hollywoodstars vorbehalten war. Ihre Epoche ging zu Ende, als Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld lieber wieder unbekanntere Models buchten, die nicht von ihren Kollektionen ablenkten."
Peter Kropmanns besucht für die NZZ eine Ausstellung über die Geburt der großen Kaufhäuser in Paris, "La naissance des grands magasins. Mode, design, jouets, publicité, 1852-1925" im Pariser Musée des arts décoratifs. Es waren Kathedralen des Konsums, aber auch der Verführung. Davon könnten vielleicht auch die Herren von Karstadt, Kaufhof und Hertie noch was lernen. Sie müssten nicht mal nach Paris fahren: Als einer der ersten Schriftsteller hatte Émile Zola das Kaufhaus erforscht und dafür mit vielen Angestellten gesprochen. "Seine Aufmerksamkeit galt zudem neu entwickelten Strategien, die noch nicht als Marketing bezeichnet wurden: den Präsentationsformen sowie auch dem Wecken, Lenken und Fördern von Kaufgelüsten und -verhalten. Er nahm aber auch Notiz vom impliziten Verdrängungsprozess der Fachgeschäfte in der Umgebung. ... Manches Kaufhaus beschäftigte gut 3000 Angestellte. Gigantische Ausmasse erreichten die Grands Magasins Crespin-Dufayel an der Ostflanke des Montmartre. Hier zählten 1912 in Haupt- und Annexgebäuden, die eine ganze Hektare beanspruchten, 15 000 Mitarbeiter zum Personal - vom Lift-Groom und Laufjungen bis zum Direktorium."
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