Für eine Reportage auf der Seite Drei der SZ hat Paul Munzinger den Kantamanto-Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana, besucht, wo täglich riesige Mengen an Altkleidern aus aller Welt aufschlagen. "Doch während die Menge zunimmt, nimmt die Qualität ab. FastFashion, das bedeutet in Afrika auch, dass immer mehr Altkleider so minderwertig sind, dass sie sofortweggeschmissen werden. Sie landen erst im Müll und gelangen von dort in Flüsse und in den Ozean, wo sie das Wasser mit winzigen Plastikpartikeln verschmutzen. ... Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sammelte vergangenen Herbst eine Woche lang Kleider auf dem Kantamanto-Markt, die die Händler weggeworfen hatten. Sie kamen auf etwa 19 000 Kleidungsstücke, die zusammen 4,6Tonnen wogen. Eine Stichprobe schickte Greenpeace nach Hamburg, wo die Textilien analysiert wurden. Das Ergebnis: 96 Prozent von ihnen enthielten eine oder mehrere synthetische Fasern, Acryl, Polyester, Polyamide oder Elastane. Was sie alle gemeinsam haben: Sie verrotten erst nach Jahrhunderten."
Schwarz. Viele Teenies tragen wieder komplett schwarz und auch die großen Modehäuser setzen in ihren aktuellen Kollektionen wieder vermehrt auf die (Nicht-)Farbe, während diese auch auf dem Textilmarkt für Normalsterbliche in den letzten fünf Jahren stetig populärer wurde, schreibt Silke Wichert in der NZZ. Woran liegt's? "Die einfache Antwort lautet: Es ist praktisch", denn Schwarz "steht jedem und lässt sich einfach kombinieren, am besten mit Weiß oder gleich mit noch mehr Schwarz." Und "Schwarz gilt traditionell auch als besonders geheimnisvoll. Das funktioniert in der Theorie allerdings besser als in der Realität, zumindest wenn man sich die Horden von Jugendlichen in schwarzen Jogginganzügen mit dem Aufdruck einer großen Sport- oder Designermarke in den Fussgängerzonen anschaut. Mysteriös ist hier allenfalls, warum das Zeug ohne nennenswertes Design trotzdem dreistelligeBeträge kostet."
Valentino a la Alessandro MicheleDer Modeschöpfer Alessandro Michele hat bekanntlich Gucci verlassen (ein Haus, das jetzt in der Krise ist, hört man) und jetzt bei Valentino angefangen. Seine Entwürfe, eine Art romantischer Hippieschick, sorgen für Begeisterung. Auch bei Alfons Kaiser von der FAZ: "Es ist der Höhepunkt der Prêt-à-porter-Woche mit der Mode für Frühjahr und Sommer 2025. Und man weiß bei diesem Debüt gar nicht, wohin man schauen soll: herrliche Brokatjacken über Seidenhemden; Paillettenkaskaden, die in floralen Motiven schimmern; Rüschen über Rüschen, die oft in Stufenvolants auslaufen; ein roter Hut mit breiter Krempe, 'sehr groß', sagt Michele, 'aber nicht so groß wie bei Signor Valentino'."
Im Guardianschwärmt Jess Cartner-Morley: "Michele nahm die juwelengeschmückte römische Raffinesse von Valentino und spickte sie mit demselben Elstergeist, mit dem er Gucci aufpeppte. So gab es schlichte, damenhafte Jacken, aber auch Nasenringe aus Kristall. Romantische Stufenkleider und kitschige Pagenjacken. Damen der Haute Bourgeoisie der siebziger Jahre in wallenden Chiffons und Jungs der Generation Z mit Tattoos und Perlen. Die Gesichter der Models waren verschleiert, dramatisch schattiert unter Hüten oder mit Juwelen geschmückt, die von Backenzahn zu Backenzahn aufgereiht waren, so dass sie auf der Unterlippe lagen. ... Unter dem krawalligen Durcheinander beschwört Michele eine ganz bestimmte Welt herauf: einen raffinierten, üppigen Bildersturm, der ein enormes Ego, aber auch jede Menge Charme hat." Einige Bilder hier, bei der Vogue.
Zeigt Anflüge von Selbstironie: Anna Wintour in "In Vogue: The 90s" FAZ-Kritiker Alfons Kaiser ist zwar dankbar für die vielen Anekdoten und Anekdötchen in der auf Disney+ gezeigten Dokuserie "In Vogue: The 90s" über AnnaWintour und ihre Zeit als Chefredakteurin bei dem wohl einflussreichsten Magazin für Modefotografie. Fast hautnah erlebt man hier mit, wie das Zeitalter der Supermodels ausgerufen wurde. Doch, weh, "der Preis für solche schönen Einblicke ist die Selbstbeweihräucherung. In den Szenen glaubt man zu erkennen, wie der um Inhalte bemühte Streaminganbieter mit dem marketinggestählten Magazinverlag Condé-Nast ringt. Dabei kommen viele beschönigende Nullsätze heraus. ... Alles ist hier 'rebellious', 'amazing', 'magical', 'incredible'. Selbstironisch wird nur Anna Wintour selbst. ... Immerhin wird in den sechs Folgen der Serie sichtbar, dass das Wettrennen zwischen den Zeitschriften mindestens so brutal war wie heute die peinliche Konkurrenz um Klickzahlen."
"In den letzten Jahren haben immer mehr Modefirmen Farben für sich vereinnahmt", beobachtet Florian Siebeck in Frankfurter Allgemeine Quarterly: "Neue Designer, besonders junge, schicken sich an, bestimmte Töne zu besetzen, um sie zum Träger bestimmter Werte und Marken zu machen. Dabei geht es nicht mehr zwingend darum, sich die exklusive Nutzung eines Farbtons zu sichern, sondern darum, dass die Öffentlichkeit ihn untrennbar mit dem Namen eines Hauses verbindet. Farben als Distinktionsmerkmal." Vor allem "junge Designer wie Maximilian Davis" versuchen "sich mit emblematischen Farben einen Namen zu machen. Damit kommen sie auch den Kunden entgegen, deren Kaufverhalten sich geändert hat. Sie sind subtiler unterwegs und weniger exaltiert. Die Häuser suchen einen Stil, der frisch und einprägsam ist und gleich ins Auge fällt, ohne gleich von der großen Masse erkannt zu werden. Farbe eignet sich dafür wunderbar."
Julia Werner trauert in der SZ den "glorreichen Zeiten" der Modefotografie nach, "in denen Steven Meisel in der italienischen Vogue ein paar teure Kleider samt Model kunstvoll in einer Ölpest versenkte. Oder Linda Evangelista als irre gewordenes, Prada-tragendes Chirurgie-Opfer im Rollstuhl durch eine Klinik rollen ließ." Heute hingegen "herrscht Zeitdruck, es mangelt an Budget und einer gewissen Lustlosigkeit am Geschichtenerzählen, und deswegen sind wir in der Tat an einem Punkt, an dem Modefotografie so austauschbar und handwerklich so mittelmäßig geworden ist, dass man es wirklich auch gleich einen Computer machen lassen kann." Weshalb genau das auch schon geschieht: "Die Mode ist echt und wird vorab fotografiert, und dann trainiert man eine KI, sie einem digitalen Model anzuziehen. Jetzt also steht ein wunderschönes Mädchen mit hohen Wangenknochen, schmaler Nase und natürlich gewelltem Haar, außerdem mageren, also täuschend echten Modelmaßen, traurig in der Gegend rum." Das "ist stinklangweilig, und genau deswegen kaum von der Wirklichkeit zu unterscheiden."
Außerdem: Ein namentlich nicht genannter "Experte für Männermode" unterzieht in der taz das führende Personal der AfD einer vernichtenden Stilkritik. Peter-Philipp Schmitt porträtiert für "Bilder und Zeiten" der FAZ den Möbelgestalter PhilippMainzer, der in den Neunzigern mit seiner Firmae15 die damals schwer verpönten und daher überall rausgerissenen Eichenbrettern rettete und daraus seinen Designklassiker, den bis heute produzierten Tisch "Bigfoot", produzierte.
Gerhard Matzig kommt in der SZ nochmal auf Elon Musks Cybertruck-Ungetüm zu sprechen, einen SUV, der wie einem Mad-Max-Film ensprungen scheint und den er schon letztes Jahr zerrupft hat (unser Resümee). Anlass ist zum einen, dass der TÜV dem Fahrzeug keine Verkehrstauglichkeit für deutsche Straßen bescheinigt, zum anderen, dass sich Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow mit einem um einen Maschinengewehr-Aufsatz ergänzten Cybertruck brüstet, den er von Musk selbst erhalten haben will (was der Tech-Milliardär dementiert). Kadyrow könne sich für das so modifizierte Vehikel auch einen Einsatz in der Ukraine vorstellen. So "machte ein Video die Runde, das Kadyrow auf Telegram gepostet hat. Es zeigt den Elektro-Pick-up von Tesla mit aufmontiertem Maschinengewehr. 'Elon, danke!', sagt Kadyrow in die Kamera. Mit amerikanischer Waffenhilfe die Ukraine terrorisieren: Das ist die Botschaft. Das könnte man für Dankbarkeit, Fake News oder auch Zurückgebliebenheit halten, klar. Der Punkt ist: Der Cybertruck mit Maschinengewehr-Aufsatz, der aus jedem Islamisten in Nahost, aber auch aus dem einen oder anderen Poser am Ku'damm einen speichelnden Pawlow-Hund macht, illustriert die aktuelle Evolution von Autos, diezuWaffenwerden."
Glasteller von Hans Stoltenberg Lerche. Foto: Enrico Fiorese
Marcus Woeller besucht für die Welt in Venedig das Museum Le Stanze del Vetro, das die Glaskunst Muranos hochhält und gerade in einer Ausstellung die Glaskunst aus den Jahren 1912-1930 für die Biennale von Venedig zeigt. Dazu gehörten auch Gläser des norwegischen Kunsthandwerkers Hans Stoltenberg Lerche: "H. St. Lerche (wie er signierte) wollte die 10. Internationale Kunstausstellung von Venedig mit gläsernen Objekten erobern, die es so bisher nicht gegeben hatte: Vasen, die aussehen wie Meerestiere, Schalen wie geöffnete Muscheln. Fragile Gefäße auf Krebsbeinen, transparente Schneckenhäuser und Quallengläser mit Tentakeln. ... Kein Glas ist wie das andere. Einzigartig sind somit neben den maritim skulpturalen Gläsern auch die beiden Teller, die in einer der ersten Vitrinen des venezianischen Ausstellungshauses 'Le Stanze del Vetro' zu sehen sind. Auf dem einen schnappt ein Fisch nach Luft, auf dem anderen krabbelt eine Krabbe. Die Teller sind glasklar, am Rand grünlich gefärbt. Die expressiven Tiermotive wurden mit heiß aufgetragenem Glasgranulat, farbigem Glaspulver und polychromen Glasfäden gestaltet."
Sessel mit einklappbarer Lehne, sog. "Garten Ei", Entwurf: Peter Ghyczy, 1968. VEB Synthesewerk Schwarzheide, um 1971. Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Felix Ghyczy / FG Foundation
"Die DDR war auch Pop", lernttaz-Kritiker Tom Mustroph angesichts der wunderbar bunten "Kultobjekte aus DDR-Produktion", wie etwa das "Garten-Ei" oder der "Känguru-Stuhl", die das Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt mit der Ausstellung "Pure Visionen" zeigt: "Beim "Garten-Ei" handelt es sich um eine stark abgeflachte Kugel von etwa 70 cm Durchmesser. Ihre Oberseite kann geöffnet und um 90 Grad als Rückenlehne aufgeklappt werden. Es gab Ausführungen in Rot, Rosa, Orange, Weiß und Blau. Im Inneren des Plaste-Eis befinden sich Polster, die das bodennahe Sitzen bequem machen. Die Hülle ist aus Polyurethan. Dieser Kunststoff wurde bereits 1937 in den Laboren der I.G. Farben hergestellt; wenige Jahre später wurde die Firma durch das in NS-Konzentrationslagern zum Massenmord eingesetzte Giftgas Zyklon B berüchtigt. Polyurethan, abgekürzt PUR, wurde dann ab den 1950er Jahren zu einer feinen Sache. Dank seiner Härte und Wetterbeständigkeit wurde PUR beim Häuserbau wie in der Möbelindustrie eingesetzt. Früh waren auch Ästhetikspezialisten begeistert von dem Werkstoff. Schade nur, dass Polyurethan in der Herstellung "hochgiftig" ist, so Mustroph.
Jan Nicolaisen hat für "Bilder und Zeiten" (FAZ) die von Edmund de Waal kuratierte dänische Ausstellung "Playing with Fire" mit Werken des Malers, Dichters und vor allem KeramikersAxel Salto besucht (sie endet heute, ist aber ab 27. September im norwegischen Kunstsilo in Kristiansand zu sehen). Zuerst betritt Nicolaisen einen imaginären Ofen: "Edmund de Waal mag zu dieser Präsentation unter anderem durch eine historische Fotografie von 1956 angeregt worden sein, die Salto in einem hohen abgekühlten Ofen zeigt, in dem die Keramik 'Der Kern der Kraft/Macht' gerade fertig gebrannt worden ist. Die Kraft, von denen seine Gefäße sprechen, ist nicht die angsteinflößende Kernkraft, wie man denken könnte, sondern die Wachstumsenergie der Natur. Salto beschwört in Gefäßen, aus denen buckelige Wölbungen oder spitzige Stacheln hervorsprießen oder die Münder haben wie die Trichter von Unterwasserschloten, elementare Naturkräfte. Hier knospen und blühen Formen, Gewächsen gleich, in der Tradition archaischer und antiker Plastik wie den steinernen Pflanzen, die antike Bildhauer aus den Kapitellen sprießen ließen."
Kanzaki Shihō, Teeschale (shino chawan), 1995/96 (gefördert durch die Kulturstiftung der Länder). Foto: Die Neue Sammlung (Kai Mewes)
Welt-Kritikerin Annegret Erhard bestaunt im Münchener Designmuseum eine kleine, aber sehr feine Auswahl japanischer Keramik aus der Sammlung von Gisela und Fred Jahn, die das Museum gerade erworben hat: "Ein dunkles Vorratsgefäß (tsubo), geformt vor dem Jahr 1573 von einem unbekannten Meister, dokumentiert die Qualität der vorbildlichen Gefäße aus der frühen Blütezeit japanischer Keramik. Eine große Deckeldose von der Designerin Tokutake Toshiko aus Schwarzlack mit Perlmutt- und Eierschaleneinlagen ist verspielt, aber von innovativer Kunstfertigkeit. Sie verweist auf das erweiterte Spektrum der Sammlung. Und geradezu majestätisch thront die große aus zwei Teilen zusammengesetzte Kugelvase mit sparsam und wirkungsvoll eingesetzten graublauen Pinselschwüngen im hellen Schlicker von Tsujimura Shiro. Die Ausstellung ist so - bei aller Knappheit - ein Reigen der exemplarischen keramischen Exzellenz japanischer Kunsthandwerker."
Weitere Artikel: In der FAZ begutachtet der Soziologe Stefan Müller-Doohm die verschiedenen Covergestaltungen fürAdornos "Minima Moralia".
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