Magazinrundschau

Verwickelte Rivalitäten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.12.2020. Wer hat das nochmal gesagt: "Wenn ich arbeite, habe ich das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden." Genau, das war eine Mitbesitzerin des Tages-Anzeigers, hat die Republik herausgefunden. In der LRB erzählt Perry Anderson die Geschichte der EU als die eines Staatsstreichs. Elet es Irodalom anaylsiert den Opferdiskurs der ungarischen Rechtspopulisten. Buzzfeed untersucht die Verbandelung zwischen Pharmaindustrie und Ärzten.

Republik (Schweiz), 09.12.2020

Ach, solche Leute muss es doch auch geben, die Sätze sagen wie: "Wenn ich arbeite, habe ich das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden." Es handelt sich dabei um Saskia Landshoff, eine Nichte der Ellermanns, die auch ein hübsches Haus auf Ibiza hat: "Beim Farbkonzept ließ sie sich von ihren Kindheitsaufenthalten auf dem väterlichen Anwesen in der Karibik inspirieren." Die Ellermanns gehören zum Clan der Coninx, eine der reicheren Familien in der Schweiz, weit verzweigt: sie besitzen den Medienkonzern Tamedia, zu denen der Tages-Anzeiger gehört (die linksliberale Alternative zu NZZ und Ringier), und sie alle kriegen Jahr für Jahr einen schönen Batzen aus den 39 Millionen Franken Dividende, die der Konzern ausschüttet. Marc Guéniat begibt sich auf die Spur des Clans: "Um die Zügel auf jeden Fall in der Hand zu behalten, sorgte die Familie mit einem zweckmäßigen Instrument dafür, dass die Inhaber des Aktienkapitals unter sich bleiben: mit einem sogenannten 'Aktionärsbindungsvertrag'. Dieser Bindungsvertrag, der ausnahmslos Familienmitgliedern vorbehalten bleibt, bildet heute das Herzstück der Corporate Governance des Konzerns, der eine Milliarde Franken Umsatz erwirtschaftet, über 3.700 Mitarbeiter beschäftigt und mehr als 50 Marken umfasst." Im zweiten Teil der Serie geht es weniger idyllisch zu: Dort wird erzählt, wie gnadenlos der Konzern in der Westschweiz die renommierte Zeitung Le Matin abwickelte. Und hier die Einleitung zur Serie, wo man erfährt, dass der Tages-Anzeiger mal die exorbitante Auflage von 250.000 hatte.
Archiv: Republik

London Review of Books (UK), 17.12.2020

Zum Abschied von Europa nimmt Perry Anderson in einem ellenlangen Essay das politische Denken unter die Lupe, das derzeit in Europa vorherrscht und das seiner Ansicht nach niemand so sehr verkörpert wie der niederländische Philosoph Luuk van Middelaar, der auch als Redenschreiber für die konservativ-liberalen EU-Politiker Frits Bolkestein und Hermann van Rompuy diente. Unter Vordenkern wie Middelaar, warnt Andersen, habe sich die Europäische Gemeinschaft zur Union gewandelt, aber selten mit demokratischen Mitteln: "Die Alchemie der EU besteht darin, Einstimmigkeit durch die Androhung einer Mehrheitsentscheidung zu erreichen, und nicht wie es die klassische Theorie eigentlich vorsieht, generell von Einstimmigkeit zur Mehrheitsentscheidung überzugehen. Das war die Regel. Es gab jedoch eine entscheidende Ausnahme. 1985 tagte der Europäische Rat in Mailand zu der Frage, ob - zur Erleichterung der Europäischen Einheitsakte, mit der im Grunde der gemeinsame Binnenmarkt für Güter auf Dienstleistungen ausgeweitet wurde - die Römischen Verträge ergänzt werden sollten, was allerdings eine Regierungskonferenz erfordert hätte. Angeführt von Frankreich und Deutschland, die insgeheim bereits eine solche Änderung geplant hatten, waren sieben von zehn Mitgliedsstaaten dafür. Drei - Britannien, Dänemark und Griechenland - waren dagegen. Das war mehr als genug, um diesen Schritt zu blockieren. Über Nacht kündigte Italien, das den Vorsitz über das Treffen führte, in Person seines Premiers Bettino Craxi an, dennoch abstimmen zu lassen, da die Frage, ob ein Regierungstreffen oder ein Ratstreffen stattfinde, eher prozedural als substanziell einen Unterschied mache. Margaret Thatcher schäumte vor Wut, ebenso ihre Verbündeten Andreas Papandreou und Poul Schlüter. Craxi aber war nicht abzuhalten und der Antrag wurde mit sieben gegen drei angenommen. Thatcher nutzte ihr Veto nicht, sie sah in der Einheitsakte ihre eigene Handschaft des Liberalismus, was sie allerdings ihr Leben lang bereuen sollte. Middelaar kann seinen Enthusiasmus über den Ausgang kaum zügeln: Indem er die Gelegenheit beim Schopfe packte, verschaffte Craxis Bluff einen wunderbaren Moment des Übergangs, der Europas permanente Erneuerung in Gang setzte und der Gemeinschaft oberste Autorität verschaffte. Wie er das geschafft hat? 'Ich verrate Ihnen Geheimnis: Es war ein Staatsstreich, der sich als Verfahrensfrage tarnte.'"

Faszieniert liest John Lanchester auch, wie Rebecca Wragg Sykes in ihrem Buch "Kindred" mit etlichen Vorurteilen über die Neanderthaler aufräumt. Denn natürlich waren sie keine dumpfen Höhlenmenschen, die nur hin und wieder ein Mammut jagten: "Die Kunst des Homo Sapiens ist komplexer als die der Neanderthaler, keine Frage, aber vor hunderttausend Jahren war sie es noch nicht. Funde von archäologischen Stätten zeugen von komplexen, symbolischen Handlungen, die auch eine Verbindung zwischen Lebenden und Toten umfassen, ästhetische Präferenzen und die Herstellung von nicht-nützlichen Gegenständen. Sie haben auch ihre Tote bestattet. Sie liebten Klauen und Muscheln und trugen sie als Schmuck, sie mochten Farben, besondern Ocker und Rot."

Novinky.cz (Tschechien), 15.12.2020

Im Gespräch mit Tereza Butková erklärt die tschechische Philosophin Eliška Fulínová, wir hätten verlernt, mit der Ungewissheit zu leben. "In der Neuzeit und der Moderne setzte sich der Anspruch durch, dass die Eindeutigkeit, die bis dahin in abstrakten Systemen des Weltbegreifens geherrscht hatte, auch in der konkreten Welt bestehe - und damit fingen die Schwierigkeiten an." Zur Inspiration in Sachen Unsicherheit empfiehlt sie uns die alten griechischen Denker. "Es geht nicht nur um die Fähigkeit, die Wirklichkeit in ihrer wesentlichen Widersprüchlichkeit und Vieldeutigkeit wahrzunehmen. Es geht auch um einen anderen Perspektivenzugang, wie ihn die Postmoderne zu öffnen versucht hat, was ihr aber nicht immer auf eine für den Leser verdauliche Weise gelang. Die postmodernen Denker sind oft schwer zugänglich, weshalb es in mancher Hinsicht leichter sein kann, Hesiod oder Homer zu lesen, als sich durch Deleuze hindurchzubeißen. (…) Das griechische Denken maß vor allem der Perspektivität und Relativität eine enorme positive Bedeutung bei. Die Griechen waren daran gewöhnt, dass sich nicht einmal ihre Götter einig wurden. Auch der göttliche Blick war nicht von Eindeutigkeit, universeller Wahrhaftigkeit oder einem einzigen Guten geprägt. Ich halte das für eine der bedeutendsten Lehren, die wir von ihnen übernehmen könnten. Verschiedene Menschen sehen die Dinge verschieden, und das ist in Ordnung so. Wir sollten diese Verschiedenheit nicht unterdrücken, sondern sie anerkennen und zu respektieren lernen. Dass jemand die Dinge anders sieht als ich, heißt nicht, dass er ein Feind ist oder dumm."
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Archiv: Novinky.cz
Stichwörter: Fulinova, Eliska

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.12.2020

Die Historiker György Gábor und László Karsai kommentieren in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die unsäglichen Aussagen des Direktors des Budapester Literaturmuseums, Szilárd Demeter, der Europa als Gaskammer des liberalen "Führers" Georg Soros bezeichnet hatte (mehr dazu in der NZZ). "Opferwettbewerb relativiert alles und wirft Ereignisse zusammen, die historisch nicht zusammen gehören. Das Ziel von Demeter ist klar: Wenn es ihm gelingen würde 'uns', die national-christlichen Europäer, oder zumindest die gegenwärtig unter den Regierungen von Populisten lebenden Polen und Ungarn als machtlose Opfer der 'Liberalen' und deren 'Führer' George Soros hinzustellen, dann könnte er das Gefühl des Sieges haben. Denn das Opfer ist stets in moralischer Überlegenheit gegenüber seinem Unterdrücker und Folterer."
Stichwörter: Demeter

Eurozine (Österreich), 11.12.2020

In einem Beitrag des Magazins blickt Olga Dryndova in das weibliche Gesicht der Revolution in Weißrussland: "Eine besondere Sichtbarkeit von Frauen bei Massenprotesten ist allerdings nicht nur in Belarus zu beobachten. Andere Beispiele sind der Arabische Frühling, Proteste in Lateinamerika und in den USA. Es scheint ein globaler Trend zu sein, der auf weibliche, tendeziell weniger gewalttätigen Protest setzt. Doch was genau steht dahinter? Lässt sich von einer feministischen Revolution in Belarus sprechen? Und ist es etwas Langfristiges? … Es wäre nicht ganz richtig zu sagen, die Tatsache, dass die Kandidaten Frauen waren, habe die Öffentlichkeit mobilisiert. Die Weißrussen waren schon vor den Wahlen politisiert. Die wirtschaftliche Stagnation, die unzureichenden staatlichen Reaktionen auf die Pandemie und die 26-jährige Amtszeit Lukaschenkos haben die Menschen radikalisiert. Die Öffentlichkeit wurde zu einer Protestwählerschaft, die bereit war, für jede starke Persönlichkeit zu stimmen, die sich gegen den amtierenden Präsidenten stellte. Dennoch machte die weibliche Dimension die Kampagne frisch, emotional und energetisch. Die Gründe: Die drei Frauen gaben nicht auf, nachdem die beliebtesten Kandidaten aus der Wahl ausgeschieden waren, und gaben den Menschen damit Hoffnung auf Veränderung. Ihre Kampagne war sehr emotional. Sie waren authentisch, erzählten persönliche Geschichten, sprachen über Liebe und forderten die Menschen auf, an sich selbst zu glauben. Daher wurde der ursprüngliche Slogan der Opposition 'Wir glauben, wir können, wir werden gewinnen' in eine weibliche Version umgewandelt: 'Wir lieben, wir können, wir werden gewinnen.'
Archiv: Eurozine

New Statesman (UK), 11.12.2020

Die Wissenschaft hat sich im Kampf gegen die Pandemie als unsere schärfste Waffe erwiesen. Dass ausgerechnet jetzt die Feindseligkeit gegen sie zugenommen hat, wundert John Gray allerdings nicht: "Unsere Schwierigkeiten mit der Wissenschaft rühren in gewisser Weise aus der ideologischen Vorstellung, sie könne immer größere Gewissheiten produzieren. Propagandisten wie Steven Pinker und Richard Dawkins gaukeln einem vor, wissenschaftliche Untersuchungen erbrächten einen immer solideren Körper unangreifbarer Wahrheiten, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse oft nur auf Vermutungen basieren und fehlbar bleiben, selbst wenn wir uns auf immer zahlreichere stützen können. Wie alle menschlichen Institutionen birgt auch die Wissenschaft die Schwächen unserer Spezies und dazu gehören auch dysfunktionale Hierarchien und verwickelte Rivalitäten. Sie kann sich auch nicht davon freimachen, die Werte der jeweiligen Zeit widerszuspiegeln. Die Biologie des 19. Jahrhundert bildete europäische Macht ab, als sie von eingebauten Ungleichheiten in eingebildeten Entitäten, Rassen genannt, ausging. Doch im Gegensatz zu anderen Institutionen enthält Wissenschaft die Methodik, mit der Zeit die eigenen Fehler zu korrigieren."

Literary Hub (USA), 30.11.2020

In einem Text für die aktuelle Ausgabe des Magazins berichtet der Reiseschriftsteller Doug Mack von seinen skurrilen Erfahrungen als Gast auf der Buchmesse in Minsk, wo die Menschen ihn als echten Amerikaner bestaunen: "Nach meinem Vortrag gehe ich zu dem improvisierten Diner, wo sich eine Warteschlange gebildet hat. Ein Mann mit Cowboyhut zeigt mir das Einklebebuch seiner letzten Familienreise durch die USA: In 50 Tagen durch alle 50 Bundesstaaten. Ein Ehepaar mittleren Alters schiebt den Sohn vor mich, damit er seine Englischkenntnisse zeigen kann. Später kommen zwei Frauen Anfang zwanzig. Die eine trägt einen schwarzen Pullover und spricht selbstbewusst, die andere trägt Weiß und errötet, wenn sie eine Frage stellt. 'Stimmt es', fragt sie, 'dass es einen amerikanischen Feiertag gibt, an dem Kinder in Verkleidung herumziehen und nach Süßigkeiten fragen? Fahren die Kinder wirklich in großen gelben Bussen zur Schule? Warum gibt es auf Partys bei euch immer rote Plastikbecher?' Ich antworte so gut ich kann. Halloween ist kompliziert. Rote Tassen sind verwirrend (ich kenne niemanden, der sie als sozial bedeutsames Detail bezeichnen würde), bis ich mich erinnere, dass ich diese Frage unterwegs schon mal gestellt bekommen habe. Es stellt sich heraus, dass sie ihren Ursprung in Partyszenen aus Hollywood-Filmen hat - die verzerrende Linse der Popkultur. Dann frage ich sie nach Weißrussland. Bevor ich hier ankam, kannte ich es als ehemalige Sowjetrepublik, die die meisten Amerikaner wohl als Witz betrachten mit all den uralten sowjetischen Stereotypen von stoischen Menschen, düsteren Straßen, Bond-Schurken mit starkem russischen Akzent und ohne jede Weltgewandtheit. Ich versuche höflich zu sein, also überspringe ich das meiste davon und sage ihnen, dass ich viel Ostblockarchitektur erwartet habe. Sie kichern, es gibt eine Pause, während sie darauf warten, dass ich mehr sage. Sie kennen den Rest. Schließlich nickt die Frau in Schwarz, sie sagt: 'Die Leute denken, wir sind langweilig und immer ernst. Sind wir nicht! Und wir sind keine Russen, obwohl die meisten Amerikaner das glauben.'"
Archiv: Literary Hub
Stichwörter: Weißrussland, Popkultur, Din

Buzzfeed (USA), 14.12.2020

Ein Correctiv-Autorenteam legt eine umfassende, datenjournalistisch gestützte Recherche über die Verbandelung zwischen Pharmaindustrie und Ärzten vor. Sehr häufig, so ihre Feststellung, geben Ärzte etwa in wissenschaftlichen Artikeln Interessenkonflikte nicht an, obwohl sich die Transparenz prozentual verbessert hat und obwohl es auch ein offizielles Regelwerk gibt: "Danach sollen Pharmafirmen die Zahlungen an einzelne Ärzte veröffentlichen - aber nur, falls diese auch zustimmen. Die Ärzt:innen behalten also die Kontrolle und müssen keine Konsequenzen fürchten, wenn sie die Zahlungen geheim halten. Bei medizinischen Fortbildungen und Kongressen werden nun Namen und Summen der Sponsoren offengelegt. Wissenschaftliche Fachzeitschriften verlangen mittlerweile, dass die Autor:innen solche Interessenkonflikte angeben. Doch die Recherchen von BuzzFeed News zeigen, dass genau das häufig nicht passiert."
Archiv: Buzzfeed
Stichwörter: Pharmaindustrie