Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

209 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 21

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Eurozine

Auch in Weißrussland hätte es nach der Wende eine Stasi-Aufarbeitung geben müssen, sagt Swetlana Alexijewitsch in einem sehr langen Gespräch mit Siarhej Sapran (das ursprünglich in der weißrussischen Zeitschrift Dziejaslou erschien). So sei der Kommunismus zwar nicht wiedergekommen, aber die Gesellschaften haben sich nicht demokratisiert. Andererseits bemerkt sie, dass dann auch ihr Vater in den Sog der Aufarbeitung gekommen wäre, denn er war in der Partei: "Und auch seine Freunde. Sie waren intelligente und anständige Leute, die ehrlich an den Kommunismus glaubten. Mein Vater fand die Idee dahinter hervorragend, aber er sagte, dass Stalin sie kaputt gemacht hatte. Ich erinnere mich, wie ich mich nach meinem Afghanistan-Aufenthalt mit ihm gestritten habe. 'Glaub' denen nicht alles, was sie erzählen, Vater. Wir bringen da Leute um.' Zum ersten Mal hat mein Vater nicht geantwortet. Er weinte. Das war ein riesiger Schock. Aber er behielt seinen Parteiausweis bis zu dem Tag, an dem er starb. Als ich ihn da weinen sah, hörte ich auf zu streiten. Er tat mir leid. Ich verstand, dass das wichtigste für mich die liebevolle Beziehung zu meinem Vater war."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Eurozine

Bisher konnte sich Weißrusslands Autokrat Aleksandr Lukaschenka auch deshalb an der Macht halten, weil er den Menschen im Land ein halbwegs gesichertes Auskommen versprach. Doch mit den Wirtschaftskrisen der letzten Jahre und der Coronakrise sieht er sich vor den Präsidentschaftswahlen ungewohnten Protesten ausgesetzt, berichtet Ingo Petz in einem weit ausholenden Text über die langanhaltenden Bemühungen der weißrussischen Opposition, die neue Fahrt aufgenommen haben: "Offensichtlich ist etwas faul in Lukashenkas 'Staat für das Volk'. Nicht wie bisher vor allem Minsk, sondern auch die Provinz, die gemeinhin als Hochburg Lukaschenkas gilt, hat sich gegen den Landesfürsten gewendet. Wer die Livestreams von den aktuellen Protesten und die Medienberichterstattung in den vergangenen Wochen und Monaten verfolgt hat, wird bestätigen, dass der Protest von allen möglichen Altersklassen und Berufsgruppen getragen wird und dass anscheinend auch der Mittelstand, dem Lukaschenka in den 2000ern zu seinem Wohlstand verholfen hat, seine politische Apathie aufgegeben hat und nun seinen Unmut kundtut. Wie auch viele Menschen, die sich vorher noch nie mit dem Regime angelegt oder politische Initiative gezeigt haben."

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - Eurozine

Achille Mbembe sieht vor allem die Armen als Opfer der Coronakrise, besonders natürlich in Afrika - sie würden von einem gnadenlos kalkulierenden und globalisierten Kapitalismus einfach geopfert. Als Mittel dagegen empfiehlt er ein Wirtschaften und Agieren innerhalb von Communities und Ökosystemen: Und "die schiere Idee der Souveränität muss neu erfunden werden. In der Zukunft besteht die höchste souveräne Autorität im Ökosystem selbst. Dies war der Fall in präkolonialen afrikanischen Gesellschaften, wo die Herrschaft der Menschen implizierte, dass das Ökosystem im Gleichgewicht blieb. Wahrhaft menschliche Gesellschaften waren jene, die alle Ökosysteme und Arten umfassten."
Anzeige

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - Eurozine

Muss auch die Ökologie entkolonialisiert werden? In einem aus Revue Projet übernommenen Interview beschreibt der französische Politikwissenschaftler Malcolm Ferdinand, wie mit der Kolonialisierung auch die Ausbeutung der Erde begann: "Wir haben verschiedene Beschleunigungen in der Umweltzerstörung gesehen, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, aber die ökologische Krise begann vorher. Sie rührt aus einer bestimmten Art, die Erde zu bewohnen, aus einem Denken, das sich berechtigt sieht, sich die Erde zum Wohle weniger anzueignen. Dieses koloniale Bewohnen geht auf das Ende des 15. Jahrhundert zurück, es begann in der Karibik, als Christoph Kolumbus in Amerika landete (auch wenn das Plantagenmodell noch weiter zurückreicht, etwa auf Madeira). Aber die Karibik spielt eine wichtige Rolle in der Moderne, denn das gewaltsame Zusammentreffen von Europäern und indianischen Amerikanern überschnitt sich mit der Erschließung der Erde. Nun konnten die Ressourcen beziffert werden, die auf dem Planeten zur Verfügung stehen. Für viele Forscher markiert dieser Moment den Beginn der Globalisierung."

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - Eurozine

Ein Land muss nicht groß sein, um eine überaus komplizierte Geschichte zu haben, in der es eine Menge politischer Fraktionen gibt, die einander in herzlichem Hass verbunden sind. In bewundernswerter Trockenheit, aber dennoch die ganze Zeit spannend erzählt Enda O'Doherty, ehemaliger Redakteur der Irish Times, im Grunde die ganze irische Geschichte der letzten hundert Jahre, um zu erklären, wie es in den letzten Wahlen in der Republik Irland zu einem so großen Erfolg von Sinn Féin kommen konnte. Sinn Féin ist jetzt im Dáil Éireann, dem Parlament in Dublin, die stärkste Partei, wird aber wohl kaum an die Regierung kommen. Erstmals könnten die beiden "Bürgerkriegsparteien" Fianna Fáil und Fine Gael mit ein paar weiteren Kräften koalieren. Diejenige Partei, die in der Außensicht eigentlich den Namen "Bürgerkriegspartei" verdient, also Sinn Féin, ist für die Republik so etwas wie ein Auffangbecken für die Frustrierten, so O'Doherty, spielt also die Rolle der Rechtspopulisten, ist dabei aber "links". Was den Norden angeht, bleibt sie aber unversöhnlich: "Die Politik von Sinn Féin gegenüber den Protestanten im Norden seit dem Abkommenm von Belfast war weniger eine Politik der 'ausgestreckten Hand' als eine Strategie der Spannung. In der Tat könnte man sagen, dass für Sinn Féin Politik in Nordirland auf die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln hinausläuft: Da mit den Protestanten kein sinnvoller Kompromiss erzielt werden kann, kann man auch alles tun, um sie zu besiegen. Darum drängt man im Moment auf ein baldiges Referendum zur irischen Wiedervereinigung, eine Strategie, die viele als potenziell gefährlich ansehen: Könnten Elemente innerhalb einer in die Enge getriebenen Community nicht zur Gewalt zurückkehren?"
Stichwörter: Irland, Nordirland, Sinn Fein

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Eurozine

Zu Beginn des Jahres hielt Wladimir Putin einige einschlägige historische Reden, etwa am Holocaust-Gedenktag, in denen er Polen eine Mitschuld gab am Zweiten Weltkrieg und den Hitler-Stalin-Pakt zu einer Angelegenheit russischer Selbstverteidigung umdeutete. Im Interview mit New Eastern Europe sieht der polnische Politikwissenschaftler Ernest Wyciszkiewicz darin einen weiteren Versuch, einen Keil zwischen die EU und Polen zu treiben, jetzt wo die Warschauer Regierung im Rest Europas eh nicht besonders viel Ansehen genießt: "Aus Russlands Sicht ist Polen nicht dankbar genug für die Beendigung der deutschen Besatzung durch die Rote Armee. Wir sehen den Tag des Sieges, den 9. Mai, nicht im selben positiven Licht wie die Sowjets es in der Vergangenheit taten oder der russische Staat es heute tut. Für die Polen war das Ende des Zweiten Weltkriegs natürlich eine Befreiung von der Nazi-Besatzung. Aber das brachte uns keine Freiheit. Indem immer wieder die Bedeutung betont wird, die der sowjetische Beitrag zum Sieg über Nazi-Deutschland hatte, wird die Frage, welche Rolle die UdSSR zu Beginn des Krieges spielte, ausgeblendet. In Wahrheit erlebte Polen zwei Besatzungen: die deutsche im Westen und die sowjetische im Osten. Russland hat beschlossen, diese unangenehme Tatsache herunterzuspielen und den Fokus auf die frühen dreißiger Jahre zu legen: die Kooperation westlicher Mächte mit Hitler, das Münchner Abkommen von 1938 und Polens berüchtigte Annexion eines kleinen Teils der Tschechoslowakei. Das ist der Versuch, das Opfer des Krieges in einen Haupttäter zu verwandeln."

Magazinrundschau vom 28.04.2020 - Eurozine

Vor einem Jahr führten die Proteste der Algerier gegen eine vierte Amtszeit des greisen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zu dessen Sturz. Hakim Hamzaoui berichtet, wie auch die Journalisten des algerischen Staatsradios während dieser Proteste lernten, gegen die Gängelung der Medien aufzubegehren: "Als das algerische Radio versäumte, über die ersten Hirak-Proteste zu berichten, organisierten Journalisten von Radio Algérienne und Radio Algérienne Internationale (RAI) eine Demo vor dem Hauptsitz des Senders. In einem Brief an den Generaldirektor erklärten sie: 'Wir, die Journalisten von Kanal I, II, III und RAI, bezeugen hiermit, dass in unseren Redaktionen keinerlei Neutralität in der Berichterstattung Rechnung getragen wurde. Die Entscheidung der Senderleitung, die großen landesweiten Demonstrationen vom 22. Februar 2019 nicht zu erwähnen, zeugt von der unheilvolle Art, auf die wir Tag für Tag unsere Pflichten erledigen müssen.' Weitere Proteste folgten. Der Chefredakteur von Kanal III, Meriem Abdou, trat aus Protest gegen das Schweigegebot zurück, das über die Demonstrationen gegen Bouteflika verhängt worden war."

Ein Großteil der Desinformation, die in osteuropäischen Klickfabriken produziert wird, rührt nicht unbedingt aus politischen Motiven, sondern finanziellen, glaubt Judit Szakàcz, die Land für Land und Kapitel für Kapitel den Report des Center for Media, Data and Society an der Central European University studiert hat. Eine Trupp Hasardeure beherrscht den Markt in Ungarn, Rumänien, Moldawien, Bosnien-Herzegowina und der Slowakei, lernt Szákacz, sie produzieren Infomüll, um über Google Anzeigengelder zu scheffeln. Wenn die Geldflüsse gestoppt werden, müssen sie eine neue Seite erfinden, damit Google wieder Dollar ausspuckt: "In Bosnien-Herzegowina und Ungarn hilft Facebook fluiden Webseiten, ihr Publikum zu behalten. Denn auch wenn die Desinformationsseiten flüchtig sind, bleiben die Facebookseiten stabil. Meist haben die Facebookseiten sogar ziemlich wenig Verbindung zu der Desinformation, die auf ihr gepostet wird. In Bosnien-Herzegowina starten Facebookseiten oft als Celebrity-Fanpage und werden dann für Desinformation umgewandelt. In Ungarn posten viele Seiten, deren Themen einst von Holzschnitzerei bis zu Achtzigerjahre-Nostalgie reichten, heute Desinformation. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Facebookseiten einen organischen Wandel durchgemacht haben; der ungarische Report fand vielmehr Hinweise auf einen regen Untergrund-Handel für Facebookseiten und -gruppen. Die Preise legen nahe, dass die Haupteinnahmequelle von Desinformationsseiten die Werbung ist. Und wie es scheint, sind die demografisch wertvollste Bevölkerungsgruppe auf Facebook 'Frauen über fünfzig', weil sie keine Adblocker benutzen."

Weiteres: Rachael Jolley hofft, dass sich die nach zehn Jahren Tory-Regierung ordentlich gerupfte BBC in der Corona-Krise ein neues Standing erobert hat. Will McCallum sucht den Königsweg im Kampf gegen Klimawandel.

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Eurozine

Adam Lelonek, Mitbegründer des polnischen "Zentrums zur Analyse von Propaganda und Desinformation", macht sich Gedanken über die Rolle des Journalisten im Zeitalter der Desinformation: "Die Nachfrage nach unmittelbarer Information, verhindert den Prozess der Verifikation. Das erklärt, warum einige Journalisten und Medienkanäle falsche oder irreführende Informationen veröffentlichen. Resultierend aus dem wachsenden Einfluss sozialer Medien hat sich der Charakter der Medien in der jüngsten Vergangenheit verändert. Journalisten haben nur wenig Zeit für inhaltsbezogene Arbeit oder investigativen Journalismus, die Nachrichtenproduktion wurde durch die Wiedergabe von Presseerklärungen ersetzt. Kein Wunder, dass der Begriff des Medienarbeiters immer populärer wird und den 'Journalist' ersetzt. Die Notwendigkeit, Werbung anzuziehen steckt hinter vielen Entscheidungen heutiger Medienmacher. Profitstreben beeinflusst Themen und Inhalte vieler Plattformen. Noch beunruhigender ist die Situation der Lokalmedien. Zusätzlich zur Konkurrenz mit den landesweiten Medien sind sie oft Opfer regionaler politischer und wirtschaftlicher Interessen. Für investigativen Journalismus bleibt kein Raum, weder was Politik und Wirtschaft angeht noch was Desinformation, ihre Quellen, Mechanismen und Akteure angeht. Stattdessen herrscht das Gebot 'kurz und einfach'. Die Medien scheinen auf solche Herausforderungen schlecht vorbereitet."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Eurozine

Katarina Luketić stellt zwei kroatische Schriftstellerinnen vor, Olja Savičević und Robert Perišić, in deren Romanen sie Beispiele für ein freies, komplexes und psychologisch nuanciertes Erzählen sieht. Schade nur, dass Autoren vom Balkan selten als Individuen wahrgenommen, klagt sie, sondern als Stellvertreter eines politischen Exotismus, wie es schon Danilo Kiš in seinem berühmten Aufsatz "Homo poeticus" kritisierte: "Wie Kiš schrieb, sind 'wir Jugoslawen' in der Literatur für die Rolle des Homo politicus bestimmt, während 'sie den Rest bekommen, das heißt jede andere Facette dieses wunderbaren, vielseitigen Kristalls, als den wir den homo poeticus kennen, das poetische Tier, das unter der Liebe genauso leidet wie unter der Sterblichkeit, unter der Politik genauso wie unter der Metaphysik'. Kiš beließ es jedoch nicht dabei, andere zu kritisieren, er lehnte die Rolle des Opfers ab. 'Haben wir unser Schicksal verdient?', fragte er und antwortete sogleich mit einem 'Ja'. Denn 'wir haben nicht der Versuchung widerstanden, unsere kleinen (oder größeren) Probleme des Nationalismus und Chauvinismus zu exportieren'. Wir haben unserer Unterschiede so sehr dramatisiert, dass es kein Zurück mehr gibt, wir haben uns einen nationalistischen Unterschlupf geschaffen, in dem wir fröhlich eingesperrt sind, betäubt und im Abseits, während wir unsere dunklen identitären Träume träumen. Mit anderen Worten, wir haben uns auf ein gefährliches Spiel eingelassen, in dem bestimmte Themen und bestimmte Diskurse für bestimmte Menschen aus bestimmten Regionen reserviert sind. 'Wir Männer vom Balkan' (Männlichkeit versteht sich in diesem patriarchalen Stereotyp von selbst) dürfen über unsere 'politisch-exotischen Kommunistski-Probleme' schreiben, aber Geschichten von Tod, Romantik, Alltag, Verlangen, Trost, Entscheidungen und Unterschiede - ganz zu schweigen von poetischen Experimenten oder modernistischen Formen - sind reserviert für andere Dichter, für europäische und westliche Schriftsteller, die große Literatur in Wichtigen Sprachen schaffen. Wir spüren, dass ihnen alle Themen und Debatten gehören, sie allein dürfen über Komplexität. Wandel, Mehrdeutigkeit und Heterogenität schreiben, kurz: ihnen allein steht individuelle Wahl und literarische Freiheit zu."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Eurozine

Das von Christelle Taraud mit herausgegebene Buch "Sexe, race & colonies - La domination des corps du XVe siècle à nos jours" hat in Frankreich riesiges Aufsehen erregt - Libération hat sogar eine Titelgeschichte zu dieser Aufarbeitung der Prostitution in den ehemaligen Kolonien gebracht. Das Buch ist auch umstritten, weil es Hunderte von historischen Fotos dokumentiert, die Frauen aus den Kolonien in erotischen Posen zeigen. Aber das Bildmaterial ist wichtig für die historische Lektüre, sagt Taraud im Gespräch mit dem Green European Journal, das von Eurozine übernommen wird. Prostitution, insistiert Taraud im übrigen, ist kein Randphänomen, sondern führt ins Zentrum von Machtstrukturen in einer Gesellschaft: "In kolonialer Prostitution wird dies noch verstärkt, da Prostituierte extremer Herrschaft ausgesetzt sind. Wir können nicht so tun, als ginge es hier nur um Sex: Es ist eine Staatsangelegenheit. Algerien etwa war seit dem Zeitalter der Phönizier fast immer besetzt. Seit 1830 aber war das Hauptcharakteristikum der Kolonisierung eine nie dagewesene Monopolisierung der Frauen. Dies ist umso wichtiger angesichts einer massiv patriarchalischen Gesellschaft, die männliche Ehre nach der Kontrolle über Frauen bemisst. Frauen wurden von beiden Seiten genutzt, um Machtverhältnisse auszutarieren."