Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

217 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 22

Magazinrundschau vom 23.02.2021 - Eurozine

Dass Alexei Nawalny zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt wurde, ist in den Augen der russischen Bürgerrechtlerin Olga Romanowa alles andere als "beispiellos", sondern sehr typisch für die zur Farce verkommene Justiz und das Lagersystem, in dem in sowjetischer Manier Verurteilte untergebracht werden, die keine Kapitalverbrechen begangen haben. Das erzählt Romanowa im Interview mit Osteuropa, das Eurozine auf Englisch bringt: "Der GULag war ein feuerspeiender, blutrünstiger Drache, der die Menschen bei lebendigem Leibe verspeiste. Hundert Jahre sind vergangen, der Drache ist alt geworden und hat kein Feuer mehr, seine Krallen sind abgestumpft, und er hat nicht mehr so viel Appetit wie früher. Er sieht mehr aus wie eine alt gewordene Raupe. Aber es ist noch derselbe Drache. Er lebt immer noch. Das gegenwärtige Strafvollzugssystem in Russland ist niemals - ich betone: niemals - grundlegend reformiert worden. Das Äußerste, was noch unter dem damaligen Geheimdienstchef Lawrenti Beria erfolgte, war, dass das Strafvollzugssystem nicht mehr den Tschekisten oder der Polizei untersteht, sondern ins Justizministerium eingegliedert wurde. Das ist alles. Auch heute wird das Strafvollzugssystem de facto vom FSB verwaltet. Das gesamte Führungspersonal kommt aus dem Inlandsgeheimdienst. Aber das ist nicht anders als in der Freiheit. Ganz Russland steht unter Leitung von Geheimdienstlern, angefangen mit Putin."

Belarus ist beileibe nicht so zweigeteilt wie die Ukraine, wo die sprachliche und historische Trennung das Land zerreißt, betont die belarussische Autorin Nelly Bekus, dennoch gebe es auch in Belarus zwei Formen der nationalen Identität, die offizielle und die alternative: Die offizielle Version der belarussischen Geschichte basiert sehr stark auf der gemeinsamen belarussischen und russischen Existenz: Ob nun im Russischen Reich oder in der Sowjetunion, diese Perioden werden als entscheidend für die Bildung der belarussischen Identität angesehen. In der alternativen Interpretation der Geschichte, sehen sich die Weißrussen als eine osteuropäische Nation, die mehr mit Polen, Litauen und Tschechien gemein hat."

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Eurozine

Der belarussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch, spricht im Interview, das Serge Sakharau für das Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien geführt hat, über die Lage in Belarus, wo sich die Menschen dagegen wehren müssen, durch den permanenten Wechsel zwischen Hoffnung und Verzweiflung erschöpft zu werden. Die historische Dramatik könnte höchstens mit Prag 1968 verglichen werden. Aber: "Die Nachrichten verfolgen und im Tagebuch notieren - das erscheint mir im Moment wichtiger als sie schon zu analysieren. Was gerade geschieht, hat sich nirgendwo zuvor ereignet. Diese Dinge haben sich seit 1968 nicht in Osteuropa zugetragen. Ich habe mir auch angesehen, was in Polen während der Solidarnosc passierte, sie steckten damals 10.000 Menschen ins Gefängnis. In unserem Land sprechen wir von 25.000, die zu dem einen oder anderen Zeitpunkt bisher verhaftet wurden. Im Moment ist davon jeder betroffen. Man kann die Nachrichten ausschalten, aber wenn jemand, der einem nahesteht, verschwindet, dann muss man einfach die Listen der Verhafteten durchsehen. Wenn man jeden Sonntag diese Listen durchgehen muss, dann kann niemand in Ruhe leben."

Weiteres: Wenn Europa auch nach dem Brexit nicht auf Englisch als lingua franca verzichten kann, dann sollte es sich die Sprache wenigstens selbstbewusst aneignen, findet Philippe Van Parijs in einem ursprünglich im Wespennest veröffentlichten Text: "Wir müssen uns trauen, die Sprache zu sprechen, die auch unsere ist, ohne Hemmung und mit der ganzen Bandbreite unserer Akzente. Wir müssen uns selbst erlauben, alle Erneuerungen hinzuzufügen, die wir wollen." Hicham Khalidi und Rolando Vázquez stören sich daran, dass die EU-Kommission für ihren Green Deal auch auf das Bauhaus rekurriert, das sie aus ihrer heutigen Sicht viel zu inegalitär, eurozentrisch und nicht-inklusiv finden. Ganz abgesehen davon, dass die Moderne ganz generell für die beiden untrennbar mit Kolonialismus und industriellem Kapitalismus verbunden und deshalb unakzeptabel ist.

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - Eurozine

Der heute berühmte Fotograf Boris Mikhailov war zunächst mal ein Amateur. Und er konnte nur als Amateur, hervorgegangen aus der "Fotoschule Charkow", überhaupt seine ganz und gar nicht konformen Fotos in der Sowjetzeit realisieren. Bohdan Shumylovych blickt auf die Arbeit diese Fotoschule zurück, die in Deutschland mit ihren höchst expressiven Fotos und an die Zwanziger erinnernden Experimenten noch zu entdecken ist. Die Amateure verkehrten in Clubs und geschlossenen Kreisen, erzählt Shumylovych, in der offiziellen professionellen Fotografie dominierte dagegen noch der sozialistische Realismus. So gehörte diese Amateurfotografie zu den Kräften, die im Untergrund am Selbstbild der Sowjetunion nagten - bis es zerfiel: "Die offizielle sowjetische Fotografie war paradox. Sie sollte um die sozialistische Welt auf 'objektive Weise' darstellen, erarbeitete aber eine idealisierte Vorstellung. In diesem Modus der Visualität wurden die sowjetischen Menschen aus der Perspektive einer idealen Zukunft gezeigt: Sie hatten keine Makel. Die inoffizielle Amateurfotografie sah die sowjetischen Subjekte jedoch aus einem ganz anderen Blickwinkel. Forscher, die sich mit der Charkower Fotografie beschäftigen, stellen oft fest, dass viele Vertreter dieser 'Schule' zu Innovatoren wurden, die zum Niedergang der etablierten sowjetischen Bildästhetik beitrugen." Die Fotoschule hat übrigens ihr eigenes, offenbar sehr aktives Museum.
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Magazinrundschau vom 15.12.2020 - Eurozine

In einem Beitrag des Magazins blickt Olga Dryndova in das weibliche Gesicht der Revolution in Weißrussland: "Eine besondere Sichtbarkeit von Frauen bei Massenprotesten ist allerdings nicht nur in Belarus zu beobachten. Andere Beispiele sind der Arabische Frühling, Proteste in Lateinamerika und in den USA. Es scheint ein globaler Trend zu sein, der auf weibliche, tendeziell weniger gewalttätigen Protest setzt. Doch was genau steht dahinter? Lässt sich von einer feministischen Revolution in Belarus sprechen? Und ist es etwas Langfristiges? … Es wäre nicht ganz richtig zu sagen, die Tatsache, dass die Kandidaten Frauen waren, habe die Öffentlichkeit mobilisiert. Die Weißrussen waren schon vor den Wahlen politisiert. Die wirtschaftliche Stagnation, die unzureichenden staatlichen Reaktionen auf die Pandemie und die 26-jährige Amtszeit Lukaschenkos haben die Menschen radikalisiert. Die Öffentlichkeit wurde zu einer Protestwählerschaft, die bereit war, für jede starke Persönlichkeit zu stimmen, die sich gegen den amtierenden Präsidenten stellte. Dennoch machte die weibliche Dimension die Kampagne frisch, emotional und energetisch. Die Gründe: Die drei Frauen gaben nicht auf, nachdem die beliebtesten Kandidaten aus der Wahl ausgeschieden waren, und gaben den Menschen damit Hoffnung auf Veränderung. Ihre Kampagne war sehr emotional. Sie waren authentisch, erzählten persönliche Geschichten, sprachen über Liebe und forderten die Menschen auf, an sich selbst zu glauben. Daher wurde der ursprüngliche Slogan der Opposition 'Wir glauben, wir können, wir werden gewinnen' in eine weibliche Version umgewandelt: 'Wir lieben, wir können, wir werden gewinnen.'

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Eurozine

Der niederländische Schriftsteller Arnon Grunberg prüft , wie man sich mit Kontroversen über vergangenes Unrecht auseinandersetzen könnte, um in der Zukunft zu besseren politischen Entscheidungen zu gelangen: "Die Vergangenheit hat uns fest im Griff. Als ein Ort der Ungerechtigkeiten könnte man sie fast als ein 'Anderswo' betrachten, das nicht in Vergessenheit geraten und irgendwie 'repariert' werden sollte. Die Geschichte der Sklaverei etwa. Vergangenheit als Reservoir der Ungerechtigkeit wird in den USA teilweise aus Bequemlichkeit in der Black Lives Matter-Bewegung zusammengefasst. Ein anderes gutes Beispiel ist der Zweite Weltkrieg. Für andere ist die Vergangenheit eher eine vergangene Ära der Nostalgie mit großen Errungenschaften, die es heute nicht mehr gibt. Nehmen wir den Begriff 'Goldenes Zeitalter'. Er wurde von niederländischen Politikern instrumentalisiert, um das 17. Jahrhundert als Blüte der niederländischen Republik zu kennzeichnen. Wie sich also zur Vergangenheit verhalten? Mir scheint es unmöglich und sogar falsch, sich davon zu lösen. Amnesie ist keine Lösung. Ob die Vergangenheit ein Quell der Scham und Schuld ist oder des Trostes und der Nostalgie, stets geht es um die Schlüsse, die wir aus ihr ziehen und unsere Entschlossenheit dabei, schon allein deshalb, weil die heute so genannte Gruppenidentität auf eine Sammlung von Schlussfolgerungen aus dem Vergangenen reduziert werden kann, in die noch ein paar Rituale, Bräuche und Geschichten einfließen …Wie man Ungerechtigkeit verhindert und mit welchen Begriffen, ist eine politische Frage. Vergangenheit ist kein neutraler Ort. Sogar wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, wo Gut und Böse so eindeutig getrennt scheinen, gibt es Deutungskämpfe. Das ist unerlässlich. Politik ist nicht nur ein Ringen um die Gestaltung der Zukunft, sondern auch um die Deutung der Vergangenheit, weil dies der Nährboden ist, aus dem künftige Erwartungen und Ideale erwachsen."

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Eurozine

Der kamerunische Philosoph Jean Godefroy Bidima publiziert (im Original bei Esprit) eine Kritik der postkolonialen Ideologie aus afrikanischer Sicht. Statt einer Externalisierung aller afrikanischen Probleme - die selbstredend sehr stark durch externe Faktoren geprägt sind -, plädiert er für eine neue Selbstreflexion und Selbstkritik afrikanischer Eliten - auch gegen die Erwartungen der modischen Linken an westlichen Universitäten: "Der 'Postkolonialismus' ist zu einer Ware geworden, die vermarktet und verkauft werden muss. In der nordamerikanischen Hochschulmaschinerie dient er als Alibi, manchmal verwischt er die Grenzen zwischen Kritik und Ressentiment und drängt die Versäumnisse eines ungerechten Sozialsystems in den Hintergrund... Die afrikanischen Eliten - wie die der jüngsten Vergangenheit - werden keine poetische Aufgabe haben, solange sie nicht, wie die Büßer im Mittelalter, die den Beichtvater necken, lernen zu sagen: nescio ('Ich weiß nicht'). Erst dann werden sie den Entdeckungsdrang verspüren und sich auf einen echten symbolischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wiederaufbau Afrikas einlassen."

Sehr lesenswert außerdem Marci Shores Eröffnungstext zum Eurozine-Forum über Sinn und Unsinn historischer Vergleiche: Shore, eine Osteuropahistorikerin, denkt vor allem darüber nach, ob "Faschismus" das richtige Wort für die Trump-Regierung ist.

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Eurozine

Auch die Bulgaren könnten ein bisschen mehr Unterstützung von der EU in ihrem parteiübergreifenden Kampf gegen ihre korrupten Eliten gebrauchen, stellt man nach der Lektüre des Artikels von Evgenii Dainov fest. "In den letzten zehn Jahren hat die bulgarische Gesellschaft die Denkweise des 21. Jahrhunderts übernommen, wird aber weiterhin von Menschen regiert, die in den 1990er Jahren - dem Zeitalter der Mafiosi - feststecken. Heute wollen die Bulgaren sie loswerden und, wie der erste demokratische Ministerpräsident Bulgariens, Filip Dimitrov, zu sagen pflegte, ein 'normales westliches Land' werden. ... Es sind inzwischen eine Reihe bedeutender Dinge geschehen. Das erste ist, dass die bulgarische Nation endlich ihre Faszination sowohl für extremen Nationalismus als auch für autoritäre Regierungen überwunden hat. Zweitens haben die quasi-faschistischen Parteien, die in Koalition mit Bojko Borissows Partei GERB regieren, keine realistische Chance mehr, die Vier-Prozent-Hürde zum Parlament zu überwinden. Drittens zeigt die Tatsache, dass die Bevölkerung insgesamt gegen einen autoritären Ministerpräsidenten protestiert, dass in Bulgarien, anders als in anderen osteuropäischen Ländern, die Abhängigkeit von einem 'starken Mann' ihren Höhepunkt überschritten hat. Der Protest wird von Menschen mit liberal-demokratischen Forderungen angeführt. Zumindest in Bulgarien hat sich das Blatt des autoritären Populismus zu wenden begonnen."

Scharfe Kritik üben die Geschichtsprofessoren Cornell Fleischer, Cemal Kafadar und Sanjay Subrahmanyam an ihrem Kollegen Alan Mikhail, der mit einem Artikel in der Washington Post (die die Erwiderung der drei Historiker nicht abdrucken wollte) dem ottomanischen Sultan Selim ein kleines Thrönchen baute. Erst mal sei diese "Große Männer machen Geschichte"-Geschichtsschreibung ja wohl ziemlich altmodisch, schreiben die drei, und zum anderen sei sie fake history und zählen die Fehler auf: Selim hatte keineswegs die Handelsrouten zwischen dem Mittelmeer, China und Indien monopolisiert. Er war als religiöse Autorität in der muslimischen Welt nicht unangefochten. Er machte das Kaffeetrinken in der muslimischen Welt nicht populär (das war es längst). Und er trug keineswegs zur Verbreitung des Protestantismus bei, auch nicht indirekt: "Sein Hauptvermächtnis in konfessionellen Fragen hat nichts mit dem Protestantismus zu tun, sondern mit bitteren Erinnerungen an seine blutige Unterdrückung der 'Ketzerei' in seiner eigenen muslimischen Bevölkerung, eine bedauerliche Tatsache, die in dieser Art von 'Superman-Geschichte' völlig vernachlässigt wird, an die man sich aber zu einem Zeitpunkt erinnern sollte, an dem, dank BLM, staatliche Gewalt überall kritisiert wird."

Außerdem: Mischa Gabowitsch empfiehlt, sich erst einmal die verschiedenen Spielarten des Antifaschismus vor Augen zu führen, bevor man ihn als Kampfbegriff gegen die Rechten in den Debattenring wirft.

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Eurozine

Im aktuellen Magazin erkundet Tiit Tammaru die ethno-linguistische Segregation in der estnischen Hauptstadt Tallinn: "Tallin ist eine ethnolinguistisch spannende Stadt. Obgleich Estland sich eines vereinigten Wohnungs- und Arbeitsmarktes rühmen kann, ist seine Hauptstadt geteilt durch die Sprache: Estnische Muttersprachler leben in anderen Stadtteilen als die russischen Muttersprachler. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde Estlands Entwicklung von einem starken Glauben an den Markt getragen. Unter der sowjetischen Planwirtschaft spielte die Industrie zwar eine erhebliche Rolle, Estlands Stadtplanung aber war zentral organisiert und  die Bevölkerung weniger getrennt. Heute steht die ethno-linguistische Unterscheidung für Einkommensunterschiede und die räumliche Trennung … Die Trennung nach Muttersprachen ist Teil eines Teufelskreises, in dem Wohnbezirke, Arbeitsplätze und Schule miteinander korrelieren. Der Kreis beginnt mit der Geburt. Der Wohnort der Eltern bestimmt die Nachbarschaft, wo das Kind aufwächst, die Freunde, die Schule. Estlands paralleles Erziehugssystem ist ein weiterer Faktor: Sprachliche Trennung beginnt im Kindergarten, von wo aus die Kinder auf estnisch- und russischsprachige Schulen verteilt werden und damit auf verschiedene Erziehungswege. Auch wenn nicht alle russischen Kinder auch auf die russische Schule gehen und das Niveau des Estnischen auf den russischen Schulen verbessert wurde, lernen viele Kinder doch auf getrennten Schulen und überschreiten die sprachliche Grenze nicht."
Stichwörter: Estland

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Eurozine

Auch in Weißrussland hätte es nach der Wende eine Stasi-Aufarbeitung geben müssen, sagt Swetlana Alexijewitsch in einem sehr langen Gespräch mit Siarhej Sapran (das ursprünglich in der weißrussischen Zeitschrift Dziejaslou erschien). So sei der Kommunismus zwar nicht wiedergekommen, aber die Gesellschaften haben sich nicht demokratisiert. Andererseits bemerkt sie, dass dann auch ihr Vater in den Sog der Aufarbeitung gekommen wäre, denn er war in der Partei: "Und auch seine Freunde. Sie waren intelligente und anständige Leute, die ehrlich an den Kommunismus glaubten. Mein Vater fand die Idee dahinter hervorragend, aber er sagte, dass Stalin sie kaputt gemacht hatte. Ich erinnere mich, wie ich mich nach meinem Afghanistan-Aufenthalt mit ihm gestritten habe. 'Glaub' denen nicht alles, was sie erzählen, Vater. Wir bringen da Leute um.' Zum ersten Mal hat mein Vater nicht geantwortet. Er weinte. Das war ein riesiger Schock. Aber er behielt seinen Parteiausweis bis zu dem Tag, an dem er starb. Als ich ihn da weinen sah, hörte ich auf zu streiten. Er tat mir leid. Ich verstand, dass das wichtigste für mich die liebevolle Beziehung zu meinem Vater war."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Eurozine

Bisher konnte sich Weißrusslands Autokrat Aleksandr Lukaschenka auch deshalb an der Macht halten, weil er den Menschen im Land ein halbwegs gesichertes Auskommen versprach. Doch mit den Wirtschaftskrisen der letzten Jahre und der Coronakrise sieht er sich vor den Präsidentschaftswahlen ungewohnten Protesten ausgesetzt, berichtet Ingo Petz in einem weit ausholenden Text über die langanhaltenden Bemühungen der weißrussischen Opposition, die neue Fahrt aufgenommen haben: "Offensichtlich ist etwas faul in Lukashenkas 'Staat für das Volk'. Nicht wie bisher vor allem Minsk, sondern auch die Provinz, die gemeinhin als Hochburg Lukaschenkas gilt, hat sich gegen den Landesfürsten gewendet. Wer die Livestreams von den aktuellen Protesten und die Medienberichterstattung in den vergangenen Wochen und Monaten verfolgt hat, wird bestätigen, dass der Protest von allen möglichen Altersklassen und Berufsgruppen getragen wird und dass anscheinend auch der Mittelstand, dem Lukaschenka in den 2000ern zu seinem Wohlstand verholfen hat, seine politische Apathie aufgegeben hat und nun seinen Unmut kundtut. Wie auch viele Menschen, die sich vorher noch nie mit dem Regime angelegt oder politische Initiative gezeigt haben."