
Saleem Vaillancourt
beschäftigt sich mit einer
Online-Umfrage der niederländischen Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran, an der im Jahr 2020
mehr als 50 000 Iraner teilnahmen. Im Zentrum stand die
Rolle der Religion im Leben der Befragten - tatsächlich bekannte sich lediglich ein knappes Drittel der Teilnehmer zum Shia-Islam, der offiziellen Staatsreligion. Fast die Hälfte der Befragten gab hingegen an, vom Glauben abgefallen zu sein. Vaillancourt gesteht zwar ein, dass derartige Online-Umfragen durchaus ihre Schwäche haben und nicht allzu zuverlässige Daten liefern. Dennoch weist einiges darauf hin, dass sich immer mehr Iraner nach einem
Leben ohne Religion sehnen: "Die Gamaan-Umfrage ergab, dass inzwischen neun Prozent der Iranerinnen und Iraner Atheisten und sechs Prozent Agnostiker sind, wobei jüngere Befragte ein höheres Maß an Religionsferne aufweisen. Allerdings kann
Atheismus '
mit dem Tod bestraft werden kann', so Arash Azizi, Dozent an der Yale University und Atheist. Dies habe 'offensichtlich Auswirkungen' darauf, wie Atheisten ihr Leben führen. ... Vor 1979 hätten zudem Hunderttausende Marxisten im Iran eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Atheismus gespielt, ergänzt Azizi. Nach der Revolution wurden
marxistische Führungspersönlichkeiten verhaftet und gefoltert, und 1988 wurden Tausende wegen ihres Atheismus hingerichtet. Dennoch gebe es in der iranischen Gesellschaft bis heute 'ein Verlangen' nach Atheismus, sagt Azizi, 'und das schon seit geraumer Zeit. Die Menschen hassen die Islamische Republik und suchen nach Antworten', die viele in einer atheistischen und mitunter auch humanistischen Weltsicht gefunden hätten."
Multikulti hat sich irgendwie doch nicht als großer Vereiniger erwiesen,
stellt Arundhati Virmani fest und macht das an einem Film von
Payal Kapadia von 2024 deutlich, "All We Imagine as Light", in dem eine hinduistische Krankenschwester ihren muslimischen Liebhaber nur treffen kann, wenn sie sich
in einer Burka durch die Stadt bewegt. "
Intimität kann hier kein natürlicher Zustand menschlicher Verbundenheit sein. Sie kann nur das Ergebnis eines komplexen,
kräftezehrenden logistischen Manövers sein, das im Schatten einer pluralistischen Gesellschaft vollzogen werden muss. Dieses eindrucksvolle Bild strategischen Überlebens stellt die bequemen, klassisch-liberalen Ideale des 'globalen Dorfes' in Frage, die den heutigen Mainstream-Diskurs prägen." Jahrzehntelang propagierten die Bollywood-Blockbuster der 1990er und 2000er Jahre eine Welt, in der Musik, Tanz und Liebe alle Vorurteile überwinden könne. Im 21. Jahrhundert jedoch hat das "alternative Kino aufgehört, die Illusion einer harmonischen, geeinten Nation zu kuratieren. Stattdessen richtet es sein Augenmerk auf die Spaltungen, die, wenn sie unbeachtet bleiben, eine Gesellschaft letztendlich auseinanderreißen können. Viele dieser Filme spiegeln eine Welt wider, in der gewöhnliche Menschen Wege finden müssen, mit den
Vorurteilen umzugehen, denen sie im Alltag begegnen." Und mit der
alltäglichen Überwachung in einer misstrauisch die sozialen und religiösen Grenzen kontrollierenden Gesellschaft. Im Film drängt eine Kollegin Prabha, Anus Vorgesetzte und Mitbewohnerin, "Anu 'im Auge zu behalten', weil diese sich mit einem muslimischen Mann trifft und
alle über sie tratschen. Als Prabha erklärt, das sei nicht ihre Sache, entgegnet die Kollegin: 'Aber sie ist deine Mitbewohnerin. Du solltest ein Auge auf sie haben.' Das Gespräch zeigt, wie
soziale Missbilligung eher über alltägliche soziale Bindungen als über formelle Verbote zirkuliert. Gerade diese
informelle Kontrolle entspricht am ehesten Goffmans Beobachtung, dass das soziale Leben oft vom Management des Scheins abhängt."
Und Carl Henrik Fredriksson
schreibt einen Nachruf auf die kämpferische feministische kroatische
Autorin Slavenka Drakulić, die 1992 ihre Heimat wegen ihrer Kritik am nationalistischen Kurs Franjo Tudjmans verlassen musste: Ihre "Integrität war unerschütterlich. Wenn sie einen Konflikt, eine Gesellschaft oder eine menschliche Notlage beschrieb, war sie nicht bloß eine maßgebliche Beobachterin, sondern ein
moralischer Kompass. Der Einfluss der kroatischen Schriftstellerin auf Generationen von Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Feministinnen - auf Frauen und Männer auf der ganzen Welt - kann kaum überschätzt werden. Kommunismus und Postkommunismus, Krieg und Nachkriegszeit, Verbrechen und Gerechtigkeit, selbstlose Güte und banales Böses, Feminismus und Gegenreaktion, Liebe und sexuelle Gewalt, Gesundheit und Krankheit: Sie half uns, all das zu verstehen. Nicht durch eine großartige Erzählung oder eine allumfassende Analyse, sondern durch eine akribische und einfühlsame
Konzentration auf die Details: auf Tampons oder Toilettenpapier, ein Designerarmband oder den harten, kalten Boden neben einem Bett auf der Covid-Station. Und auf die Menschen.