Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

202 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 21

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Eurozine

Adam Lelonek, Mitbegründer des polnischen "Zentrums zur Analyse von Propaganda und Desinformation", macht sich Gedanken über die Rolle des Journalisten im Zeitalter der Desinformation: "Die Nachfrage nach unmittelbarer Information, verhindert den Prozess der Verifikation. Das erklärt, warum einige Journalisten und Medienkanäle falsche oder irreführende Informationen veröffentlichen. Resultierend aus dem wachsenden Einfluss sozialer Medien hat sich der Charakter der Medien in der jüngsten Vergangenheit verändert. Journalisten haben nur wenig Zeit für inhaltsbezogene Arbeit oder investigativen Journalismus, die Nachrichtenproduktion wurde durch die Wiedergabe von Presseerklärungen ersetzt. Kein Wunder, dass der Begriff des Medienarbeiters immer populärer wird und den 'Journalist' ersetzt. Die Notwendigkeit, Werbung anzuziehen steckt hinter vielen Entscheidungen heutiger Medienmacher. Profitstreben beeinflusst Themen und Inhalte vieler Plattformen. Noch beunruhigender ist die Situation der Lokalmedien. Zusätzlich zur Konkurrenz mit den landesweiten Medien sind sie oft Opfer regionaler politischer und wirtschaftlicher Interessen. Für investigativen Journalismus bleibt kein Raum, weder was Politik und Wirtschaft angeht noch was Desinformation, ihre Quellen, Mechanismen und Akteure angeht. Stattdessen herrscht das Gebot 'kurz und einfach'. Die Medien scheinen auf solche Herausforderungen schlecht vorbereitet."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Eurozine

Katarina Luketić stellt zwei kroatische Schriftstellerinnen vor, Olja Savičević und Robert Perišić, in deren Romanen sie Beispiele für ein freies, komplexes und psychologisch nuanciertes Erzählen sieht. Schade nur, dass Autoren vom Balkan selten als Individuen wahrgenommen, klagt sie, sondern als Stellvertreter eines politischen Exotismus, wie es schon Danilo Kiš in seinem berühmten Aufsatz "Homo poeticus" kritisierte: "Wie Kiš schrieb, sind 'wir Jugoslawen' in der Literatur für die Rolle des Homo politicus bestimmt, während 'sie den Rest bekommen, das heißt jede andere Facette dieses wunderbaren, vielseitigen Kristalls, als den wir den homo poeticus kennen, das poetische Tier, das unter der Liebe genauso leidet wie unter der Sterblichkeit, unter der Politik genauso wie unter der Metaphysik'. Kiš beließ es jedoch nicht dabei, andere zu kritisieren, er lehnte die Rolle des Opfers ab. 'Haben wir unser Schicksal verdient?', fragte er und antwortete sogleich mit einem 'Ja'. Denn 'wir haben nicht der Versuchung widerstanden, unsere kleinen (oder größeren) Probleme des Nationalismus und Chauvinismus zu exportieren'. Wir haben unserer Unterschiede so sehr dramatisiert, dass es kein Zurück mehr gibt, wir haben uns einen nationalistischen Unterschlupf geschaffen, in dem wir fröhlich eingesperrt sind, betäubt und im Abseits, während wir unsere dunklen identitären Träume träumen. Mit anderen Worten, wir haben uns auf ein gefährliches Spiel eingelassen, in dem bestimmte Themen und bestimmte Diskurse für bestimmte Menschen aus bestimmten Regionen reserviert sind. 'Wir Männer vom Balkan' (Männlichkeit versteht sich in diesem patriarchalen Stereotyp von selbst) dürfen über unsere 'politisch-exotischen Kommunistski-Probleme' schreiben, aber Geschichten von Tod, Romantik, Alltag, Verlangen, Trost, Entscheidungen und Unterschiede - ganz zu schweigen von poetischen Experimenten oder modernistischen Formen - sind reserviert für andere Dichter, für europäische und westliche Schriftsteller, die große Literatur in Wichtigen Sprachen schaffen. Wir spüren, dass ihnen alle Themen und Debatten gehören, sie allein dürfen über Komplexität. Wandel, Mehrdeutigkeit und Heterogenität schreiben, kurz: ihnen allein steht individuelle Wahl und literarische Freiheit zu."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Eurozine

Das von Christelle Taraud mit herausgegebene Buch "Sexe, race & colonies - La domination des corps du XVe siècle à nos jours" hat in Frankreich riesiges Aufsehen erregt - Libération hat sogar eine Titelgeschichte zu dieser Aufarbeitung der Prostitution in den ehemaligen Kolonien gebracht. Das Buch ist auch umstritten, weil es Hunderte von historischen Fotos dokumentiert, die Frauen aus den Kolonien in erotischen Posen zeigen. Aber das Bildmaterial ist wichtig für die historische Lektüre, sagt Taraud im Gespräch mit dem Green European Journal, das von Eurozine übernommen wird. Prostitution, insistiert Taraud im übrigen, ist kein Randphänomen, sondern führt ins Zentrum von Machtstrukturen in einer Gesellschaft: "In kolonialer Prostitution wird dies noch verstärkt, da Prostituierte extremer Herrschaft ausgesetzt sind. Wir können nicht so tun, als ginge es hier nur um Sex: Es ist eine Staatsangelegenheit. Algerien etwa war seit dem Zeitalter der Phönizier fast immer besetzt. Seit 1830 aber war das Hauptcharakteristikum der Kolonisierung eine nie dagewesene Monopolisierung der Frauen. Dies ist umso wichtiger angesichts einer massiv patriarchalischen Gesellschaft, die männliche Ehre nach der Kontrolle über Frauen bemisst. Frauen wurden von beiden Seiten genutzt, um Machtverhältnisse auszutarieren."
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Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Eurozine

Eurozine bringt die Rede, die Karl Schlögel Anfang November, dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hielt und in der er sich dagegen ausspricht, den historischen Moment mit Interpretationen, Theorien oder Konzepten zu überlagern. Ebensowenig glaubt er an einen einen großen Plan hiner der Transformation, weder von Milton Friedman oder Jeffrey Sachs noch von Leszek Balcerowicz oder Anatoly Chubais: "Der Prozess, der nach 1989/1991 stattfand, sprengte den herkömmlichen analytischen Rahmen des westlichen Wissenschaftsbetriebs. Die postsowjetische Ära war eine Zeit des Wilden Denkens - fazinierend, inspirierend und furchteinflößend zugleich. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, von der Ernst Bloch sprach, das Überlappen und Ineinandergreifen verschiedener historischer Prozesse schufen einen Grad an Verwirrung, die etablierte Diziplinen weder begrüßen noch integrieren konnten. Die Vorstellung, ein Konzept oder eine Gruppe von Menschen hätte die Reformen von oben oder überhaupt die Transformation leiten können, ist naiv. Es gab niemanden, der 'den Tiger hätte reiten' können. Um Marx zu zitieren: Geschichte geschah natürwüchsig, die war elementar, außer Kontrolle."

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - Eurozine

In einem Beitrag des Magazins (auf Deutsch im Wespennest) macht sich John Palattella, Redakteur bei The Nation, Sorgen um die schöne Indifferenz des Essays. In unserer durchpolitisierten Zeit könnte der elegante Skeptizismus des Essays dem Zwang zur expliziten Positionierung weichen, fürchtet er: "Das Wort Essay ist bisher in den USA zwar noch keine Beleidigung, aber der Essay selber, wie Montaigne und Virginia Woolf ihn verstanden, ist in Verruf geraten. In der goldenen Zeit der Ich-Bekenntnisse und der sozialen Medien mag das seltsam klingen, aber die ubiquitäre subjektive Meinungsäußerung hat weniger mit dem Essay zu tun als mit dem Überleben in der Aufmerksamkeitsökonomie … Ein Essay offenbart, wo die Auseinandersetzung des Verfassers mit sich selbst oder einer brennenden Frage zu einem zeitweisen Stillstand kommt. 'Was weiß ich?', fragt Montaigne und richtet das Mikroskop auf sich selbst oder einen Teil seiner Welt. Weil Wissen immer ein Versuch ist, sind gute Essayisten nie lange glücklich mit ihrer eigenen Weisheit. Eine gesunde Dosis Skepsis, vor allem gegenüber politischen Fragen, wird heute allerdings von einigen als Pflicht betrachtet und als Grund, dem Essay gegenüber misstrauisch zu sein. Wie Jon Baskin und Anastasia Berg von The Point in einem aktuellen Artikel erklären, heben amerikanische Autoren der Linken seit der Wahl Trumps 2016 verstärkt die Bedeutung der Positionierung und der Ausrichtung des Denkens und Schreibens nach einem politischen Ziel hervor. Ein Autor sollte keine Widersprüchlichkeiten von sich geben oder öffentlich Ideen ausprobieren. Stattdessen soll der Autor die eigene öffentliche Äußerung im Sinn einer ideologischen Agenda gestalten und die Öffentlichkeit vor Ideen in Schutz nehmen, die nicht durch eine legitime politische Stoßrichtung definiert sind."

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - Eurozine

Andrei Rubljow, Die Dreifaltigkeitsikone, 1411/25. Tretyakov Gallery, Moskau. Bild: Wikipedia


In Eurozine erzählt Clemena Antonova, wie sich die russische Avantgarde um 1913 eine neue Genealogie erfand. Alles begann mit der Wiederentdeckung der Ikone, die "so bedeutsam war, so tief empfunden und lebensverändernd, dass sie mit der Wirkung verglichen werden kann, den die Entdeckung des französischen Postimpressionismus auf britische Intellektuelle einige Jahre zuvor gehabt hatte, als Virginia Woolf erklärte, dass sich 'am oder um den Dezember 1910 der menschliche Charakter verändert habe'. Für die Russen änderte sich alles. Die Romanze mit der westlichen Moderne war entschieden vorbei und es gab kein Zurück mehr. In ihrer leidenschaftlichen Umarmung der Ikone erfand sich die Avantgarde neu und erwarb zum ersten Mal ein enormes Selbstbewusstsein. Die Identität, die sie für sich selbst konstruierte, drückte sich immer wieder in der vertrauten slawophilen Sprache aus und spielte mit der Idee der Einzigartigkeit Russlands, dem besonderen Platz des russischen Volkes in der Weltgeschichte und der Besonderheit seiner Kunst und Kultur." Mit dieser Abwendung vom Westen hin zu einem neuen Nationalismus standen die Russen in Europa nicht allein. "Die Botschaft war unverkennbar - die russische Avantgarde, die bis zu diesem Zeitpunkt als Zweig der westlichen Moderne angesehen wurde, verkündete laut und deutlich ihre Zugehörigkeit zu ihrer ursprünglichen künstlerischen Tradition der Ikone."

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - Eurozine

Es blitzt in diesem Gespräch zwischen den Interviewern Réka Kinga Papp und Simon Garnett und dem Politologen Ivan Krastev über 1989 und die Folgen. Aber was da blitzt, sind nicht Hoffnungsschimmer, sondern allein Krastevs Intelligenz. Seine Diagnosen sind eher düster. Nein, die Demokratie, so hat sich herausgestellt, war nicht das natürliche Modell, das osteuropäische Länder oder auch China einfach nur imitieren. Die Entwicklung führte bekanntlich eher Richtung Nationalismus und Autokratie, mit einigen sehr paradoxen Wendungen: "Die Tatsache, dass nicht alle Länder dieser Welt zu liberalen Demokratien wurden, bedeutet nicht, dass man Menschenrechte nicht länger als relevant ansieht oder dass Autoritarismus überall dominiert. Im Gegenteil, populistische Bewegungen sprechen die ganze Zeit über Rechte. Das Problem ist nur: wessen Rechte? Die von Populisten verfochtenen Rechte sind Rechte der Mehrheiten, der Nation. So wurde die antikoloniale Bewegung zum Vorbild für die extreme Rechte in Europa. In dieser Aneignung der Sprache der Rechten ist der Westen nun der Kolonisierte und Aufbegehrende."

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - Eurozine

In einem sehr lesenswerten Beitrag zeigt Diana Georgescu, wie die dreiteilige Doku "The Romanians are Coming", mit der der britische Channel 4 2015 darstellen wollte, wie es rumänischen Immigranten in Britannien ergeht, alte Vorurteile weiterschreibt: "Der Film folgt den Protagonisten auf ihrem Weg aus rumänischen Slums bis nach London und weiter durch Britannien, wo sie versuchen, ihre Familien aus der Armut zu befreien. Die Serie zeigt die Hauptfiguren dabei, wie sie Steuergelder und das britische Gesundheitssystem für ihre Familien nutzen (und manchmal auch ausnutzen). Die zweite Folge, die eigentlich der Immigration der Mittelklasse gewidmet sein sollte, zeigt eine Krankenschwester aus Constanta, die als Pflegerin in einem Altersheim in Sheffield endet. Der Fokus liegt auf Menschen ohne Ausbildung, unvermittelbaren, leicht ausbeutbaren Arbeitskräften, die auf der Straße oder in überbelegten Wohnungen hausen. Um der Authentizität willen wirkt ein junger Roma, Alex, mit gebrochenem Englisch als Erzähler, für viele britische Journalisten ein ausreichender Beleg dafür, dass die Geschichte komplett aus Immigrantenperspektive erzählt wird. Alex wurde nicht zuletzt deswegen ausgewählt, weil seine Stimme Angstmacher wie Farage in Frage stellt. Er zwingt den Zuschauer, sich gegen die Stimmungsmache von Politikern zu stellen und nennt Statistiken über steuerzahlende Rumänen in Arbeit. In welchem Umfang Alex die Stimmen und Meinungen der Produzenten wiedergibt, wurde allerdings nie untersucht. Mit der Behauptung, sie ließen die Immigranten 'für sich selbst sprechen' geben die Produzenten die Verantwortung für die Perspektive auf rumänische Immigration gleichsam ab. Ein unvermeidlicher Vorgang bei der Vermittlung der 'Wahrheit hinter den Schlagzeilen'. Mit dem Fokus auf Migration fängt die Dokumentation die Spaltung Europas ein - zwischen dem alten und dem neuen, post-1989-Europa."

Dazu passt ein anderer Artikel des Magazins, in dem der rumänische Historiker Lucian Boia über rumänische Identität im Wandel nachdenkt: "Nach der sogenannten Latinisten-Theorie sind die Rumänen direkte Nachfahren der Römer, die Anfang des zweiten Jahrhunderts vor Christus Dakien eroberten. Die dakische Komponente wurde in dieser Sichtweise komplett aus der Geschichte entfernt. Die Vorstellung von der 'latinischen Reinheit' des rumänischen Volkes, die die Trennung zwischen Nationalgesellschaft und slawischer Welt unterstreicht und Hand in Hand geht mit der Neigung, den Westen als politisches und kulturelles Vorbild anzuerkennen, wurde Mitte des 19. Jahrhundert infrage gestellt."
Stichwörter: Rumänien, Mittelklasse

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Eurozine

Caroline Muscats Story zeigt auch auf, welche Praktiken zum künftigen Geschäftsmodell eines außerhalb der EU operierenden Großbritannien gehören könnten - aber eigentlich gehören sie ja schon jetzt dazu: Muscat ist eine Journalistin in Malta und versucht mit ihrem Internetmagazin The Shift News eine unabhängige Berichterstattung aufrechtzuerhalten - besonders nach der Ermordung der bekanntesten maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia. Sie erzählt, wie unabhängige Journalisten von meist in London basierten Anwaltskanzleien mit sogenannten "Slapp-Klagen" überzogen werden, Unterlassungsaufforderungen, die zwar meist nicht aussichtsreich sind, aber die Journalisten mit exorbitanten Rechtskosten bedrohen. Solch eine Klageandrohung hat Muscat von der Kanzlei Henley & Partners bekommen, die auf ihrer Website ganz offen damit angibt, dass sie reichen Leuten aus weniger glamourösen Ländern schickere Staatsbürgerschaften besorgen kann. "Der Brief enthielt eine klare Anweisung in Großbuchstaben, 'Nicht zur Veröffentlichung'. Er drohte mit einer Slapp-Klage, falls wir nicht eine Geschichte aus The Shift News entfernen, die wir über die Arbeit der Kanzlei in Grenada publiziert hatten. Es war unmöglich, dagegen anzugehen. Anwälte warnten mich, dass es keinen angemessenen Schutz dagegen gebe. Nach dem Mord an Caruana Galizia stellte sich heraus, dass auch gegen sie eine amerikanische Slapp-Klage in Höhe von 40 Millionen Euro angestrengt worden war. Zusätzlich zu den vierzig Verleumdungsklagen, die zuhause gegen sie liefen."

Der Putinismus hat nicht nur Stalin und Iwan den Schrecklichen wieder ins nationale Pantheon gehoben, er hat auch den militärisch-industriellen Komplex neu geschaffen, schreibt der russische Journalist Andrei Soldatov. Stalin hatte mit der "technischen Intelligentsia" jene Klasse von Ingenieuren geschaffen, die die spätere Sowjetunion dominierten,und Putin hat dieser Klasse durch Aufrüstung wieder einen Status gegeben. "Zunächst hat Putin die Vergrätztheit gegenüber dem Westen in die neue nationale Idee verwandelt. Was in den Neunzigern ein sicheres Zeichen für Verlierer war, wurde als das offizielle Narrativ anerkannt. Dann hat Putin die Rückkehr des militärisch-industriellen Komplexes im großen Maßstab bewerkstelligt und so Jobs für die technische Intelligentsia geschaffen... " Mit dem Ergebnis, "dass die Staatsquote in der russischen Wirtschaft immer weiter gestiegen ist. Im April 2019 gab die Antimonopolkommission des Staates zu, dass die Staatsquote bei 60 bis 70 Prozent liegt (im Jahr 2008 betrug sie noch zwischen 40 und 45 Proezent) und bereits negative Auswirkungen auf den Wettbewerb hat."

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - Eurozine

Zsófia Lóránd erinnert an die feministische Bewegung vor 1989 in Osteuropa, vor allem im früheren Jugoslawien: "Die Erinnerung an den Feminismus in Osteuropa nach 1989 ist getrübt von der weit verbreiteten Angst, den Begriff radikaler Feminismus zu benutzen, der den Wunsch nach tiefgreifender sozialer Veränderung bezeichnet, um die Unterdrückung der Frau in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen auszumerzen. Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern und Postfeminismus haben den Kampf für Frauenrechte und das Gespräch über Frauen als solche weitgehend ersetzt - ein Prozess, der in Ost und West gleichermaßen stattfand, der aber im Westen interessanterweise als Problem des Ostens gesehen wird und umgekehrt. Geht es um die Auslegung von 1989, so kompliziert ein Generationenclash nicht nur  die Erinnerung an, sondern auch die Zukunft der feministischen Bewegung, unabhängig von Grenzen … Um zu verstehen, was 1989 für den Feminismus in Ost- und Westeuropa bedeutete, und um ihn in der Mitte zwischen Ost und West anzusiedeln, hilft der Blick auf Jugoslawien, wo eine Art frühes Treffen zwischen Ost und West stattfand, eine Ahnung dessen, was nach 1989 geschah. Wie Frauen im restlichen Osteuropa auch, waren Feministinnen im zweiten Jugoslawien inspiriert durch zweite Welle des Feminismus im Westen. Es handelte sich um eine kleine, aber höchst kreative und mutige Gruppe, die in den 1970er Jahren die mögliche Neubewertung und eine konstruktive Kritik der staatssozialistischen Emanzipation wagte. Diese Frauen wollten in einem Staat leben, der die Gleichberechtigung ernst nimmt. Dieser seltene Fall eines feministischen Dissenz in einem sozialistischen Staat erwuchs aus dem kreativen Miteinander von Ideen, Diskurs und Menschen aus Ost und West. Die jugoslawischen Feministinnen erkannten das Wissenspotenzial der westlichen Feministinnen und dachten, dass der jugoslawische Sozialismus hinter seinen Möglichkeiten, die Frau zu befreien, zurückblieb. In den 70ern und 80ern erschufen sie eine eigene Version des Feminismus, die auf dem zeitgenössischen intellektuellen Diskurs, etwa der Frankfurter Schule, basierte und zugleich dessen Mängel erkannte."