Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

309 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 31

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Eurozine

Genaue Zahlen, wie viele Frauen derzeit in russischen Gefängnissen sitzen, gibt es nicht, erklärt Eilish Hart in einem Artikel, der ursprünglich in New Eastern Europe erschienen ist. Experten sind sich allerdings sicher, dass die Anzahl weiblicher Gefangener steigt, dafür spricht auch die Zahl der gegen Frauen verhängten Urteile, die laut Hart in den letzten fünf Jahren stetig gestiegen ist: "Im Jahr 2025 machten diese ein Fünftel (87.000) aller Verurteilungen aus - ein Rekordwert für das moderne Russland, wie aus Daten der Justizabteilung des Obersten Gerichtshofs hervorgeht, die von dem unabhängigen Medium Verstka veröffentlicht wurden. Die Partnerzeitschrift von Eurozine, New Eastern Europe, konnte diese Zahlen nicht unabhängig überprüfen; Ende April entfernte die Justizabteilung sämtliche Statistiken zu Verurteilungen von ihrer Website." Seit dem Krieg gegen die Ukraine hat sich der Kurs des Kremls auch gegen Mütter verschärft, Frauen, denen politische Dissidenz vorgeworfen wird, konnten früher mit mildernden Umständen rechnen, wenn sie beispielsweise ein minderjähriges Kind großzogen. Das hat sich geändert, so Hart, gleichzeitig steigt der Anteil von Straftaten, die aus wirtschaftlicher Not begangen werden: "Laut der Soziologin Olga Zeveleva von der Universität Utrecht deutet dies auf zwei gleichzeitige Entwicklungen im Russland der Kriegszeit hin: die Feminisierung der politischen Verfolgung und der Armut. 'Auch wenn es in Russland viele politische Gefangene gibt, sind die Gefängnisse im Grunde Verwahrorte für Arme; das Gefängnis dient als Mittel zur Kontrolle von Armut', erklärt sie. 'Es gibt zahlreiche Verurteilungen, die auf wirtschaftliche Not zurückzuführen sind', fährt sie fort und nennt Diebstahl und Kleinkriminalität als Beispiele (...) Während offizielle Statistiken zum russischen Gefängnissystem entweder unzuverlässig, unvollständig oder nur eingeschränkt zugänglich sind, ist dies nicht der einzige Grund, warum so wenig über die inhaftierten Frauen bekannt ist. 'Es hat auch damit zu tun, , wie sehr die inhaftierten Frauen abgeschottet sind", erklärt Zeveleva. Russische Frauengefängnisse gelten als strenger reglementiert als Männergefängnisse, die bisweilen faktisch von Gefängnisgangs oder kriminellen Netzwerken kontrolliert werden. Da die Gefängnisverwaltung die volle Kontrolle ausübt, leben die Frauen unter ständiger Überwachung und strengen Vorschriften. 'Viele ehemalige Häftlinge berichten, dass ein durchschnittliches russisches Frauengefängnis ebenso streng geführt wird wie die Männergefängnisse mit den härtesten Haftbedingungen', sagt Zeveleva."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - Eurozine

Saleem Vaillancourt beschäftigt sich mit einer Online-Umfrage der niederländischen Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran, an der im Jahr 2020 mehr als 50 000 Iraner teilnahmen. Im Zentrum stand die Rolle der Religion im Leben der Befragten - tatsächlich bekannte sich lediglich ein knappes Drittel der Teilnehmer zum Shia-Islam, der offiziellen Staatsreligion. Fast die Hälfte der Befragten gab hingegen an, vom Glauben abgefallen zu sein. Vaillancourt gesteht zwar ein, dass derartige Online-Umfragen durchaus ihre Schwäche haben und nicht allzu zuverlässige Daten liefern. Dennoch weist einiges darauf hin, dass sich immer mehr Iraner nach einem Leben ohne Religion sehnen: "Die Gamaan-Umfrage ergab, dass inzwischen neun Prozent der Iranerinnen und Iraner Atheisten und sechs Prozent Agnostiker sind, wobei jüngere Befragte ein höheres Maß an Religionsferne aufweisen. Allerdings kann Atheismus 'mit dem Tod bestraft werden kann', so Arash Azizi, Dozent an der Yale University und Atheist. Dies habe 'offensichtlich Auswirkungen' darauf, wie Atheisten ihr Leben führen. ... Vor 1979 hätten zudem Hunderttausende Marxisten im Iran eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Atheismus gespielt, ergänzt Azizi. Nach der Revolution wurden marxistische Führungspersönlichkeiten verhaftet und gefoltert, und 1988 wurden Tausende wegen ihres Atheismus hingerichtet. Dennoch gebe es in der iranischen Gesellschaft bis heute 'ein Verlangen' nach Atheismus, sagt Azizi, 'und das schon seit geraumer Zeit. Die Menschen hassen die Islamische Republik und suchen nach Antworten', die viele in einer atheistischen und mitunter auch humanistischen Weltsicht gefunden hätten."

Multikulti hat sich irgendwie doch nicht als großer Vereiniger erwiesen, stellt Arundhati Virmani fest und macht das an einem Film von Payal Kapadia von 2024 deutlich, "All We Imagine as Light", in dem eine hinduistische Krankenschwester ihren muslimischen Liebhaber nur treffen kann, wenn sie sich in einer Burka durch die Stadt bewegt. "Intimität kann hier kein natürlicher Zustand menschlicher Verbundenheit sein. Sie kann nur das Ergebnis eines komplexen, kräftezehrenden logistischen Manövers sein, das im Schatten einer pluralistischen Gesellschaft vollzogen werden muss. Dieses eindrucksvolle Bild strategischen Überlebens stellt die bequemen, klassisch-liberalen Ideale des 'globalen Dorfes' in Frage, die den heutigen Mainstream-Diskurs prägen." Jahrzehntelang propagierten die Bollywood-Blockbuster der 1990er und 2000er Jahre eine Welt, in der Musik, Tanz und Liebe alle Vorurteile überwinden könne. Im 21. Jahrhundert jedoch hat das "alternative Kino aufgehört, die Illusion einer harmonischen, geeinten Nation zu kuratieren. Stattdessen richtet es sein Augenmerk auf die Spaltungen, die, wenn sie unbeachtet bleiben, eine Gesellschaft letztendlich auseinanderreißen können. Viele dieser Filme spiegeln eine Welt wider, in der gewöhnliche Menschen Wege finden müssen, mit den Vorurteilen umzugehen, denen sie im Alltag begegnen." Und mit der alltäglichen Überwachung in einer misstrauisch die sozialen und religiösen Grenzen kontrollierenden Gesellschaft. Im Film drängt eine Kollegin Prabha, Anus Vorgesetzte und Mitbewohnerin, "Anu 'im Auge zu behalten', weil diese sich mit einem muslimischen Mann trifft und alle über sie tratschen. Als Prabha erklärt, das sei nicht ihre Sache, entgegnet die Kollegin: 'Aber sie ist deine Mitbewohnerin. Du solltest ein Auge auf sie haben.' Das Gespräch zeigt, wie soziale Missbilligung eher über alltägliche soziale Bindungen als über formelle Verbote zirkuliert. Gerade diese informelle Kontrolle entspricht am ehesten Goffmans Beobachtung, dass das soziale Leben oft vom Management des Scheins abhängt."

Und Carl Henrik Fredriksson schreibt einen Nachruf auf die kämpferische feministische kroatische Autorin Slavenka Drakulić, die 1992 ihre Heimat wegen ihrer Kritik am nationalistischen Kurs Franjo Tudjmans verlassen musste: Ihre "Integrität war unerschütterlich. Wenn sie einen Konflikt, eine Gesellschaft oder eine menschliche Notlage beschrieb, war sie nicht bloß eine maßgebliche Beobachterin, sondern ein moralischer Kompass. Der Einfluss der kroatischen Schriftstellerin auf Generationen von Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Feministinnen - auf Frauen und Männer auf der ganzen Welt - kann kaum überschätzt werden. Kommunismus und Postkommunismus, Krieg und Nachkriegszeit, Verbrechen und Gerechtigkeit, selbstlose Güte und banales Böses, Feminismus und Gegenreaktion, Liebe und sexuelle Gewalt, Gesundheit und Krankheit: Sie half uns, all das zu verstehen. Nicht durch eine großartige Erzählung oder eine allumfassende Analyse, sondern durch eine akribische und einfühlsame Konzentration auf die Details: auf Tampons oder Toilettenpapier, ein Designerarmband oder den harten, kalten Boden neben einem Bett auf der Covid-Station. Und auf die Menschen.

Magazinrundschau vom 22.06.2026 - Eurozine

Welche Rolle können Literatur und Poesie im Krieg spielen? Als der Krieg begann, kam ihm seine Tätigkeit als Schriftsteller plötzlich völlig sinnlos vor, erzählt der fünfundzwanzigjährige ukrainische Autor und Soldat Artur Dron in einem Gespräch, das ursprünglich in The Ukrainian Media erschien. Dron hat für sein Buch "Hemingway hat keine Ahnung", das im Herbst 2026 auch auf Deutsch erscheinen wird, 2025 den Yuri Shevelov Preis erhalten. In der ersten Zeit des Krieges schrieb er gar nichts mehr, berichtet Dron, und gab allem Praktischen den Vorrang, dann jedoch merkte er, dass er die Literatur "unterschätzt" hatte und diese im Krieg ganz unterschiedliche Funktionen einnahm: Ein Gedicht "mag aus dem Wunsch heraus entstehen, etwas festzuhalten, das wir erlebt haben, damit es gegen die Zeit gefeit ist und für immer bleibt. Ein anderes entsteht, wenn einer meiner Kameraden etwas so Kraftvolles sagt, dass ich es nicht ertragen könnte, wenn es nur ausgesprochen würde und dann verginge - denn ich erkannte, dass er, ohne es selbst zu wissen, Literatur sprach. Manche Texte sind Abschiedsworte für Menschen, die nicht mehr unter uns sind, die gefallen sind. Ein Versuch, das Wesentliche, das man in ihnen gesehen hat, in eine andere Dimension zu übertragen. Wie in jenem Gedicht über meinen Kameraden Iwan und sein Fahrrad. Ich meine, ein Gedicht kann seinen Tod nicht wettmachen - wir sollten von der Lyrik nicht verlangen, irgendetwas auszugleichen -, aber es kann einen Bruchteil jener kindlichen Aufrichtigkeit dieses erwachsenen Mannes und seinen Traum von einem Fahrrad einfangen. Schließlich ist eines der Ziele dieses Buches, zu erzählen, was in uns vorgeht." Jedes Wort "in der Lyrik hat Gewicht, und beim Schreiben von Gedichten - besonders im Krieg - muss man jedes Wort so behandeln, als könnte es das letzte sein, das man je spricht. Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt oder was in dreißig Sekunden geschehen wird. Wenn man sich jedem Text mit der Haltung nähert, es sei das Letzte, was man im Leben schreibt und sagt, garantiert das ein Höchstmaß an Offenheit und Wahrhaftigkeit. Dieser Existenzialismus, dieser Zustand des Dazwischenseins, verleiht den Worten mehr Gewicht und lässt alles Überflüssige abfallen."
Stichwörter: Dron, Artur, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - Eurozine

Die Welt war schon einmal mindestens so extrem in rechts und links geteilt wie heute. Die Ukrainer können ein Lied davon singen. Zu Beginn der dreißiger Jahre gab es in der Ukraine Massenerschießungen von Bauern, die sich gegen die Zwangskollektivierung durch die Sowjets sträubten - ein Vorspiel zum Holodomor. Viele flohen über den Dnjestr nach Rumänien. 1932 versuchte der Völkerbund den Flüchtlingen zu helfen, aber mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland wurden sie vergessen, erzählt der Historiker Maksym Snihyr vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Sein Forschungsgebiet sind Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Rumänien aufgenommen wurden: Das Problem der Flüchtlinge vor Zwangskollektivierung und Holodomor wurde im Westen allerdings sehr schnell vergessen - denn die Nazis produzierten nach 1933 eine Flüchtlingswelle, die die westeuropäischen Länder direkter betraf. "Der Völkerbund musste Ad-hoc-Maßnahmen ergreifen, um diese neuen Flüchtlinge aufzunehmen." Die immer stärker werdenden Nazis machten "plötzlich einen anderen Paria-Staat - die Sowjetunion - zu einem akzeptableren politischen Partner. Mitteleuropäische Länder wie Polen und Rumänien hatten schon 1932 begonnen, die Lage zu sondieren, in der Hoffnung, einen Nichtangriffspakt mit den Sowjets auszuhandeln. 1933 zeigte die UdSSR Interesse an einem Beitritt zum Völkerbund, und im Vergleich zum aufstrebenden Dritten Reich wurden die Sowjets von Politikern der Mitte entweder als das kleinere Übel oder sogar als Vorbild dafür angesehen, wie man mit Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation umgeht. Unter diesen Umständen würde jede Rhetorik, die die sowjetischen Errungenschaften nicht lobte, geschweige denn die Handlungen der Bolschewiki verurteilte, als Spiel in Hitlers Hände wahrgenommen werden. ... Eine Gräueltat überschattete die andere. Hitler wurde zum Feind Nummer eins. Doch in diesem erzwungenen Wandel wurde das extreme Leid eines Volkes unter Stalins Herrschaft ignoriert, sodass Flüchtlinge auf beiden Seiten des Dnjestr mittellos blieben und totgeschwiegen wurden."
Stichwörter: Holodomor, Ukraine

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - Eurozine

Als "wegweisend und unvergesslich" bezeichnet Stefano Bottoni die Niederlage Victor Orbáns bei den ungarischen Wahlen. Möglich gemacht wurde dieser Umbruch nicht nur durch jahrelange strategische Arbeit der Tisza-Partei und Péter Magyars, sondern auch durch eine Graswurzelbewegung, die sich "in einem außergewöhnlichen Akt der Volksmobilisierung systematischer Einschüchterung entgegenstellte". Seit "2024 haben sich in Hunderten ungarischer Ortschaften spontan über zweitausend 'Thiza-Inseln' gebildet, darunter auch Dörfer, in denen es vermutlich seit 1945/46 oder den turbulenten Tagen des Aufstands von 1956 keine politische Aktivität mehr gegeben hat. Obwohl sich die genaue Zahl nicht schätzen lässt, kann man mit Sicherheit sagen, dass sich in den letzten zwei Jahren Hunderttausende Menschen aktiv in der Oppositionspolitik engagiert haben. Und das in einem Land mit kaum acht Millionen potenziellen Wählern. Die Thiza-Inseln haben keinen Rechtsstatus und sind nicht formell mit der kleinen Parteizentrale verbunden. Ihre Mitglieder bilden eine basisdemokratische Bürgergemeinschaft." Das beste Beispiel für Basisaktivismus lieferte Tisza am Wahltag, als sie 50.000 unbezahlte Freiwillige mobilisierte, die "in den Wahllokalen patrouillierten, die am stärksten vom Stimmenkaufsystem betroffen waren, das die Fidesz' etabliert hatte. Wie der Dokumentarfilm 'A szavazat ára' ('Der Preis der Stimme') aufdeckte, reichte dies vom Transport von Wählern zu den Wahllokalen bis hin zur Ausgabe von Alkohol und Drogen an Abhängige. ... In den Gebieten, in denen der 'Wahltourismus' am strengsten überwacht wurde, hinderten die Beobachter Zehntausende Menschen daran, ihre Stimme in betrügerischer Absicht abzugeben."

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - Eurozine

Der Politologe Hamit Bozarslan beleuchtet die komplexen geopolitischen Verschiebungen, die der Krieg der USA und Iran gegen den Iran zur Folge haben. Vor allem die israelischen Interessen stehen im Kontext einer langen Vorgeschichte, meint er: "Anders als viele andere Konflikte, darunter jener, der 2003 zum Einmarsch anglo-amerikanischer Streitkräfte in den Irak führte, weist dieser neue Krieg einen klaren historischen Zusammenhang auf und ist Teil zweier Ereignisketten: einer langen, die bis zur Islamischen Revolution von 1979 zurückreicht und die Zerstörung Israels als oberstes Ziel festlegte; und einer deutlich kürzeren, die mit den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 begann. Während der gesamten ersten Ereigniskette forderte Israel die Zerstörung der iranischen Militärkapazitäten, um sein eigenes Überleben zu sichern. Seit dem 7. Oktober macht Israel jedoch keinen Hehl mehr aus seinem Bestreben, bis in die 2030er-Jahre zum Machtzentrum des Nahen Ostens zu werden und die Region nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Ein Beweis dafür ist der herzliche Empfang, der Narendra Modi im Februar 2026 zuteil wurde. Er schwärmte ausführlich von dem Bündnis zwischen den beiden 'Demokratien' und 'Zivilisationen'. Netanjahu strebt zudem danach, sein Land in internationale Bündnisse einzubinden, die weit über den Nahen Osten hinausreichen. Das mit Zypern und Griechenland geschlossene Militärbündnis hat Israel außerdem zu einer bedeutenden Seemacht im Mittelmeer gemacht. Schließlich hat sich die Koalition der nationalistischen Parteien unter Führung des israelischen Ministerpräsidenten, die den Krieg zur Marginalisierung jeglicher Opposition genutzt hat, zu einem echten Hegemonialblock entwickelt und dürfte bei den für Herbst 2026 geplanten Wahlen erneut an die Macht kommen."

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - Eurozine

"Die Unsicherheit in der deutschen Verteidigungsdebatte sitzt tief", schlussfolgert Isabelle de Pommereau, nachdem sie die verschiedenen Dimensionen des deutschen Diskurses über Wehrpflicht und Aufrüstung resümiert hat. Pazifistische Bewegungen sind in Deutschland besonders stark, die Notwendigkeit der Verteidigung ist im gesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht angekommen, anders als in den baltischen Staaten, stellt sie fest: "In Finnland, Schweden und den baltischen Staaten wird Verteidigung als gesellschaftliches Projekt betrachtet. Zivile Vorsorge, Krisenkommunikation und die Abwehr von Desinformation sind Kernelemente der nationalen Sicherheit. Die Erfahrung der russischen Besatzung - oder deren unmittelbare Nähe - hat die Verteidigung zu einer existenziellen Notwendigkeit gemacht. Bürgerinnen und Bürger werden darin geschult, auf Notfälle zu reagieren, die Infrastruktur zu schützen und den Staat in Krisen zu unterstützen, wodurch die überlasteten Streitkräfte entlastet werden. Deutschland hingegen hat nach dem Kalten Krieg einen Großteil seiner Zivilschutzinfrastruktur abgebaut, in der Annahme, der Frieden sei von Dauer. 'In der Ukraine ist Resilienz keine Sache, die der Staat einfach so vermittelt', erklärte Oksana Huss, eine ukrainische Politikwissenschaftlerin, die heute an der Universität Duisburg lehrt, dem Publikum an diesem Abend. 'Sie entsteht horizontal.' Nach der Revolution der Würde 2014, so erläuterte sie, habe die lokale Selbstorganisation den Gesellschaftsvertrag neu gestaltet - Netzwerke, die später während der umfassenden russischen Invasion das Funktionieren der Städte sicherten. 'In Deutschland', fügte sie hinzu, 'erwarten viele immer noch, dass der Staat alles regelt. In einer echten Krise funktioniert das nicht.'"

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - Eurozine

Der Ausschluss russischer Athleten von wichtigen Sportveranstaltungen als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine wird nach und nach rückgängig gemacht, berichtet der ukrainische Schriftsteller und Journalist Mykola Riabchuk. Das IOC erlaubte beispielsweise 2024 die Teilnahme russischer Sportler bei der Olympiade, darunter auch "höchst fragwürdiger Persönlichkeiten" wie den Eiskunstläufer Petr Gumennik, der mit einer militärisch inspirierten Kür in Soldatenuniform für Aufsehen sorgte. Gefährlich und naiv findet Riabchuk die rhetorische Frage von UEFA-Chef Aleksander Čeferin, der in einem Interview wissen wollte, "ob das Verbot russischer Vereine den Krieg beendet habe. ... Natürlich können Sanktionen im Sport keine Kriege verhindern, die mit harter Macht geführt werden; sie können aber die Kriegsfähigkeit eines Staates erheblich schwächen, indem sie seine Mittel für internationale Propaganda, Beschönigung und nationalistische Mobilisierung einschränken. Ein weiteres Argument, das Sportbefürworter häufig zur Rechtfertigung ihrer versöhnlichen Politik gegenüber Schurkenstaaten anführen, ist die angebliche Autonomie des Sports von der Politik. Selbst in Demokratien trifft dies nur teilweise zu. Und in Autokratien ist es eine bewusste, skrupellose Lüge. Der Begriff der Autonomie liegt dem zugrunde, was Experten als 'Sportwashing' bezeichnen - dem Prozess, durch den Regime mithilfe der Förderung populärer Sportveranstaltungen und der dabei demonstrierten organisatorischen Fähigkeiten von ihren unschönen, repressiven Aktivitäten im Inland und ihren Aggressionen im Ausland ablenken."

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In einem ausführlichen Interview erklärt die britische Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor den Unterschied zwischen "alten" und "neuen" Kriegen: Russland konzentriere sich in seiner Kriegsführung immer mehr auf die Techniken des "neuen Krieges", also hybride Kriegsführung, Spaltung und Unterwanderung von Gesellschaften, Verbreitung von Fake News. Europa muss sich darauf einstellen, fordert Kaldor: "Ich war mein Leben lang in der Friedensbewegung aktiv und sehe mich als Friedensaktivistin. Doch Friedensaktivistin zu sein ist etwas anderes als Pazifistin zu sein. Wer sagt, wir sollten die Ukraine nicht mit Waffen unterstützen, meint im Grunde, wir sollten kapitulieren. Ich weiß, es gibt ein durchaus überzeugendes Argument: 'Wäre es uns allen nicht viel besser ergangen, wenn wir im Zweiten Weltkrieg nicht gegen Hitler gekämpft und einfach kapituliert hätten? Viele Menschen hätten überlebt, anstatt zu sterben.' Wäre es uns besser ergangen? Meine Ansicht ist jedoch mit dem Völkerrecht verbunden. Wir haben die letzten Jahrhunderte damit verbracht, gewaltfreie Mechanismen zur Konfliktlösung, Wahlen, Gerichte und Polizeiarbeit zu entwickeln. Die Polizei darf Gewalt anwenden. Jeder darf sich verteidigen, wenn er angegriffen wird und niemand da ist, der ihm helfen kann. Selbstverteidigung ist in zivilen Situationen erlaubt, nicht nur im Krieg. Sie ist für die Gerechtigkeit notwendig."

Magazinrundschau vom 17.02.2026 - Eurozine

Lucija Tunković widmet sich einer besonders gefährlichen und abstoßenden Seite Künstlicher Intelligenz: Durch Bildgenerierungs-Tools wie Veo 3 oder Elon Musks KI-Chatbot "Grok" verbreiten sich frauenfeindliche Videos rasend schnell im Netz, von KI-generierten Pornos, bei denen die Gesichter realer Frauen auf nackte Körper montiert werden bis zu Mordfantasien: "Hinter dem YouTube-Profil 'Woman Shot A.I' veröffentlichte ein anonymer Nutzer vom 20. Juni 2025 bis Mitte September Videos mit Titeln wie 'Japanische Schülerinnen in die Brust geschossen', 'Sexy Hausfrau in die Brust geschossen', 'Tragisches Ende einer Reporterin' und 'KI-Kopfschuss'. Die KI-generierten Inhalte zeigen Frauen, die Sekunden vor ihrer Ermordung um Gnade flehen, bevor sie erstochen, in die Brust geschossen oder enthauptet werden. Die Videos hatten über tausend Follower und mehr als 175.000 Aufrufe." Hier "geht es nicht um die Schattenseiten des Internets, wo in fremder Unterwäsche, Ketamin und Munition gestöbert wird, sondern um Videos, die auf einer globalen Videoplattform zugänglich sind, die täglich von Millionen von Erwachsenen und Kindern genutzt wird. Die Tatsache, dass keiner der bestehenden Verifizierungsmechanismen das Problem erkannte - zuerst Veo 3, das angeblich alle Anfragen blockiert, die gegen Googles Richtlinien verstoßen, und dann YouTube - zeigt, wie leicht Gewalt gegen Frauen hingenommen wird. Das umstrittene Profil wurde erst entfernt, nachdem das unabhängige Medienportal 404 Media über den Fall berichtet und eine Stellungnahme von YouTube angefordert hatte - also erst, als 'Woman Shot A.I.' zu einem potenziellen PR-Problem wurde."

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - Eurozine

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Hanna Nordenhök unterhält sich mit drei wichtigen Autoren aus Mexiko: Fernanda Melchor, Luis Jorge Boone and Emiliano Monge ist gemeinsam, dass sie in ihren Büchern auf Kinder als Ich-Erzähler zurückgreifen - eine Technik, die in der mexikanischen Literatur Tradition hat, wie wir lesen. Warum hat die kindliche Perspektive ein Comeback? In Melchors Romanen spielt beispielsweise die Sichtweise seelisch versehrter Kinder eine große Rolle. Nicht nur in ihrem Roman "Die Saison der Wirbelstürme" geht es um ein junges Mädchen, Norma, das sexuellem Missbrauch ausgesetzt ist. Melchor beschreibt hier eine toxische "Verwechslung" von Erwachsensein und Kindlichkeit, die sie auch auf die mexikanische Gesellschaft überträgt. Norma ist ein Kind, das "in Bezug auf eine kindische Erwachsenenwelt 'parentifiziert' wird. Norma's Mutter ist nicht die Erwachsene, sie ist ein Kind, das trinkt und Männern hinterherläuft, und Norma bleibt mit der Verantwortung für ihre Geschwister zurück. Ihr Stiefvater, der sie missbraucht, hat die gleiche Tendenz. In der mexikanischen Gesellschaft ist diese Infantilisierung der Erwachsenenwelt ein soziales und damit politisches Problem. Mexikaner lieben es, sich Autoritäten zu unterwerfen, weil wir ein angeborenes Bedürfnis haben, Kinder zu sein. Und ein Erwachsener, der ein Kind sein muss, ist jemand, dessen Bedürfnisse zu dem Zeitpunkt, als sie erfüllt werden sollten, nicht erfüllt wurden. Es gibt eine unerfüllte Sehnsucht nach Zärtlichkeit, eine Sehnsucht, die von anderen infantilen Erwachsenen korrumpiert wurde. Populistische Führer machen sich dieses Bedürfnis natürlich zunutze. 'Unterwirf dich mir, und alle deine Probleme werden verschwinden.' Für jemanden, der seit Generationen verletzt wurde, ist dieses Versprechen sehr verlockend."