Magazinrundschau - Archiv

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195 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 20

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - Eurozine

In einem sehr lesenswerten Beitrag zeigt Diana Georgescu, wie die dreiteilige Doku "The Romanians are Coming", mit der der britische Channel 4 2015 darstellen wollte, wie es rumänischen Immigranten in Britannien ergeht, alte Vorurteile weiterschreibt: "Der Film folgt den Protagonisten auf ihrem Weg aus rumänischen Slums bis nach London und weiter durch Britannien, wo sie versuchen, ihre Familien aus der Armut zu befreien. Die Serie zeigt die Hauptfiguren dabei, wie sie Steuergelder und das britische Gesundheitssystem für ihre Familien nutzen (und manchmal auch ausnutzen). Die zweite Folge, die eigentlich der Immigration der Mittelklasse gewidmet sein sollte, zeigt eine Krankenschwester aus Constanta, die als Pflegerin in einem Altersheim in Sheffield endet. Der Fokus liegt auf Menschen ohne Ausbildung, unvermittelbaren, leicht ausbeutbaren Arbeitskräften, die auf der Straße oder in überbelegten Wohnungen hausen. Um der Authentizität willen wirkt ein junger Roma, Alex, mit gebrochenem Englisch als Erzähler, für viele britische Journalisten ein ausreichender Beleg dafür, dass die Geschichte komplett aus Immigrantenperspektive erzählt wird. Alex wurde nicht zuletzt deswegen ausgewählt, weil seine Stimme Angstmacher wie Farage in Frage stellt. Er zwingt den Zuschauer, sich gegen die Stimmungsmache von Politikern zu stellen und nennt Statistiken über steuerzahlende Rumänen in Arbeit. In welchem Umfang Alex die Stimmen und Meinungen der Produzenten wiedergibt, wurde allerdings nie untersucht. Mit der Behauptung, sie ließen die Immigranten 'für sich selbst sprechen' geben die Produzenten die Verantwortung für die Perspektive auf rumänische Immigration gleichsam ab. Ein unvermeidlicher Vorgang bei der Vermittlung der 'Wahrheit hinter den Schlagzeilen'. Mit dem Fokus auf Migration fängt die Dokumentation die Spaltung Europas ein - zwischen dem alten und dem neuen, post-1989-Europa."

Dazu passt ein anderer Artikel des Magazins, in dem der rumänische Historiker Lucian Boia über rumänische Identität im Wandel nachdenkt: "Nach der sogenannten Latinisten-Theorie sind die Rumänen direkte Nachfahren der Römer, die Anfang des zweiten Jahrhunderts vor Christus Dakien eroberten. Die dakische Komponente wurde in dieser Sichtweise komplett aus der Geschichte entfernt. Die Vorstellung von der 'latinischen Reinheit' des rumänischen Volkes, die die Trennung zwischen Nationalgesellschaft und slawischer Welt unterstreicht und Hand in Hand geht mit der Neigung, den Westen als politisches und kulturelles Vorbild anzuerkennen, wurde Mitte des 19. Jahrhundert infrage gestellt."
Stichwörter: Rumänien

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Eurozine

Caroline Muscats Story zeigt auch auf, welche Praktiken zum künftigen Geschäftsmodell eines außerhalb der EU operierenden Großbritannien gehören könnten - aber eigentlich gehören sie ja schon jetzt dazu: Muscat ist eine Journalistin in Malta und versucht mit ihrem Internetmagazin The Shift News eine unabhängige Berichterstattung aufrechtzuerhalten - besonders nach der Ermordung der bekanntesten maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia. Sie erzählt, wie unabhängige Journalisten von meist in London basierten Anwaltskanzleien mit sogenannten "Slapp-Klagen" überzogen werden, Unterlassungsaufforderungen, die zwar meist nicht aussichtsreich sind, aber die Journalisten mit exorbitanten Rechtskosten bedrohen. Solch eine Klageandrohung hat Muscat von der Kanzlei Henley & Partners bekommen, die auf ihrer Website ganz offen damit angibt, dass sie reichen Leuten aus weniger glamourösen Ländern schickere Staatsbürgerschaften besorgen kann. "Der Brief enthielt eine klare Anweisung in Großbuchstaben, 'Nicht zur Veröffentlichung'. Er drohte mit einer Slapp-Klage, falls wir nicht eine Geschichte aus The Shift News entfernen, die wir über die Arbeit der Kanzlei in Grenada publiziert hatten. Es war unmöglich, dagegen anzugehen. Anwälte warnten mich, dass es keinen angemessenen Schutz dagegen gebe. Nach dem Mord an Caruana Galizia stellte sich heraus, dass auch gegen sie eine amerikanische Slapp-Klage in Höhe von 40 Millionen Euro angestrengt worden war. Zusätzlich zu den vierzig Verleumdungsklagen, die zuhause gegen sie liefen."

Der Putinismus hat nicht nur Stalin und Iwan den Schrecklichen wieder ins nationale Pantheon gehoben, er hat auch den militärisch-industriellen Komplex neu geschaffen, schreibt der russische Journalist Andrei Soldatov. Stalin hatte mit der "technischen Intelligentsia" jene Klasse von Ingenieuren geschaffen, die die spätere Sowjetunion dominierten,und Putin hat dieser Klasse durch Aufrüstung wieder einen Status gegeben. "Zunächst hat Putin die Vergrätztheit gegenüber dem Westen in die neue nationale Idee verwandelt. Was in den Neunzigern ein sicheres Zeichen für Verlierer war, wurde als das offizielle Narrativ anerkannt. Dann hat Putin die Rückkehr des militärisch-industriellen Komplexes im großen Maßstab bewerkstelligt und so Jobs für die technische Intelligentsia geschaffen... " Mit dem Ergebnis, "dass die Staatsquote in der russischen Wirtschaft immer weiter gestiegen ist. Im April 2019 gab die Antimonopolkommission des Staates zu, dass die Staatsquote bei 60 bis 70 Prozent liegt (im Jahr 2008 betrug sie noch zwischen 40 und 45 Proezent) und bereits negative Auswirkungen auf den Wettbewerb hat."

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - Eurozine

Zsófia Lóránd erinnert an die feministische Bewegung vor 1989 in Osteuropa, vor allem im früheren Jugoslawien: "Die Erinnerung an den Feminismus in Osteuropa nach 1989 ist getrübt von der weit verbreiteten Angst, den Begriff radikaler Feminismus zu benutzen, der den Wunsch nach tiefgreifender sozialer Veränderung bezeichnet, um die Unterdrückung der Frau in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen auszumerzen. Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern und Postfeminismus haben den Kampf für Frauenrechte und das Gespräch über Frauen als solche weitgehend ersetzt - ein Prozess, der in Ost und West gleichermaßen stattfand, der aber im Westen interessanterweise als Problem des Ostens gesehen wird und umgekehrt. Geht es um die Auslegung von 1989, so kompliziert ein Generationenclash nicht nur  die Erinnerung an, sondern auch die Zukunft der feministischen Bewegung, unabhängig von Grenzen … Um zu verstehen, was 1989 für den Feminismus in Ost- und Westeuropa bedeutete, und um ihn in der Mitte zwischen Ost und West anzusiedeln, hilft der Blick auf Jugoslawien, wo eine Art frühes Treffen zwischen Ost und West stattfand, eine Ahnung dessen, was nach 1989 geschah. Wie Frauen im restlichen Osteuropa auch, waren Feministinnen im zweiten Jugoslawien inspiriert durch zweite Welle des Feminismus im Westen. Es handelte sich um eine kleine, aber höchst kreative und mutige Gruppe, die in den 1970er Jahren die mögliche Neubewertung und eine konstruktive Kritik der staatssozialistischen Emanzipation wagte. Diese Frauen wollten in einem Staat leben, der die Gleichberechtigung ernst nimmt. Dieser seltene Fall eines feministischen Dissenz in einem sozialistischen Staat erwuchs aus dem kreativen Miteinander von Ideen, Diskurs und Menschen aus Ost und West. Die jugoslawischen Feministinnen erkannten das Wissenspotenzial der westlichen Feministinnen und dachten, dass der jugoslawische Sozialismus hinter seinen Möglichkeiten, die Frau zu befreien, zurückblieb. In den 70ern und 80ern erschufen sie eine eigene Version des Feminismus, die auf dem zeitgenössischen intellektuellen Diskurs, etwa der Frankfurter Schule, basierte und zugleich dessen Mängel erkannte."
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Magazinrundschau vom 17.06.2019 - Eurozine

Tunesiens islamische Ennahda-Partei wird weltweit gerühmt für ihren moderaten Kurs, ihre Fortschrittlichkeit und die Anerkennung einer demokratischen Verfassung jenseits der Scharia. Doch im Land selbst bleibt die Skepsis groß, wie Layli Foroudi in einem aus dem New Humanist übernommen Artikel berichtet. Viele glauben, dass die deklarierte Trennung von Moschee und Staat nicht aus echter Überzeugung rührt, sondern aus Angst vor einem Militärputsch wie in Ägypten: "Nach der Erklärung der Partei von 2016, verbildlichte der linke Karikaturist Tawfik Omrane die Trennung als die Enthauptung des Parteichef Ghannouchi. 'Für mich sind sie Lügner. Der Islam ist ihr politisches Gepäck', sagte er bei einer Ausstellung in Tunis, 'sie könne ohne ihn gar nicht überleben'. Viele Menschen teilen diesen Verdacht. 'Als sie in der Troika regierten, erlebten sie, dass die Gesellschaft gegen ihre Politik ist, aber was werden sie tun, wenn sie die Mehrheit haben?', fragt ein Aktivist aus Tunis, der anonym bleiben möchte: 'Wir applaudierten der AKP in der Türkei, weil sie so moderat war, aber wir wissen, was passierte.' 'Sie sind eine ganz freundliche islamistische Partei, lieb und nett', sagt der Autor Shadi Hamid, 'sie betonen immer, wie kompromissbereit sie sind, aber eigentlich übertreiben sie es, alles wirkt so demonstrativ'."
Stichwörter: Tunesien, Ennahda

Magazinrundschau vom 11.06.2019 - Eurozine

Die von außen kaum nachzuvollziehende Angst der osteuropäischen Länder vor Flüchtlingen oder Immigration, lässt sich leichter verstehen, wenn man ein sehr viel seltener thematisiertes Phänomen in den Blick nimmt, schreiben Stephen Holmes und Ivan Krastev in einem langen Essay: den ungeheuren Bevölkerungsschwund dieser Länder (inklusive den Neuen Ländern in Deutschland) nach 1989. Lettland hat seit 1989 27 Prozent seiner Bevölkerung verloren, über 3,4 Millionen Rumänen verließen seit 2007 ihr Land. Die Zahl der Osteuropäer, die nach Westen zogen, übersteigt die Zahl der Flüchtlinge bei weitem. Hinzu kommt eine riesige Angst vor Diversität, die mit historischen Traumata zu tun hat: "Osteuropa war vor hundert Jahren der ethnisch vielfältigste Teil des Kontinents, heute ist es unglaublich homogen…", aber die aktivsten Teile der Bevölkerung verlassen die Länder nach wie vor: "In ganz Europa sind die Gebiete mit den größten Bevölkerungsverlusten am ehesten geneigt, rechtspopulistisch zu stimmen. Auch dies legt nahe, dass die illiberale Wende in Mitteleuropa zutiefst mit dem Massenexodus besonders junger Menschen und demografischen Ängsten verknüpft ist."

Außerdem: Brücken können nicht nur verbinden, sie können auch trennen, schreibt der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk, der sich gegen die Vorstellung wehrt, man müsse zu den Russen "Brücken bauen", um eine Verständigung zu erreichen: Eine neue Betonung der Nähe zu Russland, würde im Gegenteil Gräben innnerhalb der Ukraine aufreißen. "Das Argument, dass Künstler, die nach Moskau reisen, nicht für Putin, sondern für das gute russische Volk auftreten, klingt für mich so merkwürdig, als würde man sagen, dass die Künstler im Zweiten Weltkrieg in Berlin hätten auftreten sollen."

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - Eurozine

In Nigeria gilt der Feminismus noch immer weithin als westlicher Angriff auf die afrikanische Kultur. In einem furchtbar hölzern geschriebenen, aber durchaus interessanten Text diskutiert Yemisi Akinbobola die Frage, wie männliche Widerstände gegen die Selbstermächtigung von Frauen ausgetrickst werden können. Sie rät zum neoliberalen Feminismus: "Der neoliberale Feminismus zielt nicht auf den Wandel von Kultur oder Gesellschaft, sondern auf einen der individuellen Lebensumstände, auf eine unternehmerisch ermächtigende Weise. Dies kann durchaus sinnvoll sein in einem Land wie Nigeria, wo die Beschäftigung niedrig und Armut groß ist und Unternehmertum de facto einen Ausweg darstellt. Alles, was die Selfmade-Mentalität befördert, was Frauen ermächtigt, rauszugehen und für sich Gelegenheiten zu schaffen, sollte vielleicht als Möglichkeit betrachtet werden, die Ungläubigen zu bekehren. Der neoliberale Feminismus stellt nicht den Status quo in Frage; er fordert das Individuum auf, sich selbst zu helfen. Und wenn er in einen Kontext allgemeinen Empowerments gestellt wird, nicht nur der Frauen, dann wird es für Männer schwierig zu rechtfertigen, warum sie Frauen weiterhin Hindernisse in den Weg legen. Das Geschäft wird zu einem Argument, dem sie sich nicht entgegenstellen können. In Nigeria die Aussicht auf ökonomischen Erfolg zu verstellen, ist ein Luxus, den sich die wenigsten leisten können."

Donald Trump hat die Realität in einen Zirkus verwandelt, in Karneval und Spektakel, getreu dem Motto seines Wahlkampfmanagers Roger Stone: "Politik ist Show-Business für Hässliche." Bei einer Lüge ertappt zu werden, stört ihn nicht. Anna-Karin Selberg erinnert das an Hanna Arendts Begriff von der modernen politischen Lüge, die nicht darin besteht, dass sie Realität leugnet, sondern sie transformiert. Wie Arendt in den "Ursprüngen und Elementen totaler Herrschaft" schrieb, ist es ein Merkmal des Totalitarismus, die Lüge in eine organisierte fiktive Welt zu verwandeln, eine alternative Realität: "Die Gefahr der modernen Lüge besteht nicht darin, dass sie historische Fakten verzerrt, sondern dass sie das gesamte faktische Gewebe auflöst und damit eine Geschichte der politischen Anfänge ersetzt durch eine alternative Geschichte, die diese zerstört. Das historische Gewebe, das 'spontan' zwischen Menschen entsteht, wird ersetzt durch eine organisierte, fiktive Realität: 'Der Unterschied zwischen der traditionellen und der modernen Lüge besteht im Unterschied zwischen dem Verbergen und dem Zerstören von Realität.'"

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - Eurozine

Der weiße Mann, über den sich die Stokowskis dieser Welt so gern echauffieren, ist der Verlierer der Geschichte, zumindest in den ärmeren Schichten der Bevölkerung, sagt Francis Fukuyama in einer kleinen Rede, die sehr schön seinen aktuellen Diskurs über Identitätspolitiken der Linken und Rechten resümiert. Ökonomisch hatte er in den letzten Jahrzehnten durch die Globalisierung das Nachsehen, und von der modernen Dienstleistungsgesellschaft profitieren eher Frauen, sagt Fukuyama. So konnte der Identitätsdiskurs, den die populistische Rechte von den linken Emanzipationsbewegungen abgekupfert hat, bei diesen Bevölkerungsgruppen auf fruchtbaren Boden fallen. Dass dies geschehen konnte, so Fukuyama, hat nicht nur mit Fake News und Extremismus zu tun, sondern auch mit Tatsachen: "Dies wird nachvollziehbarer, wenn Sie sich ansehen, was in den USA mit der weißen Arbeiterklasse geschehen ist, die zu einem großen Teil der schwarzen Arbeiterklasse in eine Art soziales Chaos folgte. Unter gering qualifizierten weißen Arbeitern ist die Zahl alleinerziehender Familien stark gestiegen, es gibt einen Anstieg der Kriminalitätsraten in armen weißen Vierteln und eine Opioid-Epidemie, die über 70.000 Amerikaner im letzten Jahr tötete und die Lebenserwartung weißer Männer in den letzten Jahren senkte. Es ist also kaum zu leugnen, dass es diesen Leuten in gewisser Hinsicht extrem schlecht geht."

Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Eurozine

Alain Caillé ist - nach Marcel Mauss und Lewis Hyde - ein Soziologe der "Gabe". Aurore Chaillou und Martin Monti-Lalaubie führen mit ihm ein anregendes Gespräch, das ursprünglich in der Revue Projet erschien - unter anderem sieht er die Aktualität von Identitätsdiskursen darin, dass unsere Gesellschaft nicht mehr eine des "Habens", sondern des "Seins" sei. Anerkennung laufe über Identität. Auch über das Geben hat er interessante Dinge zu sagen, und mehr noch übers Nehmen. Wenn er sagt, dass die eigentliche Kunst sei, ein Geschenk anzunehmen, klingt er fast wie ein kluger Knigge. Wer eine Gabe bekomme, sei von vornherein in der Position der Schwäche. Und  "man muss recht stark sein, um seine Schwäche oder den Anschein der Schwäche zu akzeptieren. Man könnte sagen, dass der eigentlich Schenkende derjenige ist, der einwilligt, ein Geschenk anzunehmen und anzuerkennen, dass das, was er bekommen hat, ein Geschenk ist und keine Verpflichtung. Denn die Annahme und Anerkennung macht aus dem Geschenk ein Geschenk. Ohne das ist es kein Geschenk. Hier ein banales Beispiel: Es ist üblich, wenn man irgendwo eingeladen ist, etwas mitzubringen (eine Flasche Wein, ein Dessert, Blumen). Mich verdrießt das. Es ist so, als müsstest du von vornherein zum Tausch antreten."

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - Eurozine

Vielleicht sollten wir aufhören, eine gemeinsame historische Ursache für den Aufstieg des Populismus zu suchen, überlegt die amerikanische Historikerin Holly Case. Was könnte geschichtlich auch die Länder verbinden, in denen Viktor Orbán, Jaroslaw Kaczyński, Donald Trump und Jair Bolsonaro an die Macht gekommen sind? Globalisierung, Kapitalismus oder die Moderne könnten vielleicht das Warum erklären, nicht aber das Warum jetzt? Umgekehrt werde ein Schuh draus, glaubt Case. Die Populisten verbindet die gemeinsame politische Strategie, die es erforderlich mache, die Geschichte umzudeuten: "Um zu erklären, was er mit illiberaler Demokratie meine, sagte Orbán: 'Illiberale Demokratie ist, wenn die Liberalen nicht gewinnen.' In seiner Ansprache zum Ende des Jahres 2006 bemerkte er genüsslich, dass alle, die dachten, die liberale Weltordnung sei unveränderbar', dass sich die Annahme, 'die Nationen sind am am Ende und können mit ihren Anhängern ins Museum wandern', als falsch erwiesen habe. Die Geschichte sei 1989 nicht an ihr Ende gelangt, schloss er, 'sie hat eine scharfe Wendung genommen, brach durch durch die sorgsam konstruierten Absperrungen und verließ den Pfad, der für sie vorgesehen war.' 1989 funktioniert nur als die Stunde Null des Liberalismus, die Ereignisse, die Francis Fukuyamas 'Ende der Geschichte' beflügelten. Wenn Orbán vorhatte, den Liberalismus zu unterminieren, dann musste er 1989 entsorgen."

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - Eurozine

Agata Araszkiewicz und Agata Czarnacka blicken in einem aus Esprit übernommen Text auf die Situation der Frauen in Polen, die sich nicht erst unter der nationalkonservativen PiS-Regierung gravierend verschlechtert hat: "Tatsächlich sind die politischen Auseinandersetzungen um Frauenrechte das wichtigste Merkmal der polnischen Transformation. Die Transformation - in Bezug auf individuelle Rechte und bürgerliche Freiheiten, vor allem über den eigenen Körper - basierte in der Hauptsache auf zwei Entscheidungen: Die Religion in die Schule zurückzubringen und Abtreibungen zu verbieten, die in den 42 Jahren der Volksrepublik von 1947 bis 1989 voll zugänglich war. Die Frauenrechte auf dem Altar eines Nichtangriffspakts mit der Kirche zu opfern, die ein wichtiger sozialer Akteur im Kampf für Demokratie unter dem Kommunismus war, wurde zu einem Wesenszug der polnischen Modernisierung. Wie schon die Kulturtheoretiker Jan Sowa und Przemysław Czapliński schrieben, wird die Modernisierung häufig als infrastrukturelle oder technologische Verbesserung verstanden, ohne von einem fortschrittlichen Verständnis der Menschenrechte begleitet zu sein (vor allem nicht der Rechte von Frauen und Minderheiten). Die Freiheit des Einzelnen verkümmert - moralisch und exitenziell."

Außerdem: Man könnte zwar glatt glauben, dass viele Russen, Ungarn und Polen gerade ganz verrückt nach Abschottung in jeder Richtung sind, doch Julia Sonnevend meint, dass jedem Osteuropäer eine Art postsowjetische Angst vor Grenzen und Autoritäten in die DNS geschrieben sei.