Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Eurozine

Litauen ist eines der pro-europäischsten Länder in der EU, schreibt Rasa Navickaitė. Was allerdings den Umgang mit Homosexualität und LGBTQ-Rechten angeht, nähert es sich gefährlich dem Land an, dass es am meisten fürchtet: Russland. Die Historikerin zeichnet die Affäre um ein Kinderbuch der Autorin Neringa Macaitė mit dem Titel "The Amber Heart" nach (das Buch ist hier gratis auf Englisch verfügbar). Die geplante Veröffentlichung des Buches löste einen riesigen Skandal aus: "Ursprünglich im Dezember 2013 von der Litauischen Universität für Erziehungswissenschaften mit finanzieller Unterstützung des Kulturministeriums veröffentlicht, wurde es schnell zum Mittelpunkt einer Kontroverse. Einige Nichtregierungsorganisationen und Politiker hatten ihre Besorgnis über den angeblich schädlichen Inhalt des Buches zum Ausdruck gebracht. Am meisten beunruhigten sie die Geschichten über die Liebe zwischen einem Prinzen und einem Schneider, die 'Händchen hielten und liebevolle Blicke austauschten, während sie im königlichen Garten spazieren gingen', und über eine Prinzessin, die 'mit der Tochter des Schuhmachers in ihren Armen einschlief'. Das Buch wurde von der Universität selbst aus dem Handel zurückgezogen, Macaité scheiterte bei allen juristischen Institutionen mit ihrer Klage, berichtet Navickaitė, erst vor dem Europäischen Gerichtshof bekam sie Recht. Leider konnte sie ihren Sieg nicht mehr feiern, sie erlag einem Krebsleiden. Anders als in Russland wird die Homophobie in Litauen nicht direkt vom Staat orchestriert, schreibt die Autorin, "stattdessen entsteht sie aus einem Netzwerk politischer, nichtstaatlicher und religiöser Organisationen und Institutionen (insbesondere im Zusammenhang mit der katholischen Kirche), die alle darauf abzielen, Einfluss auf die parlamentarische Politik und die Gesellschaft insgesamt auszuüben. Am deutlichsten zeigt sich dies im Fall von 'The Amber Heart' und dem komplizierten System der öffentlichen Empörung, das von Nichtregierungsorganisationen und politischen Interessengruppen gefördert wurde und eine institutionelle (Selbst-)Zensur zur Folge hatte. Solche moralischen Paniken sind natürlich nicht nur in Litauen anzutreffen und können auch im Lichte des jüngsten Aufschwungs der Anti-Gender-Bewegungen in Europa gesehen werden (die großzügig von russischen Geldern unterstützt werden). Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass die Zensur von Pro-LGBT-Informationen in Litauen in den letzten Jahren durch eine gesetzliche Bestimmung ermöglicht wurde, die von den Drahtziehern des Kremls kopiert wurde. Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Situation in nächster Zeit ändern wird."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - Eurozine

Die tschechische Schriftstellerin und Journalistin Radka Denemarková, die aufgrund ihres Kontaktes zu chinesischen Dissidenten seit 2017 nicht mehr nach China einreisen darf, schildert in ihrem Essay das Schicksal einer jungen Chinesin, die sich in offenen Briefen, den tschechischen Widerstandskämpfer Václav Havel zitierend, gegen ihre Regierung wendete. Die Methoden Chinas gegen Dissidenten vorzugehen, sind dieselben, die man in der Tschechoslowakei in der Ära der Normalisierung anwendete, erklärt Denemarková. In diesem Fall, indem man die junge Frau zu einer "freien Gefangenen" machte, so wie man es damals auch mit Havel versuchte: "Die Ermittler der Zentralen Kommission für Disziplinaraufsicht der Kommunistischen Partei Chinas haben unvorstellbare Befugnisse. Sie sind so allmächtig wie die Tschekisten in Stalins UdSSR, die ihre eigenen Feindeslisten aufstellten…Niemand wagt es, Fragen zu stellen. Die junge Frau suchte keine globale politische Konfrontation. Ihr Kampf war ein privater Versuch, nicht im Kompromiss zu ertrinken. Jetzt gibt es kein Zurück mehr - auch nicht zu sinnlosen, verdeckten Diskussionen darüber, was geopfert werden muss, um etwas zu erhalten. Während sie im Gefängnis auf ihren Prozess wartete, wurde sie von der Universität verwiesen. Das Haus ihrer Eltern wurde durchwühlt: Persönliche Gegenstände, darunter das Klavier der Familie, Computer, Mobiltelefone, Lehrbücher und Notizen für ihre Dissertation über die Funktion der Schilddrüse wurden beschlagnahmt; es wurden keine Beweise für unrechtmäßiges Verhalten gefunden. Ihr Geld wurde beschlagnahmt und ihre Bankkonten geschlossen. Ihre Eltern zeigten sich reumütig. Sie distanzierten sich von ihrer Tochter. Jeder, der sie finanziell oder verbal unterstützte, riskierte das gleiche Schicksal. Die junge Chinesin stand allein da, belastet von der Freiheit, belastet von ihrer Vision von einem würdigen, lebenswerten Leben. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Gute beginnt in der Regel mit einem hoffnungslosen Unterfangen. Sie schrieb einen Brief wie Havel. Er befreite sie innerlich und katapultierte sie in die geistige Autonomie. Dann erlebte sie die paradoxe Verzweiflung der neuen Entlassung in die Absurdität des Lebens als freie Gefangene. Was für eine Art von Freiheit ist das? Sie wird von allen ausgeschlossen, offiziell als Feind gebrandmarkt."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - Eurozine

Die offizielle türkische Geschichtsschreibung behauptet, dass der Kampf für Frauenrechte mit der Gründung der Türkischen Republik einherging, schreibt Funda Şenol. Diese Version, nach der die Gründerväter der Türkei den Frauen ihre Rechte "zugestanden" hätten, wurde erst spät von der Geschichtsschreibung angezweifelt und man stellte fest, dass es schon lange vor dem Entstehen der Republik feministische Bestrebungen gegeben hatte - die die Frauenrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts in der Türkei erst möglich machten. Senol zeichnet dieses Jahrhundert des Kampfes für Frauenrechte nach und beleuchtet dabei auch die Rolle der Künste und der Verlage, die eine tragende Rolle im modernen türkischen Feminismus spielten: "Die Zeitschrift Elele (der Name "Hand in Hand" wurde im Rahmen eines Leserwettbewerbs ausgewählt) entstand Ende 1976 und entwickelte sich zu einer Publikation, die in einem sanften Ton die Herausforderungen, mit denen Frauen konfrontiert sind, für eine breitere Leserschaft verdeutlichte und mögliche Lösungen anbot. Die Zeitschrift gehörte zur Hürriyet-Gruppe. Vor Elele behandelten Frauenzeitschriften vor allem Themen wie Kinderbetreuung, Gesundheit und Mutterschaft. Elele änderte ihren Ansatz, indem es diese Themen in einem enzyklopädischen Format präsentierte, das mit Hilfe von Fachleuten erstellt wurde. Vor allem führte Elele einen bahnbrechenden Sexratgeber ein, der sich ausdrücklich an Frauen richtete. Die Zeitschrift erinnerte die Leserinnen nicht nur an ihre Pflichten als Mütter und Ehefrauen, sondern belebte auch den Kampf um Rechte und Gleichberechtigung neu. Während diese Themen im Westen durch den harten Kampf der ersten Welle des Feminismus weitgehend aufgegriffen worden waren, waren sie in der Türkei nur ein kleiner Aspekt der Opposition gewesen. Die Forderung nach Legalisierung der Abtreibung, ein Thema, das später immer wieder auftauchen sollte, wurde zum ersten Mal in Elele in einem von Selma Tükel vorbereiteten Dossier geäußert. Die Bedrohung durch das Abtreibungsverbot, die die Gesundheit der Frauen durch illegale Eingriffe gefährdet, wurde ausführlich diskutiert und mit Beispielen und Expertenmeinungen belegt." (Heute ist Abtreibung in der Türkei theoretisch legal und praktisch verboten, mehr dazu hier.)

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - Eurozine

"Horror", seit einiger Zeit geistert Stanislav Aseyev das berühmte letzten Worte des Colonel Kurtz aus Coppolas Film "Apocalypse now" im Kopf herum. Mit dem Krieg in der Ukraine hat dieser Begriff für Aseyev eine neue Dimension bekommen, inkorporiert wird er von der Wagner-Gruppe, schreibt er: "Das 'Einzigartige' an der Wagner-Gruppe ist, dass sie - anders als der russische Staat - ihre Grausamkeiten nicht versteckt, sondern sie anpreist und zu einem Kult macht. Dieser Kult des Grauens sorgt nicht nur für eiserne Disziplin innerhalb einer Struktur, die aus Tausenden von Kriminellen besteht, die wegen besonders gewalttätiger Verbrechen verurteilt wurden, er erzeugt auch Angst beim externen Zuschauer. "Horror" ist für Aseyev das einzig adäquate Wort, um zu beschreiben, was er im Krieg in der Ukraine selbst gesehen hat. "Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Territorialverteidigungseinheit nach Bucha ging. Unsere Abteilung hatte sich nicht an den Kämpfen beteiligt und wir kamen am sechsten Tag nach dem Abzug der Russen in die Stadt. Wir wussten bereits von dem Massenmord an der Zivilbevölkerung, unzählige Journalisten aus aller Welt standen um die Kirche herum: Die Leichen wurden exhumiert. Wir beschlossen, einige Seitenstraßen hinunterzufahren, weil ein Einheimischer sagte, er habe dort einen Haufen verbrannter Leichen gesehen. Tatsächlich stießen wir in der Staroiablonska-Straße, die die ganze Welt kennt, auf die Überreste des Brandes zwischen einigen kleinen Häusern. Wir konnten nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen dort lagen - ich persönlich zählte vier. Eine der Leichen war in zwei Hälften zerrissen, und ein paar Meter weiter fanden wir ein verbranntes Bein, das die hungrigen einheimischen Hunde, die von ihren Besitzern bei der Evakuierung zurückgelassen worden waren, abgeknabbert hatten. Die Russen haben die Leichen einfach aufgestapelt und angezündet. Wenn man nur zehn Meter entfernt stand, sahen sie aus wie ein Haufen gewöhnlicher Abfälle, den jemand in seinem Garten verbrannt hatte. Und genau das war es zum Teil auch: Die verkohlten Leichen lagen neben Bauschutt. Die Menschen, die das getan haben, wollten damit - ob bewusst oder unbewusst - zeigen, dass menschliches Leben für sie nicht mehr bedeutet als Dreck."

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - Eurozine

"Doch die Seele ist ein treuer, unbeugsamer Vogel, / Der hartnäckig über einem undichten Dach kreist, Wie über einem völlig zerstörten Nest", heißt es in einem Gedicht der ukrainischen Poetin Oksana Stomina. Wie viele Frauen musste sie aus der Ukraine fliehen und verarbeitet Exil und Heimatverlust in ihren Gedichten. Tetiana Belimova stellt einige Vertreterinnen dieser, vor allem weiblich geprägten, ukrainischen Exilpoesie vor: "Oksana Stomina erschafft ihre Figur als einen Vogel, der Tausende von Kilometern von seiner Heimat wegfliegt. Doch der Storch fliegt bereits in die entgegengesetzte Richtung, nicht ins Exil, sondern in das verlassene Land. Für die Autorin ist der Weg zurück nach Mariupol versperrt. Dort regiert jemand, der ein Fremder ist, der nicht eingeladen wurde. 'Wer stiehlt den Schrott und die Reste des Herzens, / Versucht aber mein tägliches Glück?', fragt die Dichterin rhetorisch. 'Wer bringt alle meine Fotos in den Müll?' Doch ein Vogel erfährt keine Grenzen, so wie es auch keine Grenzen für die Phantasie, die Seele oder das Denken gibt." In einem Mantra-Gedicht Liudmila Horovas drücken sich hingegen die Wut über diese erzwungene Auslöschung der Identität, "die Wut und der Wunsch nach Vergeltung für die Verbrechen der Besatzer" aus, schildert Belimova. Horova lässt eine Hexe sprechen, deren mächtiger Zauberspruch den Feind erzittern lässt: "Ich säe in deine Augen, ich säe gegen die Nacht / Es geschieht dir so, Feind, wie die Hexe sagt! / Wie viele Roggenkörner in die Erde gefallen sind / So oft wirst du, Feind, getötet werden!"

Magazinrundschau vom 12.09.2023 - Eurozine

Bei den Wahlen in der Türkei gehörte der Autor Kaya Genç zu den Optimisten, erzählt er. Vielleicht war diesmal die Zeit gekommen für eine "Wiedergeburt der parlamentarischen Demokratie, eine Rückkehr zu Menschenrechten, und vor allem einen festen Abschied von Recep Tayyip Erdoğan und seinen Speichelleckern". Im Nachhinein ist für ihn klar: der Wahlkampf der Oppositionspartei CHP war ausschließlich von "Machthunger" und "Rachegelüsten" angetrieben, nicht von ernsthaften politischen oder moralischen Prinzipien - und das führte ihre Niederlage herbei. In seinem Buch "The Lion and the Nightingale" beschreibt der Autor, wie tief das Narrativ von Stärke und Macht, immer verbunden mit einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit, in der türkischen Gesellschaft verwurzelt ist: Die "Löwen" definieren sich "als herrschende Klasse, die sich als Meister betrachtet und Menschen aus allen Bereichen dazu aufrufen, sich ihr anzuschließen und sich von den 'Verlierern' zu trennen. Und dann sind da noch die Nachtigallen der Türkei: Intellektuelle, Dissidenten, Künstler und all die unabhängigen Köpfe, die die Machtstrukturen durch Gesang, Poesie und Komik untergraben und denen oft Armut oder Gefängnis drohen...Doch als ich ein Vorwort für die Taschenbuchausgabe schrieb, fiel mir auf, dass die diesjährigen Wahlen nicht zwischen Löwen und Nachtigallen stattfanden. Sie waren ein Kampf zwischen einem großen brüllenden Löwen und einer Legion von aufstrebenden Löwen, die versuchten, noch lauter zu brüllen." Die größte Angst der Opposition ist es, so Genc, "als schwach, degeneriert oder abweichend angesehen zu werden. Sie wollen die Norm repräsentieren, und die normative Identität, für die sie eintreten, ist diejenige, die in den 1920er Jahren propagiert wurde: die des säkularen, heterosexuellen, hart arbeitenden Bürgers, der sein Leben der Republik widmet. Doch der Normativismus ist ein Kampf, den die Opposition nicht gewinnen kann. Erdoğan hat seine Rivalen bereits als 'LGBTQI-Liebhaber' gebrandmarkt. Seine Regierung betrachtet jeden, der sich ihrem Patriarchalismus, dem ausbeuterischen Kapitalismus und den Ressentiments gegenüber 'den Anderen' widersetzt, als schwach, weich und zur Ausrottung bestimmt."

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Eurozine

Das Europa der Nachkriegszeit und einige seiner wichtigsten Intellektuellen, wie Jürgen Habermas und Jaques Derrida, gründeten die europäische Idee auf der Vorstellung einer "unendlichen agora" schreibt der ukrainische Philosoph Wolodimir Yermolenko. Dabei wurde vergessen, dass Frieden ohne Sicherheit unmöglich ist. Im Gegensatz zum agon, der "jegliche Interaktion als latenten Kampf" versteht, meint agora das lösen von Konflikten in einem Prozess von Austausch und Kompromiss: "Beide (Habermas und Derrida) glaubten, dass ein ewiger Prozess des Austauschs und der Ersetzung die Antwort auf den religiösen und metaphysischen Dogmatismus früherer Epochen sei. Was sie nicht erkannt haben, ist, dass Agora ohne Agon unmöglich ist. In einem Stadtstaat kann es keinen unendlichen Dialog geben, es sei denn, man baut eine Festung, die die Stadt vor potenziellen Angreifern schützt." Unter dem Schutz der NATO, konnten die europäischen Demokratien weiter vom "ewigen Frieden" träumen, so Yermolenko, und machten sich damit angreifbar: "Die Demokratie verwandelt sich nicht mehr in ein Imperium, sie wird vom Imperium angegriffen. Dieses Imperium und seine autoritären Verbündeten sehen, dass die Demokratien schwach und ungeschützt sind. Dass sie den Kampfgeist verloren haben. Dass sie die ritterliche Kultur der Vergangenheit verhöhnen. Und dass sie deshalb angegriffen und schließlich vernichtet werden können. Der russische Krieg gegen die Ukraine ist ein Angriff auf Europa. Russland befindet sich im Krieg mit Europa. Es ist an der Zeit, diese Tatsache voll und ganz zu akzeptieren und alle notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Die Agora ist nicht genug. Es gibt Zeiten, in denen man sie verteidigen muss. Und den Agon als Element der eigenen Identität wiederbeleben muss."

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - Eurozine

"Das ist immerhin eine kleine Sensation: ein gemeinsamer Essay von Jürgen Habermas und Jacques Derrida über 'unsere Erneuerung'", kommentierte am 31. Mai 2003 der Perlentaucher. Die beiden riefen mal wieder zur Bildung einer europäischen Öffentlichkeit auf, ihrem Alter geschuldet verwechselten sie allerdings Zeitungen mit Öffentlichkeit. Im Hintergrund tobten damals niemals getoppte Demos in Europa: Der Krieg gegen den Irak, wo immerhin ein Höllenhund vom Erdboden gefegt wurde, empörte das westliche Publikum um einiges mehr als von Putin gedecktes Giftgas in Syrien oder sein Krieg gegen die Ukraine. Und Habermas und Derrida meinten mit "europäischer Öffentlichkeit" noch ein "Kerneuropa", ohne die Länder Osteuropas. Eurozine bringt mit Hilfe der Zeit-Stiftung eine Artikelreihe unter dem Titel "Lessons of War" (organisiert vom einstigen Eurozine-Chef Carl Henrik Fredriksson), die zwanzig Jahre danach an Habermas' und Derridas Artikel anknüpft. Eröffnet wurde die Reihe von einem Text Daniel Cohn-Bendits und Claus Leggewies (hier). Den jüngsten Essay bringt Veronica Anghel, Forscherin an der Johns Hopkins School of International Studies, die über "die Macht kleiner Länder" schreibt. Den starken Willen osteuropäischer Länder wie Georgien, Moldau oder eben die Ukraine zum Westen zu gehören und nicht mehr als Manövriermasse und "Pufferzone" betrachtet zu werden, liest sie als ein Symptom der einst auch von den beiden Philosophen geforderten Dekolonisierung im Geiste: "Die Ukrainer haben sich für die europäische Identität entschieden, die Habermas und Derrida forderten. Nun ist es an der Zeit, dass Europa sich mit den Ukrainern identifiziert und auf den Ruf der Ukraine nach Vereinigung antwortet. Diese Entscheidung mag dem pazifistischen Argument von Habermas und Derrida im Zusammenhang mit der Irak-Invasion widersprechen. Aber sie steht im Einklang mit ihrer übergeordneten Botschaft. Sollte Europa beschließen, dass eine freie und intakte Ukraine nicht mehr in seinem Interesse liegt, und aufhören, die Ukraine zu unterstützen, wird die Ukraine den Krieg verlieren. Das Ergebnis wird nicht eine fügsame Bevölkerung sein, die bereit ist, ihre Souveränität und ihr Territorium im Austausch für ihre persönliche Sicherheit aufzugeben. Vielmehr wird ein schwer bewaffnetes und kriegsgestähltes Land in sozialem und politischem Chaos versinken. In diesem Szenario gewinnt Russland, und Europa verliert."

Magazinrundschau vom 25.07.2023 - Eurozine

Der Journalist Stanislav Aseyev hat nach der Annexion der Stadt Donezk 2014 durch russische Truppen unter einem anderen Namen weiterhin für ukrainische Medien berichtet, bis er 2017 aufflog und in das Arbeitslager Izolyatsia gebracht wurde. Im Gespräch mit Ivanna Skyba-Yakubova berichtet er über seine Erfahrungen im Lager, die er auch jüngst in einem Buch festgehalten hat, äußert sich aber auch kritisch zu einer Zukunftsperspektive für ein Post-Putin-Russland: "Die russischen Liberalen sagen dem Westen, dass nicht das russische Volk schuldig ist, sondern Putin und sein Gefolge. Wenn wir Putin vertreiben, sagen sie, werden wir kommen und die Dinge in Ordnung bringen; wir werden dem russischen Hinterland Bildung und Möglichkeiten bieten, so dass 'neue Russen' geboren werden und 'normale, echte Russen' zu ihnen stoßen werden - die 'normalen Russen', die jetzt irgendwo da draußen in Russland sind, aber aus welchen Gründen auch immer ruhig bleiben. Diese Vorstellung ist wahnhaft. Es ist sehr nützlich für sie, und sehr gefährlich für uns. Wenn es stimmt, dass nur Putin und sein Gefolge schuldig sind, dann kann es keine Wiedergutmachung geben. Das heißt, Putin soll zahlen, und Wanja aus Saratow trägt keine Verantwortung für irgendetwas. Aber das tut er. Wanja ist verantwortlich. Aber er würde das nicht akzeptieren - zumindest nicht so, wie die Deutschen ihre kollektive Verantwortung nach dem Zweiten Weltkrieg akzeptiert haben. Es gibt keine Möglichkeit, dass sich Russland unter irgendeiner Regierung ändert. Manche sagen, dass die Herrschaft Jelzins die einzige freie Periode in der russischen Geschichte der letzten 300 bis 400 Jahre war. Aber selbst dann sollte man sich daran erinnern, wie russische Soldaten in Tschetschenien gehandelt haben. Formal war es ein liberales Regime, aber in Tschetschenien haben Soldaten ganze Städte ausgelöscht, so wie sie es jetzt in der Ukraine tun. Wir müssen einen sehr pessimistischen Blick auf Russland und seine Bevölkerung entwickeln und unsere Politik auf dieser Grundlage aufbauen."

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - Eurozine

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland braucht nicht nur mehr Transparenz, konstatiert Annika Weiss, sondern auch eine echte Demokratisierung, so dass sich auch die Beitragszahlenden wieder involviert fühlen können. Wie wäre es mit einer Reform ganz oben? "Um ein völlig unabhängiges Gremium für die Kontrolle der Programme und Finanzen zu schaffen, muss die gesamte Bandbreite der Zuschauerschaft in den Rundfunk- und Verwaltungsräten vertreten sein. Anstatt sich auf Vertreter etablierter Organisationen und politischer Akteure zu verlassen, um die Bevölkerung zu repräsentieren, könnten die Gebührenzahler umfassender vertreten werden. Sie könnten zum Beispiel ähnlich wie Geschworene nach dem Zufallsprinzip einberufen werden, wie es im Modell der Bürgerversammlungen geschieht. Dies würde ihre aktive Teilnahme als Interessenvertreter ermöglichen, die keine vorgegebene Agenda haben, wie es bei Organisationen, die Interessen vertreten, der Fall ist. Wie die Experimente von Nanz zur Bürgerbeteiligung zeigen, sind die Bürgerinnen und Bürger nach einer Schulung oder einem Training zu bestimmten Themen durchaus in der Lage, sich an wichtigen Entscheidungen auf lokaler politischer Ebene zu beteiligen."