Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 01.09.2020 - Novinky.cz

Der Schriftsteller Jiří Kratochvíl, seit Jahrzehnten eine feste Größe der tschechischen Literatur - und mit seinem neuen Roman für den Magnesia-Litera-Preis nominiert -, warnt in einem Gespräch mit Monika Rychlíková vor vorschnellen Abverurteilungen von Schriftstellern, wie im Falle des Denunziationsvorwurfs gegen Milan Kundera. "Ich habe nämlich selbst eine ähnliche Hetzjagd erlebt, und zwar in den übelsten Zeiten, den 80er Jahren, als ich mich nicht verteidigen konnte. Damals gelangte aus dem Exil eine Verlautbarung in die Dissidentenkreise, ich sei Mitarbeiter der Staatssicherheit. Nach 1990 hat sich das erledigt, ich wurde per Lustrationsgesetz offiziell entlastet, und der Autor, der das Gerücht verbreitet hatte, hat sich bei mir entschuldigt. Aber das Erleben dieser Hetzjagd werde ich nicht mehr los, es quält mich immer noch, und deshalb bin ich bei diesem Thema besonders empfindlich." Kratochvíl erzählt auch davon, was für ein Segen die Dissidentenliteratur der Achtziger für ihn war und wie isoliert er zuvor gewesen sei, als er immer nur schrieb, um seine leserlosen Manuskripte hinterher zu verbrennen. "In den Siebzigern bewegte ich mich faktisch als Hilfsarbeiter durch die verschiedensten Gewerbe, allerdings konnte ich das Geschichtenerzählen nicht sein lassen. Ich war ein verbotener Schriftsteller und damals noch ohne Kontakt in die Szene der Dissidentenliteratur, ich lebte also in einer Art literarischem Autismus. (…) Und dann, Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre, hatte ich eingefleischter Einzelgänger auf einmal ein reges gesellschaftliches Leben. Die Begegnung mit der Dissidentenszene ist der wichtigste Teil meines Lebens. Nur unter so außergewöhnlichen Bedingungen nämlich hat man die Chance, die Bedeutung von Literatur zu erkennen."

Magazinrundschau vom 25.08.2020 - Novinky.cz

In den letzten Wochen hat sich in Tschechien eine Art Historikerstreit über die Zeit des tschechoslowakischen Kommunismus und besonders der sogenannten "Normalisierung" zwischen 1968 und 1989 entwickelt. Der an der Prager Karlsuniversität lehrende Michal Pullmann und andere Kollegen werden darin als "revisionistische Historiker" bezeichnet, da sie in ihrer Forschung neben den Mächtigen auch die normale Bevölkerung während des Kommunismus stärker in den Fokus nehmen und zum Schluss kommen, dass das Regime in der Gesellschaft eine gewisse Legitimität und Unterstützung fand. Der Politologe Jiří Pehe fasst in einem Kommentar die emotionale Debatte zusammen: "Pullmann und die anderen Historiker streiten nicht ab, dass das Regime repressiv und verbrecherisch war, sie machen jedoch darauf aufmerksam, dass nicht wenige Menschen sich mit ihm arrangierten und etliche zum Beispiel seine Sozialpolitik schätzten. Sie machen darauf aufmerksam, dass es sich um kein klassisch diktatorisches Regime handelte, in dem auf der einen Seite eine Junta der Macht steht und auf der andere Seite der beherrschte Rest der Gesellschaft, sondern dass es durch komplizierte Mechanismen die ganze Gesellschaft durchdrungen hatte, die sich zum größten Teil konform verhielt. Die Kritiker aus dem antikommunistischen Lager lehnen diese Interpretation ab. Ihrer Ansicht nach konnte das Regime nur mittels Angst und Einschüchterung existieren und habe eine eigene Legitimität weder besessen noch generiert. Sie beschuldigen Pullmann und Kollegen der Relativierung des Bösen, das der kommunistische Totalitarismus dargestellt habe." Pehe erinnert jedoch daran, dass die kommunistische Ära kein Monolith gewesen sei, sondern verschiedene Ausformungen gehabt habe - vom stalinistischen Totalitarismus der fünfziger-Jahre über die Liberalisierung der sechziger-Jahre bis hin zur Normalisierung, über die sogar Václav Havel als "posttotalitäres Regime" geschrieben habe. Der größte interpretatorische Knackpunkt sei zudem der Prager Frühling von 1968, in dem man einen "dritten Weg", den Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gesucht habe. Insgesamt nimmt Pehe die "revisionistischen Historiker" in Schutz und plädiert für einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Facetten der kommunistischen Ära.

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - Novinky.cz

Jan Nováks Biografie über Milan Kundera hat noch vor ihrem Erscheinen in Tschechien die Gemüter erhitzt. Petr Fischer fällt ein vernichtendes Urteil über das Buch, dessen einseitige Perspektive und seinen Anklageton. Obwohl der vor einigen Jahren aufgekommene Verdacht, Kundera habe 1950, als 21-Jähriger einen jungen Antikommunisten denunziert, nie endgültig bewiesen werden konnte, sieht Novák nämlich Kunderas marxistische Haltung offenbar in dessen ganzen Leben und Werk bestätigt: "Kundera hat seine Vergangenheit auf zynische Weise bewältigt", schreibt der Buchautor. "Nicht nur vertuscht er seine Teilnahme als junger Mann an den Verbrechen der Revolution, er bestreitet auch den Begriff der Gerechtigkeit selbst - und wenn es keine Gerechtigkeit gibt, dann kann es auch keine Verbrechen geben, keine Verbrecher, keine Schuld, keine Strafe." Dem hält Petr Fischer entgegen: "Dass Kundera seine Vergangenheit verbergen, sie vergessen will, darin hat Novák sicher recht, die These der nicht existenten Gerechtigkeit jedoch ist eine reine Projektion, die weder in Kunderas Leben noch in seinen Essays noch in seinem Romanwerk eine Entsprechung findet, sondern nur in Nováks besessener Vorstellung von der ewigen Wahrheitsrelativisierung seitens der weltweiten Linken... Dabei sagt Kundera nirgendwo, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Sein Thema ist der ironische Lauf der Geschichte, die Vergeblichkeit der menschlichen Bemühungen, sie im Griff zu behalten und am Leben zu reifen, Bemühungen, die sich am Ende immer rächen." Fischer schließt: "So wendet sich der ironische Lauf der Geschichte schließlich auch gegen Novák. Er hat geduldig so viel Material aufgehäuft, um den wahren Milan Kundera zu offenbaren, bis er doch vor allem nur sich selbst entlarvt hat."

Weitere Stimmen: Ondřej Slačálek urteilt in a2larm.cz übrigens noch gnadenloser: Er wirft dem Autor Boulevardjournalimus und gar alte Methoden der Staatssicherheit vor, nämlich die Missachtung der Intimsphäre. Jana Machalická schreibt in den Lidové noviny über den Rummel vor der Veröffentlichung: "Was bisher über das Buch, und damit über Kundera geschrieben wurde, sagt vor allem etwas über uns selbst aus, über unsere gespaltene Gesellschaft und unsere Schwarz-Weiß-Sicht." Den Inhalt des Buchs kann sie nicht ernstnehmen. Geradezu komisch sei Nováks Aussage, Kundera schreibe so authentisch übers Denunziantentum, dass er das selbst durchlebt haben müsse - als gäbe es nicht so eine Kategorie wie schriftstellerisches Können. Ihr Fazit: "So viel Arbeit, so viele Seiten, und doch so wenig über den wirklichen Kundera. Über seine lebenslange Zurückgezogenheit, den Fluch, sich von anderen abzusondern, über seine Überempfindlicheit. Auch nichts über das Thema des Mitleids, das in seinem Werk so besonders durchscheint. Kundera ist nicht unkritisierbar, aber so einen gnadenlosen Beschuss mit Mist, wie Pavel Kosatík treffend auf Facebook schreibt, hat er nicht verdient."
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Stichwörter: Kundera, Milan, Novak, Jan

Magazinrundschau vom 26.05.2020 - Novinky.cz

Im Gespräch mit Klára Vlasáková berichtet die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, wie sich in ihrer Heimat die Wahrnehmung ihres Romans "Die Vegetarierin" verändert habe. In Südkorea sei in den letzten Jahren - auch dank #MeToo - eine recht starke Feminismuswelle aufgekommen. "Im Jahr 2007, als der Roman zuerst erschien, hatte er nur ein paar Fans, für die größere Leserschaft handelte es sich um einen unangenehmen, schwer erträglichen Text. Die Unterdrückung und die Gewalt, die die Protagonistin erlebt, wurden als ein Randphänomen empfunden, dem man keine große Aufmerksamkeit widmen musste." Inzwischen sei "Die Vegetarierin" zu ihrer Überraschung in Korea ihr bekanntestes Buch. "Die Leute sagen mir, wie sehr sie mit der Heldin mitfühlen und sie begreifen können. Die Welt hat sich seit der Erstausgabe sehr verändert - und mit ihr die Rezeption des Buchs."

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - Novinky.cz

Hart ins Gericht geht die tschechische Literaturwissenschaftlerin Eva Klíčová in einem Essay mit Tschechiens Autorinnen, von deren Seite kein Beitrag zur MeToo-Auseinandersetzung komme, (die in Tschechien sowieso praktisch nicht stattgefunden habe), sondern die im Gegenteil oft noch ein stereotypes Frauenbild zementierten. In populären Frauenromanen findet Klíčová allerorten Selbstvorwürfe von vergewaltigten Heldinnen, etwa bei Barbara Nesvadbová ("Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kommen konnte, mich von niemandem begleiten zu lassen." - "Mein Rock war so kurz, dass er ihn mir nicht mal runterreißen musste"), wo die Vergewaltigung innerhalb der Geschichte die Funktion hat, eine verwirrte junge Frau wieder auf den rechten Weg zu bringen; oder bei Irena Hejdová, wo die dicke, unattraktive Protagonistin im Grunde froh sein muss, dass sich noch ein männliches Wesen für sie interessiert. Aber selbst in der höherwertigen Literatur findet Klíčová zu wenig weibliche Selbstermächtigung. In ihrem Erzählband "Wahnsinnig traurige Geschichten" entwerfe die Schriftstellerin Tereza Boučková ihre Protagonistin, die von ihrem Mann verlassene Marta, als Archetyp der verwünschten Prinzessin, deren schlummernde Weiblichkeit nicht von einem Prinzen, sondern einem sexuellen Raubtier befreit wird - freilich nicht nur mit einem Kuss. Im Kohlenkeller von einem fremden, stinkenden Kerl vergewaltigt, fühlt sie sich zunächst verwundet, erniedrigt und schmutzig, um dann schließlich ein ganz neues Selbstbewusstsein als Frau zu entdecken und sich entsprechend zu kleiden und zu schminken. Die Aussage, so Klíčová, ist klar: "Eine Frau, die nicht 'sexy' ist, ist keine richtige Frau, genauso wenig wie eine, die keinen Sex mit einem Mann hat. (…) Das alles ist natürlich 'nur' Literatur. Aber es sind auch starre Regeln, anhand deren wir verschiedene Situationen bewerten. Dass man in diesem toxischen Ambiente sexuelle Übergriffe oder Missbrauch zu melden wagt, ist nahezu nicht vorstellbar." Und tatsächlich würden Schätzungen nach in Tschechien überhaupt nur acht Prozent der Vergewaltigungen gemeldet.

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Novinky.cz

Klára Vlasáková unterhält sich mit dem kanadisch-amerikanischen Historiker James Krapfl (Autor des Buchs "Revolution with a Human Face. Politics, Culture and Community in Czechoslovakia, 1989-1992") über die Samtene Revolution und ihre Nachwirkungen auf die tschechische Gegenwart. Krapfl bedauert, dass bei Gedenkfeierlichkeiten fast überall nur das Bild Václav Havels zu sehen sei und nicht die streikenden und demonstrierenden Studenten und normalen Leute. Deren Engagement, auch in der Provinz, werde zu sehr vernachlässigt. "Wenn wir die Demokratie bewahren wollen, müssen wir wissen, woraus und wie sie entstanden ist, wie das alles funktioniert. Alle gegenwärtigen Institutionen ziehen ihre Legitimität aus den Revolutionserfahrungen von 1989. Und: In einer Demokratie sind das Wichtigste die Bürger. Verlieren sie das Interesse an der Politik und der Möglichkeit, sie zu beeinflussen, können wir nicht mehr von einer Demokratie sprechen. (…) Meiner Meinung nach wird zu häufig vergessen, dass in den Umbruchsjahren 1989/1990 den Führungskräften in den Unternehmen das Vertrauen oder Misstrauen ausgesprochen wurde. Denn so verstanden die Leute damals die Demokratie: als Möglichkeit, den eigenen Arbeitsplatz direkt zu beeinflussen. Dieses Phänomen würde unbedingt eine eigene Studie verdienen - auch mit Einbeziehung des Jahres 1968. Was die persönlichen Beziehungen betrifft, so sprachen die Menschen damals von einer neuen Gesellschaft, von einem neuen Zugang zueinander. Sie scheuten sich nicht, das Wort 'Liebe' zu verwenden, und wünschten sich, die Gesellschaft möge darauf aufbauen. Menschlichkeit wurde zu einem zentralen Ideal. Daran besonders gilt es sich zu erinnern in einer Zeit, in der wir von der Diktatur der Algorithmen umgeben sind. Unsere Handys sehen voraus, was wir uns wünschen, und teilen uns die entsprechenden Informationen zu. Dadurch, dass uns Systeme, die wir selbst geschaffen haben, zum Wahrscheinlichsten drängen, verlieren wir die menschliche Vielfalt, die Biodiversität. Auch davor hat übrigens Václav Haval in 'Versuch, in der Wahrheit zu leben' gewarnt."

Magazinrundschau vom 10.03.2020 - Novinky.cz

Tereza Butková unterhält sich mit der tschechischen Politologin Anna Durnová, deren Buch "Understanding Emotions in Post-Factual Politics: Negotiating Truth" letztes Jahr erschienen ist. Durnová möchte von der viel bemühten Dichotomie von "truth" und "post-truth" wegkommen und den Blick stärker auf den Widerstreit von "fakticity" und "emoticity" lenken, denn der Kern des Problems liege für sie stärker in der jeweiligen Ablehnung oder Nutzung von Emotionen. "Wir trennen Emotionen in solche, die akzeptabel sind, und solche, die inakzeptabel sind, obwohl wir wissen, dass sie normaler Bestandteil des Lebens und auch der Politik sind." In den 80er-Jahren seien es eher linke Stimmen gewesen, die im Rahmen der 'Science and technology studies' an einer in sich geschlossenen Wissenschaft Kritik übten. Ihnen sei es um die Emanzipation der Öffentlichkeit gegangen, die an wissenschaftlichen Fragen partizipieren sollte. Die Forschung sollte stärker der Gesamtgesellschaft dienen statt nur dem dem Kapital und der Macht. Die Haltung der Wissenschaftler wurde damals als abgehoben und arrogant kritisiert. "Das Problem ist, dass 2016 genau das gleiche Arroganz-Argument von der Ultrarechten, den Populisten und solchen Gruppen übernommen wurde, denen es um die Wahrung ihres Kapitals und ihrer privilegierten Stellung ging. Diese Gruppen haben kein Interesse daran, den weniger privilegierten Teil der Gesellschaft zu berücksichtigen. Während man früher im Namen der marginalisierten Gruppen kämpfte, kämpfen heute die, die Kapital besitzen, im Namen der alten weißen Männer. Und indem die Rechte dieselben Methoden verwendet, delegitimisiert sie zugleich die ursprüngliche Kritik."
Stichwörter: Durnova, Anna, 80er

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Novinky.cz

Novinky bringt ein Interview mit dem slowakischen Philosophen Lukáš Likavčan, in dessen Betätigungsfeld politische Ökologie, Technologie, Medientheorie, Kunst und Design miteinander verschmelzen. Likavčan war Teil des russischen Kreativ-Think-Tanks Strelka, wo er von der These ausging, "dass wir für neue Ereignisse immer noch alte Konzepte verwenden. Doch was geschieht, ist so radikal neu, dass wir am Ende die Fähigkeit verlieren, dauerhafte Veränderungen überhaupt zu begreifen." In seinem Buch "Introduction to Comparative Planetology" beschäftigt Likavčan sich mit den verschiedenen Konzepten von unserem Planeten und den jeweiligen politischen Implikationen. "Die planetare ist eine Vorstellung von der Erde als unpersönlicher, geophysischer Prozess. Die globale begreift sie als glatte Einheit - gewissermaßen die Voraussetzung von Globalisierung, Kosmopolitismus und globalem Kapitalismus. Die terrestrische Vorstellung ist eine Gegenreaktion - die Fragmentierung, Rückkehr zum Lokalen, zum Stück Land. Die Earth-without-us-Vorstellung begreift den Planeten als etwas, das weder besonders lebendig noch irgendwie eindeutig mit der Menschheit verbunden ist; für diese Erde sind wir eigentlich nicht interessant. Für mich ist das ein ideales Modell: die Menschheit als vorübergehendes Medium (…) Wir Menschen sind nur ein Punkt in irgendeiner Stoffwechselkette. Das spektrale Konzept schließlich ist die Vorstellung von der Erde als eines von den Geistern ausgestorbener Arten bewohnten Planeten." Die gegenwärtige Klimakrise betreffend, stellt Likavčan fest, "dass wir uns bereits nicht mehr um Prävention kümmern, sondern nur noch um eine Abmilderung der Krise, eine Anpassung an sie. Das ist eine alarmierende Veränderung. Die Nationalstaaten haben als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel versagt." Als letztes Mittel griffen sie zunehmend auf die Armee zurück - wie aktuell bei den Feuersbrünsten in Australien -, für Likavčan eine beunruhigende Entwicklung. In seinem Buch schlägt er deshalb vor, den politischen Raum neu zu denken und sich auf eine infrastrukturelle Geopolitik zu konzentrieren. Bewegungen wir Fridays for Future oder Extinction Rebellion besäßen eine gute Intuition, auch wenn sie sie nicht sehr präzise ausdrücken könnten. Viele Umweltbewegungen bremse der Versuch, den scheinbaren Zwiespalt zwischen dem Globalen und dem Lokalen aufzulösen. Dabei sei das Lokale immer auch planetar. "Mich interessiert zum Beispiel, welche Rolle die Städte in der Klimapolitik spielen können - ob man nicht Föderationen und Kooperationsstrukturen quer durch die Staaten aufbauen könnte." Hoffnung machen ihm Städte in Schweden oder Barcelona mit ihrer sehr progessiven ökologischen Politik.

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - Novinky.cz

Anlässlich der Prager Konferenz "Feministische Ziele vor dreißig Jahren und heute: Inventur und Ausblicke" unterhält sich Klára Vlasáková mit der ungarischen Politologin Eszter Kováts, die bei vielen Linken, FeministInnen und LGBT-Aktivisten ein Zukunftskonzept zur sozialen Solidarität vermisst: "Es genügt nicht, nur neue Gruppen hinzuzufügen und zu sagen: Seien wir solidarisch mit den Frauen, Schwulen, Roma … (…) Unser Thema muss zum Beispiel die Lebenssituation armer Frauen sein, und wie die Gesellschaft sie dafür bestraft, dass sie sich der Pflege um ihre Angehörigen widmen. (…) Frauen begegnen innerhalb des Kapitalismus spezifischen Problemen. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt entwurzelt und ihre Arbeitgeber verstehen nicht, was es in der Realität bedeutet, sich um die Alten oder die Kinder zu kümmern. Der Kapitalismus begreift die Pflege als Selbstverständlichkeit." Kováts hat das Gefühl, die Linke überlasse solche sozialen Fragen zunehmend der Rechten. "Nehmen wir den Bereich der Pflege. In Polen hat Kaczyński ein großzügiges Kinderzuschussprogramm eingeführt, das die Pflege als Arbeit anerkennt und die Würde der Menschen erhöht, die sich um andere kümmern. Ein ähnliches Programm gibt es auch bei uns in Ungarn. Aber während in Polen die Zuschüsse quer durch die sozialen Klassen gehen, sind die in Ungarn vor allem für die Mittelschicht gedacht. Hier geht es nicht darum, die soziale Situation der ärmeren Familien zu verbessern, sondern die Mittelschicht zufriedenzustellen, damit diese nicht aufbegehrt. Es hat auch einen ethnischen Hintergrund. Orbán will die armen Roma-Familien nicht ermuntern, noch mehr Kinder zu bekommen."

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Novinky.cz

Vor 50 Jahren, am 21. August 1969, fanden in mehreren Städten der Tschechoslowakei - ein Jahr, nachdem die Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet hatten - die letzten Demonstrationen gegen die Sowjetarmee statt, es kam zu Toten und Verletzten. In einem Essay erinnert sich der damalige Dissident und spätere Premier Petr Pithart an die Prager Demonstration. "Es war keine organisierte Zusammenkunft, niemand hatte zu etwas aufgerufen. Wir gingen jeder für sich. Manche hielten sich an den Händen. Wir waren dort, weil es die letzte Möglichkeit war. Hingehen musste man, auch wenn es keinen praktischen Sinn mehr hatte. Nach Jahren erkennen wir, dass diese Momente, in denen es vermutlich um nichts mehr geht, nur noch um Kopf und Kragen, die wichtigsten, vielleicht die besten in unserem Leben sind. In Zeiten der Auszehrung nährt man sich lange von ihnen. Es ist die reine Freiheit (…) Niemand wird schlecht über dich sprechen, weil du dort nicht warst. Eher deswegen, weil du dort warst, und schon hat man sich für dich neue, bislang unbekannte Strafen ausgedacht: Auflösung des Arbeitsverhältnisses aufgrund von Vertrauensverlust, Schulausschluss, verlängerte Inhaftnahme, beschleunigte Gerichtsverfahren, Einzelrichter. Nur weil du dort warst und sie dich erwischt haben. Was für eine Freiheit also? Die Freiheit, sich sein Schicksal zu wählen."