Magazinrundschau - Archiv

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52 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 6

Magazinrundschau vom 10.03.2020 - Novinky.cz

Tereza Butková unterhält sich mit der tschechischen Politologin Anna Durnová, deren Buch "Understanding Emotions in Post-Factual Politics: Negotiating Truth" letztes Jahr erschienen ist. Durnová möchte von der viel bemühten Dichotomie von "truth" und "post-truth" wegkommen und den Blick stärker auf den Widerstreit von "fakticity" und "emoticity" lenken, denn der Kern des Problems liege für sie stärker in der jeweiligen Ablehnung oder Nutzung von Emotionen. "Wir trennen Emotionen in solche, die akzeptabel sind, und solche, die inakzeptabel sind, obwohl wir wissen, dass sie normaler Bestandteil des Lebens und auch der Politik sind." In den 80er-Jahren seien es eher linke Stimmen gewesen, die im Rahmen der 'Science and technology studies' an einer in sich geschlossenen Wissenschaft Kritik übten. Ihnen sei es um die Emanzipation der Öffentlichkeit gegangen, die an wissenschaftlichen Fragen partizipieren sollte. Die Forschung sollte stärker der Gesamtgesellschaft dienen statt nur dem dem Kapital und der Macht. Die Haltung der Wissenschaftler wurde damals als abgehoben und arrogant kritisiert. "Das Problem ist, dass 2016 genau das gleiche Arroganz-Argument von der Ultrarechten, den Populisten und solchen Gruppen übernommen wurde, denen es um die Wahrung ihres Kapitals und ihrer privilegierten Stellung ging. Diese Gruppen haben kein Interesse daran, den weniger privilegierten Teil der Gesellschaft zu berücksichtigen. Während man früher im Namen der marginalisierten Gruppen kämpfte, kämpfen heute die, die Kapital besitzen, im Namen der alten weißen Männer. Und indem die Rechte dieselben Methoden verwendet, delegitimisiert sie zugleich die ursprüngliche Kritik."
Stichwörter: Durnova, Anna

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Novinky.cz

Novinky bringt ein Interview mit dem slowakischen Philosophen Lukáš Likavčan, in dessen Betätigungsfeld politische Ökologie, Technologie, Medientheorie, Kunst und Design miteinander verschmelzen. Likavčan war Teil des russischen Kreativ-Think-Tanks Strelka, wo er von der These ausging, "dass wir für neue Ereignisse immer noch alte Konzepte verwenden. Doch was geschieht, ist so radikal neu, dass wir am Ende die Fähigkeit verlieren, dauerhafte Veränderungen überhaupt zu begreifen." In seinem Buch "Introduction to Comparative Planetology" beschäftigt Likavčan sich mit den verschiedenen Konzepten von unserem Planeten und den jeweiligen politischen Implikationen. "Die planetare ist eine Vorstellung von der Erde als unpersönlicher, geophysischer Prozess. Die globale begreift sie als glatte Einheit - gewissermaßen die Voraussetzung von Globalisierung, Kosmopolitismus und globalem Kapitalismus. Die terrestrische Vorstellung ist eine Gegenreaktion - die Fragmentierung, Rückkehr zum Lokalen, zum Stück Land. Die Earth-without-us-Vorstellung begreift den Planeten als etwas, das weder besonders lebendig noch irgendwie eindeutig mit der Menschheit verbunden ist; für diese Erde sind wir eigentlich nicht interessant. Für mich ist das ein ideales Modell: die Menschheit als vorübergehendes Medium (…) Wir Menschen sind nur ein Punkt in irgendeiner Stoffwechselkette. Das spektrale Konzept schließlich ist die Vorstellung von der Erde als eines von den Geistern ausgestorbener Arten bewohnten Planeten." Die gegenwärtige Klimakrise betreffend, stellt Likavčan fest, "dass wir uns bereits nicht mehr um Prävention kümmern, sondern nur noch um eine Abmilderung der Krise, eine Anpassung an sie. Das ist eine alarmierende Veränderung. Die Nationalstaaten haben als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel versagt." Als letztes Mittel griffen sie zunehmend auf die Armee zurück - wie aktuell bei den Feuersbrünsten in Australien -, für Likavčan eine beunruhigende Entwicklung. In seinem Buch schlägt er deshalb vor, den politischen Raum neu zu denken und sich auf eine infrastrukturelle Geopolitik zu konzentrieren. Bewegungen wir Fridays for Future oder Extinction Rebellion besäßen eine gute Intuition, auch wenn sie sie nicht sehr präzise ausdrücken könnten. Viele Umweltbewegungen bremse der Versuch, den scheinbaren Zwiespalt zwischen dem Globalen und dem Lokalen aufzulösen. Dabei sei das Lokale immer auch planetar. "Mich interessiert zum Beispiel, welche Rolle die Städte in der Klimapolitik spielen können - ob man nicht Föderationen und Kooperationsstrukturen quer durch die Staaten aufbauen könnte." Hoffnung machen ihm Städte in Schweden oder Barcelona mit ihrer sehr progessiven ökologischen Politik.

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - Novinky.cz

Anlässlich der Prager Konferenz "Feministische Ziele vor dreißig Jahren und heute: Inventur und Ausblicke" unterhält sich Klára Vlasáková mit der ungarischen Politologin Eszter Kováts, die bei vielen Linken, FeministInnen und LGBT-Aktivisten ein Zukunftskonzept zur sozialen Solidarität vermisst: "Es genügt nicht, nur neue Gruppen hinzuzufügen und zu sagen: Seien wir solidarisch mit den Frauen, Schwulen, Roma … (…) Unser Thema muss zum Beispiel die Lebenssituation armer Frauen sein, und wie die Gesellschaft sie dafür bestraft, dass sie sich der Pflege um ihre Angehörigen widmen. (…) Frauen begegnen innerhalb des Kapitalismus spezifischen Problemen. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt entwurzelt und ihre Arbeitgeber verstehen nicht, was es in der Realität bedeutet, sich um die Alten oder die Kinder zu kümmern. Der Kapitalismus begreift die Pflege als Selbstverständlichkeit." Kováts hat das Gefühl, die Linke überlasse solche sozialen Fragen zunehmend der Rechten. "Nehmen wir den Bereich der Pflege. In Polen hat Kaczyński ein großzügiges Kinderzuschussprogramm eingeführt, das die Pflege als Arbeit anerkennt und die Würde der Menschen erhöht, die sich um andere kümmern. Ein ähnliches Programm gibt es auch bei uns in Ungarn. Aber während in Polen die Zuschüsse quer durch die sozialen Klassen gehen, sind die in Ungarn vor allem für die Mittelschicht gedacht. Hier geht es nicht darum, die soziale Situation der ärmeren Familien zu verbessern, sondern die Mittelschicht zufriedenzustellen, damit diese nicht aufbegehrt. Es hat auch einen ethnischen Hintergrund. Orbán will die armen Roma-Familien nicht ermuntern, noch mehr Kinder zu bekommen."
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Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Novinky.cz

Vor 50 Jahren, am 21. August 1969, fanden in mehreren Städten der Tschechoslowakei - ein Jahr, nachdem die Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet hatten - die letzten Demonstrationen gegen die Sowjetarmee statt, es kam zu Toten und Verletzten. In einem Essay erinnert sich der damalige Dissident und spätere Premier Petr Pithart an die Prager Demonstration. "Es war keine organisierte Zusammenkunft, niemand hatte zu etwas aufgerufen. Wir gingen jeder für sich. Manche hielten sich an den Händen. Wir waren dort, weil es die letzte Möglichkeit war. Hingehen musste man, auch wenn es keinen praktischen Sinn mehr hatte. Nach Jahren erkennen wir, dass diese Momente, in denen es vermutlich um nichts mehr geht, nur noch um Kopf und Kragen, die wichtigsten, vielleicht die besten in unserem Leben sind. In Zeiten der Auszehrung nährt man sich lange von ihnen. Es ist die reine Freiheit (…) Niemand wird schlecht über dich sprechen, weil du dort nicht warst. Eher deswegen, weil du dort warst, und schon hat man sich für dich neue, bislang unbekannte Strafen ausgedacht: Auflösung des Arbeitsverhältnisses aufgrund von Vertrauensverlust, Schulausschluss, verlängerte Inhaftnahme, beschleunigte Gerichtsverfahren, Einzelrichter. Nur weil du dort warst und sie dich erwischt haben. Was für eine Freiheit also? Die Freiheit, sich sein Schicksal zu wählen."

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - Novinky.cz

Der russische Filmemacher Alexei German, dessen Filme bereits auf den Filmfestivals von Venedig und der Berlinale ausgezeichnet wurden, glaubt im Gespräch mit Štěpán Kučera nicht an eine demokratische Zukunft Russlands: "Russland", meint German, "wird niemals ein demokratisches Land europäischen Typs sein, jedenfalls nicht in seinen gegenwärtigen Grenzen, dafür müsste es auseinanderfallen. Das bestehende Russland kann nur im Zustand des Imperiums oder Protoimperiums existieren. Es ist seit zweihundert, dreihundert dasselbe und wird es auch bleiben, so sind wir einfach. Das ist wie ein Ameisenhaufen - wenn man ihn niederreißt, bauen die Ameisen ihn sich wieder auf." Würde eine Liberalisierung Russlands also ein Auseinanderfallen bedeuten? Nach Germans Ansicht ja, "und überdies würde ein neuer Krieg ausbrechen, zumindest im Kaukasus, was ein unendlich blutiger Konflikt wäre. Für eine Liberalisierung bräuchten wir auch einen liberalen politischen Führer von mindestens Churchill-Format - und ich fürchte, so einen haben wir nicht." Übrigens habe er auch im Westen Zensur erlebt. Eine namhafte deutsche Zeitung zum Beispiel habe ein Interview mit ihm nicht gedruckt, behauptet German, nachdem er darin geäußert habe, Russlands Einfluss auf Trumps Amtsantritt und auf die Europawahlen werde übertrieben und Russland zu stark dämonisiert. "Der Journalist schrieb mir nur zur Entschuldigung, er habe mir die falschen Fragen gestellt."

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Novinky.cz

Auf dem Karlsbader Filmfestival traf Zbyněk Vlasák den slowakischen Filmregisseur Juraj Jakubisko, der sich in den 60er-Jahren einen Ruf als "slowakischer Fellini" erworben hatte. Jakubisko erzählt dazu: "Als ich 1968 mit meinem Film 'Zbehovia a pútnici' zum ersten Mal auf dem Festival in Venedig war, schrieben die Kritiker, ich hätte einen ähnlichen Blick, besäße allerdings nicht Fellinis 'Zauberkoffer'. Federico lud mich damals auf sein Boot im Hafen ein. Er servierte mir Langusten. Ich hatte so etwas nie zuvor gegessen, aber als Filmregisseur tut man so, als sei's das tägliche Brot. Es gab ein Gewitter und ich fragte Federico, was denn passiere, wenn die Wellen zu hoch werden, ob wir dann untergehen und wo er denn seinen Zauberkoffer habe, der uns rettet. Und er lachte und meinte, so etwas hätte er nicht. Wir wurden schnell Freunde, und ich habe sogar einige Zeit bei ihm gewohnt. Erst später habe ich begriffen, dass sein Zauberkoffer das Filmstudio Cinecittà war, wo man ihm auf Wunsch Schnee machen konnte, einen Sonnenuntergang oder -aufgang, was immer er wollte. Als ich ihm erklärte, dass ich für Tisícročná včela einen Sonnenaufgang in den Bergen am Abend und rückwärts filmen musste, weil ich die Schauspieler vom Nationaltheater nicht um drei Uhr morgens dorthin scheuchen konnte, hat er laut gelacht."

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Novinky.cz

Mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sprach Sophie Menasse auf der Prager Buchmesse Svět knihy, wo Müller unter anderem zum Gespräch mit ihrem peruanischen Kollegen Vargas Llosa zusammentraf. Nach den Zukunftsaussichten der Demokratie in Osteuropa befragt, zeigt Müller sich klar pessimistisch: "In seiner berühmten Rede vor dem amerikanischen Kongress erklärte Václav Havel, die ehemaligen osteuropäischen Diktaturen könnten einerseits viel lernen von den Vereinigten Staaten und ihrer mehr als zweihundertjährigen Erfahrung mit der Demokratie, zum anderen aber auch aus ihren eigenen Erfahrungen mit der Diktatur - etwa, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt und die Sehnsucht nach Freiheit eine Gesellschaft verändern kann. Damals hat er es vielleicht feierlicher formuliert … Das Problem ist, dass die meisten postkommunistischen Staaten im Gegenteil ihre historische Erinnerung unterdrücken. Die Regierungen dort kopieren sogar die Strukturen der Diktaturen. Sie vergessen etwa, dass die kommunistischen Regimes Tausende von Flüchtlingen produzierten. Wirklich viele politisch verfolgte Menschen sind ja aus den Ländern Osteuropas in den Westen geflüchtet. Dieselben Ländern weigern sich nun aber, Flüchtlingen aufzunehmen, obwohl es Syrer sind, die vor dem Krieg fliehen. Die Medien sind im Osten ähnlich monopolisiert wie vor 1989, und die Justiz wird von der Willkür herrschender Parteien abhängig und dient ihren politischen Interessen; das lässt sich deutlich in Polen erkennen. Ehemalige Funktionäre der Geheimpolizei können wichtige Staatsfunktionen besetzen und sich skrupellos bereichern. In Rumänien wird sogar von der Legalisierung der Korruption geredet. Das klingt nun wirklich nach Bananenrepublik! Zur gleichen Zeit attackieren hier die Menschen die Europäische Union, die einzige demokratische Allianz weit und breit, und sehnen sich nach der Umarmung durch die chinesische Diktatur oder Putins religiöse Autoritärherrschaft. Als hätten sie das Gedächtnis verloren. Mir erscheint das widerwärtig."

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - Novinky.cz

Der tschechische Journalist Jan Urban, ehemaliger Dissident und Mitunterzeichner der Charta 77, Mitbegründer des Bürgerforums, zog sich nach den ersten freien Wahlen 1990 aus seinem politischen Engagement zurück. Tereza Šimůnková möchte im Interview wissen, warum das so war. Die Dissidenten, meint Urban, seien völlig unvorbereitet aufs Politikmachen gewesen und hätten keinerlei Vision gehabt. "Eines der einschneidensten Erlebnisse im Revolutionsnovember war der Moment, als ich begriff, dass wir Dissidenten nicht wissen, was wir wollen. Niemand von uns hatte daran geglaubt, dass das Regime fallen würde, und wenn jemand etwas anderes behauptet, lügt er. Wir waren Geächtete, waren Flüchtende. Im Jahr 1989 bekam ich eine Analyse der Staatssicherheit in die Hand, die für die kommunistische Regierung bestimmt war, worin stand, dass der Kern des tschechoslowakischen Dissidententums aus fünfzig, sechzig Leuten bestehe und es in der ganzen Republik maximal sechshundert aktive Unterstützer gebe. Wir waren völlig isoliert. Meine einzige Ambition in jener Zeit war, dem Regime so viel wie möglich Schaden zuzufügen, bevor sie mich erwischen." Die gegenseitige Achtung noch bei den wildesten Diskussionen unter den Dissidenten ist dennoch einer der Aspekte, an den Urban, in dessen Wohnung die Regimegegner sich oft trafen, gerne zurück denkt. "Ich erinnere mich, dass Václav Havel immer schweigend dort saß, zuhörte und rauchte und nach drei Stunden den Kopf hob und in drei Sätzen alle unterschiedlichen Meinungen zu einer gemeinsamen Formulierung zusammenbrachte. Es ging nicht um einen Kompromiss, sondern um einen kreativen Blick nach vorne. Für mich war das die hohe Schule dessen, was ich für Politik hielt."

Magazinrundschau vom 19.02.2019 - Novinky.cz

Rob Riemen, niederländischer Kulturphilosoph und Gründer des Nexus Instituut in Amsterdam, der in Prag an der Diskussionsrunde "Mitteleuropa und nationale Identität in der Facebook-Ära" teilnahm, erklärt im Gespräch mit Klára Vlasáková, weshalb er den Begriff "Populismus" meidet: "Es ist der leerste Begriff der Gegenwart, eine Erfindung von Politologen, die nicht verstanden haben, dass Politik keine Wissenschaft ist, ein Wort, dessen Verbreitung in der Gesellschaft ohne jede kritische Reflexion auch die Journalisten verschuldet haben. (…) Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es vier Farbrichtungen westlicher Politik, die da sind Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus und Faschismus. In sie und ihre Schattierungen lässt sich alles einordnen. Auch die Gegenwart, denn das womit wir konfrontiert sind, ist nichts anderes als die Rückkehr des Faschismus, seines antidemokratischen Geistes." Außerdem beklagt Riemen die "neue heilige Dreieinigkeit Geld, Wissenschaft und Technologien", die von Propheten wie Gates, Pinker oder Harari verükündet würde.

Ebenfalls in "Novinky" bedauert Judith Hermann im Gespräch mit Zuzana Lizcová eine Veränderung bei deutschen Schriftstellerlesungen: "Ich mag sehr den Dialog mit dem Publikum, mir machen die Fragen der Zuhörer Spaß. Leider wird das aber weniger. In letzter Zeit werden Autorenlesungen in Deutschland immer moderiert. Ein Moderator verhindert Fragen aus dem Publikum, das sich dann nicht mehr traut, wenn er schon gesprochen hat. Die Leute fürchten, eine dumme Frage zu stellen. Was schade ist, weil ihre Fragen in der Regel viel interessanter und überraschender sind als die der bezahlten Profis."

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - Novinky.cz

Die in Brasilien lebende tschechische Schrifstellerin und Journalistin Markéta Pilátová erklärt, wie viel der in den Siebzigern spielende Film "Roma" des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón noch mit dem heutigen Südamerika zu tun hat: Wer es sich dort halbwegs leisten könne, habe eine Hausangestellte. Und tatsächlich bestehe oft eine Art "hybride Verwandtschaft" zwischen Arbeitgebern und Hausmädchen. (Und wenn diese es einmal schaffen, sich zur Sekretärin oder Verkäuferin hochzuarbeiten, stellen sie nicht selten selbst eines ein.) Wer eine Hausangestellte habe, verteidige sich damit, dass diese meist ungebildeten Frauen vom Land oder aus Slums sonst keine Arbeit finden würden. "Was auch stimmt. Andererseits möchte keiner, der Bedienstete hat, dass sich ihre Rechte erweitern und ihre Dienste teurer werden, oder dass sie im Zuge einer Weiterbildung womöglich noch ihren Job an den Nagel hängen. Das System in Lateinamerika ist so eingerichtet, dass jedes junge Mädchen, das das Pech hat, in einem Slum oder in einer armen ländlichen Gegend geboren zu werden, dankbar sein muss, wenn es eine Stelle als Hausmädchen bekommt. Cuaróns sehr präziser Film betört so vor allem die sozial sensiblen Europäer. In Brasilien hat fast jeder zu Hause Netflix, wo man sich 'Roma' ansehen kann. Und auch ein Hausmädchen. Nur gibt keiner der Intellektuellen und Hipster in meinem Freundeskreis zu, dass der Film mit ihnen und ihrer Welt zu tun hat. Und wenn sie ihn fertiggeguckt haben, fegt María oder Lucía oder Juliana hinterher die Popcorn-Krümel weg."