Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 18.02.2020 - London Review of Books

In der großen Winter Lecture der LRB  denkt Colin Burrow über die Lüge im Leben und in der Literatur nach, und wie jeder Engländer reichen ihm im Grunde Shakespeare und Jane Austen, aber er riskiert auch einen Blick auf Homer. Denn eigentlich, meint Burrow, leben wir im Zeitalter der Lüge, seit Zeus Agamemnon hat glauben lassen, er werde über Troja siegen. Und wie reagiert der belogene Agamemnon? Er belügt seinerseits das griechische Heer und verkündet, Zeus habe die Niederlage vorhergesagt, sie können zurück nach Hause: "Agamemnon, Nestor und Zeus sind keine typischen Lügner, also glaubt man ihnen. Aber ihre Lügen zielen darauf, den Wünschen und Vorstellungen derer zu entsprechen, an die sie gerichtet sind. Diese Rückkopplung zwischen Lügner und Belogenem hat eine enorme psychologische Bedeutung.  Genau deswegen haben Lügen, im Leben und in der Literatur so eine mächtige Wirkung. Wenn wir auf sie hereinfallen, dann weil sie unseren Ansichten über eine wahrscheinliche Wahrheit nahekommt. Und deswegen stürzt uns die Entdeckung, belogen worden zu sein, in so tiefe emotionale Verwirrung. Wenn eine Lüge aufgedeckt wird, ist nicht nur Vertrauen missbraucht worden. Es geht nicht nur darum, dass meine Frau mich in den Armen einer russischen Spionin ertappt. Die Belogene erkennt sich selbst und ihre Wünsche als leichtgläubig und manipulierbar. Der Zorn darüber, belogen worden zu sein, nährt sich zum Teil auch aus einem Selbsthass, man entdeckt, dass man ein Mensch ist, der getäuscht werden kann. Sich dies bewusst zu machen stellt die eigene Verwundbarkeit bloß. Und es bereitet den Boden für die Vorstellung, dass alles hinterfragt werden kann."
Stichwörter: Lüge, Homer

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - London Review of Books

Auf manchen Pazifikinselns können Einsiedlerkrebse hundert Jahre alt und ein Meter breit werden. Aber sie sind gar keine Einsiedler, sondern sehr gesellige Lebewesen, und ihr Sozialleben ist so vielschichtig geordnet, dass die Politik an einem Renaissance-Hof dagegen wie ein Kinderspiel aussieht, schreibt Katherine Rundell. Leider wird auch der Krebs bald ein Opfer menschlicher Dummheit oder auch des Unvermögens: "Die Kokusnuss-Krabbe, eine sehr seltene Art der Einsiedlerkrebse, ist vor allem deshalb vom Aussterben bedroht, weil ihr Fleisch für ein Aphrodisiakum gehalten wird. In diesem Glauben, ganz wie bei Tigerkralle und Nashorn, steckt so viel menschliche Dummheit, dass ein ganzes Ökosystem dadurch zerstört zu werden droht. Tatsächlich beläuft sich die Zahl aller natürlichen Aphrodisiaka auf: Null. Zugesprochen wurden aphrodisische Kräfte seit ewigen Zeiten a) allem, was selten, exotisch, neu oder teuer ist, b) scharf gewürztem Essen, das den Stoffwechsel anregt und Hitze im Körper erzeugt, c) Essen, das wie ein Penis oder eine Vagina aussieht oder d) Essen, das wirklich ein Penis oder eine Vagina ist oder ein Ei. Austern zum Beispiel bestehen größtenteils aus Wasser, Eiweiß, Salz, Zink, Eisen und kleinen Anteilen aus Kalzium und Kalium. Sie sind nicht mehr Aphrodisiakum als eine in Salzwasser getunkte Vitaminpille, sehen aber verführerischer aus. In der Vergangenheit sprachen wir sexuelle Potenzsteigerung recht wahllos Schokolade zu, Spargel, Karotten, Honig, Brennnesseln, Senf oder Spatzen. Für Shakespeare war die Kartoffel noch etwas Seltenes und Exotisches, und in seiner Zeit galt sie als Aphrodisiakum: 'Lasst den Himmel Kartoffeln regnen, ruft Falstaff in den 'Lustigen Weibern von Windsor', 'lasst ihn donnern zur Melodie von Greensleves, lasst ihn Muskatnuss hageln und Mannstreu schneien, lasst ihn einen Sturm der Erregung entfachen.' Ach, wenn wir nur dahin zurück könnten, zurück zur Kartoffel, wie viel wäre gewonnen."

Weitere Artikel: Adewale Maja-Pearce schickt einen deprimierenden Bericht aus Liberias Hauptstadt Monrovia, wo sich die korrupten Eliten auf den Fußballer George Weah als nächsten Präsidenten geeinigt haben und der mörderischste Kriegsverbrecher jetzt als geläuterter Pastor posiert. Stefan Collini lernt beim Blick auf die Geschichte des Economist, wie man eine profitable Print-Marke betreibt und einschlägige Leitartikel verfasst: "Wie schreibt man denn im Economist-Stil, fragt ein neuer Redakteur vor einigen Jahren, als er seinen ersten Leader anging. Woraufhin ein älterer Kollege antwortete: 'Tu einfach so, als wärst Du Gott'."

Magazinrundschau vom 14.01.2020 - London Review of Books

Könnte es sein, dass Donald Trump dem Iran mit der Tötung von General Soleimani einen Gefallen getan hat? Patrick Cockburn glaubt, dass die USA eine alte Militärregel - Halte Deinen Gegner niemals auf, wenn er dabei ist, einen Fehler zu begehen - missachtet und die Ayatollas im Iran vor der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung bewahrt haben. Und zwar nicht nur im Iran selbst, sondern auch im Irak: "Ohne Frage macht Soleimanis Tod es jetzt für den Iran wieder einfacher, seinen Einfluss im Irak durchzusetzen. Soleimanis Auftreten, seine Attitüde eines Vizekönigs, seine Arroganz und die ungebremste Gewalt gegenüber Demonstranten haben der iranischen Reputation schweren Schaden zugefügt, besonders auch bei den irakischen Schiiten, die im Iran ihren Retter vor dem IS sahen. 2015 hatten noch 90 Prozent der Iraker eine proiranische Sicht, 2018 waren es nur noch fünfzig Prozent. Dagegen stieg der Anteil derjenigen, die den Iran für eine Gefahr hielten, von 25 auf 58 Prozent. Ende vorigen Jahres wurde ein irakischer Beobachter mit den Worten zitiert, Ayatollah Khamenei sollte Soleimani ins Gefängnis stecken für den Schaden, den er der irakischen Reputation im Irak zugefügt hat." (Dass die Proteste gegen die Regierung im Iran wieder aufgenommen wurden, konnte Cockburn noch nicht wissen, als er den Artikel schrieb.)

Für Charles Hope ist die Sache mit dem Salvator Mundi noch nicht ausgestanden, der recht voreilig Leonardo da Vinci zugeschrieben und mit viel Pomp in der National Gallery in London als solcher ausgestellt worden war: "Es fällt schwer, nicht von dem Geschick beeindruckt zu sein, mit dem der Kunsthändler Robert Simon sein Bild bewarb. Es fällt aber auch nicht schwer, entsetzt zu sein von der Art, wie die National Gallery da hineingezogen und benutzt wurde. Wenn eine öffentlich finanzierte Institution eine bis dahin unbekannte Arbeit mit unqualifizierter Zuschreibung zu Leonardo ausstellt, hat die Öffentlichkeit das Recht zu wissen, worauf diese Zuschreibung beruht. Sonst dient sie nur dem Marketing, nicht dem Wissen."

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Magazinrundschau vom 07.01.2020 - London Review of Books

Francis Gooding liest mit angehaltenem Atem Tim Flannerys Frühgeschichte Europas, die bis in die Kreidezeit zurückreicht, als der Kontinent ein Archipel und von Dinosaurier bevölkert war. Ein paar Meteoriteneinschläge, Temperaturschwankungen und Kontinentdrehungen später entwickelten sich die Neanderthaler, von denen wir so wenig wissen, obwohl sie etwa in der Höhle von Bruniquel faszinierende Steinkreise hinterließen: "Unsere nächsten Verwandten, und die letzte andere menschliche Spezies, mit der wir den Planeten teilten, sind uns noch immer ein 'tiefes Rätsel', schreibt Flannery. Nach ihrer Auslöschung in Westeuropa vor ungefähr 39.000 Jahren waren wir allein.' Was ist mit ihnen passiert? Es gibt wenig konkrete Beweise, aber wie auch bei den Miniaturelephanten des Mittelmeers lautet die Antwort wahrscheinlich, dass ihnen der Homo Sapiens passierte. Vielleicht gab es Konkurrenz um Nahrung und Habitat, vielleicht Krankheiten oder Krieg und Vernichtung. Außer Zweifel steht, dass es enge Kontakte zwischen beiden Spezies gab, denn was auch sonst geschehen sein mag, wir wissen, dass es erfolgreiche Kreuzungen gab. Tatsächlich scheint es, als wäre eine hybride Bevölkerung aus der Sapiens-Neanderthaler-Vereinigung hervorgegangen, die die ursprünglichen Neanderthaler ersetzte. Fossile menschliche Überreste aus ganz Europa legen nahe, dass in den ersten 25.000 Jahren der menschlichen Besiedelung alle Europäer auf diese ersten Hybride zurückgeführt werden können und ungefähr sechs Prozent Neanderthal-DNA in sich tragen. Flannery nennt sie 'Bastarde' und fragt sich, ob Wissenschaftler, hätte es sie damals gegeben, 'Europäer als eine neue hybride Spezies klassifiziert hätten'. Hybridität, Immigration, Transformation: Das natürliche Europa ist für Flannery am stabilsten in seiner Wandelbarkeit, am reinsten in seiner Gemischtheit. Es ist die Mutter der Metissage, ein Schmelztiegel der Kreuzungen, in dem Frösche, Elefanten, Vögel, Huftiere, Menschen und andere sich erfolgreich mit ihren nahen Verwandten mischten."

Die Tories konspirieren langsam, aber handeln schnell, lernt David Runciman von Charles Moore, der nun den dritten Teil seiner Margaret-Thatcher-Biografie vorlegt, in dem es vor allem um den Sturz der britischen Premierministerin ging. Ihr eigenes Kabinett drängte sie zum Rücktritt, um Michael Heseltine Parteirevolte zu ersticken und stattdessen John Major als Premier zu installieren: "Es war, wie Moore es ausdrückt, 'eine Verschwörung in der Tradition des Tory-Establishments - hier entschloss sich nicht ein kleiner Kreis von Extremisten zum politische Mord, sondern ein größerer, locker Verbundener Männerclub wollte an seinen Gewohnheiten festhalten'. Sie litten unter ihrer unaufhörlichen Kampfeslust und ihrem Appetit auf Veränderung. Schlimmer noch, sie glaubten, dass sie unter Thatcher niemals die Chance bekämen, die Dinge auf ihre Art zu erledigen. Eineinhalb Jahre später standen Wahlen an, und wenn sie die verlöre, verbrächten sie die beste Zeit ihres politischen Lebens in der Opposition. Andererseits stünden, wenn Heseltine gewänne, die meisten von ihnen völlig im Regen. 'Die Stammesältesten, aber eigentlich auch die führenden jungen Parteimitglieder, wollten ein ruhiges Leben und ein gemeinsames Fortkommen. Sie arbeiteten dafür im Geheimen, diskret und ohne leninistische Klarheit in Bezug auf die Mittel.' Thatcher betrachtete dies später als 'Verrat - mit einem Lächeln im Gesicht'. So sahen sie es gewiss nicht, auch wenn sich viele von ihnen schuldig fühlten. Sie glaubten einfach, dass das Spiel manchmal so gespielt werden müsste."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - London Review of Books

Verbunden mit Erinnerungen an das Hongkong seiner Kindheit berichtet John Lanchester von seiner Reise in die Stadt, in der auch dicke Schwaden von Tränengas den Hongkonger Spirit nicht überdecken können. Und noch eine Schwäche ist ihm klargeworden, als er am Flughafen die Schilder sah, mit denen die Ausfuhr von Milchpulver verboten wurde: "Wenn man im Internet liest, scheint es, als würden Festlandchinesen die Protestler allesamt für verdorbene, undankbare Kinder halten, manipuliert von ausländischen Akteuren. Aber wenn ich das zur Sprache bringe, schneiden mir die Hongkonger das Wort ab. 'Wir wissen nicht, was die Chinesen denken. Du kannst nicht nach dem gehen, was im Internet steht.' Das ist Konsens in Hongkong. Die kommunistische Partei hat das Netz komplett übernommen, und jeder weiß, dass man die Trolle nicht ernst nehmen kann. Da aber die KPC auf das Netz angewiesen ist, um zu verkünden, was die Menschen denken sollen, heißt es eigentlich, dass das Internet vom Standpunkt der Partei nicht mehr funktioniert... Ein kommunistisch-autoritärer Staat, der davon träumt, ein System technokratischer Totalkontrolle zu errichten, aber nicht mal Nahrungsmittel für Babies rein halten kann. Ich habe in den vergangenen Monaten so viel und düster über diesen Traum der KPC vom KI-getriebenen autoritär-technokratischen Staat nachgedacht. Aber der Flughafen war ein wichtiges Korrektiv. Wenn die Partei allwissend und allmächtig ist, wer ist dann schuld am verseuchten Milchpulver? Wenn sie nicht einmal Milchpulver sauber halten können, wie stehen dann die Chancen, dass sie kontrollieren können, wie die Menschen denken und handeln, in einem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern und keinem funktionierenden Mechanismus, um Unzufriedenheit zu äußern?"

Eher als ein Buch für Fans denn als ernsthafte Autobiografie liest Jenny Turner Debbie Harrys "Face it", findet aber einige ganz erhellende Passagen darin. Toll an Debbie Harry bei Blondie war, dass sie so süß und püppchenhaft aussehen und klingen konnte, dabei war sie offenkundig und, ohne es zu verbergen, eine Frau mit Vergangenheit."

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - London Review of Books

Vor den britischen Wahlen in der kommenden Woche bricht David Runciman die Optionen auf die Formel BJ + Brexit oder JC + 2 refs runter: Boris Johnson und Brexit oder Jeremy Corbyn und zwei Referenden (eines zum Brexit, das andere zu Schottland). "Soweit man das sagen kann, ist die Öffentlichkeit von beiden Aussichten nicht sonderlich begeistert. Meistens bezieht sich das auf die fehlende Popularität der beiden Spitzenpolitiker, denn beide erzeugen starke negative Reaktionen. Beide werden von ihren Gegnern stärker abgelehnt als sie von ihren Anhängern gemocht werden. Was das Entweder-Oder aber so unangenehm macht, ist ein politisches System, das zu viel Macht in die Hand einer Mehrheitsregierung legt und zu wenig in die Hände einer Minderheitsregierung. BJ + Brexit ist beängstigend, weil Johnson an der Spitze einer Regierungsmehrheit, die ihre eigenen Parteireihen von allen Kritikern gesäubert hat, aber mit Rückendeckung von nur zwei Fünfteln der Wählerin, in den nächsten fünf Jahren die Macht hätte, das Land von Grund auf umzugestalten. Die Mehrheit der Wähler wäre wohl dagegen, aber die Möglichkeiten einer bedeutenden politischen Opposition werden schmerzhaft gering, es sei denn, die Leute gingen auf die Straße. Was würde Johnson mit so viel Macht anstellen? Er sagt, dass er ein gemäßigter, liberaler Tory sei, und mit dem Brexit unter Dach und Fach werde er das zeigen. Aber der Brexit wird nicht so einfach erledigt sein, die Handelsgespräche werden ihn zwingen, das zu tun, was seine neue bereinigte Parlamentsfraktion erwartet. Johnsons Regierung wird hart in Sicherheitsfragen sein, aber mild gegenüber denjenigen mit viel Geld. Er wird kein Trump sein, er ist kein Dummkopf, aber ein Trumpist gleichwohl. Thatcherismus wurde einst etwas heroisch als freie Wirtschaft und starker Staat beschrieben. Johnson zielt nicht so weit. Es wird eher eine deregulierte Wirtschaft und ein gemeiner Staat."

Weiteres: Patricia Lockwood verbeugt sich vor der irischen Schriftstellerin Edna O'Brien, die ihren neuesten Roman aus der Perspektive eines von Boko Haram entführten nigerianischen Mädchen erzählt. Joanna Biggs schreibt über Ben Lerners Roman "The Topeka School"

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - London Review of Books

Ziemlich streng reagiert der Historiker Christopher Clark auf Karl Ove Knausgards Auslassungen, in denen er sich - wie im sechsten Band seiner Autobiografie "Mein Kampf" - mit Adolf Hitler vergleicht und etliche Parallelen aufmacht: eine geliebte Mutter, ein gehasster Vater und angestrengte Versuche der Selbstbefriedigung: "Die Annäherung an Hitler als Begegnung mit sich selbst zu beschreiben, ist ungewöhnlich. Es heißt keineswegs, dass Knausgard Hitlers Taten oder Weltsicht gutheißt, auch wenn er darauf besteht, dass es möglich bleiben müsse, zwischen dem zu unterscheiden, wer Hitler war und was er tat. Im Falle des jungen Hitlers, der schon ganz er selbst, aber noch nicht der Urheber von Völkermord und Krieg war, scheint die Unterscheidung (zumindest für Knausgard) unleugbar. Daher der Zorn, mit dem er auf Ian Kershaw reagierte, den Autor der klassischen, englischsprachigen Hitler-Biografie. Knausgard wirft Kershaw eine geringschätzige Haltung gegenüber dem jungen Hitler vor, eine Weigerung, mit Wärme auf die Leidenschaft und Unschuld seines Sujets zu blicken. Dieser exzessiv negative Blick, meint Knausgard, sei nicht nur unreif, sondern mache auch die Biografie unlesbar. Diese Kritik ist verwunderlich. Es geht für einen norwegischen Schriftsteller in Ordnung, eine empathische Nähe zu dem Bild kundzutun, das er sich nach der Lektüre eines halben Dutzend Bücher von Adolf Hitler gemacht hat. Aber die Aufgabe von Kershaw, der sich über Jahrzehnte in Dokumenten und Archiven vergraben hat, kann kaum darin bestehen, seine eigenen spirituelle Affinitäten zu Hitler zu erkunden. Er muss vielmehr verstehen, was es selbst schon in seiner Jugend an ihm gab, das seine spätere Karriere erklärt. Genau diese distanzierte, analytische Perspektive des Historikers stört Knausgard. Wenn er Hitler zu seinem eigenen verstörenden Doppelgänger macht, weitet Knausgard die moralische Straffreiheit seines Romans aus, indem den Lauf der modernen Geschichte hineinfaltet. Hitler wird so zum Testfall für die Narrenfreiheit des zeitgenössischen Romanciers."

Rosemary Hill huldigt dem Kolumnisten und großen Spötter Auberon Waugh, der nichts so lächerlich fand wie Journalisten, die sich selbst als vernünftigen Teil des politischen Betriebs betrachteten. Waugh wollte keine Politik ernstnehmen, die solch frivole Gestalten wie Jeremy Thorpe hervorbrachte (der einen Aufträgsmörder auf seinen früheren Liebhaber ansetzte). Hill verteidigt ihn auch gegen seine große Verächterin und journalistische Gegenspielerin Polly Toynbee, die ihm noch 2001 in ihrem Nachruf vorwarf, ein reaktionärer Snob zu sein, ebenso leichtfertig wie Boris Johnson. Dagegen meint Hill: "Waugh und Johnson waren, wie ihre politischen Karrieren zeigen, grundverschieden. Johnson wollte Macht, Waugh misstraute ihr, er wollte sie unterminieren und hielt Leichtfertigkeit für das beste Mittel dazu... Um erahnen zu lassen, was er in seiner Kolumne heute schreiben würde, ist hier sein Eintrag vom 2. Juli 1982: 'Nahezu 2.000 Leser haben meinen Rat in der Frage erbeten, ob Prince William von Wales beschnitten werden sollte. Das ist keine einfache Frage. Es hängt alles davon ab, was für eine Monarchie die Menschen wollen... Vielleicht sollte es zum Gegenstand eines nationalen Plebiszits werden, wie das Referendum über den Gemeinsamen Markt. Wir brauchen etwas um uns bei Laune zu halten, jetzt da der Falklandkrieg vorbei ist.'"

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - London Review of Books

Wenn es um ihren eigenen Kontinent geht, können sich die europäischen Länder auf nichts einigen, aber wenn es darum geht, die afrikanischen Staaten für ihre Flüchtlingspolitik einzuspannen, stehen sie zusammen wie ein Mann, bemerkt Thomas Meaney sarkastisch nach der Lektüre von Stephen Smiths Buch "The Scramble for Europe: Young Africa on Its Way to the Old Continent" und skizziert etwas kursorisch, aber erschreckend genug das hoch militarisierte Grenzregime, das die EU mit Hilfe ihrer Rüstungskonzerne und ihrer Armeen in Mali und Niger aufziehen. Aber auch die Afrikas Regierungen können Zynismus, versichert er: "Regierungsvertreter in Niger sind fließend in der Sprache des Humanitarismus, sie verstehen es, das Gewissen westlicher Journalisten zu beruhigen. Ich traf Verteidigungsminister Kalla Moutari im Pilier, einem Restaurant im Deizeibon-Viertel von Niamey, das direkt aus dem Paris der Vorkriegszeit hierher verpflanzt sein könnte. Ich fragte Moutari, ob das Schleusergesetz von 2016 Niger genutzt habe: 'Wir hatten im Norden eine schwere humanitäre Krise', erklärte er. 'Menschen starben, wurden umgebracht, gefährdeten die Beziehungen zu unseren Nachbarn. Wissen Sie, Algerien schickt die Leute sofort zurück in die Wüste, so etwas machen wir nicht. Die Algerier glauben, es sei besser, wenn die Leute in der Wüste eingehen, als wenn sie vor den Kameras im Mittelmeer ertrinken.' Niger hat vor kurzem Migranten in den Sudan abgeschoben. 'Manchmal muss man eine Botschaft schicken', lächelt er. Ich fragte ihn nach den EU-Technikern, die dem Kabinett in Niamey die Agenda entwarfen. 'Wenn man so arm ist wie wir', antwortete er, 'braucht man Wissen, Finanzen, Geld - einfach alles.' Der Rentiers-Humanitarismus ist in Nordafrikas Regierungshallen auf dem Vormarsch. Es hilft, die Sprache der Menschenrechte zu sprechen und Europas Albträume von riesigen Schmuggler-Netzwerken zu beschwören, die keinen Unterschied machten zwischen jungen Mädchen und Zigaretten." Meaney selbst fordert faireren Handel mit Afrika, ohne das näher zu erläutern, und schlägt vor, dass die afrikanischen Staaten bis dahin dringend benötigte Rohstoffe wie Kobalt und Lithium zurückhalten.

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - London Review of Books

Die LRB feiert ihr vierzigjähriges Bestehen mit einer Sonderausgabe, in der alles schreibt, was in der linken Intelligenzija Rang und Namen hat. John Lanchester liest bei James Griffith und Kai Strittmatter nach, wie sich China mit Hilfe von Überwachung und Zensur, Gesichtserkennung und Sozialpunkten, zu einer totalitären Technologiediktatur entwickelt hat. Mark Zuckerberg, der sich lange recht schamlos, aber vergeblich bei Xi Jinping anbiederte, hat in den Chinesen seine Meister gefunden, ahnt Lanchester, vor allem bei WeChat, das wie WhatsApp funktioniert, nur mit Uber, Deliveroo und Paypal. Das will Zuckerberg auch, glaubt Lanchester und fragt: "Wollen wir die Technologie der Gesichtserkennung in die Hände des Tech-Giganten mit den wenigstens Skrupeln geben? Wenn nicht, ist es zu spät. Facebook hat seine Geschäftsbedingungen zwar für das Markieren von Fotos geändert, von Opt-Out zu Opt-In, aber im entscheidenden Punkt ist alles gelaufen: Facebook besitzt bereits unseren Gesichtsabdruck, die algorithmische Abbildung unseres Gesichts. Wie weit können wir ihnen damit trauen? Dazu nur soviel: Facebook besitzt ein Patent, um Muster von Bekanntschaften aufgrund von Staubkörnchen auf der Smartphone-Kamera zu erkennen - wenn also, mit anderen Worten, zwei Leute von der gleichen Kamera aufgenommen wurden, dann werden sie sich wohl kennen. Das ist wichtig für das Unternehmen, denn die Funktion 'Menschen, die Du vielleicht kennst' ist einer von Facebooks stärksten Wachstumstreibern. Facebook besitzt auch das Patent für ein System, das den Gesichtsausdruck von Menschen interpretiert, die sich Waren in einem Geschäft ansehen, und ein anderes für ein System, das die Gesichter der Käufer erkennt und ihnen einen Vertrauenslevel zuschreibt, der sich aus dem Facebook-Profil ergibt. Der Vertrauenslevel kann Sonderangebote eröffnen, wenn er positiv ausfällt, aber wer weiß was, wenn nicht. Warum in aller Welt sollten wir Facebook trauen? Das Risiko für den Westen besteht darin, dass wir den gesamten Apparat, den die chinesische KP zielstrebig zur Überwachung und Manipulation entwickelt hat, unabsichtlich einführen und anwenden - aus Unachtsamkeit, Unwissenheit oder weil wir gerade an etwas anderes denken."

In einem tollen, durchaus liebevollen Stück über den Schriftsteller, Konservativen und Sexmaniac John Updike bekennt Patricia Lockwood gleich zu Beginn recht freimütig: "Ich wurde als Attentäterin angeheuert. Man lässt im Jahr des Herrn 2019 keine 37-Jährige über John Updike schreiben, wenn man nicht Blut an der Wand sehen will. 'Ganz und gar nicht', antwortete ich also auf die erste Anfrage, weil ich wusste, ich würde alles zu lesen versuchen, und tagelang an einer angemessene Beschreibung seiner Nasenflügel sitzen, und am Ende würde ich, nach Monate auf dem schmalen Grat von Objektivität und fairer Einschätzung, den Brief eines Redakteurs namens Norbert bekommen, der mir vorwirft, einem großen Mann den Schwengel abzuschneiden. Aber dann trieben mich die Redakteure auf einer Party betrunken in die Ecke. Also los."

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - London Review of Books

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Der frühere Richter Stephen Sedley besingt die strahlende Stringenz des Urteils, mit dem der Supreme Court die Suspendierung des britischen Parlaments aufgehoben hat. Brenda Hales Begründung möchte Sedley zur Pflichtlektüre machen in Politik, Recht und Literatur: "Vor dem Supreme Court erwies sich der Standpunkt der Regierung, dass die ganze Angelegenheit die Gerichte nichts angehe, als ein Eigentor. Auf die Behauptung, dass dies ein rein politisches Problem sei, antwortete das Gericht im Grunde, dass auch der Rechtsbruch aus politischen Gründen noch immer ein Rechtsbruch sei. Die Regierung argumentierte, dass der neunte Artikel der Bill of Rights explizit die Behinderung oder Infragestellung von 'Vorgängen im Parlament' verbiete, und zwar 'in jedem Gericht oder an jedem anderen Ort', woraufhin die Richter sehr geduldig zum entscheidenden Punkt erklärten, dass die fraglichen Vorgänge eben nicht im Parlament stattgefunden hätten, sondern hinter seinem Rücken."

Apropos Politik: Tom Crewe glaubt, dass der Brexit insgesamt eigentlich keine Frage von Politik sei, sondern ihre Negierung. Deswegen seien auch beide Parteien darüber gespalten, und deswegen werde auch die nächste Wahl keine Entscheidung über die EU: "Der Brexit ist zu amorph, um eine politische Richtung zu sein, zu groß und zugleich zu klein, um auch nur vier oder fünf Wochen Wahlkampf auszuhalten."