Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 10.09.2019 - London Review of Books

Edma Morisots Porträt ihrer Schwester Berthe (1865-68)

Julian Barnes ist hingerissen von der Ausstellung, die das Musée d'Orsay der Malerin Berthe Morisot widmet. Morisot war unter ihren impressionistischen Freunden und Kollegen stets anerkannt, betont er, und zwar nicht, weil sie mit Edouard Manets Bruder Eugène verheiratet war. Es lag an ihrem unleugbaren Talent, ihrer Willenstärke, ihrem Eigensinn: "Mit Lob war sie nicht schnell bei der Hand. Die strenge Konzentration und kaum gezügelte Heftigkeit, die schon Edma im Porträt ihrer jugendlichen Schwester Berthe festhielt, zeigt sich auch in ihren Notizbüchern. Wie viele andere auch hielt ich den Kampf zwischen Farbe und Linie stets für den großen Bogen in der französischen Malerei zwischen 1820 und 1920. Für die Farbe stand Delacroix, für die Linie Ingres. Mit den Impressionisten nahm die Farbe Oberhand, mit den Kubisten die Linie, dann gab es die große Vereinigung, als die Kubisten wieder die Farbe zuließen. Es ist ernüchternd und nützlich zugleich, für solch grobe Pinselstriche von Morisot zurechtgewiesen zu werden: ''Alle Malerei ist natürlich eine Kopie der Natur, aber ist sie von Boucher kopiert die Gleiche wie von Holbein? Einer ist so wahr wie der andere, egal ob diese Wahrheit durch die Linie oder die Farbe ausgedrückt wird. Diese ständige Unterscheidung von Linie und Farbe ist kindisch, aus dem einfachen Grund, dass Farbe nicht weniger und nicht mehr ist als ein Ausdruck von Form.' In einem Eintrag von 1893 schreibt sie: Moderne Romane und moderne Malerei langweilen mich; Ich liebe nur extreme Neuheit oder die Dinge aus dem vorigen Jahr.'"

Außerdem: Stephen Sedley, früherer Richter am Berufungsgericht, konstatiert nicht nur den "funktionalen Zusammenbruch und moralischen Niedergang" der britischen Politik. Er mag auch wenig Hoffnung auf die Justiz setzen, wenn der Verfassungsrichter Jonathan Sumption in seiner BBC-Lecture prophezeit: "Wir stehen vor einer möglichen Katastrophe. Und es gibt nichts, was das Recht dagegen tun könnte."

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - London Review of Books

Die LRB hat Stimmen gesammelt zum kalamitösen Zustand der britischen Demokratie. Die AutorInnen von Mary Beard bis David Runciman übertreffen sich an düsteren Szenarien, niemand weiß einen Ausweg. Der Historiker Neal Ascherson etwa umreißt seine Prognose für den Herbst: "Wir werden recht bald in eine Sackgasse gelangen, das Toben obszöner Karikaturen erleben, eine weitere Meuterei bei den Tories und schließlich den fiesesten, schmutzigsten Wahlkampf in hundert Jahren."

Die Philosophin Lorna Finlayson sieht Britannien in einer noch übleren Sackgasse: "Die meisten Menschen wollen nur noch, dass die Brexit-Frage so oder so geklärt wird, damit sie nichts mehr davon hören müssen. Das aber ist das einzige, was mit Sicherheit nicht passieren wird. Wenn Britannien die EU verlässt, werden die Rufe nach einer Rückkehr anhaltend und betäubend sein. Wenn wir drin bleiben, werden die Gespenster des Brexits niemals ausgetrieben werden, und die Dolchstoß-Legende, die Brexiteers schon jetzt lancieren, wird unaufhörlich dazu verwendet werden, um zu spalten und unterhalten."
Stichwörter: Brexit

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - London Review of Books

Chaohua Wang, eine Studentenführerin der niedergeschlagegen Tienanmen-Proteste, erinnert an den langjährigen Widerstand der Hongkonger gegen Pekings Versuche, die letzte Bastion chinesischer Demokratie zu schleifen, an die Regenschirm-Demonstrationen oder Occupy Central, und sie besingt dabei auch Aktivisten wie den mittlerweile siebzigjährigen Reverend Chu Yiu-ming, der ihr schon 1989 bei der Flucht aus China half und nun für die Unterstützung von Occupy Central ins Gefängnis muss. Welchen Ausgang die aktuellen, von Millionen getragenen Proteste in Hongkong nehmen werden, wagt Chaohua Wang nicht vorauszusagen, doch sieht sie in ihnen eine "spektakuläre Phase" im Kampf um Hongkongs Demokratie: "Alle haben ihre Lektion aus den früheren Protesten gelernt. Die Behörden versuchen immer, eine Bewegung zu zerstören, indem sie die Anführer identifizieren. Doch die aktuellen Proteste haben keine Führung, sie sind extrem dezentral. Die sozialen Medien sind das Hauptwerkzeug der Massenmobilisierung. Diesmal gibt es auch kein inneres Zerwürfnis. Und die Solidarität gründet nicht auf politischer Disziplin: Selbst wenn Brüder zusammen einen Berg besteigen, muss sich jeder anstrengen. Auf eine Aktion kann sofort eine weitere folgen oder nach einer Pause von wenigen Tagen. Bruce Lees Devise wurde zur goldenen Regel: 'Wasser kann fließen, oder es kann zerstören: Sei Wasser, mein Freund!'"

Thomas Meaney zeichnet mit Blick auf zwei Bücher von Kathleen Belew und Kyle Burke die Bruderschaften von Weißen Nationalisten und Paramilitärs in den USA nach, die seit Vietnam ihren eigenen Krieg gegen Schwarze, Kommunisten und den Staat überhaupt führten, wenn sie sich nicht in Rhodesien, Afghanistan oder Kroatien als Söldner verdingten: Seit dem Attentat von Timothy McVeigh in Oklahoma gelten sie als einsame Wölfe, doch in Meaneys Augen haben sie eher von antifaschistischen Partisanen das Konzept der Leaderless Resistance für ihren Herrenmenschen-Terrorismus abgekupfert.
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Magazinrundschau vom 30.07.2019 - London Review of Books

Eigentlich möchte man ja nichts mehr über den Brexit und seine Protagonisten lesen. Aber was James Meek über Jacob Rees-Mogg schreibt, lässt einen dann doch mit den kontinentaleuropäischen Ohren schlackern. Es gebe zwei Jacobs, schreibt er, den einen, der stets so aussieht, als wollte zu einer Dinnerparty des Jahres 1935 eilen und der sich eine reiche Königin wünscht, mit goldenen Kutschen und den besten Pferden der Welt davor. Und den anderen, der in den letzten Jahren schätzungsweise Abermillionen mit einem Fonds für reiche Kunden verdient hat. Somerset Capital Management (SCM) heißt die Firma, die von einem Schwiegersohn Rupert Murdochs gegründet wurde. Und so verbindet Rees-Mogg sein stocksteif-nostalgisches Britentum mit schnittigstem Globalkapitalismus: "Er wurde wegen Tochterfonds in Irland kritisiert, als die Firma Kunden vor den Gefahren eines harten Brexit warnte: Zeigte das nicht, dass sein Glaube in die Finanzstabilität Britannines nach dem Brexit ein Schwindel war? Er musste sich für seine Investitionen in einen indonesischen Pharmakonzern rechtfertigen, dessen Pillen als Abtreibungspillen genutzt werden konnten: Rees-Mogg ist ein katholischer Fundamentalist, der glaubt, dass Abtreibung selbst in Fällen von Vergewaltigung oder Inzest inakzeptabel ist. Er wurde beschuldigt, auf unpatriotische Art in russische Firmen zu investieren und vom Post-Brexit-Chaos beim Pfund-Kurs zu profitieren, denn fast alle Investitionen von SCM laufen in anderen Währungen." Aber all das, so Meek, schade Rees-Mogg nicht und lasse sich bestens vereinbaren: Rees-Moggs Liebe zum viktorianischen Zeitalter sei eben auch eine zu einem Zeitalter, das Massen von Menschen verelenden ließ."

Außerdem in der LRB: Sheila Fitzpatricks schöne Besprechung des Buchs "To See Paris and Die - The Soviet Lives of Western Culture" von Eleonory Gilburd über die Sehnsucht der Sowjetbürger nach dem unerreichbaren Westen, verkörpert vor allem von der Lichterstadt Paris.

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - London Review of Books

Ausführlich erzählt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze die vergangenen zwanzig Jahren deutscher Parteipolitik nach, vor allem als Geschichte des sozialdemokratischen Kollaps nach der Agenda 2010. Wenn es um die verschiedenen Spaltungen im Land geht, misst er ihr ein noch größeres Gewicht bei als der Flüchtlingspolitik von 2015 oder dem Aufsteig der AfD, vor allem weil die soziale Ungleichheit im Wohlfahrtsstaat Deutschland so groß sei wie in anderen Ländern, die soziale Mobilität aber viel geringer. Am Ende zeigt er vor allem Ungeduld mit der Regierung Merkel: "Es gibt an der deutschen Demokratie viel zu bewundern. Sie ist flexibel, offen, und immer bereit zur Veränderung. Die sechs Parteien, aus denen sie nun besteht, spiegeln die Spaltungen der deutschen Gesellschaft wider. Die Komplexität reflektiert die Realität. Aber kann sie auch Führung hervorbringen? Die Antwort ist nicht nur für Deutschland entscheidend, sondern auch für Europa. Es braucht eine klare deutsche Position in etlichen Fragen, vom Brexit und der Entwicklung der Eurozone bis zum Klimawandel und zur Sicherheitspolitik im Zeitalter von Donald Trump. Ein Fenster strategischer Möglichkeiten schloss sich 2017, als Emmanuel Macron vergeblich auf eine Antwort aus Deutschland auf seine Sorbonne-Visionen für Europas Zukunft wartete. Europa kann sich keinen weiteren Aufschub leisten. Eine Neuaufstellung der Berliner Politik kann womöglich eine entschiedenere, pro-europäischere Regierung hervorbringen. Aber das ist Spekulation. Und wie lange wird es dauern? Bis dahin hat es Europa mit einer Regierung in Berlin zu tun, die ein politischer Zombie ist, Relikt einer vergangenen Zeit."

Andrew O'Hagan war bei der Abschiedsfeier für Karl Lagerfeld im Grand Palais und hängt dabei seinen Erinnerungen an den Couturier nach: "Das Licht begann sich zu verändern, und ich sah, wie sich Wolken über der riesigen Glasdecke gebildet hatten. Pharrell hüpfte auf seine Fußspitzen und alle standen auf. Die Person vor mir trug einen Lederrock und silberne Plateauabsätze. Sie hatte rote Haare, eine Jacke aus roten Pfingstrosen, blutrote Nägel und einen vollen, dunklen Bart. Sie wischte eine Träne ab. 'Mode ist auch ein Versuch, bestimmte unsichtbare Aspekte der Realität des Augenblicks sichtbar zu machen', schrieb Lagerfeld."

Weiteres: John Lanchester plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und will sich nicht dadurch beirren lassen, dass auch die Ultraliberalen und Libertären im Silicon Valleys die Idee unterstützen. Seamus Perry liest Gedichte von W.S. Graham. Clare Bucknell vertieft sich in einen Band über Geschlechtskrankheiten in der Imagination des 18. Jahrhunderts. Eleanor Nairne schreibt anlässlich einer Ausstellung in der Tate Liverpool über Keith Haring.

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - London Review of Books

Feminismus ist en vogue, keine Frage, und er hat einiges erreicht. Doch Lorna Finlayson hält auch fest, dass sich die Lage von Frauen in vielerlei Hinsicht verschlechtert hat: In allen Teilen der Welt sind Frauen überproportional vom Abbau sozialer Dienstleistungen betroffen, die Austeritätspolitik in Europa hat die Einkommen und Renten von Frauen viel stärker reduziert als die von Männern; Frauenhäuser werden geschlossen, immer mehr Frauen verkaufen Sex, um ihre Miete zu zahlen und ihre Kinder über die Runden zu bekommen. Finlayson geht völlig d'accord mit dem Manifest "Feminism for the 99 percent" von Nancy Fraser, Cinzia Arruzza und Tithi Bhattacharya und beklagt, dass sich der neue Feminismus mehr und mehr auf die Themen Geschlecht, Sexualität und Körper beschränkt oder eine Quotierung in Politik und Wirtschaft: Dem liegt die nie explizit gemachte Annahme zugrunde, dass Frauen an der Macht mit ihrer Politik Fraueninteressen voranbringen. Doch heute kann diese Annahme nicht mehr als ungeprüft gelten. Die vergangenen Jahre, in dem die Repräsentation von Frauen in vielen Feldern gestärkt wurde - darunter im Parlament - waren geprägt von einer Politik der Austerität und des Neoliberalismus. In Britannien zumindest hat die Vorstellung, dass Politikerinnen die Anliegen ihrer Schwestern Gehör schenken, mit Margaret Thatcher und Theresa May zwei spektakuläre Gegenbeispiele erlebt. Frauen an der Macht praktizieren nicht selbstverständlich eine feministische Politik. Feministinnen misstrauen schon lange und aus guten Grund essentialistischen Behauptungen über Frauen, die traditionell dazu dienten, unsere Unterordnung zu kaschieren oder zu legitimieren. Die Vorstellung, dass Frauen friedliebender oder empathischer ist, unterscheidet sich nicht wesentlich von vertrauten sexistischen Stereotypen."

Andrew O'Hagan liefert einige Reminiszenzen an die New Yorker Autorin Lilian Ross, deren Boshaftigkeiten er als ihr ständiger Begleiter offenbar genossen hat: "Ich kenne niemanden, der so viele Menschen hasste wie Lilian Ross. Sie zählte sie gern an ihren Fingern ab, meist nur einen Steinwurf von ihnen entfernt und dabei ihre Stimme zu senken: Sie bog jeden Finger nach hinten, zog eine Grimasse und lieferte zu jedem Name das entscheidende Attibut: Gloria Steinem - falsch. Janet Malcolm - eine Angeberin. Renata Adler - eine Spinnerin. Susan Sontag - ein Niemand. Nora Ephron - eine Lügnerin. Andere Hand:  Kenneth Tynan - ein Mistkerl. Truman Capote - eine Klette. George Plimpton - schmierig.  Tom Wolfe - untalentiert. Philip Roth - ein Blödmann."
Stichwörter: Feminismus, Fraser, Nancy

Magazinrundschau vom 17.06.2019 - London Review of Books

Es wundert Lili Owen Rowlands gar nicht, dass Jacques Lacan ein miserabler Vater war, und doch liest sie erschrocken in den Erinnerungen seiner Tochter Sibylle, wie schlecht er seine Familie behandelte. 2013 nahm sich Sibylle nach Jahren der Depressionen das Leben, auf Englisch sind ihre Erinnerungen erst jetzt erschienen, auf Französisch und Deutsch bereits Ende der neunziger Jahre: "Sibylle Prosa ist dicht und kontrolliert. Zum Glück hat sie nicht von der Opakheit ihres Vaters und bedient sich auch nicht seiner Begrifflichkeit. Aber mit der Entdeckung seines Doppellebens geht eine erkennbare Schwächung dessen einher, was Lacan, der Analyst, die Imago des Vaters nennen würde: Das Bild des abwesenden Vaters verzerrt sich zu dem eines erbärmlichen. Mit 21 Jahren wurde Sibylle plötzlich krank, überkommen von einer andauernden und immensen Müdigkeit, und als sich auch nach etlichen Monaten ihre Kondition nicht verbesserte, sucht ihre Mutter Malou Rat bei Lacan und arrangierte seinen Besuch. Am verabredeten Tag wartete Sibylle auf ihren Vater, vom Balkon aus blickt sie auf die Rue Jadin, die Zeit verstrich, aber niemand kam. Endlich sah sie ihn aus einem Bordell am Ende der Straße auftauchen, das 'von Menschen mit Klasse besucht' wurde. Sie schäumte vor Wut: 'Wie kann er es wagen, in der Rue Jadin zu vögeln, nur wenige Schritte entfernt vom Haus seiner Kinder und seiner Exfrau?' Wer mit Lacans Arbeit vertraut ist, wird nicht überrascht sein, dass er launisch und anmaßend sein konnte, ein Womaniser. Aber 'Ein Vater' enthüllt auch Lacans Habgier und seinen Hang, Menschen von niedrigerem sozialen Status mit Verachtung zu begegnen - für ihn waren sie subaltern."

Niemand konnte das Schweigen einsamer Männer so in Szene setzen wie Jean-Pierre Melville, der große Einzelgänger unter den Filmregisseuren. Adam Schatz liest mit großer Bewunderung zwei Biografien von Bertrand Teissier und Antoine de Baecque, in denen er auch viel über Melvilles Zeit in der Résistance und als Kämpfer für das freie Frankreich erfährt. Und er ärgert sich furchtbar, dass Melville als Genre-Regisseur abgetan wurde: "Der Minimalismus von Melvilles Filmen - wie auch ihre Gleichgültigkeit gegenüber psychologischen Beweggründen oder melodramatischen Konventionen - brachte ihm die Bemerkung ein, er imitiere Robert Bresson. Melville antworte darauf gereizt, er habe Bresson'sche Techniken bereits vor Bresson benutzt, also würde Bresson eher 'Melville-sieren'. Die Beobachtung war ziemlich treffend, doch selbst André Bazin, der ihre Richtigkeit anerkannte, attestierte Bresson, Melvilles Innovationen zur Vollendung zu bringen, als hätte erst Bresson aus den Tricks eines geringeren Filmemachers echte Kunst gemacht... Der unschmeichelhafte Vergleich mit Bresson verrät Vorurteile gegenüber dem Genre - und vielleicht auch noch andere. Melville, ein atheistischer Jude, drehte Krimis, Polizeifilme und politische Thriller, während Bresson, der gläubige Katholik, Arthouse-Filme mit spirituellem Ehrgeiz schuf. Die Gnade, die Bressons Charakteren gelegentlich zukommt, wird den Unterwelt-Verschwörern bei Melville niemals zuteil. Sie leben in einer gefallenen Welt, in der Brüderlichkeit die einzige Zuflucht bietet, den einzigen Ausweg der Tod."

Weiteres: Ian Penman liest Jason Drapers Prince-Biografie, hört sich noch mal durch sämtlich Alben und stellt fest: "Da Prince nur zu gern mit seiner Erscheinung spielte, hielt er nichts von der Verehrung des angeblich Authentischen, wie man schwarz, männlich oder soulful zu sein hat." Tom Strevenson liest die Berge von Papier, die ein New-York-Times-Reporter nach dem Ende des Islamischen Staats sichergestellt hat und die auch dem Möchtegern-Kalifat ein ermüdendes Maß an Bürokratie attestieren. David Runciman gibt allen Politikern, die gern den starken Mann markieren, mit auf den Weg, dass Margaret Thatcher Erfolg auf ihrem politischem Pragmatismus gründete.

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - London Review of Books

In den USA werden die Schriften der faszinierenden Rachel Carson neu herausgegeben. Meehan Crist kann nur bewundern, wie die amerikanische Umweltschützerin und Wissenschaftsautorin nahezu im Alleingang nachwies, dass Pestizide krebserregend und für das Artensterben verantwortlich sind. Erschütternd ist für Crist allerdings, dass Carson mit einem einzigen Buch genug öffentliches Bewusstsein schaffen konnte, um einen rigorosen Politikwandel herbeizuführen. In Bezug auf den Klimawandel sei dies bisher niemandem gelungen, weder Al Gore noch Bill McKibben oder Elizabeth Kolbert: "Auf der ganzen Welt, in den Städten wie in den Dörfern, kämpfen die Menschen mit Dürren, Fluten, Feuer, Lebensmittelknappheit, Konflikten und dem Druck durch die größte menschliche Wanderung seit der letzten Eiszeit. Aber niemandem ist es gelungen das Bedürfnis nach Handeln zu wecken wie es Carson mit 'Silent Spring' ('Der stumme Frühling') tat. Und während wir sehr wohl die Maßnahmen kennen, mit denen wir das drohende Desaster mildern könnten, sind sie viel schwieriger in die Tat umzusetzen als jene, die Carson vorschlug, um die giftigen Chemikalien loszuwerden. Sie umfassen eine komplette und weltweite Neuausrichtung von Landwirtschaft, Transport und Energie zu einer Zeit, in der die notwendigen politischen System nirgends vorhanden sind. Die Klimakatastrophe hat offenbart, dass der globale Kapitalismus fundamental bankrott ist, aber auch dass die Neigung der liberalen Orthodoxie zum Moderaten und schrittweisen Wandel nicht ausreicht. Nur sofortiger, tiefgreifender Wandel, der auch den Konflikt mit den mächtigen Interessen der CO2-ausstoßenden Industrie wagt, kann vielleicht das biologische System retten, von dem alles menschliche Leben abhängt. Wie McKibben kürzlich im New Yorker erklärte: 'Es geht darum, den Klimawandel so zu verlangsamen, dass er Zivilisation nicht unmöglich macht'."

Weiteres: James Meel liest Puschkin. David Runciman arbeitet sich durch den Mueller-Report.

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - London Review of Books

Beim Lesen von Brett Christophers Buch "The New Enclosure" über den Ausverkauf des britischen Gemeineigentums schwankt Ian Jack zwischen Zorn und Verzweiflung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit haben alle  Regierungen seit Margaret Thatcher öffentliches Land privatisiert, wobei ein Großteil nicht einmal an Investoren ging, sondern an reine Finanzinvestoren, die auf den steigenden Bodenwert spekulieren: "Christopher schätzt, dass der Staat seit 1979 zwei Millionen Hektar verkauft hat, ein Zehntel der britischen Landmasse, was bei heutigen Preisen einem Wert von 400 Milliarden Pfund entspräche, zehnmal mehr als mit der wertvollsten Komponente verdient wurde, dem Verkauf der Sozialwohnungen. Seine Schätzungen umfassen reine Ländereien wie Wälder, Militärgelände und kommunale Farmen, aber auch Land als Bestandteil anderer Privatisierungen wie etwa Elektrizitätswerke oder Sozialbauten (im Durchschnitt macht das Land bei allen Arten von Immobilien heute siebzig Prozent des Kaufpreises aus, in den dreißiger Jahren waren es zwei Prozent). Als Margaret Thatcher im Mai 1979 Downing Street übernahm, besaß der Staat mehr Land als jemals zuvor: zwanzig Prozent des ganzen britischen Gebiets. Heute liegt die Zahl bei zehneinhalb Prozent. Veräußert wurden Gemeindehäuser, Wälder, Farmen, Moore, Werften, militärische Flugplätze, Eisenbahngleise, Brücken, Museen, Theater, Spielplätze, Parks, Stadthallen, Rasenflächen, Schrebergärten, Kindergärten, Sportcenter, Schulsportplätze. Laut Christopher gab es 'eine kolossale Entwertung des öffentlichen Besitzes', und sie geschah nicht unabsichtlich."

Weiteres: Jacqueline Rose blickt auf Südafrikas unaufgearbeitete Traumata, das Scheitern der Wahrheitskommission, die unehrliche Politik des ANC und die Vertreibung der Psychoanalytiker aus dem Land.

Magazinrundschau vom 07.05.2019 - London Review of Books

Wichtig und höchst aufschlussreich findet Mary Hannity Caitlin Davies' Geschichte "Bad Girls" des berühmt-berüchtigten Londoner Frauengefängnisses HMP Holloway. Sie lernt viel über die Bewertung und Sanktionierung weiblicher Delinquenz, die immer noch dem Schema "He's Bad, She's Mad" folge. Aber ganz einverstanden ist Hannity nicht mit Davies' Schlussfolgerungen: "Davies' Behauptung, dass Frauen dafür kriminalisiert werden, dass sie nicht die Normen weiblichen Verhaltens einhalten, kann auch die überproportionale Inhaftierung schwarzer Frauen in britischen Gefängnissen erklären. Ihnen wird mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Haftstrafe auferlegt als weißen Frauen und seltener Bewährung gegeben. Fokusgruppen mit schwarzen oder asiatischen Frauen berichteten in Befragungen, dass sie vor Gericht mit einer Jury von alten weißen Männern doppelt benachteiligt und im Gefängnis vom Wachpersonal anders behandelt werden ('Bei Weißen ist es seelische Belastung, bei Schwarzen ungenügende Aggressionsbewältigung'). 2017 fand eine vom Labour-Abgeordneten David Lammy geführte Untersuchung heraus, dass auf hundert weiße Frauen, die wegen Drogendelikten zu Haftstrafen verurteilt wurden, 227 schwarze Frauen kamen. Schwarze Männer kommen auf eine Zahl von 141 auf hundert weiße Männer. 'Sehr wenige weibliche Gefangene haben jemals eine Gefahr für die Gesellschaft dargestellt, stattdessen sind die meisten Opfer von Umständen und auf die ein oder andere Art Opfer von Männern geworden', schreibt Davies. Die meisten Frauen im Gefängnis haben vielfältige Bedürfnisse und Verletzlichkeiten: 46 Prozent haben häusliche Gewalt überlebt, 53 Prozent berichten, in ihrer Kindheit missbraucht worden zu sein. Fast ein Drittel war zuvor in psychiatrischen Kliniken behandelt worden, verglichen mit zehn Prozent der männlichen Gefangenen... Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, Weiblichkeit als Geschichte von Opfertum und Mühsal zu sehen. Wenn man weibliche Gefangene nur als Abweichung von der männlichen Norm betrachtet, riskiert man, die Verbindung von Maskulinität und Gesetzlosigkeit zu bekräftigen und damit die Masseninhaftierung von Männern zu legitimieren."

Tom Stevenson lernt von David Wearings "AngloArabia", dass der Westen überhaupt nicht auf das Öl der Golfstaaten angewiesen und auch nicht erpicht darauf ist. Die USA wollen nur den Daumen auf die Ölexporte halten, die zum größten Teil nach Asien gehen: Ihre überwältigende militärische Kontrolle über die Region stellt sicher, dass Japan, Südkorea, India und selbst China mit den USA rechnen müssen, denn wenn sie wollten, könnten sie sie von ihrer Hauptenergiequelle abschneiden."