Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

470 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 47

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - London Review of Books

Londons Ausverkauf begann nicht erst unter Margaret Thatcher, sondern bereits in den sechziger Jahren, lernt Florence Sutcliffe-Braithwaite mit John Davis' Londoner Geschichte "Waterloo Sunrise". Die Swinging Sixties waren nicht nur die Jahre, in denen junge Frauen in Mary Quants Worten einen Hintern anstelle eines Gesäßes bekamen. Pop war populär, aber nicht klassenlos: "Im Jahr 1961 lag die Wohneigentumsquote in Londons inneren Bezirken bei unter 20 Prozent und damit bei weniger als der Hälfte des nationalen Durchschnitts. Fast drei Viertel der privaten Mietwohnungen wurden als 'ungeeignet' eingestuft. Ein Großteil davon war georgianisch, viktorianisch oder edwardianisch und wurde entweder von vornherein billig gebaut oder später in Wohnungen aufgeteilt und dem Verfall preisgegeben. Als die Tory-Regierung 1957 beschloss, die Mietkontrollen für teurere Wohnungen zu lockern, setzte eine Welle der Veränderung ein. Junge Paare mit Ideen aus Chelsea, aber mit den Brieftaschen von Notting Hill Gate begannen, baufällige Häuser aufzukaufen und sie umzugestalten. Bauträger stiegen schnell in das Geschehen ein, angelockt durch staatliche Zuschüsse für die Renovierung alter Häuser. Aus 'Chelseafication' wurde 'Gentrifizierung', und ein großer Teil der heruntergekommenen Innenstadthäuser Londons wurde vor dem Abriss bewahrt."

In einem ellenlangen und etwas mäandernen Artikel erzählt Ian Jack die Geschichte des schottischen Schiffbaus, dessen einstiger Glanz doch ziemlich verblasst ist. Die Hafenstadt Port Glasgow erlebte zudem ihr "Fähren-Fiasko" mit zwei Schiffen, die fünf Jahre nach dem anvisierten Termin noch immer nicht fertig sind. Unangenehm für die schottische Regierung: "Die schottische Verachtung für die politische Führung in Westminster hat unter Boris Johnson einen neuen Höhepunkt erreicht (und droht unter Liz Truss noch weiter zu steigen), so dass dies eigentlich einfach sein sollte. Aber die SNP ist in Schottland seit fünfzehn Jahren an der Macht und hat ihre eigene Liste von Peinlichkeiten, vor allem in den Bereichen öffentliche Gesundheit, Bildung und Industriepolitik. Verglichen mit der niedrigen Lebenserwartung, der höchsten Rate von Drogentoten in Europa und der Aquakultur, die fast vollständig in ausländischem Besitz ist, sind die Fähren ein kleines Missgeschick. Unmittelbar betroffen sind nur die dünn besiedelten Halbinseln und Inseln im Westen Schottlands mit einer Wohnbevölkerung von höchstens siebzigtausend Menschen. Was die Fähren politisch so wirkungsvoll macht, ist die Tatsache, dass sie die Unzulänglichkeit der Regierung auf den Punkt bringen. Die schottische Regierung hat die Schiffe in Auftrag gegeben und finanziert; die schottische Regierung besitzt und verwaltet jetzt die Werft; die schottische Regierung wird die Schiffe subventionieren, wenn sie in Betrieb gehen, man könnte auch sagen falls."

Außerdem: James Butlers blickt auf Liz Truss' bisherige politische Laufbahn, die ihn nicht unbedingt hoffnungsfroh stimmt.

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - London Review of Books

Seemacht ergibt sich nicht aus der Größe der Marine oder der Fähigkeiten ihrer Admiräle, weiß Tom Stevenson, sondern aus den strategischen Positionen, die eine Marine besetzt. Für die  Royal Navy galt das Diktum ihres Admirals John Fisher, demzufolge fünf Schlüssel die Welt eröffneten: Singapur, Kapstadt, Alexandria, Gibraltar, Dover. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA mit ihren Flugzeugträgern die Hegemonie übernommen, jetzt müssen sie fürchten, ihre unbestrittene Vorherrschaft zu verlieren, lernt Stevenson in David Boscos Buch "The Poseidon Project": "Bis in die 2010er Jahre hinein macht niemand der amerikanischen Seemacht ihre Führung streitig. Erst in jüngster Zeit ist China zum aufstrebenden Rivalen auf See geworden. Während ihrer langen Hegemonie haben die USA ihr Image als Bewahrerin der 'Freiheit auf See' gefördert, so wie es einst Großbritannien tat. Im Rahmen der von George Bush im Jahr 2003 ins Leben gerufenen Proliferation Security Initiative hat die US-Marine wie selbstverständlich Schiffe beschlagnahmt, geentert und durchsucht. Im Dezember 2020 veröffentlichte das amerikanische Militär ein offizielles Strategiedokument mit dem Titel 'Vorteil zur See', in dem behauptet wurde, dass die amerikanische Seemacht den 'freien und offenen Zugang zu den Weltmeeren' gesichert und damit 'eine außergewöhnliche Ära des Wohlstands und des Friedens für viele Nationen' eingeleitet habe. Doch dieses System sei nun in Gefahr. Infolgedessen müssen die USA 'die Kontrolle über die Meere in umstrittenen Gebieten von den Küstengewässern bis zum offenen Ozean, einschließlich kritischer Engpässe, aufrechterhalten und ausnutzen'. Die heutigen Entsprechungen der fünf Schlüssel von Fisher - Malakka, Yokosuka, Hormuz, Suez und Panama - sind alle entweder in amerikanischer Hand oder so gut wie."

Besprochen werden Douglas Stuarts neuer Roman "Young Mungo" und Gina Rippons Studie "The Gendered Brain", das mit dem Mythos aufräumt, weibliche Gehirne unterschieden sich qualitativ von männlichen.
Stichwörter: Seemacht, USA, Bosco, David

Magazinrundschau vom 16.08.2022 - London Review of Books

Der Ukraine-Krieg wird sich nicht im Donbass entscheiden, glaubt James Meek, sondern im Süden im Kampf um die Stadt Cherson, die einen wichtigen Brückenkopf zum Schwarzen Meer bildet. Dreißig Kilometer von der Front entfernt liegt Mikolajew, das zur Hälfte von seinen Bewohnern verlassen wurde und in dem immer wieder Geschosse einschlagen: "Die Russen verwenden entweder Raketen, deren Flug eine Parabel zeichnet - Thomas Pynchons 'Regenbogen der Schwerkraft' - oder Marschflugkörper. Beide fliegen zu schnell, um gehört zu werden, bevor sie einschlagen. Sie werden von LKWs aus abgefeuert, von Schiffen, U-Booten und Flugzeugen, manchmal aus tausend Meter Entfernung. Die Ukrainer versuchen sie abzuschießen, manchmal gelingt es ihnen, doch ihre Technologie ist alt, und die Raketenabwehrsysteme, die ihnen von Deutschland und den USA versprochen wurden, sind noch nicht eingetroffen. Konventionelle Raketen auf eine große Stadt abzufeuern ist eine unglaublich ineffektive und kostspielige Art, diese dem Erdboden gleich zu machen und die in ihr lebenden Menschen zu töten. Es ist nicht die Taktik einer Armee, die sich selbst als Befreier versteht. Es ist allerdings ein ziemlich guter Weg, um Menschen zu terrorisieren und demoralisieren... Die Feinseligkeit gegenüber Russland ist groß, wie auch die Unterstützung für die ukrainischen Truppen und der Glaube an ihre Kampfkraft. Höher kann man sie sich kaum vorstellen, auch wenn beides nicht von allen geteilt wird. Den Charakter von Russlands Angriff kann man sich nur mit der Vorstellung erklären, dass die meisten Ukrainer ihre eigenen Politiker und die Vorstellung von der Ukraine als realem, unabhängigem Land mit derselben Verachtung betrachteten wie der Kreml. Als diese Idee zu Beginn der Invasion platzte und sich zum Entsetzen des Kremls auch keine Armee von Kollaborateuren zeigte, behalf sich die russische Regierung mit einer anderen Konstruktion, nämlich dass das Ausmaß von Tod und Zerstörung die Folge des ukrainischen Widerstands sei. Es ist eine Version der Drohung, die sonst Räuber oder Vergewaltiger ausstoßen: 'Ich bekomme, was ich will, egal ob du dich wehrst oder nicht. Aber wenn du dich wehrst, muss ich dich vielleicht auch töten."

Geoff Mann liest Bücher zum Post-Wachstum von Per Espen Stoknes, Jason Hickel, Tim Jackson und Giorgos Kallis, die allesamt gegen das Credo anschreiben, mehr sei fast so gut wie besser: "John Stuart Mill erklärte wie viele andere auch, dass Menschen am besten in einer Gesellschaft lebten, in der 'keiner arm sei, niemand reicher zu werden verlangt oder befürchten muss, zurückgeworfen zu werden von denen, die vorwärts drängen'. Die Ökonomie des Wachstums wird, das ist der Vorwurf, verwechselt mit einer qualitativen Entwicklung. Dabei wissen wir heute, dass Länder, deren BIP pro Kopf zu den höchsten gehört oder am schnellsten wächst, nicht unbedingt friedlicher oder demokratischer sind, auch leben ihre Bürger nicht unbedingt länger, gesünder oder glücklicher. Trotzdem bleibt das BIP das Standardmaß für all nationale Wirtschaftsaktivitäten, zum Leidwesen der Verfechter von Alternativen wie dem Human Development Index oder dem Genuine Progress Indication, die immerhin versuchen, menschliches Wohlbefinden messen."
Anzeige

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - London Review of Books

John Lanchester nimmt das Buch des Financial-Times-Reporters Dan McCrum, der den Wirecard-Skandal aufgedeckt hat, zum Anlass, über die zwei größten Betrugsskandale der deutschen Wirtschaft nachzudenken: VW und Wirecard, deren Geschichte er wunderbar verständlich nacherzählt. Aber wie konnte das ausgerechnet in Deutschland passieren, dem Land, das sich mit seiner soziale Marktwirtschaft und seinem Konsenskapitalismus anderen Ländern so überlegen fühlt? Falsches Selbstbild, glaubt Lanchester. Deutsche Stereotypen schließen "inkompetenter Gangster" nicht ein, wie McCrumb feststellt. Aber das ist ein Fehler. "Der entscheidende Makel des deutschen Kapitalismus ist nicht Zynismus, sondern Selbstgefälligkeit. Diese Selbstgefälligkeit ist die Grundlage für die bemerkenswerte Tatsache, dass es innerhalb von fünf Jahren zwei große Betrugsfälle in DAX-Unternehmen gab. Volkswagen brauchte sich nicht darum zu kümmern, weil es sich den Aufsichtsbehörden, die die Regeln machen, überlegen fühlte: Wir sind die Autobauer, wir wollen Dieselmotoren bauen, unsere Dieselmotoren werden die Tests nicht bestehen, deshalb sind die Tests falsch und müssen umgangen werden. Die Vorschriften waren einfach eine Unannehmlichkeit, die es zu überwinden galt. Im Fall von Wirecard wurden eindeutige Beweise für Betrug vorgelegt, und die Reaktion der Regulierungsbehörde bestand darin, Strafanzeige gegen die Personen zu erstatten, die das Fehlverhalten aufgedeckt hatten. Und warum? Weil die kritischen Stimmen von außerhalb des magischen Kreises des deutschen Kapitalismus kamen, der doch Prozesse einhält und Regeln befolgt", anders als der amerikanische oder britische Kapitalismus, wie wir so gerne denken.

Laleh Khalili setzt sich kritisch mit Helen Thompsons Buch "Disorder: Hard Times in the 21st Century" auseinander, das ihr zu stark auf die Politik der Großmächte abgestellt zu sein scheint: "Geopolitik ist nie losgelöst von politischen Kämpfen, und die treibende Kraft der Welt befindet sich nicht irgendwo mitten im Atlantik, auch wenn viel bösartige Macht von Europa und Nordamerika ausgeht. Öl, Geld und Demokratie haben nicht immer mit dem Kalkül einiger weniger mächtiger Regierungen zu tun. Ölkonzerne spielen eine Rolle, staatliche Unternehmen ebenso wie BP, Chevron, Exxon und Shell sowie die unabhängigen Unternehmen, die im Schiefergestein arbeiten und von privaten Beteiligungsgesellschaften finanziert werden. Das Gleiche gilt für weit entfernte Finanziers, die den Preis von Öl und anderen Rohstoffen von unscheinbaren Vorstadtbüros aus manipulieren, die Ozeane entfernt sind. Die Zehntausenden von Arbeitnehmern und Aktivisten, die für das gekämpft haben, was Tim Mitchell als 'Kohlenstoffdemokratie' bezeichnet hat, sind wichtig. Diplomaten und Minister, die Öl verstaatlichen, für Souveränität kämpfen und koloniale Verpflichtungen vor manipulierten Handelsgerichten bekämpfen, sind wichtig. Revolutionäre und streikende Ölarbeiter im Nahen Osten und darüber hinaus sind wichtig. Die Gewerkschafter, die in gefährlichen petrochemischen Anlagen an der US-Golfküste arbeiten, sind wichtig. Und auch die indigenen Gemeinschaften, die gegen Pipelines protestieren, die ihre souveränen Gebiete durchschneiden, sind wichtig. Sie sind für die Argumentation wichtig, und zwar nicht nur wegen einer moralischen Abwägung in Bezug auf Arbeit, Kolonialismus und Entkolonialisierung, Volksmobilisierung oder Umweltschutz - obwohl auch das wichtig ist - sondern weil diese Kräfte den Lauf der Geschichte auf millionenfache Weise verändert haben."

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - London Review of Books

Shanghai scheint nach monatelangem Lockdowns mit den Nerven am Ende: Viele Geschäfte und Restaurants sind ruiniert, die Menschen züchten auf ihren Balkonen Gemüse, um nicht nur Kartoffeln und Reis zu essen, viele benutzen wieder Bargeld, um unter der Hand für Erdbeeren oder einen Harschnitt zahlen zu können. Aber die Schanghaier verstehen sich auf Galgenhumor, wie Mimi Jiang zeigt: "Lange Schlangen gibt es auch vor den Meldeämtern, wo sich die Leute scheiden lassen können. Eine Freundin von mir, die während des Lockdowns ein Kind bekam, offenbarte mir, dass sie auch in der Stillzeit Bier trank, damit das Baby mehr schlief, anstatt den ganzen Tag zu schreien. 600 South Wanping Road ist jetzt die berühmteste Adresse der Stadt, dort steht Shanghais Nervenklinik. Sie wurde schon zu einem Meme und einem Motiv von nicht-autorisiertem Merchandising - überall sieht man Einkaufstaschen und T-Shirts mit der Aufschrift 'Fröhliche Entlassung aus der 600'. Ein befreundeter Doktor in der Klinik sagte, er habe noch nie so viele Patienten gesehen; wenn ich Schlaftabletten haben wollte, müsse ich warten wie jeder andere auch."

Außerdem versammelt die LRB eine Reihe von Autorinnen, die zur Abschaffung des Rechts auf Abtreibung in den USA Stellung beziehen, von Elif Batuman über Anne Enright bis Rebecca Solnit, die etwa die Konsequenz der neuen Rechtslage so umreißt: " Sie wollen, dass Frauen leiden, sie wollen sie in Gefahr, Angst und Machtlosigkeit leben lassen und gelegentlich sterben."
Stichwörter: Shanghai, Solnit, Rebecca

Magazinrundschau vom 05.07.2022 - London Review of Books

In einem ellenlangen Report berichtet Zain Samir von der miserablen Lage in Afghanistan, wo sich nach dem Abzug der westlichen Streitkräfte und der Machtübernahme der Taliban religiöser Dogmatismus, Korruption, Armut und Opiumhandel zu einer allumfassenden Trostlosigkeit verbinden: "In Kandahar sitzen Frauen in verblichenen Burkas am Straßenrand und springen auf, wenn sie einen Pickup mit Taliban an sich vorbeifahren sehen. Die Frauen rennen den Lastwagen hinterher, in der Hoffnung, dass sie Nahrungsmittelhilfe verteilen. Auch die Männer stehen Schlange, um Taliban-Hilfsgüter zu erhalten. Die meisten von ihnen sind ehemalige Farmpächter, die durch Dürre und Krieg von ihrem Land vertrieben wurden. Im Hauptkrankenhaus von Kandahar sagte mir ein Arzt, dass sich die Zahl der Kinder, die an akuter Unterernährung leiden, im letzten Jahr mehr als verdoppelt hat. 'Wir päppeln sie auf, es geht ihnen etwas besser, ihre Mütter bringen sie zurück in ihre Dörfer und ein paar Wochen später sind sie wieder da.' Die Mütter bekämen zwar Lebensmittelpakete für ihre Kinder, aber das reiche nie aus, weil sie keine andere Wahl hätten, als die Rationen auf alle ihre Kinder, ob krank oder gesund, aufzuteilen. In jedem Krankenhausbett liegen drei, manchmal vier Kinder, winzige Skelette mit freiliegenden Rippen und aufgeblähten Mägen. Es gibt kaum einen Größenunterschied zwischen fünfjährigen Kindern aus dem Panjwayi-Distrikt außerhalb von Kandahar und zweijährigen Kindern aus Helmand. Die Zahlen sind furchtbar: Unicef schätzt, dass zwei Millionen afghanische Kinder wegen akuter Unterernährung behandelt werden müssen. In einem Land, in dem 97 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, ist dies eine Krise, die nicht leicht zu lösen sein wird."
Stichwörter: Afghanistan, Taliban

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - London Review of Books

Eigentlich ist Palmenöl, wie es ursprünglich in Westafrika gewonnen und verwendet wird, ein durchaus aromatisches Öl. Erst industrielle Prozesse machen es zu einer farb-, geruchs- und geschmacklosen Zutat, die inzwischen in der Hälfte aller Supermarktprodukte enthalten ist, vom Toilettenreiniger bis zur Nuss-Nougat-Creme. Bee Wilson liest zwei Bücher zur Geschichte des Palmöls, die sie beide empfehlen kann, wobei ihr Jonathan E. Robins' "Oil Palm: A Global History" grundlegender erscheint als Jocelyn C. Zuckermans engagiertes "Planet Palm: How Palm Oil Ended Up in Everything":  "Die brutale und ausbeuterische Art, mit der sich William Lever den Zugang zu Ölpalmen in Belgisch-Kongo sicherte, war kennzeichnend für die moderne Palmölindustrie. 1911 unterzeichnete er einen Vertrag über 1,8 Millionen Hektar Ölpalmenland. Es ist erstaunlich, dass der Konzern Unilever immer noch den Namen eines Mannes trägt, der in einem Brief an einen seiner Direktoren schrieb, dass 'es eine bekannte Tatsache ist, dass das Gehirn des Afrikaners nicht mehr in der Lage ist, neue Eindrücke zu verarbeiten, wenn er das Erwachsenenalter erreicht hat'. Er nannte die Palmöl-Siedlung Leverville und sagte, die Palmenhaine dort seien 'der prächtigste Anblick, den ich je in irgendeinem Teil der Welt gesehen habe'. Aber die Kongolesen, die dort arbeiteten, hatten kein prächtiges Leben. Wie andere ausländische Palmöl-Magnaten verwandelte Lever die wilden Palmenhaine Afrikas in sterile Plantagen, die von einem neuen, von ihm gegründeten Unternehmen verwaltet wurden: Die Huileries Congo Belge (HCB). Als Sidney Edkins 1911 dorthin kam, um dort zu arbeiten, stellte er fest, dass in der Region 'kaum ein Dorf zu sehen war', weil die Zwangsarbeit 'die bestehende Bevölkerung in einem Radius von fünfzig Meilen beiderseits der Piste praktisch ausgerottet hatte'. ... Robins schreibt: 'Europas ökonomische Besessenheit bedeutete, die Erträge eines jeden Hektars so hoch wie möglich zu treiben; die Afrikaner dagegen passten sich dem Land an, um den Ertrag ihrer Arbeit zu maximieren'."

Thomas Meaney nimmt Lea Ypis weithin gefeiertes Buch "Frei" kritisch unter die Lupe. Schwer zu sagen ist, was ihm weniger behagt, die Biografie einer Tochter aus der Upperclass, deren familie unter Königen, Faschisten, Stalinisten und Neoliberalen gleichermaßen reüssierte, oder die universal-sozialdemokratische Theorie, die Ypi daraus formt. Ihr Buch beginnt mit dem Knallersatz "Ich habe mich nie gefragt, was Freiheit bedeutet, nicht bis zu dem Tag, als ich Stalin umarmte". Wie Meaney weiß, wurde er ihr Albanien besonders übel genommen: "Es gab in den neunziger Jahren keine Stalin-Statue in Durrës, nur eine kleine Büste und der wurde nie der Kopf abgeschlagen. Ypi reagierte, indem sie sich über die albanischen Fact-Checker lustig machte, die einer ermüdenden 'Korrespondenztheorie der Wahrheit' anhingen und stattdessen Walter Benjamins Essay 'Ausgraben und Erinnern' lesen sollten."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - London Review of Books

Nach neun Monaten geht in Paris in diesen Wochen der Prozess um die Terrorattentate von Paris zu Ende, bei denen im November 2015 insgesamt 130 Menschen umgebracht wurden. In einem gerafften Protokoll resümiert Madeleine Schwartz den hoch aufgeladenen Prozess derart gelangweilt, dass man sie aus dem Gerichtssaal in eine Top-Gun-Vorstellung schicken möchte. Niemand bietet die richtige Unterhaltung: Die Richter sind ihr zu ironisch, die Zeugen zu politisiert, die belgischen Polizisten zu unfähig, die Verteidiger zu eitel, die Nebenkläger zu rechts. Auf die Nerven geht ihr aber auch der Hauptangeklagte Salah Abdeslam, dessen Sprengstoffgürtel vor dem Stade de France nicht explodierte. Er will sich im letzten Moment umentschieden haben, verteidigt aber Sklaverei und Todesstrafe im Namen des Islams. Immerhin die überlebenden Zeugen aus dem Bataclan lässt Schwartz gelten, vielleicht weil ihre Aussagen ein so ungünstiges Licht auf Frankreich werfen. Zum Beispiel Sophie, 38 Jahre: "Ich erinnere mich, wie sie grinsten, während sie auf die Leute schossen, die ihnen in die Augen gesehen hatten. Ich erinnere mich an den Jungen, der neben mir starb. Wir legten ihn auf uns, um uns zu schützen... Wir sahen Männer mit Waffen und flehten, nicht getötet zu werden. Sie sagten, wir sollten verschwinden. Hinterher wurde mir klar, dass das wahrscheinlich schon Polizei oder Militär war. Ich erwischte ein Uber, das schon besetzt war. Der Fahrer und der Passagier retteten mein Leben ... Ich fuhr zum Hôpital Sainte-Anne. Ich war dort bis drei Uhr morgens. Mein Fall wurde nicht als ernst betrachtet. Ich wurde am nächsten Morgen um neun Uhr operiert. Davor kam ein Polizist. Er moserte, dass ich nicht das Armband trug, das mich als Opfer auswies. Er war ziemlich aggressiv. Die Pflegerinnen mussten ihn wegschicken. Ich blieb zwölf Tage im Krankenhaus. Nach der zweiten Operation wurde mir gesagt, dass ich zwei Kugeln im Körper hatte. Eine war in meiner Wade explodiert, die andere in meinem Becken. Ich musste entscheiden, ob ich sie drin lassen wollte oder entfernen lassen. Ich ließ sie drin. Vier Tage später hatte ich Geburtstag. Ich fühlte mich schuldig, dass ich noch am Leben war. Ich fuhr zu meiner Mutter in die Provence. Als ich nach Paris zurückkehrte, hatte ich Angst, getötet zu werden. Ich rief die psychiatrische Hotline an. Sie legten auf, weil ich zu sehr weinte. Sie sagten, ich solle mich wieder melden, wenn ich mich beruhigt hätte. Ich ging zu einem Therapeuten, der schlief ein, während ich sprach. Als er wieder aufwachte, fragt er mich nach meinen Großeltern. Das war der Beginn von drei Jahren psychologischem Chaos. Ein Psychiater empfahl mir Chaplin-Filme. Ein anderer begann jede Sitzung mit Ausführungen über das französische Gesundheitssystem. Die nächste brach zusammen, als ich erklärte, warum ich da sei. Ich musste sie trösten."

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - London Review of Books

75 bis 100 Prozent ihres Getreides importieren die nordafrikanischen Läner aus Russland und der Ukraine. Seit Beginn des Krieges sind die Weizenpreise noch einmal um fünfzig Prozent gestiegen, die Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen warnen bereits vor einem "Hurrikan des globalen Hungers". Aber sie betonen auch, wie Tom Stevenson berichtet, dass die Versorgungskrise nicht mit dem Krieg begonnen hat, sondern durch ihn nur offensichtlich wurde: "Eine Vielzahl von Ursachen wurde aufgeführt, vom volatilen Wetter bis zu veränderten Ernährungsgewohnheiten in China und Indien. Ein wichtigerer Faktor sind allerdings die Nachwirkungen der Covid-Pandemie auf transnationale Produktion und Schiffsverkehr: Momentan kreisen fünfhundert Schiffe vor dem Hafen von Schanghai. Knappheit herrscht an vielen Enden: Weltweit sind die Bestände an Aluminium, Kupfer, Nickel und Zink um siebzig Prozent gesunken. Aber es sind die kritischen Rohstoffe - Weizen und fossile Brennstoffe -, die das Ausmaß des Problems offenbart haben. Doch bei allen Schäden, die die Pandemie hinterlassen hat, kann sie doch nicht vollständig den Anstieg der Lebensmittelpreise erklären, die dem Krieg in der Ukraine vorangegangen ist. Ein wichtiger Teil der Geschichte spielt auf den kaum regulierten Rohstoffmärkten, die von einer Handvoll Finanzinstitutionen und Unternehmen dominiert werden. Spekulationen haben Lebensmittel in der Finanzkrise 2008 für viele Arme unerschwinglich gemacht. Investmentbanken bestreiten häufig, dass Spekulationen verantwortlich sind für ungewöhnliche Preisschwankungen. Jeff Currie, der führende Rohstoff-Analyst von Goldman Sachs, macht dafür - vorhersehbar - die zu starke Regulierung der Banken verantwortlich, aber auch ein Kapitaldefizit - zu viel Geld gehe in Netflix, zu wenig in Öl, Bergbau und industrielle Landwirtschaft. Aber das ist kaum überzeugend. Große Finanzinstitute und Händler, die auf Preise von Energie und Lebensmitteln wetten, verstärken mit ziemlicher Sicherheit die Preisausschläge. Selbst die Liquidität der großen Rohstoffspezialisten wie Trafigura, Vitol, Glencore und Cargill ist dank ihrer Derivateposition angespannt."
Stichwörter: Rohstoffhandel, Getreide, Weizen

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - London Review of Books

Neal Ascherson liest gebannt Richard Butterwicks Geschichte des polnisch-litauischen Königreiches, mit dem Russland im 18. Jahrhundert, nach Verabschiedung der "revolutionären Verfassung vom 3. Mai 1791", ähnlich umsprang wie heute mit der Ukraine (wobei natürlich auch Preußen und Habsburg ihren Anteil an der Zerschlagung Polens hatten): "Die Schlupfwespe tötet die Raupe nicht, sondern injiziert ihrer Beute ein Gift, das sie lähmt und gefügig macht. Russland hat sich seinen Nachbarn gegenüber immer wie eine Schlupfwespe verhalten. Katharina II. hätte es vielleicht vorgezogen, Polen gelähmt zu halten, anstatt es zu zerschlagen, aber die Raupe gab unerwartet Lebenszeichen von sich. Heute gelingt es Putin weder der Ukraine Nachgiebigkeit einzuflößen noch sie zu annektieren. Beide Optionen erfordern einen Kader von willigen Verrätern, die die Regierung übernehmen. In der Ukraine rechnete Putin damit, sie unter den lokalen Oligarchen und ihren politischen Lakaien zu finden, die seit vielen Jahren ihre Wetten und Investitionen zwischen Kiew und Moskau abgesichert haben. Katharina rekrutierte sich den Kader aus den größten Adelsfamilien, den Großgrundbesitzern, deren Ländereien so groß wie Belgien sein könnten. Der polnisch-litauische Adel - die 'Szlachta' - steht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Der letzte König von Polen, Stanisław August Poniatowski, bleibt trotz seines dreißigjährigen Kampfes um die Modernisierung seines Königreichs und die Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit ein Nebenakteur. Die Szlachta war nicht wie der westliche Adel. Diese Gruppierung, herrlich streitsüchtig und exzentrisch, verschaffte jedem westlichen Besucher Anekdoten für ein ganzes Leben. ... Der Meteor hob 1788 ab, als der Sejm in Warschau zusammentrat (die Sitzung ist noch als 'Großer Sejm' in Erinnerung). Er sollte vier Jahre lang tagen und mehr als dreißigtausend Reden hören. Er war keine Revolution, aber er war revolutionär in seiner Umwandlung des polnisch-litauischen Commonwealth in etwas, das sich der Moderne annähert, und in seinem Sturmangriff auf reaktionäre Missstände, die einst als unabänderlich galten. ... Die aufgeregten, aber 'anarchischen' Adligen, die den Sejm besetzten, waren begeistert von Polens Aufbruch zu echter Unabhängigkeit, aber misstrauisch gegenüber Reformen, die ihre Goldene Freiheit untergruben. Die Magnaten schließlich (die Branickis, Potockis und Rzewuskis, die Oligarchen ihrer Zeit) baten insgeheim um eine russische Intervention, um sie vor den jakobinischen Demokraten zu schützen und ihre Vorherrschaft wiederherzustellen. All dies gipfelte in der Verfassung vom 3. Mai 1791, die noch immer ein heiliger Tag in der nationalen Geschichte ist."

Online-Werbung ist eine Geheimwissenschaft, Donald MacKenzie hat eher vergeblich für den britischen Markt versucht, der Spur des Geldes zu folgen: "Im Jahr 2016 testete der Guardian die Angebote, indem er auf seiner eigenen Website Werbeplätze kaufte und stellte fest, dass manchmal nur 30 Prozent der gezahlten Beträge den Weg zur Zeitung fanden. Ein paar Jahre später wurde ein Team von PricewaterhouseCooper von der Incorporated Society of British Advertisers beauftragt, die Geldströme systematischer zu verfolgen. Das Team arbeitete mit fünfzehn großen Werbetreibenden - darunter Nestlé, Unilever, Vodafone und British Airways -, deren jährliche Gesamtausgaben für Online-Werbung sich im Vereinigten Königreich auf etwa 100 Millionen Pfund belaufen. Zwölf Zeitungs- oder Zeitschriftenkonzerne, die am anderen Ende der Wertschöpfungskette stehen, nahmen an der Studie teil. PwC versuchte, die von den Werbetreibenden gekauften Werbeeinblendungen mit den von den Verlegern verkauften Werbeplätzen abzugleichen. Die Verhandlungen über den Zugang zu den Daten, die sich im Besitz der Zwischenhändler von Angebots- und Nachfrageplattformen (SSP und DSP) befinden, erwiesen sich als kompliziert - die Studie dauerte schließlich fünfzehn Monate - und Schwierigkeiten wie Unterschiede im Datenformat machten einen Abgleich oft unmöglich. Bei den 31 Millionen Impressions, die PwC vollständig abgleichen konnte, stellte es fest, dass im Durchschnitt nur 51 Prozent der von den Werbetreibenden ausgegebenen Mittel die Publisher erreichten. Zwei Drittel der verbleibenden 49 Prozent wurden von den Gebühren der Vermittler absorbiert. PwC konnte jedoch nicht feststellen, wo fast ein Drittel der 49 Prozent - das sind etwa 15 Prozent der Ausgaben der Werbetreibenden - gelandet sind."

Weiteres: Azadeh Moaveni schildert in einer umfangreichen Reportage, wie geflüchtete Ukrainerinnen in die Gefahr von Menschenhandel und Prostitution geraten.