Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 16.07.2019 - London Review of Books

Ausführlich erzählt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze die vergangenen zwanzig Jahren deutscher Parteipolitik nach, vor allem als Geschichte des sozialdemokratischen Kollaps nach der Agenda 2010. Wenn es um die verschiedenen Spaltungen im Land geht, misst er ihr ein noch größeres Gewicht bei als der Flüchtlingspolitik von 2015 oder dem Aufsteig der AfD, vor allem weil die soziale Ungleichheit im Wohlfahrtsstaat Deutschland so groß sei wie in anderen Ländern, die soziale Mobilität aber viel geringer. Am Ende zeigt er vor allem Ungeduld mit der Regierung Merkel: "Es gibt an der deutschen Demokratie viel zu bewundern. Sie ist flexibel, offen, und immer bereit zur Veränderung. Die sechs Parteien, aus denen sie nun besteht, spiegeln die Spaltungen der deutschen Gesellschaft wider. Die Komplexität reflektiert die Realität. Aber kann sie auch Führung hervorbringen? Die Antwort ist nicht nur für Deutschland entscheidend, sondern auch für Europa. Es braucht eine klare deutsche Position in etlichen Fragen, vom Brexit und der Entwicklung der Eurozone bis zum Klimawandel und zur Sicherheitspolitik im Zeitalter von Donald Trump. Ein Fenster strategischer Möglichkeiten schloss sich 2017, als Emmanuel Macron vergeblich auf eine Antwort aus Deutschland auf seine Sorbonne-Visionen für Europas Zukunft wartete. Europa kann sich keinen weiteren Aufschub leisten. Eine Neuaufstellung der Berliner Politik kann womöglich eine entschiedenere, pro-europäischere Regierung hervorbringen. Aber das ist Spekulation. Und wie lange wird es dauern? Bis dahin hat es Europa mit einer Regierung in Berlin zu tun, die ein politischer Zombie ist, Relikt einer vergangenen Zeit."

Andrew O'Hagan war bei der Abschiedsfeier für Karl Lagerfeld im Grand Palais und hängt dabei seinen Erinnerungen an den Couturier nach: "Das Licht begann sich zu verändern, und ich sah, wie sich Wolken über der riesigen Glasdecke gebildet hatten. Pharrell hüpfte auf seine Fußspitzen und alle standen auf. Die Person vor mir trug einen Lederrock und silberne Plateauabsätze. Sie hatte rote Haare, eine Jacke aus roten Pfingstrosen, blutrote Nägel und einen vollen, dunklen Bart. Sie wischte eine Träne ab. 'Mode ist auch ein Versuch, bestimmte unsichtbare Aspekte der Realität des Augenblicks sichtbar zu machen', schrieb Lagerfeld."

Weiteres: John Lanchester plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und will sich nicht dadurch beirren lassen, dass auch die Ultraliberalen und Libertären im Silicon Valleys die Idee unterstützen. Seamus Perry liest Gedichte von W.S. Graham. Clare Bucknell vertieft sich in einen Band über Geschlechtskrankheiten in der Imagination des 18. Jahrhunderts. Eleanor Nairne schreibt anlässlich einer Ausstellung in der Tate Liverpool über Keith Haring.

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - London Review of Books

Feminismus ist en vogue, keine Frage, und er hat einiges erreicht. Doch Lorna Finlayson hält auch fest, dass sich die Lage von Frauen in vielerlei Hinsicht verschlechtert hat: In allen Teilen der Welt sind Frauen überproportional vom Abbau sozialer Dienstleistungen betroffen, die Austeritätspolitik in Europa hat die Einkommen und Renten von Frauen viel stärker reduziert als die von Männern; Frauenhäuser werden geschlossen, immer mehr Frauen verkaufen Sex, um ihre Miete zu zahlen und ihre Kinder über die Runden zu bekommen. Finlayson geht völlig d'accord mit dem Manifest "Feminism for the 99 percent" von Nancy Fraser, Cinzia Arruzza und Tithi Bhattacharya und beklagt, dass sich der neue Feminismus mehr und mehr auf die Themen Geschlecht, Sexualität und Körper beschränkt oder eine Quotierung in Politik und Wirtschaft: Dem liegt die nie explizit gemachte Annahme zugrunde, dass Frauen an der Macht mit ihrer Politik Fraueninteressen voranbringen. Doch heute kann diese Annahme nicht mehr als ungeprüft gelten. Die vergangenen Jahre, in dem die Repräsentation von Frauen in vielen Feldern gestärkt wurde - darunter im Parlament - waren geprägt von einer Politik der Austerität und des Neoliberalismus. In Britannien zumindest hat die Vorstellung, dass Politikerinnen die Anliegen ihrer Schwestern Gehör schenken, mit Margaret Thatcher und Theresa May zwei spektakuläre Gegenbeispiele erlebt. Frauen an der Macht praktizieren nicht selbstverständlich eine feministische Politik. Feministinnen misstrauen schon lange und aus guten Grund essentialistischen Behauptungen über Frauen, die traditionell dazu dienten, unsere Unterordnung zu kaschieren oder zu legitimieren. Die Vorstellung, dass Frauen friedliebender oder empathischer ist, unterscheidet sich nicht wesentlich von vertrauten sexistischen Stereotypen."

Andrew O'Hagan liefert einige Reminiszenzen an die New Yorker Autorin Lilian Ross, deren Boshaftigkeiten er als ihr ständiger Begleiter offenbar genossen hat: "Ich kenne niemanden, der so viele Menschen hasste wie Lilian Ross. Sie zählte sie gern an ihren Fingern ab, meist nur einen Steinwurf von ihnen entfernt und dabei ihre Stimme zu senken: Sie bog jeden Finger nach hinten, zog eine Grimasse und lieferte zu jedem Name das entscheidende Attibut: Gloria Steinem - falsch. Janet Malcolm - eine Angeberin. Renata Adler - eine Spinnerin. Susan Sontag - ein Niemand. Nora Ephron - eine Lügnerin. Andere Hand:  Kenneth Tynan - ein Mistkerl. Truman Capote - eine Klette. George Plimpton - schmierig.  Tom Wolfe - untalentiert. Philip Roth - ein Blödmann."
Stichwörter: Feminismus, Fraser, Nancy

Magazinrundschau vom 17.06.2019 - London Review of Books

Es wundert Lili Owen Rowlands gar nicht, dass Jacques Lacan ein miserabler Vater war, und doch liest sie erschrocken in den Erinnerungen seiner Tochter Sibylle, wie schlecht er seine Familie behandelte. 2013 nahm sich Sibylle nach Jahren der Depressionen das Leben, auf Englisch sind ihre Erinnerungen erst jetzt erschienen, auf Französisch und Deutsch bereits Ende der neunziger Jahre: "Sibylle Prosa ist dicht und kontrolliert. Zum Glück hat sie nicht von der Opakheit ihres Vaters und bedient sich auch nicht seiner Begrifflichkeit. Aber mit der Entdeckung seines Doppellebens geht eine erkennbare Schwächung dessen einher, was Lacan, der Analyst, die Imago des Vaters nennen würde: Das Bild des abwesenden Vaters verzerrt sich zu dem eines erbärmlichen. Mit 21 Jahren wurde Sibylle plötzlich krank, überkommen von einer andauernden und immensen Müdigkeit, und als sich auch nach etlichen Monaten ihre Kondition nicht verbesserte, sucht ihre Mutter Malou Rat bei Lacan und arrangierte seinen Besuch. Am verabredeten Tag wartete Sibylle auf ihren Vater, vom Balkon aus blickt sie auf die Rue Jadin, die Zeit verstrich, aber niemand kam. Endlich sah sie ihn aus einem Bordell am Ende der Straße auftauchen, das 'von Menschen mit Klasse besucht' wurde. Sie schäumte vor Wut: 'Wie kann er es wagen, in der Rue Jadin zu vögeln, nur wenige Schritte entfernt vom Haus seiner Kinder und seiner Exfrau?' Wer mit Lacans Arbeit vertraut ist, wird nicht überrascht sein, dass er launisch und anmaßend sein konnte, ein Womaniser. Aber 'Ein Vater' enthüllt auch Lacans Habgier und seinen Hang, Menschen von niedrigerem sozialen Status mit Verachtung zu begegnen - für ihn waren sie subaltern."

Niemand konnte das Schweigen einsamer Männer so in Szene setzen wie Jean-Pierre Melville, der große Einzelgänger unter den Filmregisseuren. Adam Schatz liest mit großer Bewunderung zwei Biografien von Bertrand Teissier und Antoine de Baecque, in denen er auch viel über Melvilles Zeit in der Résistance und als Kämpfer für das freie Frankreich erfährt. Und er ärgert sich furchtbar, dass Melville als Genre-Regisseur abgetan wurde: "Der Minimalismus von Melvilles Filmen - wie auch ihre Gleichgültigkeit gegenüber psychologischen Beweggründen oder melodramatischen Konventionen - brachte ihm die Bemerkung ein, er imitiere Robert Bresson. Melville antworte darauf gereizt, er habe Bresson'sche Techniken bereits vor Bresson benutzt, also würde Bresson eher 'Melville-sieren'. Die Beobachtung war ziemlich treffend, doch selbst André Bazin, der ihre Richtigkeit anerkannte, attestierte Bresson, Melvilles Innovationen zur Vollendung zu bringen, als hätte erst Bresson aus den Tricks eines geringeren Filmemachers echte Kunst gemacht... Der unschmeichelhafte Vergleich mit Bresson verrät Vorurteile gegenüber dem Genre - und vielleicht auch noch andere. Melville, ein atheistischer Jude, drehte Krimis, Polizeifilme und politische Thriller, während Bresson, der gläubige Katholik, Arthouse-Filme mit spirituellem Ehrgeiz schuf. Die Gnade, die Bressons Charakteren gelegentlich zukommt, wird den Unterwelt-Verschwörern bei Melville niemals zuteil. Sie leben in einer gefallenen Welt, in der Brüderlichkeit die einzige Zuflucht bietet, den einzigen Ausweg der Tod."

Weiteres: Ian Penman liest Jason Drapers Prince-Biografie, hört sich noch mal durch sämtlich Alben und stellt fest: "Da Prince nur zu gern mit seiner Erscheinung spielte, hielt er nichts von der Verehrung des angeblich Authentischen, wie man schwarz, männlich oder soulful zu sein hat." Tom Strevenson liest die Berge von Papier, die ein New-York-Times-Reporter nach dem Ende des Islamischen Staats sichergestellt hat und die auch dem Möchtegern-Kalifat ein ermüdendes Maß an Bürokratie attestieren. David Runciman gibt allen Politikern, die gern den starken Mann markieren, mit auf den Weg, dass Margaret Thatcher Erfolg auf ihrem politischem Pragmatismus gründete.
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Magazinrundschau vom 04.06.2019 - London Review of Books

In den USA werden die Schriften der faszinierenden Rachel Carson neu herausgegeben. Meehan Crist kann nur bewundern, wie die amerikanische Umweltschützerin und Wissenschaftsautorin nahezu im Alleingang nachwies, dass Pestizide krebserregend und für das Artensterben verantwortlich sind. Erschütternd ist für Crist allerdings, dass Carson mit einem einzigen Buch genug öffentliches Bewusstsein schaffen konnte, um einen rigorosen Politikwandel herbeizuführen. In Bezug auf den Klimawandel sei dies bisher niemandem gelungen, weder Al Gore noch Bill McKibben oder Elizabeth Kolbert: "Auf der ganzen Welt, in den Städten wie in den Dörfern, kämpfen die Menschen mit Dürren, Fluten, Feuer, Lebensmittelknappheit, Konflikten und dem Druck durch die größte menschliche Wanderung seit der letzten Eiszeit. Aber niemandem ist es gelungen das Bedürfnis nach Handeln zu wecken wie es Carson mit 'Silent Spring' ('Der stumme Frühling') tat. Und während wir sehr wohl die Maßnahmen kennen, mit denen wir das drohende Desaster mildern könnten, sind sie viel schwieriger in die Tat umzusetzen als jene, die Carson vorschlug, um die giftigen Chemikalien loszuwerden. Sie umfassen eine komplette und weltweite Neuausrichtung von Landwirtschaft, Transport und Energie zu einer Zeit, in der die notwendigen politischen System nirgends vorhanden sind. Die Klimakatastrophe hat offenbart, dass der globale Kapitalismus fundamental bankrott ist, aber auch dass die Neigung der liberalen Orthodoxie zum Moderaten und schrittweisen Wandel nicht ausreicht. Nur sofortiger, tiefgreifender Wandel, der auch den Konflikt mit den mächtigen Interessen der CO2-ausstoßenden Industrie wagt, kann vielleicht das biologische System retten, von dem alles menschliche Leben abhängt. Wie McKibben kürzlich im New Yorker erklärte: 'Es geht darum, den Klimawandel so zu verlangsamen, dass er Zivilisation nicht unmöglich macht'."

Weiteres: James Meel liest Puschkin. David Runciman arbeitet sich durch den Mueller-Report.

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - London Review of Books

Beim Lesen von Brett Christophers Buch "The New Enclosure" über den Ausverkauf des britischen Gemeineigentums schwankt Ian Jack zwischen Zorn und Verzweiflung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit haben alle  Regierungen seit Margaret Thatcher öffentliches Land privatisiert, wobei ein Großteil nicht einmal an Investoren ging, sondern an reine Finanzinvestoren, die auf den steigenden Bodenwert spekulieren: "Christopher schätzt, dass der Staat seit 1979 zwei Millionen Hektar verkauft hat, ein Zehntel der britischen Landmasse, was bei heutigen Preisen einem Wert von 400 Milliarden Pfund entspräche, zehnmal mehr als mit der wertvollsten Komponente verdient wurde, dem Verkauf der Sozialwohnungen. Seine Schätzungen umfassen reine Ländereien wie Wälder, Militärgelände und kommunale Farmen, aber auch Land als Bestandteil anderer Privatisierungen wie etwa Elektrizitätswerke oder Sozialbauten (im Durchschnitt macht das Land bei allen Arten von Immobilien heute siebzig Prozent des Kaufpreises aus, in den dreißiger Jahren waren es zwei Prozent). Als Margaret Thatcher im Mai 1979 Downing Street übernahm, besaß der Staat mehr Land als jemals zuvor: zwanzig Prozent des ganzen britischen Gebiets. Heute liegt die Zahl bei zehneinhalb Prozent. Veräußert wurden Gemeindehäuser, Wälder, Farmen, Moore, Werften, militärische Flugplätze, Eisenbahngleise, Brücken, Museen, Theater, Spielplätze, Parks, Stadthallen, Rasenflächen, Schrebergärten, Kindergärten, Sportcenter, Schulsportplätze. Laut Christopher gab es 'eine kolossale Entwertung des öffentlichen Besitzes', und sie geschah nicht unabsichtlich."

Weiteres: Jacqueline Rose blickt auf Südafrikas unaufgearbeitete Traumata, das Scheitern der Wahrheitskommission, die unehrliche Politik des ANC und die Vertreibung der Psychoanalytiker aus dem Land.

Magazinrundschau vom 07.05.2019 - London Review of Books

Wichtig und höchst aufschlussreich findet Mary Hannity Caitlin Davies' Geschichte "Bad Girls" des berühmt-berüchtigten Londoner Frauengefängnisses HMP Holloway. Sie lernt viel über die Bewertung und Sanktionierung weiblicher Delinquenz, die immer noch dem Schema "He's Bad, She's Mad" folge. Aber ganz einverstanden ist Hannity nicht mit Davies' Schlussfolgerungen: "Davies' Behauptung, dass Frauen dafür kriminalisiert werden, dass sie nicht die Normen weiblichen Verhaltens einhalten, kann auch die überproportionale Inhaftierung schwarzer Frauen in britischen Gefängnissen erklären. Ihnen wird mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Haftstrafe auferlegt als weißen Frauen und seltener Bewährung gegeben. Fokusgruppen mit schwarzen oder asiatischen Frauen berichteten in Befragungen, dass sie vor Gericht mit einer Jury von alten weißen Männern doppelt benachteiligt und im Gefängnis vom Wachpersonal anders behandelt werden ('Bei Weißen ist es seelische Belastung, bei Schwarzen ungenügende Aggressionsbewältigung'). 2017 fand eine vom Labour-Abgeordneten David Lammy geführte Untersuchung heraus, dass auf hundert weiße Frauen, die wegen Drogendelikten zu Haftstrafen verurteilt wurden, 227 schwarze Frauen kamen. Schwarze Männer kommen auf eine Zahl von 141 auf hundert weiße Männer. 'Sehr wenige weibliche Gefangene haben jemals eine Gefahr für die Gesellschaft dargestellt, stattdessen sind die meisten Opfer von Umständen und auf die ein oder andere Art Opfer von Männern geworden', schreibt Davies. Die meisten Frauen im Gefängnis haben vielfältige Bedürfnisse und Verletzlichkeiten: 46 Prozent haben häusliche Gewalt überlebt, 53 Prozent berichten, in ihrer Kindheit missbraucht worden zu sein. Fast ein Drittel war zuvor in psychiatrischen Kliniken behandelt worden, verglichen mit zehn Prozent der männlichen Gefangenen... Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, Weiblichkeit als Geschichte von Opfertum und Mühsal zu sehen. Wenn man weibliche Gefangene nur als Abweichung von der männlichen Norm betrachtet, riskiert man, die Verbindung von Maskulinität und Gesetzlosigkeit zu bekräftigen und damit die Masseninhaftierung von Männern zu legitimieren."

Tom Stevenson lernt von David Wearings "AngloArabia", dass der Westen überhaupt nicht auf das Öl der Golfstaaten angewiesen und auch nicht erpicht darauf ist. Die USA wollen nur den Daumen auf die Ölexporte halten, die zum größten Teil nach Asien gehen: Ihre überwältigende militärische Kontrolle über die Region stellt sicher, dass Japan, Südkorea, India und selbst China mit den USA rechnen müssen, denn wenn sie wollten, könnten sie sie von ihrer Hauptenergiequelle abschneiden."

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - London Review of Books

In Nigeria hat sich der frühere Militärherrscher Muhammadu Buhari gerade erneut als Präsident bestätigen lassen, mit einer kläglichen Wahlbeteiligung von 35 Prozent. Dass er sich gern zum Kämpfer gegen Korruption und Disziplinlosigkeit stilisiert, hat ihm also wenig genutzt. Denn meist erfordern die messianischen Kriege gegen Korruption, weiß der britisch-nigerianische Adewale Maja-Pearce, enorme Summen an schmutzigem Geld: "Die Wähler, die Buhari kaufen musste, stammen überwiegend aus dem Südosten Nigerias. In Lagos State lebt eine große christlich geprägte Igbo-Community. Zusammen mit anderen benachbarten Minderheiten im Öl produzierenden Süden - wir nennen ihn Südsüd -, machen sie vierzig Prozent der zwanzig Millionen Bewohner des Bundesstaates aus. Die meisten von ihnen sind Händler, die die großen Märkte versorgen. Für die Buhari-Kampagne war das Problem nicht, dass die Igbo sich für seinen Kontrahenten Atiku begeisterten, sondern dass sie Buhari verabscheuen und in ihm einen unerbittlichen Islamisten sehen (er hat sich Anfang der zweitausender Jahre leidenschaftlich für die Einführung der Scharia eingesetzt). Buhari hat seinerseits die Igbo immer verachtet. Als Brigademajor der nigerianischen Armee kämpfte er im Biafrakrieg gegen sie und erklärte noch 2015 im Wahlkampf, 'er schulde ihnen keine Rechenschaft'. Nach seinem Wahlsieg versuchte er nie, Brücken zu bauen. In einem Interview mit dem amerikanischen Institute of Peace sagte er: Ich hoffe, Sie haben eine Kopie der Wahlergebnisse. Die Wahlkreise, in denen ich fünf Prozent bekam, kann ich ja nicht ernsthaft so behandelt werden wie die, in denen ich 97 Prozent bekam.'"
Stichwörter: Nigeria, Buhari, Muhammadu

Magazinrundschau vom 16.04.2019 - London Review of Books

In irritierend lakonischer Nüchternheit erzählt der irische Schriftsteller Colm Tóibín auf dreißig Seiten von seiner Krebserkrankung. Dabei geht er gleich in die Vollen: "Es begann mit meinen Eiern. Ich war in Südkalifornien und mein rechtes Ei war etwas wund. Am Anfang dachte ich, der Schmerz käme von dem Schlüsselbund in meiner rechten Hosentasche, der beim Gehen an mein Testikel schlug. Also steckte ich die Schlüssel in die andere Tasche. Für eine Zeit blieb der Schmerz aus, dann kam er wieder. I gab täglich Lesungen, verkaufte meine melancholischen Geschichten an die Leute in Orange County und weiter südlich. An manchen Tagen fragte ich mich, ob im Publikum vielleicht ein Arzt säße, der, wenn ich am Ende der Lesung eine entsprechende Erklärung gab, den Schmerz verschwinden lassen könnte. Aber ich wollte kein Aufhebens machen."

In seiner Autobiografie "Interesting Times" hat Eric Hobsbawm, die linke Historiker-Ikone, auf geradezu komische Weise nichts über sich selbst enthüllt, erinnert Susan Pedersen, zum einen weil sich Hobsbawm wirklich nicht für sich selbst interessierte, zum anderen weil er die Gründe für jedes Scheitern auf seinen Kommunismus schob. Von Richard Evans' Biografie lernt Pedersen, dass es eher anders herum war: Besonders eisern wurde Hobsbawm, wenn ihn wieder ein Verlag oder eine Universität abgewiesen hatte: "Evans redet die intellektuellen Verrenkungen nicht schön, die Hobsbawm unternahm, um die stalinistischen Schauprozesse, den Hitler-Stalin-Pakt oder die sowjetische Invasion Finnlands zu verteidigen, aber er minimiert auch nicht den lebhaften und heterodoxen Geist, der die Historiker-Gruppe der Kommunistischen Partei oder die Gründung von Past & Present durchwehte, noch immer ein führendes Geschichtsjournal. Die sowjetische Invasion Ungarns - die Zerschlagung einer Volksbewegung durch den Arbeiterstaat - stürzte die Gruppe in eine Krise und die meisten von Hobsbawms Gefährten (E.P. Thompson, Christopher Hill) verließen damals die Partei. Hobsbawm tat es nicht, er hielt die sowjetische Invasion angesichts einer drohenden Konterrevolution für schmerzlich, aber notwendig: 'Wären wir an Stelle der sowjetischen Regierung gewesen, hätten wir interveniert.'" Am Ende sieht Evans in Hobsbawms radikaler Haltung auch eine Art Selbstschutz: "Sein Kommunismus machte jede Anerkennung durchs Establishment noch beeindruckender, es erklärte auch jeden Misserfolg. Und auch wenn Hobsbawm nicht die Partei verlassen hatte, macht Evans klar, hatte er bis zu einem gewissen Grad seinen Glauben verloren."

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - London Review of Books

Rachel Nolan liest neue Recherchen zum Massaker an den 43 mexikanischen Studenten, die 2014 in Iguala ermordet wurden. Bekannt ist mittlerweile, dass die linken Studenten des Ayotzinapa College - offenbar wie mehr oder weniger üblich - einen Bus gekapert hatten, um in Mexiko-Stadt am Gedenken an das Tlatelolco-Massaker teilzunehmen, und von der Polizei gestoppt wurden. Aber weder Anabel Hernández noch John Gibler können in ihren hervorragenden Büchern am Ende klären, wer genau an den Morden beteiligt war (Polizei, Armee, Drogenkartelle?) und wer sie in Auftrag gab: der Bürgermeister von Iguala, die Führung des Bundesstaates Guerero oder gar der damalige Staatspräsident? Nolan hält alles für möglich, aber nichts für bewiesen: "Dass Narcos den mexikanische Staatsapparat infiltriert haben, ist Gerücht und Tatsache zugleich. Ich erinnere mich, wie eine Anthropologin erklärte, wann es angemessen sei, von einem Narco-Staat zu sprechen: 'Bei einer meiner Recherchen interviewte ich einige Drogenhändler' sagte sie, 'und als ich beim nächsten Mal wieder einen von ihnen sprach, war er bereits der Bürgermeister.' Schwieriger ist es, Beweise für die Bundesebene zu finden, auch wenn gerade beim Prozess gegen den Drogenbaron El Chapo ein Zeuge behauptete, dass Enrique Peña Nieto, der PRI-Präsident zur Zeit von Ayotzinapa, vom Sinaloa-Kartell 100 Millionen Dollar kassiert hatte. Wir wissen aber nicht, wer worin verwickelt ist. Wer ließ die Studenten verschwinden? Angesichts all der Räubereien, Korruption und bösen Absichten auf Seiten des Staates rufen schon viele Mexikaners gar nicht mehr die Polizei, wenn sie ausgeraubt werden, erst recht nicht, wenn sie ein Verbrechen beobachten. Wozu? Die Polizei macht alles nur schlimmer. Und sie wird alles den Kriminellen verraten. Auch vor den Studenten von Ayotzinapa gab es andere Massaker. Schätzungsweise 130.000 Menschen sind in den mexikanischen Drogenkriegen getötet worden, und 27.000 Menschen verschwunden. Aber nach dem Massaker von Ayotzinapa ist etwas gebrochen. Am nächsten Tag gingen die Leute in Mexiko Stadt, Guerero und über all im Land auf die Straßen und skandierten: Fue el estado! Fue el estado! Es war der Staat."

Weiteres: In nur zwei Jahren haben die USA mit Donald Trump jegliche politische Autorität eingebüßt, aber nichts von ihrer Macht, betont Adam Tooze: "Die beiden Säulen globaler Macht - das Militär und die Finanzen - stehen fest auf ihren Fundamenten. Aber die amerikanische Demokratie erhebt keinerlei Anspruch mehr darauf, politisches Modell zu sein." Emily Witt rekapituliert den Opioid-Skandal um das Schmerzmittel OxyContin von Purdue-Pharma.

Magazinrundschau vom 19.03.2019 - London Review of Books

Mit einer gewissen Bitterkeit erinnert Madawi Al-Rasheed daran, wie bereitwillig Journalisten und Akademiker im Westen daran mitgearbeitet haben, Kronprinz Mohammed bin Salman zum segensreichen Reformer Saudi-Arabiens zu stilisieren: PR-Firmen wie Consulum und Freud lancierten gigantische Kampagnen, bevor ihm die Queen den roten Teppich ausrollte und niemand mehr nach Kritikern im Gefängnis oder den Zerstörungen im Jemen fragte. Economist und Financial Times waren ganz berauscht von der Aussicht, ein Teil der auf drei Billionen Dollar geschätzten staatlichen Ölfirma Saudi Aramco könnte privatisiert werden. Cambridge, Harvard und das MIT haben sich Lehrstühle von MBS finanzieren lassen. PR-Institute wurden zu Think Tanks verklärt. "In westlichen Berichten zur Ägide von MBS geht es selten um die saudische Gesellschaft selbst. Wenn, dann erklären uns Reporter und Akademiker, dass die Gesellschaft sich ändert und Freiheit angebrochen ist. Sie verschweigen, dass Saudis noch immer nicht die Freiheit haben, nach eigenem Willen zu denken und handeln - und dass es natürlich keinerlei Freiheit gibt, die Arrangements der Macht zu kritisieren. Diskussionen über religiöse Reformen, über soziale Themen und Geschlechterfragen werden nicht toleriert, wie die steigenden Zahl von verhafteten Klerikern und Frauenrechtlerinnen zeigen. Auch Debatten über die wirtschaftlichen Pläne von MBS sind nicht erlaubt. Nehmen wir den Fall des Ökonomen Essam al-Zamil, der in den sozialen Medien die Weisheit der geplanten Priviatisierung von Saudi Aramco in Zweifel zog. Am 1. Oktober letzten Jahres, dem Tag vor der Ermordung Jamal Kashoggis, wurde al-Zamil angeklagt, sich einer terroristischen Organisation angeschlossen und Informationen an ausländische Diplomaten gegeben zu haben. Während MBS seine Macht konsolidiert und genauso repressiv regiert wie jeder andere saudische Herrscher vor ihm, schafft er es, im Ausland dafür gepriesen zu werden, dass er lautstark westliche 'Freiheiten' verkündet. Dabei kommen ihm diese 'Freiheiten' nur zugute. Kino und Zirkus: Sie halten die jungen Leute beschäftigt. Die Aufhebung des Autofahrverbots für Frauen - in den Augen der Welt schon immer eine Peinlichkeit - ein Kinderspiel."

Mit den Gelben Westen geht Frankreichs Peripherie auf die Straße, so viel ist klar, anderes bleibt an dieser Bewegung rätselhaft, muss auch Jeremy Harding eingestehen. Warum zum Beispiel gehen nicht auch die Einwanderer auf die Straße? Sind Krawalle nicht die Spezialität der Banlieue? Andererseits ist die Banlieue arm, aber nicht Peripherie. "Als Reporter für Libération bekam Ramsès Kefi eine große Bandbreite von Reaktionen zu hören. Zum Beispiel: 'Warum sollen wir uns ihnen anschließen? Sie haben auch nie mit uns protestiert.' Er erfuhr aber auch, dass viele junge Leute mit demonstrieren wollten, aber von den Älteren aufgehalten wurden. Bei den Ausschreitungen an Samstagen bestand immer die Gefahr, dass die Sicherheitskräfte viel härter gegen Nicht-Weiße vorgehen als gegen Weiße. Oder wie es Youcef Brakni formulierte, als ich ihn im Februar auf einer Demo in Paris traf: Wenn sich junge Schwarze im Zentrum von Paris so aufgeführt hätten wie die Gilets Jaunes, dann hätte es Tote gegeben."