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1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Artalk

Die tschechische Kunsthistorikerin Milena Bartlová stellt die Frage, warum die Künstler in ihrem Land so wenig auf das Corona-Sterben reagieren, und geht in einem Essay der Darstellung von Epidemien in der Bildenden Kunst nach - auch wenn Vergleiche von Covid mit etwa dem Schwarzen Tod im Mittelalter derzeit als geschmacklos übertrieben abgetan würden nach dem Motto: "Wir sind schließlich eine moderne Gesellschaft und keine Dummköpfe, die nicht einmal wussten, dass sich die Pest bakteriell über Rattenflöhe verbreitete. Stellen Sie sich vor, damals dachten sie sogar ganz naiv, man könne sich über das Einatmen 'verdorbener' Luft anstecken!" Im Gegensatz zu zahlreichen barocken Siechtumsdarstellungen in der Malerei oder den vielen Pestsäulen auf städtischen Plätzen sei in der Tschechoslowakei schon die Spanische Grippe erstaunlich wenig in Kunst oder Denkmälern zum Ausdruck gekommen, wohl auch, weil die Euphorie der Staatsgründung 1918 davon abgelenkt habe: "Auf den Denkmälern 'Gefallen im Weltkrieg', die bei uns noch in den kleinsten Dörfern zu finden sind, lesen wir nicht, wie viele der Opfer durch eine ansteckende Krankheit, daunter die Spanische Grippe umkamen (…) Einer Krankheit zu erliegen ist nicht heldenhaft, weniger noch, als das Opfer einer Atombombe, eines Atomkraftwerks oder des Angriffs vom 11. September zu werden. Es ist nur banal, traurig und ein bisschen peinlich." Die fehlende künstlerische Reaktion habe aber vor allem damit zu tun, dass die tschechische Gesellschaft "kein gemeinsames Narrativ" habe: "Wenn wir mit anderen mitteleuropäischen Ländern vergleichen, sehen wir, dass das politisch sicherer ist, denn für autoritäre politische Kräfte ist es leicht, sich so eines Narrativs zu bedienen und es auszunutzen, sei es das ungarische Trauma der kleinen Nation oder der polnische katholische Patriotismus."