
Die an der University of Cambridge lehrende
Historikerin Nóra Berend veröffentlichte vor kurzem eine Monographie über den als Staatsgründer Ungarns geltenden Heiligen
Stephan I. ("Stephen I, the First Christian King of Hungary: From Medieval Myth to Modern Legend", Oxford University Press, 2024) und über die Mythen, die sich um ihn ranken. Tatsächlich gibt es für Stephans Wirken nur wenige Zeugnisse. Das Buch hat in Ungarn eine heftige politisch-ideologische Debatte ausgelöst. Die
Angriffe auf die Tochter des bekannten ungarischen Historikers Iván Berend T. gingen bis zu der Behauptung, Nóra Berend wolle den Staatsgründer, den die gegenwärtige Regierung in die Präambel des neuen Grundgesetzes gehoben hatte, aus der Geschichte tilgen. Im
Interview mit Benedek Várkonyi spricht Nóra Berend u.a. über die Rolle und Bedeutung von
Mythen: "Ich habe das Gefühl, dass Mythen vor allem dann eingesetzt werden,
wenn es Probleme gibt. Wenn die wirtschaftliche Lage gut ist, wenn jeder seine Talente entfalten kann, gibt es keinen großen Bedarf an politischen Mythen. Es mag kleine Gruppen oder Parteien geben, die versuchen, politische Mythen wiederzubeleben, aber es gibt keinen großen Kundenstamm dafür. Politische Mythen neigen dazu sich zu verbreiten, wenn sich ein großer Teil der Menschen in einer miserablen Situation befindet und keine Aussicht auf Veränderung besteht. Wie gut kann der Staatsgründer Stephan I. dem widerstehen? Das hängt von der Arbeit der Historiker ab. Der einzige Widerstand ist die Arbeit von Historikern, die, soweit sie es können, aufzeigen, was in dieser Zeit vor sich ging und warum es nicht so war, wie der politische Mythos behauptet. Eine andere Frage ist freilich, wie empfänglich die Menschen dafür sind, ob sie es lesen wollen, ob sie es hören wollen, ob die Botschaft ankommt. Aber wenn man diese Arbeit nicht macht, dann ist wirklich
kein Widerstand möglich. Historiker können im Namen von 'Stephan' Widerstand leisten, indem sie aufzeigen, wie die tatsächliche Situation war. Oder besser gesagt, was es ist, was wir
nicht wissen. Politische Mythen gehen immer von absoluten Gewissheiten aus, und es ist wichtig, aufzuzeigen, was nicht wahr ist oder wofür wir keine Quellen haben."