Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 01.04.2025 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Endre Kukorelly plädiert im Gespräch mit Csaba Károlyi für eine stärkere Teilnahme der Bürger am kulturellen Leben: "Die Literatur hat ein Leben, ein literarisches Leben sozusagen. Wer da nicht hingeht, versteht das nicht. Es ist spürbar, wie stark die Literatur an Ansehen verloren hat. Mich irritiert das Narrativ vom Niedergang, dass es früher besser war. Aber Tatsache ist, dass die Rolle der Kunst rückläufig ist. Obgleich sie wachsen sollte. Jeder, der Kultur für wichtig hält, hat die Pflicht, sich zu beteiligen, mit seinem Körper abzustimmen, zu kulturellen Veranstaltungen hinzugehen. Dann passiert auch etwas. Es ist nicht egal, wieviele Leute in die Ausstellung eines zeitgenössischen Malers, in die Aufführung eines Stücks eines zeitgenössischen Autors gehen, und es ist schmerzlich, dass es keine Verbindungen mehr zwischen den künstlerischen Disziplinen gibt. In den literarischen Cafés von einst kannten sich Maler, Musiker, Schauspieler und Schriftsteller, sie arbeiteten zusammen, produzierten Kunst und erhielten sie."
Stichwörter: Kukorelly, Endre, Ungarn

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - Elet es Irodalom

In Élet és Irodalom unterhält sich der Autor Balázs Sipos mit dem Regisseur und Kameramann Ferenc Grunwalsky u.a. über die Lage des ungarischen Films:"Meiner Meinung nach hat der ungarische Film im Moment keine Zukunft", meint Grunwalsky. "Es gibt sicher keine Rückkehr zu früheren Konstellationen. Ich kann mir nur vorstellen, dass neue Jungs und Mädels auftauchen, die irgendwie in der Lage sein werden, die eigenen Sorgen und gesellschaftlichen Zwänge, die materiellen und existenziellen Barrieren zu überwinden, und aus ihnen eine radikal andere Wahrnehmung hervorstößt. Vielleicht werden sie nicht nur zeigen wollen, was in Ungarn los ist und was sich hier verändert hat, sondern sie werden von hier hinausgehen und auf die Welt fokussieren. Denn seien wir ehrlich: Dieses Land ist zu klein, um sich ständig nur mit sich selbst zu beschäftigen. Die Zukunft des ungarischen Films hängt nicht zuletzt davon ab, ob diese Jungs und Mädels es schaffen, die festgelegten Rahmen zu verlassen und den Blick über den Tellerrand hinaus in die Welt zu richten."

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - Elet es Irodalom

Der Philosoph András Kardos beschreibt unsere Zeit als Ära der Wahnsinnigen, als Madman-Ära und sieht Europa in der Pflicht sich dagegen zu stellen, um die eigenen Werte verteidigen und bewahren zu können: "Im Gegensatz zur Welt der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts hat die autokratische Welt des Wahnsinnigen, des Madman, und das ist der springende Punkt, einen Blankoscheck vom Volk: Während in der totalitären Welt Menschen im Namen eines ekelhaften und/oder unerfüllbaren Telos ausgerottet, kolonisiert, hingerichtet, eingesperrt werden, geht es in der Ära des Madman darum, die Welt neu zu gründen, ohne etwas darüber sagen zu müssen, ob dieser Wahnsinn selbst irgendeine auch nur eine abstrakte Verheißung für die künftige Welt enthält. (...) Europa steht vor einer großen Herausforderung: Hier wird der Versuch geboren, die Madman-Ära zu überwinden, denn das 'rationalistische' Europa ist der große Verlierer der Madman-Ära - bis jetzt. Aber wenn Europa wirklich an der großen Tradition der Aufklärung und der ethischen Werte festhält, an der Tradition der Wahrheit, die zwar plural ist, aber dennoch existiert, wenn es die echte und nicht die manipulierte Freiheit als grundlegend betrachtet, muss es sich auf die große Debatte mit der Welt des Madman einlassen. (…) Europa muss, auch wenn die Einigung seiner Nationen noch in weiter Ferne liegt, gemeinsam für die Grundwerte, für die Freiheit, für ein menschenwürdiges Leben und für die Menschenrechte eintreten."
Stichwörter: Europa, Ungarn, Kardos, Andras

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - Elet es Irodalom

Das neue Buch des Schriftstellers, Literaturhistorikers und Verlegers Krisztián Nyári erzählt von der historischen Symbiose der Kaffeehäuser und der Literatur. Im Interview mit Réka Moklovsky spricht er darüber, was sich seitdem verändert hat: "Als um die Jahrtausendwende einige ehemals angesehene Literaturcafés wieder eröffnet wurden, weil es Investoren gab, die das Geld hatten, sie zu renovieren, gab es die Erwartung, dass die frühere Kaffeehaus-Kultur auf einmal wieder aufleben würde, aber das ist aus tausend Gründen nicht geschehen. (…) Dennoch besteht es kein Zweifel, dass diese Orte, insbesondere die neu eröffneten, eine wichtige Funktion haben, vor allem für das literarische Publikum. Die traditionellen Kanäle für dieses Publikum verschwinden, und das Medium, das wir als Kulturpresse bezeichnet haben, ist vor unseren Augen geschrumpft. Es gehört, obgleich es eine breite Masse von Menschen erreichen konnte, der Vergangenheit an; genauer ist es wieder zum Medium einer schmalen Elite geworden. Literarische Sendungen in auflagenstarken Medien wie Fernsehen oder Radio gibt es keine und wenn Schriftsteller zu irgendetwas befragt werden, dann ist es in der Regel nicht die Literatur, sondern die Politik, das öffentliche Leben, aber meistens nicht einmal das. Vor fünfzehn Jahren gab es in jeder Regionalzeitung an den Wochenenden eine Literaturbeilage, (…). Das ist nicht mehr der Fall, und so hat der Literaturbetrieb, vor allem die Verlage, begonnen, fieberhaft nach Ersatzlösungen zu suchen. Dadurch sind diese Treffpunkte entstanden, weil es einfach wieder wichtig wurde, eine Verbindung zwischen Stammlesern und Autoren zu haben."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - Elet es Irodalom

Der ehemalige ungarische Diplomat János Herman denkt über die Lage des Westens und der (liberalen) Demokratie nach, auch im Hinblick auf die Rolle und Auswirkungen der neuen Technologien: "Die größte Herausforderung besteht wohl darin, dass wir das heutige Demokratiemodell aus einer vergangenen Ära der Kommunikation geerbt haben. In einem Zeitalter der Massendigitalisierung, der öffentlichen Medien, der Algorithmen und der künstlichen Intelligenz kann es uns so kaum mehr zuverlässig dienen.  Jeder manipuliert jemanden, und jeder wird von jemandem manipuliert. Es ist schwierig, zwischen einem Like und einer Stimme zu unterscheiden. Es gibt keine Behauptung, die nicht verkauft werden kann. Eine bunte Lüge verbreitet sich leichter als die graue Wahrheit. Wo sind die gesichtslosen lateinamerikanische Diktatoren, die in ihren Palästen zurückgezogen leben? Die neuen Herren brauchen keinen Boten und keine Posaunen mehr, denn sie sind mit jedem Klick da. In einem Satz: Die Massendigitalisierung verwandelt die indirekte, repräsentative Demokratie in eine direkte Demokratie. Sie überschreibt sie damit auch, da sich die Richtung umkehrt. Die Masse (das Volk) tut nichts anderes, als den Impuls von oben zu reflektieren. Und die Folgen? Im antiken Athen, zur Zeit der direkten Demokratie, schrieb Platon, dass die Demokratie zur chaotischen Herrschaft des Pöbels und zur Inthronisierung von Autokraten führt."

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - Elet es Irodalom

Die Literaturhistorikerin Artemisz Harmath denkt über die Situation der Kinderliteratur in Ungarn nach und betont dabei u.a. die Funktion der Literaturkritik, die zunehmend verschwinde: "Diejenigen, die in der Lage sind, eine Literaturkritik zu schreiben, das heißt, die sowohl die Geschichte als auch den aktuellen Kontext eines sprachlich-literarischen Phänomens kennen, sind meistens mit anderen Dingen beschäftigt. Verwaltung von Institutionen, Verlagswesen, Hochschulbildung, Broterwerb. Die zeitraubende Aufgabe, eine Kritik zu schreiben, hat kein Prestige, weder finanziell noch anderweitig. Die buchkaufenden und lesenden Teile der Gesellschaft misstrauen zunehmend dem Sachverstand, es tobt eine Meinungskultur. (...) Unterhalb des Universitätsniveaus gibt es fast keine Lehre in zeitgenössischer Literatur. Die Berufe im Bereich der Kinderliteratur (Verlage, Zeitschriften, Ausbildungsgänge, Schriftsteller usw.) sind stark politisiert und oft durch willkürliche Zuschreibungen in sektiererische Lager gespalten, selbst in professionell eingerichteten Foren (...) Ganz abgesehen von dem Misstrauen, das sich hartnäckig hält, weil Kritiker zumindest gelegentlich durch Arbeiten oder Aufgaben mit dem kritisierten Autor oder Verlag verbunden sind. Es ist auch als Verleger oder Autor nicht wirklich anständig, Rezensionen über andere zu schreiben. Und wer will schon die ohnehin zersplitterte, verbliebene intellektuelle Loyalität, den Diskurs und die Leserschaft weiter fragmentieren?"

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Schriftsteller Lajos Parti Nagy spricht im Interview mit Csaba Károlyi u.a. über die Entstehung und Übersetzbarkeit seines Romans "Meines Helden Platz", sowie über die 154-teilige Märchenreihe aus den ersten Jahren der Orban-Regierung, in der er auf einer parodiehaften archaischen Märchensprache über die Absurdität der Regierungsentscheidungen schrieb: "Das eine führte zum anderen. Die eine Gattung ermöglichte die andere. Durch die Prosa fühlte ich mich zum Theater, zu Übersetzungen und Überschreibungen hingezogen. 'Meines Helden Platz' war ursprünglich eine Reihe von Kolumnen in Élet és Irodalom. Pál Závada sagte mir, wenn du diesen Roman jetzt, 1999, nicht schreibst, wirst du ihn später nicht mehr schreiben (...) In Deutschland wurde er ziemlich positiv besprochen. Es war vor allem sein Politikum, das geschätzt wurde, seine Angst vor und seine Kritik an der extremen Rechten. Es gibt eine Neuauflage, heute ist der Roman für den deutschen Leser aufgrund der aktuellen politischen Situation freilich wesentlich aktueller. Katharina Raabe hat mich einmal gefragt, wie ich überhaupt übersetzt werden kann. Nun, die einzige Möglichkeit ist, dass der Übersetzer das Werk in der Zielsprache neu erschafft, quasi als eigenständigen Roman. Ich hatte sehr viel Glück mit Terézia Mora, denn sie hat es geschafft. (...) Mit den ungarischen Märchen war ich zu naiv, denn ich dachte, diese Regierung sehr schnell am Ende sein würde. Ich dachte, dass die Realität die Satire niemals einholen würde. Aber natürlich tut sie das, und überholt sie sogar. (…) Mir fiel also keine Absurdität mehr ein, die in der Realität nicht vorkam."

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - Elet es Irodalom

Der Theaterregisseur István Verebes beklagt den rüden öffentlichen Umgang in Ungarn und die dadurch einhergehende Verrohung der Sprache: "Ein etwaiger Grund für unser Unbehagen ist die zügellose und ungezügelte Kulturlosigkeit, die das öffentliche Leben in den letzten dreißig Jahren langsam und ohne Widerspruch und Widerstand ausfüllte. Die buchstäbliche Ursache ist die staatlich geförderte Auslöschung oder zumindest die Aufgabe der Forderung nach jeglicher Art von nuancierter Kultur, die wir als Intellektuelle übrigens in den wechselnden Regierungen unverantwortlicherweise übersehen haben. Es ist auch die Ursache für den 'kommunalen' Obskurantismus, den uns der staatliche Verwaltungsapparat als Schirm für seine privaten Interessen aufzwingt - manchmal im Kleinen, aber immer öfter sehr wirksam und in immer größerem Umfang, in immer wichtigeren Bereichen. (...) In verblendeter Naivität dachte ich, wenn der Kapitalismus endlich bei uns Einzug hält, wäre es in jedermanns Interesse, den anderen bereitwillig und höflich zu begegnen, denn wenn man das nicht täte, wie in zivilisierteren Ländern, führte es zum Nachteil. Nun haben wir den Kapitalismus am Hals, und es ist kein Nachteil, denn heute mangelt es ja an Fachkräften, und jeder, der das Sagen hat, kann schamlos mit Kunden, Fahrgästen, Patienten, Kindern und vor allem mit Andersdenkenden umgehen."
Stichwörter: Verebes, Istvan

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - Elet es Irodalom

Unter der Leitung des Literaturhistorikers und Übersetzers Tamás Bényei wurde vor kurzem der fünfte Band (von sieben geplanten Bändern) einer Geschichte der englischen Literatur veröffentlicht. Nun spricht der Professor für Anglistik (Universität Debrecen) im Interview mit Katalin Bódi u.a. über die Aktualität von Literaturgeschichte(n) und ihre Tücken nach dem "Ende der großen Narrativen", an das Bényei eh nicht so recht glaubt: "Egal wie sehr die Grundannahmen der großen Erzählungen in Frage gestellt werden, es wird immer eine Nachfrage für solche Unternehmungen geben, allenfalls werden die produzierten Literaturgeschichten skeptischer und selbstreflexiver sein (...) Wir fanden, dass eine Literaturgeschichte durchaus noch geschrieben werden kann, weil nicht die Historizität als solche in der Krise ist, sondern nur die Grundannahmen und die Methodik der traditionellen (literatur-)historischen Erzählungen. Es ist gerade die Einbeziehung dieser Überlegungen, die unsere Literaturgeschichte von der überwiegenden Mehrheit der neueren Unternehmungen unterscheidet. Diese Literaturgeschichte ist anders geworden als die, mit der wir aufgewachsen sind: Wir dachten nicht mehr in einer einzigen linearen historischen Erzählung, in monolithisch konzipierten Epochenvorstellungen und in Hierarchien von Werten, die Prozessen zugeordnet werden. ... Es gab auch praktische Erwägungen, die gegen die autorenbasierte Logik sprachen. Die Art und Weise des Wissenserwerbs hat sich heutzutage grundlegend geändert, und Unternehmen wie das unsere, müssen dem Rechnung tragen. Die Herausgeber wollten mit unserer Literaturgeschichte eine Art von Wissen vermitteln, das nicht durch Internetressourcen mit zwei Klicks ersetzt werden kann: Auch deshalb wollten wir anstelle von Autorenporträts Geschichten erzählen, die in breitere literaturgeschichtliche Kontexte eingebettet und auf vielfältige Weise mit dem Rest der Reihe verbunden sind."

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - Elet es Irodalom

Die an der University of Cambridge lehrende Historikerin Nóra Berend veröffentlichte vor kurzem eine Monographie über den als Staatsgründer Ungarns geltenden Heiligen Stephan I. ("Stephen I, the First Christian King of Hungary: From Medieval Myth to Modern Legend", Oxford University Press, 2024) und über die Mythen, die sich um ihn ranken. Tatsächlich gibt es für Stephans Wirken nur wenige Zeugnisse. Das Buch hat in Ungarn eine heftige politisch-ideologische Debatte ausgelöst. Die Angriffe auf die Tochter des bekannten ungarischen Historikers Iván Berend T. gingen bis zu der Behauptung, Nóra Berend wolle den Staatsgründer, den die gegenwärtige Regierung in die Präambel des neuen Grundgesetzes gehoben hatte, aus der Geschichte tilgen. Im Interview mit Benedek Várkonyi spricht Nóra Berend u.a. über die Rolle und Bedeutung von Mythen: "Ich habe das Gefühl, dass Mythen vor allem dann eingesetzt werden, wenn es Probleme gibt. Wenn die wirtschaftliche Lage gut ist, wenn jeder seine Talente entfalten kann, gibt es keinen großen Bedarf an politischen Mythen. Es mag kleine Gruppen oder Parteien geben, die versuchen, politische Mythen wiederzubeleben, aber es gibt keinen großen Kundenstamm dafür. Politische Mythen neigen dazu sich zu verbreiten, wenn sich ein großer Teil der Menschen in einer miserablen Situation befindet und keine Aussicht auf Veränderung besteht. Wie gut kann der Staatsgründer Stephan I. dem widerstehen? Das hängt von der Arbeit der Historiker ab. Der einzige Widerstand ist die Arbeit von Historikern, die, soweit sie es können, aufzeigen, was in dieser Zeit vor sich ging und warum es nicht so war, wie der politische Mythos behauptet. Eine andere Frage ist freilich, wie empfänglich die Menschen dafür sind, ob sie es lesen wollen, ob sie es hören wollen, ob die Botschaft ankommt. Aber wenn man diese Arbeit nicht macht, dann ist wirklich kein Widerstand möglich. Historiker können im Namen von 'Stephan' Widerstand leisten, indem sie aufzeigen, wie die tatsächliche Situation war. Oder besser gesagt, was es ist, was wir nicht wissen. Politische Mythen gehen immer von absoluten Gewissheiten aus, und es ist wichtig, aufzuzeigen, was nicht wahr ist oder wofür wir keine Quellen haben."