Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

639 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 64

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - Elet es Irodalom

Der Publizist János Széky denkt über die Unterschiede von Demokratien und Autokratien nach und über die derzeit so populäre "Friedenspolitik" gegenüber Russland: "Da ist zum Beispiel die allgegenwärtige falsche Friedenspropaganda. Wir nehmen sie hin, wir sind an sie gewöhnt, obwohl uns sie erniedrigt und demütigt. Wir erkennen nicht an, dass sie gegen uns gerichtet ist. Es gibt keine Proteste, keine feurige Rhetorik dagegen. Beflügelt von Trumps ersten einschlägigen Reden und persönlichen Entscheidungen hielten es die russischen Staatsmedien am 28. November für angebracht, uns an Putins Friedensbedingungen vom Juni zu erinnern ... Dies würde die brutale Verstümmelung und militärische Wehrlosigkeit unseres Nachbarlandes bedeuten, das Ende seiner Souveränität (so wie das Münchener 'Friedens'-Abkommen nach einigen Monaten Verzögerung das Ende der Tschechoslowakei bedeutete). ... Orbán muss das gewusst haben, und trotzdem überzog er das Land mit seinen Plakaten und seinen Texten mit dem Stichwort #Frieden. Die Propaganda war ein spektakulärer Erfolg, Ungarn hebt sich in Europa dadurch ab, dass die Mehrheit meint, Putin habe Recht, während die Minderheit dies als eine Gegebenheit hinnimmt, an der man nicht rütteln darf, um das hehre Ziel zu erreichen, Orbán zu besiegen - und nicht als Argument gegen ein System ohne jede Moral und eine miserable Regierungsführung."

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Miklós Mesterházi beklagt, dass die Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) die ehemalige Budapester Wohnung des Philosophen Georg Lukács aufgeben will, wodurch der Nachlass des Philosophen, das Lukács-Archiv, ohne Verwaltung bliebe: "Es war fast einmalig, dass Lukács' Bücher, Manuskripte, Gegenstände und ein guter Teil der ihm gewidmeten Literatur beisammen waren, und dass (seine Wohnung) kein Schrein war, in dem tödlich gelangweilte Schulkinder herumschlurften, sondern ein Ort der wissenschaftlichen Forschung. Ein Land, das sich selbst achtet, eine Stadt und eine Institution, die sich selbst achtet, würde so etwas nicht abschaffen wollen. Es ist absurd, dass die Akademie das will. Damals haben wir nicht wirklich verstanden, was mit uns geschah - heute, im Nachhinein, macht es mehr Sinn: Überall um uns herum liegen die Ruinen einst wichtiger Institutionen, entweder weil sie einfach demontiert wurden oder weil sie unter einer ungeschickten Dachorganisation zerdrückt wurden. Die Menschen (und nicht nur Wissenschaftler, Forscher, Lehrer, kurzum: überflüssige Menschen) finden sich entweder auf der Straße wieder oder in einem dicken Dunstkreis von gut bezahlten Treuhändern, Vorständen, Faulenzern, Ex-Freundinnen, ehemaligen Schulkameraden, die jedes Anzeichen von Widerstand ersticken. Und damit niemand auf die Idee kommt, im Schuppen nach einem Speer, einem Schild oder einem Friseurmesser zu suchen, werden die historischen Zeichen, die 'die Tendenz des menschlichen Geschlechts im Ganzen' (Kant) beweisen könnten, ausgelöscht."

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - Elet es Irodalom

Die Dichterin und Schriftstellerin Judit Ágnes Kiss spricht im Interview mit Julianna Zeck über weibliche Rollen als Thema ihrer Lyrik, sowie über die gesellschaftliche Akzeptanz der unterschiedlichen Alterungsprozesse der Geschlechter. "Ich schreibe nicht über die Biologie des Alterns, sondern über die Wahrnehmung des Alterns in der Gesellschaft, dass Männer anders altern als Frauen. Natürlich gibt es dafür einen physischen Grund, denn die Veränderung des Hormonsystems ist bei der Frau dramatischer und passiert schneller. Die Gesellschaft betrachtet ältere Männer als vorzeigbar, Frauen werden dagegen immer noch über ihre Fruchtbarkeit und Sexualität definiert. Wenn sie diese verlieren, was bleibt dann noch übrig? Wie weit ist die Gesellschaft bereit, sie anzuerkennen? Wenn eine Frau eine Meinung hat, Wut und Zorn zeigt oder sich wehren oder Grenzen ziehen will, wird das immer noch damit erklärt, dass sie menstruiert oder Sex braucht, oder in den Wechseljahren ist. Es gibt kein solches Urteil über den Willen eines Mannes, seine Wut, seine Führungsqualitäten. Ich erlebe, und ich sehe es auch bei anderen Frauen, dass die Gesellschaft plötzlich nicht mehr, was sie mit einer Frau anfangen soll, die nicht mehr attraktiv genug ist, um ein Sexobjekt zu sein oder Kinder zu bekommen."

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - Elet es Irodalom

Der Ästhet und Kulturwissenschaftler László F. Földényi spricht im Interview mit Károlyi Csaba über seine Erfahrungen in Deutschland entlang der Rezeption seines 1988 erschienenen Buches "Melancholia": "Ich bin zwar kein Germanist geworden, aber ich war von bestimmten deutschen Kunstschaffenden, wie Caspar David Friedrich oder Kleist sehr fasziniert. Allerdings nicht, weil ich wissenschaftlich interessiert war. Als ich 'Melancholia' beendete, hatte ich ein Gefühl der Unvollständigkeit. So kam ich zur Malerei von Caspar David Friedrich, die ich damals entdeckte und mit Melancholie zusammenhing. Über ihn habe ich unmittelbar nach 'Melancholia' geschrieben, und erst da hatte ich das Gefühl, dass ich zum Ende des Themas gelangt war. (...) Das deutsche intellektuelle Milieu ist immer noch vom Geist der 68er geprägt, wozu die gesellschaftskritische, politisierte, rationalistische Haltung gehört. Die Welt in Ordnung zu bringen, hat Vorrang. Als 'Melancholia' 1988 auf Deutsch erschien, sahen viele darin eine Antwort auf ein damals populäres deutsches Buch von Wolf Lepenies mit dem Titel 'Melancholie und Gesellschaft', in dem behauptet wurde, dass eine ideale Gesellschaft kommen würde, in der es keine Melancholie mehr gäbe. In meinem Buch hingegen heißt es, dass Melancholie eine existenzielle Bedingung ist, eine condition humaine. Bei meiner ersten Buchvorstellung 1988 in West-Berlin gab es sogar jemanden, der das, was ich geschrieben hatte, als politisch rechts, als irrational bezeichnete. Ich saß da ganz verloren, im Gegensatz zu denen, die lautstark mit Axel Matthes diskutierten, der neben mir saß und Sade und die französischen Surrealisten verlegt hatte, und da begann ich, Deutschland zu verstehen. Aber viele Leute haben meine Bücher gerade deshalb gut aufgenommen, weil ich mich ihnen aus einer anderen Richtung genähert habe. So habe ich Caspar David Friedrich zum Beispiel nicht durch den Filter der Napoleonischen Kriege betrachtet."

Magazinrundschau vom 05.11.2024 - Elet es Irodalom

Der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Zoltán Kovács kommentiert die Reise des ungarischen Ministerpräsidenten nach Tiflis, kurz nach der Verkündung der umstrittenen Wahlergebnisse in Georgien: "Diese Reise beweist vermutlich, dass Orban nicht begreift, dass er als Ratspräsident der EU nicht so tun kann, als wäre er es nicht. Selbst wenn er also in einem Beitrag ankündigt, dass er als ungarischer Regierungschef in Tiflis eintreffen wird, wäre es angebracht, sich beim zuständigen EU-Ausschuss zu erkundigen oder diesen zumindest zu informieren, wohin er reist. Und natürlich gibt es noch eine andere Möglichkeit, die wohl die wahrscheinlichere ist: Orbán ist sich der Verpflichtungen oder zumindest der Erwartungen, die mit seinem derzeitigen EU-Posten verbunden sind, sehr wohl bewusst, aber diese Aktion zeigt auch, dass er sich seit einiger Zeit von ihnen befreit hat. Seine ganze Politik ist ein endloser Test für die Belastbarkeit der EU. Es gibt nichts Schlimmeres als alternde Arroganz. (...) Warum genau Orbán nach Tiflis reisen wollte, ist nicht ganz klar. Es ist eher verwirrend. Vor allem, weil er ursprünglich über die Erfolge und Vorhaben des ungarischen Ratsvorsitzes in der EU hätte berichten sollte. Tatsache ist, dass bisher keine Ergebnisse erzielt wurden, und Tatsache ist auch, dass sich die Bilanz seiner nur noch zwei Monate dauernden Präsidentschaft kaum noch positiv verändern wird."

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - Elet es Irodalom

Der Lyriker und Verleger Márton Simon spricht im Interview mit Réka Moklovsky über frühe Experimente der Literatur im digitalen Raum: "Die ironische Herangehensweise an die digitale Kultur in diesem Band ist, denke ich, eine Art Selbstverteidigung. Ich versuche, in meinem Privatleben ein gewisses Gleichgewicht zu halten, aber offensichtlich gelingt mir das nicht, wie wohl den meisten Menschen. Ich habe ein Leben, das auf digitalen Plattformen gewachsen ist, die ich am Leben halte, um mich am Leben zu halten, aber nicht metaphorisch, sondern buchstäblich - um zu arbeiten, um zu lesen, um nicht zu verhungern. Ich weiß noch, wie das Leben vor dem Handy war, und im Vergleich dazu war es gar nicht so schlecht. Das ist natürlich weltweit eine ziemlich generationenübergreifende Erfahrung. In den frühen 2010er Jahren gab es mehrere starke Strömungen in der amerikanischen Poesie, alt-lit und sogar Flarf, die verschiedene Aspekte der digitalen Kultur thematisierten. Sie waren weit entfernt von einer ausgeprägten literarischen Tradition, doch die meisten der produzierten Texte ließen eher eine Art radikale, konstruktiv-destruktive Haltung als Dilettantismus erkennen. (...) Es ist interessant zu beobachten, wie sie sich zehn Jahre später verfestigt haben. Die Autoren, die in dieser Gesellschaft prominent waren, eigentlich nur ein oder zwei, wurden fast kanonisiert, sie wurden in die Literatur integriert, das ist alles. Die Mehrheit ist offensichtlich verschwunden. Der Punkt ist, dass es sich um eine literarische Tradition handelt, die später in der amerikanischen Literatur als Metamoderne bezeichnet wurde und die in unserer Literatur völlig abwesend war oder nur wenige oder keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Aber diese Art von digitaler Kultur, ironischer, selbstreflexiver, nach außen gerichteter Poesie, die die vierte Wand durchbricht, ist furchtbar aufregend."

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - Elet es Irodalom

Der Rechtsanwalt und Publizist Gábor Gadó analysiert die neuen Begriffe, mit denen die Regierung den öffentlichen Diskurs bestimmen will: "Der Ministerpräsident hat verstanden, dass die Fidesz-geführte Koalition mit den Stimmen eines 'national-christlichen Ungarn' nur dann rechnen kann, wenn sie die Fremdenfeindlichkeit und die geschlossene Doktrin des 'patriotischen Egoismus' am Leben hält und gleichzeitig auf die kategorische Ablehnung einer pluralen Gesellschaft besteht. (...) Selbst im 'Kreuzfeuer' des von Manfred Weber geführten Angriffs verkündet der Fidesz hartnäckig sein Programm der religiösen und ethnischen Ausgrenzung. All dies geht unweigerlich mit Verzerrungen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten einher. Der Fidesz-Vorsitzende muss aber auch darauf achten, den Bankrott des Landes während der 'Kriegsjahre' zu vermeiden. Die ausbleibenden EU-Milliarden mussten anderweitig beschafft werden. Schon allein deshalb, weil das wirtschaftliche Rückgrat der Macht ständig Subventionen benötigt und die Bereicherung der Oligarchen in der Regel mit öffentlichen Geldern finanziert wird. So kamen die Banken der chinesischen Staatspartei ins Spiel, die sich gewissenhaft bereit erklärten, die ungarische 'Staatspartei' zu finanzieren und im Gegenzug erhebliche Geschäftsgewinne erzielen. (…) Um all dies im Inland einzuführen, erforderte eine erfolgreiche Marketingkampagne mit neuen Bluffs und Lügen. So entstanden die Begriffe 'Blockbildung', 'wirtschaftliche Neutralität' und 'kalter Krieg im Handel' - Phrasen, mit denen die Regierung nicht die EU-Entscheidungsträger, sondern die ungarische Wählerschaft überzeugen will."

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - Elet es Irodalom

Die Schriftstellerin Noémi Szécsi spricht im Interview mit Julianna Zeck über ihre Erfahrungen im ungarischen Kulturbetrieb nach Erhalt des Europäischen Literaturpreises 2009 und dem Regierungswechsel in Ungarn 2010: "Man kann sich zwar entscheiden, ob man sich anpassen will oder nicht, das eigene Interesse kann man freilich nicht ändern. Der größte Rückschlag für mein Schreiben kam von der Kulturpolitik. Als ich 2009 den Literaturpreis der Europäischen Union für 'The Communist Monte Cristo' erhielt, der drei Jahre zuvor erschienen war und bis dahin von der Kritik weitgehend übersehen wurde, hätte das ein großer Schub sein können. In gewisser Weise war es das auch: Literaturfestivals, Buchmessen, Übersetzungen. Aber ich habe mich auch in Situationen gebracht, die mir den Mund bitter werden ließen, und manchmal war sogar mein Lebenswille dahin. Dafür braucht man starke Nerven, die ich nicht habe. Ich glaube, ich kann wie viele andere Kreative sagen, dass der Kulturkampf des letzten fast anderthalb Jahrzehnts unsere Karrieren überschattet hat, uns unsere schönen Hoffnungen, sowie den Rahmen der Normalität genommen hat. Und das nicht explizit, wegen den veränderten Machtverhältnissen. Sondern wegen der echten Kriegstaktik, die angewendet wurden: Aushungern, verbale Lynchjustiz, Bestechung von Verrätern, Raufereien, obligatorische Mannschaftsdisziplin, Einkesselung, Übergriffe usw. Auch ich habe meine Wunden aus diesem Krieg und meine Antwort war der Beginn des 'Truppenabzugs' aus dem Bereich der Literatur. Ich begann mich mit der Wissensvermittlung über Frauengeschichte zu beschäftigen" (mehr dazu hier).

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - Elet es Irodalom

Zoltán Kovács, Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, sieht durch Balazs Orbans Aussagen gar die Mitgliedschaft Ungarns in der EU und in der NATO gefährdet. "Es wurde noch wenig über die ideologische Verwirrung einer Partei gesprochen, in der der politische Direktor des Regierungschefs mit majestätischem Lächeln von den Vorzügen einer Kapitulation spricht, während er freilich weiß, dass sich seine Partei aus der Revolution gegen die sowjetische Aggression von 1956 ableitet, so wie es auch in der Präambel des Grundgesetzes heißt: 'Wir stimmen mit den Abgeordneten des ersten freien Parlaments überein, die in ihrer ersten Entschließung erklärten, dass unsere heutige Freiheit aus der Revolution von 1956 hervorgegangen ist.' Gilt das noch?

Magazinrundschau vom 01.10.2024 - Elet es Irodalom

Die Mängel von Geschichtsunterricht wie Erinnerungskultur sind mitverantwortlich für die politische Situation im heutigen Ungarn, meint der Historiker György Jakab:
"Es scheint, dass wir jahrhundertelang nicht in der Lage waren, den Untergang von 'Großungarn' zu verarbeiten und zu betrauern - mit dem Ergebnis, dass sich die Missstände angehäuft haben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Dies zeigt sich nicht nur im grundlegenden Pessimismus des ungarischen Denkens sowie der passiven politischen Kultur, sondern auch in der für die Gemeinschaft charakteristischen extremen Art der emotionalen Bewältigung. Die auf ständige Verteidigung angelegte Lebens- und Denkweise hat zwangsläufig Angst vor unerwarteten Ereignissen und Veränderungen und flüchtet vor der schwierigen Realität in ritualisierte Traditionen, extreme Emotionen oder selbstberuhigende 'Traumwelten'. Man versucht verzweifelt, weitere Verluste zu vermeiden, aber in vielen Fällen ist dieser emotional eingeengte Zustand die Quelle für das Wiederaufleben vergangener Probleme. Die Tatsache, dass die politische Elite ein großes Interesse an einer Politik der Klage und der Aufrechterhaltung einer Opfermentalität hat, spielt bei der Weitergabe eines beschädigten nationalen Bewusstseins ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Menschen haben zu Recht Angst vor neuen Verlusten und akzeptieren daher bereitwillig paternalistische Machttechniken - Angstmacherei, Panikmache, Führerkult, Sündenbockdenken -, die über informelle und formelle Kommunikationskanäle, vor allem die Massenmedien und das Schulsystem, vermittelt werden."