Magazinrundschau
Unverblümt unzüchtig
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.01.2025. Respekt erzählt die Geschichte deutscher Akademiker, die den Nazi-Terror in Böhmen und Mähren noch intensivierten. Der Guardian fragt: Was ist mit Viktor Pelewin passiert, dem vor wenigen Jahren noch international gefeierten russischen Autor? Meduza begutachtet den russischen Buchmarkt. New Lines lässt sich von den Sorgen syrischer Minderheiten erzählen. La vie des idees durchforstet erstmals veröffentlichte Akten über Papst Pius XII. und die Schoa. Desk Russie untersucht eine neue Achse des Bösen. Warum für die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston Juden quasi die ersten Amerikaner waren, versucht der New Yorker zu erklären.
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Respekt (Tschechien), 14.01.2025
Das Magazin Respekt widmet seinen Hauptartikel diese Woche "ganz normalen Gestapoleuten" und damit einer neuen wissenschaftlichen Publikation der Historiker Jan Vajskebr und Jan Rumr vom Institut für das Studium totalitärer Regime, die die Ergebnisse ihrer siebenjährigen Forschung in einem tausend Seiten starken Buch zusammengefasst haben. Daraus geht laut Jan H. Vitvar hervor, dass der nationalsozialistische Terror im Protektorat Böhmen und Mähren besonders von deutschen Akademikern organisiert wurde, deren Methoden "selbst Berlin beunruhigten". "Man könnte meinen, dass wir bereits alles über die Gestapo wissen", so Vitvar, "doch das ist ein Irrtum." Dank dieser neuen Forschung "lernen wir erstmals nicht nur die Namen jener zweihundert Männer kennen, die bei uns die wichtigste NS-Institution zur Bekämpfung des Widerstands befehligten, sondern erfahren endlich auch etwas über ihr Leben". Es seien vor allem gebildete Mittdreißiger gewesen, die eine Karriere anstrebten, für die sie bereit waren, alle Hemmungen abzulegen. Vajskebr und Zumr haben nicht nur über zwanzig Archive in der Tschechischen Republik und im Ausland besucht, sondern auch Telefonbücher und Organigramme des Gestapo-Kommandos entdeckt, "die in Prag in unzähligen Kisten mit Kriegsdokumenten versteckt waren und aus der Zeit stammen, als die Stadt mit mehr als achthundert Mitarbeitern die überhaupt größte Gestapo-Dienststelle im Reich hatte." (Nach Prag folgte Wien, dann die Berliner Zentrale, und an vierter Stelle lag Brünn mit fast siebenhundert Gestapo-Mitarbeitern.) Die bislang übersehenen zeitgenössischen Listen enthielten im Gegensatz zu den Ermittlungsunterlagen der Nachkriegszeit die unverfälschten Namen des Gestapo-Kommandos. Auch das Berliner Bundesarchiv sei bei der Arbeit von großer Hilfe gewesen. Über 90 Prozent der Gestapo-Kommandanten des Protektorats hatten offenbar auch in der SS gedient. "Darunter auch der Gestapo-Chef in Hodonín, Karel Weintz, der 2010 im gesegneten Alter von 101 Jahren in Deutschland starb und offenbar der überhaupt letzte Gestapo-Chef war. Der studierte Jurist, der 1929 der NSDAP beitrat und in der SS den Rang eines Sturmbannführers erreichte, wurde nach dem Krieg nie vor Gericht gestellt. Er leitete bis Ende der 1990er Jahre eine Anwaltskanzlei in Deutschland, gründete eine Stiftung für die Erforschung der Geschichte von Rheinland-Pfalz, und als die tschechischen Historiker unlängst eine Anfrage an das Archiv in Neustadt an der Weinstraße schickten (wo Weintz starb), erhielten sie per E-Mail die erstaunte Antwort, warum man sich denn im Zusammenhang mit der Gestapo nach einem so allgemein anerkannten Philanthropen erkundige? "Sie wussten überhaupt nichts von seiner Kriegsvergangenheit", erzählt Jan H. Vitvar in seinem Artikel (der in seiner ganzen Vollständigkeit unter Bezahlschranke abrufbar ist).HVG (Ungarn), 08.01.2025
Der Haushaltsrat des ungarischen Parlaments wurde als unabhängiges Gremium zur Überwachung der sachgemäßen Planung und Verwendung von Haushaltsmittel im Jahre 2008 gegründet. Der Ökonom György Kopits war der erste Vorsitzender des Rates, bis er Ende das Jahres 2010 von der damals neugewählten Orbán-Regierung zum Rücktritt gedrängt wurde. Kopits, der in Argentinien aufwuchs und in den USA lernte, spricht im Interview mit Zoltán Farkas über den Kontext der ungarischen Wirtschaftspolitik: "Ich habe irgendwo gelesen, dass 'wirtschaftliche Neutralität' eine ideologiefreie Beschaffung bedeutet, bei der es keine Rolle spielt, ob die Rohstoffe, das Kapital oder die Arbeitskräfte aus dem Osten oder dem Westen kommen. Wenn man sich jedoch die Entwicklungen in der Batterieindustrie anschaut oder die Eisenbahnlinie Budapest-Belgrad, die mit einem unbekannten chinesischen Kredit finanziert wird, dann kommen Technologien, Mittel und Ressourcen eher aus dem Osten. Ich glaube, dass die Infrastruktur - zum Beispiel die Renovierung des bestehenden Schienennetzes -, das Bildungs- und das Gesundheitswesen mehr zur Stärkung des Wachstumspotenzials beitragen würden, und dass damit die Grundlagen für ein langfristiges Wachstum gelegt würde. Aber vielleicht ist nicht die wirtschaftliche Neutralität das Hauptproblem, und es geht nicht einmal darum, mit welchem Staats- oder Regierungschef der Premierminister befreundet ist, sondern darum, seine natürlichen Verbündeten, seine europäischen Beziehungen und seine Nachbarn nicht zu verärgern. Ich bin viel in Europa unterwegs und sehe, dass Ungarn sein früheres Ansehen und seine Zuverlässigkeit verloren hat und zu einem der größten Hindernisse für das Funktionieren der EU geworden ist."Guardian (UK), 14.01.2025
"Self Care" fasst in China Fuß, lernen wir von Chang Che, der Li Jianxiong vorstellt, einen ehemaligen Marketingspezialisten, der heute eine kleine Firma leitet, die Kurse in psychischer Gesundheit anbietet. Damit trifft er den Nerv der Zeit: Viele seiner Landsleute glauben nicht mehr daran, dass sie in der chinesischen Version des kapitalistischen Hamsterrads ihr Glück finden können. Und da politische Partizipation ausgeschlossen ist, flüchten sie nach innen. "Ich war überrascht, wie viele der Aktivitäten (die Lis Firma anbietet) Kinderspielen und Icebreakern in Unternehmen ähnelten, die im Westen wohl kaum verlockender gewesen wären als ein Yoga-Kurs. Im vergangenen Herbst nahm ich an einer dramatherapeutischen Sitzung teil, in der der Kursleiter uns durch eine Reihe von Spielen führte: Fangen, Reise nach Jerusalem und Bohnenbeutelwerfen - und das alles, während wir Tiere imitieren mussten. Li, das ehemalige Tech-Wunderkind, blökte wie ein Schaf und knurrte wie ein Wolf. Obwohl einige jüngere Teilnehmer zugaben, dass auch sie enttäuscht waren, berichteten viele andere Heartify-Kunden, insbesondere die älteren, von nahezu spirituellen Erleuchtungen. Im Tanzkurs erzählte mir Li, dass 'sehr wenige Chinesen jemals etwas Ähnliches gemacht haben, um wirklich in Kontakt mit ihrem Körper zu kommen'. Während viele von Lis Klienten mit einer gewissen Vorsicht und Abwehrhaltung zu seinen Kursen kommen, scheinen sie dennoch bereit zu sein, ihre Vorbehalte beim kleinsten Anstoß abzulegen. Sie suchen nicht nach Raffinesse, sondern nach etwas Alltäglicherem: der Möglichkeit, ihre gesellschaftlichen Rollen - ob als Kollege, Mutter oder ältere Schwester - hinter sich zu lassen und einfach, ungeniert, sie selbst sein zu dürfen."
Desk Russie (Frankreich), 14.01.2025
Martin Kragh, stellvertretender Direktor des Stockholmer Zentrums für Osteuropastudien, blickt mit Sorge Richtung Ukraine, wo seit Oktober letzten Jahres etwa 12 000 nordkoreanische Soldaten zusammen mit den russischen Truppen kämpfen. Beobachten wir gerade das Entstehen einer neuen "Achse", die nicht nur aus Russland und Nordkorea, sondern auch aus China und dem Iran besteht? "Bei der Frage, ob die Welt es mit einer neuen 'Achse' zu tun hat oder nicht, sollte man daran denken, dass die Zusammenarbeit zwischen Russland, China, dem Iran und Nordkorea in mancher Hinsicht bereits die Zusammenarbeit übertrifft, die Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs mit Italien und Japan aufbauen konnte. Italienische Truppen hatten in Nordafrika und an der Ostfront gekämpft. Doch Hitler verachtete Mussolini. Und er stimmte seine Entscheidungen nie mit Hirohito ab. Es gab nichts, was mit dem aktiven Austausch zwischen den Kriegsverbündeten von Roosevelt, Churchill und Stalin vergleichbar gewesen wäre, und es gab kein Äquivalent zu den massiven amerikanischen Leih-Bails, die für das Vereinigte Königreich und die Sowjetunion bestimmt waren. Aus offensichtlichen Gründen haben historische Analogien nur einen begrenzten Erklärungswert. Abgesehen davon stellt die Vertiefung der Beziehungen zwischen Russland, China, dem Iran und Nordkorea eine ernsthafte Bedrohung für alle Länder dar, die sich in ihrem Blickfeld befinden, von der Ukraine bis Taiwan. Unabhängig von der formalen Natur ihrer Verbindungen stellen sie die Stabilität und Ordnung in Europa, im Nahen Osten und in Asien in Frage. Dabei koordinieren sie ihre Aktionen. Darüber hinaus teilen und äußern sie eine gemeinsame, wenn auch nicht unbedingt ideologisch kohärente Weltsicht, die wiederum als politischer Kit dient (...) Die sicherste Annahme ist, dass es sich bei den aktuellen Herausforderungen um langfristige und globale Herausforderungen handelt, die in gegensätzlichen Visionen der internationalen Ordnung wurzeln - was sich mit der Situation während des Zweiten Weltkriegs durchaus vergleichen lässt."New Yorker (USA), 13.01.2025
In einigen US-amerikanischen Bundesstaaten, unter anderem in Ohio, gibt es kostenintensive Bildungsgutscheine, die zunächst einmal dafür sorgen sollen, dass auch Kinder aus einkommensschwachen Familien die Chance haben, auf eine Privatschule zu gehen. Alec MacGillis erklärt, dass dadurch Schlupflöcher entstehen, die vor allem von konservativ-religiösen Privatschulen genutzt werden und öffentlichen Schulen schaden: Das Geld, das die Eltern von der Regierung erhalten, wandert direkt in die Kassen religiöser Organisationen: "Eine Initiative, die über Jahre hinweg als Bürgerrechtsbewegung beworben wurde - armen Kindern in schwierigen Schulverhältnissen zu helfen - droht, eine nationale Profitmasche zu werden. Viele Privatschulen erhöhen das Schulgeld, um von der Förderung zu profitieren, und neue Schulen werden gegründet, um sich daran zu bereichern. (…) Staaten, die die Familien mit Mitteln zu Homeschooling und Bildung versorgen, sehen sich mit Berichten konfrontiert, dass das Geld so ungewöhnliche Käufe wie Kayaks, Videospielkonsolen und Reitstunden finanziert." Ganz besonders profitiert das Center for Christian Virtue, die laut MacGillis auch kräftig bei den jüngsten Gesetzgebungen zugunsten eines größeren Budgets für die Bildungsgutscheine mitgemischt haben: Es ist, nachdem das Budget verabschiedet wurde, "stärker denn je. Die Organisation hat ein Netzwerk von dutzenden Schulen aufgebaut, die dem Center fünf Dollar pro eingeschriebenem Schüler zahlen, bis zu 3000 Dollar pro Schule, um Lobbyarbeit in ihrem Sinne zu betreiben. Essentiell können die religiösen Schulen nun einiges vom Steuergeld, das sie beziehen, nutzen, um für weitere Förderung zu werben. Zwischen 2020 und 2022 haben sich die Einnahmen des Centers mehr als verdreifacht, auf 4,2 Millionen Dollar."Warum war die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston so besessen von Juden, fragt sich Louis Menand. Sie versuchte sogar, eine Geschichte der Juden zu schreiben - "was im Grunde bedeutet hätte, die Bibel neu zu schreiben", so Menand: Das ganz eigene an ihrer Geschichtsversion, die sich in ihrem Entwurf für das Buch formuliert: Für sie sind die Juden quasi die ersten Amerikaner, denn sie sieht sie als die ersten, die universale Werte formuliert hätten. "Zwei Dinge fallen bei 'Just Like Us' auf. Erstens bezieht sie sich kaum auf Ethnie oder Geschlecht. Hurston sagt nicht, dass sie sich als schwarzer Mensch, der unter Stereotypen und Diskriminierung gelitten hat, mit den Juden identifiziert, und sie sagt nicht, dass sie sie als Frau, die in einer patriarchalischen Gesellschaft untergeordnet wurde, versteht. Sie sagt, dass sie sich mit den Juden als Amerikanerin identifiziert. Das 'wir' in ihrem Titel sind die Amerikaner. Das zweite, was auffällt, ist der persönliche Charakter des Dokuments. Die forsche, selbstbestimmende, selbständige Figur, die Hurston als Prototyp des Juden beschwört, ist Hurston selbst, eine Frau, die sich nicht von anderen vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Was dieses Persönlichkeitsmerkmal für zeitgenössische Leser von Hurston kompliziert gemacht hat, ist, dass sie nicht meinte, dass die Weißen ihr nicht vorschreiben könnten, wie sie zu leben habe. Weiße Menschen waren nicht ihr Problem... Die Menschen, deren Führung sie sich widersetzte, waren die Freunde der Schwarzen, die Liberalen. Ihre Rabbiner waren die Ethnienführer der N.A.A.C.P. Hurston war der Meinung, dass die Liberalen des Nordens den Schwarzen eine Rolle zuwiesen, und sie weigerte sich, diese zu spielen. 'Ich gehöre nicht zu den schluchzenden Negern, die glauben, dass die Natur ihnen irgendwie ein schmutziges Schicksal beschert hat, und deren Gefühle deswegen verletzt sind', schrieb sie 1928, ein Satz, den sie ihr Leben lang wiederholte. Briefe an weiße Freunde unterzeichnete sie manchmal mit 'Your pickaninny'. Sie sah keinen Grund, sich über die Sklaverei zu beschweren. 'Sklaverei', sagte sie, 'ist der Preis, den ich für die Zivilisation bezahlt habe'."
La vie des idees (Frankreich), 13.01.2025

New Lines Magazine (USA), 13.01.2025
Bang verfolgen syrische Minderheiten die Entwicklungen in ihrem Heimatland seit dem Sturz Bashar al Assads. Zwar haben die Rebellen der Hayat Tahrir al-Sham angekündigt, Toleranz walten zu lassen, doch viele befürchten, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Besonders bedroht ist die alawitische Bevölkerung, erklärt Kamal Shahin. Diese gewann nach der Machtübernahme durch die Assad-Familie erheblichen Einfluss und besetzte wichtige Positionen im Politik - und Verwaltungsapparat der Diktatur. Die Angst vor einer "Kollektivstrafe" für die Alawiten wächst, so Shahin. Dies wird noch dadurch verstärkt, "dass extremistische Gruppierungen zu Massengewalt gegen Alawiten aufgerufen haben. Auf dem Nachrichtendienst Telegram kursieren zahlreiche Tags und Videos, die zu wahllosem Abschlachten aufrufen. Einige Stimmen haben die Regierung in Damaskus dafür verurteilt, dass sie überhaupt einen Dialog mit den Führern der Alawiten in Erwägung zieht (...) Die Drohungen von Massengewalt oder Verhaftungen sind allgegenwärtig (...) Selbst diejenigen ohne Verbindungen zu Assads Regierung fühlen sich bedroht. Berichte aus den Küstenregionen beschreiben vorsätzliche Tötungen von Alawiten mit offensichtlichen Verbindungen zum Regime. So wurde beispielsweise ein junger Mann auf dem Rückweg von der Hochzeit seines Bruders getötet. In verlassenen Gegenden werden Leichen gefunden. Im Viertel al-Sabil in Homs wurden Berichten zufolge kurz nach Weihnachten mindestens fünf Menschen von einer bewaffneten Gruppe in HTS-Uniformen getötet."Die algerische Stadt Oran wurde sowohl von den Osmanen, den Spaniern und den Franzosen besetzt - und jede Kultur hat hier ihre Spuren hinterlassen, erzählt uns Ariel Sophia Bardi, die in die mediterrane Hafenstadt gereist ist. Besonders interessiert sich Bardi für die Musikrichtung "Rai", die in den 1920er Jahren dort entstanden ist: "Sie ist unverblümt unzüchtig, sogar tabu. 'Die Menschen beten Gott an, aber ich bete das Bier an', sang einst die legendäre Rai-Künstlerin Cheikha Rimiti, deren Lied 'Charrak Gatta' aus dem Jahr 1954 als Anspielung auf den Verlust der Jungfräulichkeit junger Frauen gilt. Rai wird sowohl von Frauen als auch von Männern gesungen; traditionell stützt er sich auf jüdische und andalusische, klassische arabische und beduinische Musiktraditionen. Neuere Künstler verschmelzen die Stile mit Hip-Hop, aber Rai ist in Oran immer noch König. Er ist eindeutig gegenkulturell: Die Sänger nehmen die Titel cheb und cheba an, was 'jung' bedeutet - eine Anspielung auf die klassischen Ehrentitel cheikh und cheikha oder 'älter'." 1994, "zwei Jahre nach Beginn des elfjährigen Bürgerkriegs, der von islamistischen Gruppen geführt wurde (auch als 'Schwarzes Jahrzehnt' bezeichnet), wurde der 26-jährige Cheb Hasni in der Nähe seines Elternhauses in Oran erschossen. Der Musikproduzent Rachid Baba Ahmed wurde ein Jahr später in seinem Plattenladen in Oran ermordet. Cheb Khaled und zahlreiche andere algerische Künstler suchten Zuflucht in Frankreich. Mit dieser Geschichte im Hinterkopf fällt es schwer, nicht ein wenig wehmütig zu werden, wenn der Rai-Sänger Redouane Stunden später sein Set beginnt, grinsend und auf Arabisch und Französisch ins Mikrofon brüllend. Ein galoppierender Rhythmus dröhnt mit metallischem Hall aus den Lautsprechern. Redouane pfeffert seine Songs mit Widmungen an das Publikum - auch an mich. 'Sophiaaa', singt er, 'soyez la bienvenue!' ('Willkommen') - eine musikalische Tradition der Rai, die im Arabischen als tabriha bekannt ist."
Außerdem: Jen Kirby berichtet aus Albanien von Italiens Plänen, dort Flüchtlingszentren zu bauen.
Mediazona (Russland), 10.01.2025
Elet es Irodalom (Ungarn), 10.01.2025
Unter der Leitung des Literaturhistorikers und Übersetzers Tamás Bényei wurde vor kurzem der fünfte Band (von sieben geplanten Bändern) einer Geschichte der englischen Literatur veröffentlicht. Nun spricht der Professor für Anglistik (Universität Debrecen) im Interview mit Katalin Bódi u.a. über die Aktualität von Literaturgeschichte(n) und ihre Tücken nach dem "Ende der großen Narrativen", an das Bényei eh nicht so recht glaubt: "Egal wie sehr die Grundannahmen der großen Erzählungen in Frage gestellt werden, es wird immer eine Nachfrage für solche Unternehmungen geben, allenfalls werden die produzierten Literaturgeschichten skeptischer und selbstreflexiver sein (...) Wir fanden, dass eine Literaturgeschichte durchaus noch geschrieben werden kann, weil nicht die Historizität als solche in der Krise ist, sondern nur die Grundannahmen und die Methodik der traditionellen (literatur-)historischen Erzählungen. Es ist gerade die Einbeziehung dieser Überlegungen, die unsere Literaturgeschichte von der überwiegenden Mehrheit der neueren Unternehmungen unterscheidet. Diese Literaturgeschichte ist anders geworden als die, mit der wir aufgewachsen sind: Wir dachten nicht mehr in einer einzigen linearen historischen Erzählung, in monolithisch konzipierten Epochenvorstellungen und in Hierarchien von Werten, die Prozessen zugeordnet werden. ... Es gab auch praktische Erwägungen, die gegen die autorenbasierte Logik sprachen. Die Art und Weise des Wissenserwerbs hat sich heutzutage grundlegend geändert, und Unternehmen wie das unsere, müssen dem Rechnung tragen. Die Herausgeber wollten mit unserer Literaturgeschichte eine Art von Wissen vermitteln, das nicht durch Internetressourcen mit zwei Klicks ersetzt werden kann: Auch deshalb wollten wir anstelle von Autorenporträts Geschichten erzählen, die in breitere literaturgeschichtliche Kontexte eingebettet und auf vielfältige Weise mit dem Rest der Reihe verbunden sind."Meduza (Lettland), 09.01.2025
Der russische Büchermarkt hat sich nach fast drei Jahren Ukraine-Krieg komplett gewandelt, es herrscht Willkür und die (Putin-gewogene) Z-Literatur, konstatiert Kristina Safonowa für Meduza. "'Es gibt auch eine Vorstellung davon, wie die Literatur der Zukunft aussehen könnte: mutig genug, sich zu äußern, aber gezwungen, sich auf einem Minenfeld zu bewegen', sagt der Schriftsteller A. über einen Roman, den er kürzlich gelesen hat und der in Russland erschienen ist. In dem Buch wird das Wort 'Krieg' nicht ein einziges Mal erwähnt, erklärt er, aber es ist 'eine bewusste Auslassung, um die herum der gesamte Text aufgebaut ist'. Einige Bücher, die seit Februar 2022 in Russland veröffentlicht wurden, spielen mit poetischen Bildern auf den Krieg und die Diktatur an. Andere greifen auf Märchen oder Science-Fiction zurück. Einige Autoren entführen ihre Leser in eine imaginäre Welt, die den Russen dennoch sehr vertraut ist, egal ob sie in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielt. Andere wiederum schildern die Gegenwart, indem sie Schlagzeilen und Gerichtsprotokolle in ihre Erzählungen einfließen lassen. 'Wir haben einige Bücher veröffentlicht, die sich mit der aktuellen Lage befassen', sagt B., der Chefredakteur eines Verlags in Russland. 'Wir haben es getan, weil wir es nicht lassen konnten, sie zu veröffentlichen. So kamen unsere moralischen Grundsätze ins Spiel.' 'Wenn der Text brillant ist, lohnt sich das Risiko immer', argumentiert der Verleger Felix Sandalov. (...) 'Manchmal, wenn man ein gutes Verhältnis zu dem Kritiker hat, kann man ihn bitten, bestimmte Details zu glätten. Aber oft ist es nicht nötig, darum zu bitten - jeder versteht es', so Sandalov gegenüber Meduza. 'Man schlägt ein Buch auf und versteht sofort, warum noch niemand darüber geschrieben hat. Ein Blick und es heißt: 'Das fasse ich auf keinen Fall an!'", sagt O., der Inhaber einer unabhängigen Buchhandlung. "Aber wir sagen den Kunden selbst, dass das Buch großartig ist.' R., der Gründer einer anderen unabhängigen Buchhandlung, sagt, dass einige Geschäfte bestimmte Bücher als aktuelle Literatur ausweisen. Buchhandlungen schließen in der Regel Autoren, die die Invasion befürworten, aus dieser Kategorie aus (drei Branchenkenner erklärten gegenüber Meduza, dass niemand gezwungen ist, diese Bücher zu verkaufen). 'Wenn sie nicht nur Scheiße schreiben würden, gäbe es auch für sie einen Platz', fügt O. hinzu. Wenn Kunden sich beschweren, dass sie keine Bücher von diesen Autoren, von Leuten wie Zakhar Prilepin, finden können, lügt O. gewöhnlich und sagt höflich: 'Wir sind ausverkauft!' 'Es ist wichtig, so friedlich wie möglich zu bleiben', sagt O."
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