Der Rechtsanwalt und Publizist Gábor Gadó schreibt über die Pride-Parade letzte Woche in Budapest, auf der mehr als 200.000 Menschen für eine lebenswertere Gesellschaft in Ungarn protestierten (mehr hier). Die Veranstaltung war durch ein kurzfristig verabschiedetes Gesetz verboten worden. Sie fand trotzdem stattfand und wurde zu einer Demonstration gegen die Regierung Orban: "Der Pride-Marsch, der Hunderttausende von Menschen anzog, hat sich zu einer echten Wende-Demonstration entwickelt. Vor allem die Tatsache, dass sich die Organisatoren nicht den Regeln des rechtsstaatsfeindlichen Versammlungsrechts unterworfen haben, war ein Novum. (...) Es war auch eine Wende in dem Sinne, dass die Demonstranten deutlich gemacht haben, dass sie das pharisäische Kinderschutz-Narrativ des Regimes nicht akzeptieren. Sie protestierten (feierten) gegen die offiziellen Werte, prangerten die Orban-Doktrin öffentlich an, nannten sie eine Lüge und lachten über sie. Es gibt kaum eine größere Demütigung für eine autoritäre Halbdiktatur als die, sie nicht ernst zu nehmen. Und die Predigt des Ministerpräsidenten erhielt einen fast schon komischen Ton, als er in der Veranstaltung den abschreckenden Beweis dafür sah, 'wie das Leben wäre, wenn das Land nicht von einer nationalen Regierung geführt würde, die unsere Souveränität verteidigt'. (...) Die Teilnehmer der Demonstration warteten nicht darauf, dass die Regierung ihre Position ändert, sondern sagten als erwachsene Bürger selbst, wie sie in welcher Art von Gesellschaft leben wollen. Die Frage ist, wie Orbán nach den 'revolutionären' Ereignissen, die vor Millionen von Menschen stattfanden, wieder überzeugend mit seiner falschen, hasserfüllten Stimme sprechen kann."
Der Dichter, Übersetzer, Slammer und Redakteur Ferenc André denkt im Gesprächt mit Julianna Zeck u.a. über die Gegenwart und Zukunft der Poesie nach: "Ich sehe, dass sowohl die Leser als auch die Literaten ein wenig Angst vor der Poesie haben. Sie haben Angst, sie nicht zu verstehen, denn sie denken, dass Poesie verstanden werden sollte, aber in erster Linie muss Poesie gefühlt werden. Das Gedicht wirkt auf die Sinne, freilich mit dem Intellekt, denn es wird durch Worte, durch sprachliche Konstruktionen kreiert, aber dennoch sollte ein guter Text eher eine emotionale Erfahrung im Menschen hervorrufen. (...) Ich habe nicht das Gefühl, dass die Poesie stirbt, und sie wird auch geschrieben. Ich glaube, dass der Wunsch, etwas zu schaffen, ewig da sein wird, so wie er in der Antike da war und so wie er in hunderttausend Jahren da sein wird. Solange es die Menschheit gibt, wird der kreative Gebrauch der Sprache immer wichtig sein, ob wir es nun Poesie oder anderes nennen werden, weiß ich nicht, aber dieser kreative Spaß und die Freude an der Sprache, sowohl konkret als auch abstrakt, spielerisch und ernst, wird immer Teil der Menschheit sein."
Der Physiker und Philosoph György Marosánmacht sich Gedanken über das Aufkommen und die zunehmende Verbreitung der künstlichen Intelligenz und deren Auswirkungen auf den Menschen: "KI ist zunehmend in der Lage, als rationaler und verständnisvoller Partner zu agieren, der uns mit den unausweichlichen Hindernissen konfrontiert, die der Verwirklichung unserer Sehnsüchte entgegenstehen. So seltsam das auch klingen mag: KI ist nicht weit davon entfernt, den Partner zu verkörpern, der einen am besten kennt. Aber sie kann den Einzelnen ebenso noch weiter von seinem menschlichen Gegenüber entfernen. Schon heute ist die Einsamkeit eine globale Epidemie der modernen Welt, die sich unaufhaltsam ausbreitet. Wir sind selbst schuld daran, weil wir uns weigern, uns an unsere Mitmenschen anzupassen. Aber die Gefahr kann noch vervielfacht werden, wenn man seinen KI-'Assistenten' in einen Befehle ausführenden Agenten verwandelt, der keine Widerworte geben kann. Das macht einen noch unfähiger, mit seinen Mitmenschen, die einen Willen und Wünsche haben, zusammenzuleben. Die wichtigste Aufgabe für das kommende Jahrzehnt besteht darin zu lernen, mit unseren natürlichen und künstlichen Mitmenschen zusammenzuarbeiten, ihre Ratschläge zu berücksichtigen, ihre unterschiedlichen Ansichten zur Kenntnis zu nehmen und bereit zu sein, sich an sie anzupassen."
Zensur oder Selbstzensur kann sich auch positiv auf sprachliche Gestaltung auswirken, überlegt Sophie Képès, französische Autorin und Übersetzerin mit ungarischen Wurzeln, im Interview mit Benedek Várkonyi - ohne Zensur damit rechtfertigen zu wollen. "Schriftsteller in Ländern, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts jahrzehntelang echte Tragödien erlebt haben, beklagten sich nicht, sondern suchten nach Möglichkeiten, sich frei zu äußern. Trotz Zensur und Selbstzensur. Ich habe mich eingehend mit entsprechenden literarischen Praktiken nach dem zweiten Weltkrieg befasst. Auch der Zwang sorgt für interessante Literatur. Wenn man begabt ist, kann man unter Zwang außergewöhnliche Dinge schaffen. Die großen ungarischen Schriftsteller oder auch Danilo Kiš, den ich sehr schätze und der halb ungarisch ist, haben Formen erfunden, die dem ähneln, was in Lateinamerika in dieser Zeit gemacht wurde. Das ist sehr seltsam, aber ich finde es interessant, schön und wertvoll. Für mich sind ästhetischer und moralischer Wert stets miteinander verwoben. Der Geist des Widerstands, die Fähigkeiten und die Intelligenz, die es ihnen ermöglichten, zu schreiben und äußerst originell zu sein, ist mir sehr vertraut."
Die ungarische Musikgruppe Bohemian Betyárs kam vor kurzem mit einem neuen Song ("Bánatszalonna" - Kummerspeck) und dem dazugehörigen Video heraus. Adrienn Csepelyi lobt beides als treffende Sozialkritik unserer Zeit: "Der Clip wirkt magenumdrehend real. Der Anblick der in der Küche zerhackten Körper, gemästet am Elend, gehacktes Fett und Fleisch, spritzendes Blut, erschreckt den Betrachter, aber bald dämmert die Erkenntnis: Diejenigen, die sich am Elend anderer mästen, sind noch viel ekelhafter als die oben genannten. Kummerspeck, der aus Kummerspeck wächst? Du bist, was du isst - wenn du vom Elend anderer Menschen zunimmst, wirst du auch nicht glücklich sein? Wenn dein Fett nur aus Schmerz besteht, was macht es dann für einen Unterschied, wenn du bei lebendigem Leibe aufgefressen wirst? Die vakuumgegarten Augäpfel erkennen keinen Ausweg. Es gibt so viele kulturelle Referenzen für das große Fressen des Clips: Móricz' Tragödie als Gegensatzpaar, die Welt von Lynch, Fellini oder auch Palahniuk als Stimmungscousin. Eine anschaulichere und kraftvollere Gesellschaftskritik der letzten Zeit als dieser Videoclip, der auf eine heutzutage etwas ungewöhnliche Art und Weise auf Film gedreht wurde, wird man kaum finden (...) Die Bilder sind schön und ekelhaft zugleich, und man muss die Wiedergabe anhalten - nicht nur, um sich zu übergeben, sondern auch, um kleine Details wie die mit grünem Samt bezogene Speisekarte zu betrachten. Und wenn die Sozialkritik schon einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, hier die gute Nachricht: Nach dem Anschauen dieses Clips wird man garantiert für lange Zeit keinen Appetitmehr haben. Wir haben schon schlimmere Diäten hinter uns."
Das geplante Gesetz zur "Wahrung der Souveränität", das die letzten unabhängigen Medien und zivilgesellschaftliche Akteure regulieren soll, bestimmt die öffentliche Diskussion in Ungarn. Die Redaktionen von Élet és Irodalom, HVG, Magyar Narancs, 444.hu, telex.hu und 24.hu formulierten gemeinsam eine Protesterklärung. Kritik an dem geplanten Gesetz kam auch aus der EU (die FAZberichtete). Die Regierung Orban pocht darauf, dass das Gesetz nach dem amerikanischen Foreign Agents Registration Act von 1938 (zur Eindämmung der Propaganda aus Nazi-Deutschland) formuliert wurde. Kritiker sehen allerdings die Blaupause im heutigen Russland, um Regierungskritiker mundtot zu machen. So schreibt János Széky in Elet es Irodalom: "Das Gesetz, das offensichtlich bald in Kraft treten wird, folgt nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Funktionsweise dem russischen Modell: Es ist so konzipiert, dass man dagegen nicht 'nicht verstoßen' kann. Später entscheidet eine der Zentralmacht untergeordnete Behörde, wer bestraft wird und wer nicht; wer durch die Androhung von Strafen in Schach gehalten werden soll. Die justizielle Bedrohung besteht, wie manch moderner Klebstoff, aus zwei Komponenten: Eine mögliche Straftat besteht darin, dass ein Anbieter von Medieninhalten oder eine NGO Gelder, Unterstützung und Spenden aus dem Ausland annimmt. Die andere besteht darin, dass in den produzierten Inhalten gegen einen Punkt des von der Macht willkürlich veränderten und geflickten Grundgesetzes verstoßen wird. Das Russische daran ist, dass diese beiden Tatbeständesehr vage formuliert sind, so dass vieles in sie hinein interpretiert werden kann, wohingegen die Sanktionen sehr präzise beschrieben sind. Es geht ja gerade darum, sie gezielt gegen bestimmte Feinde einsetzen zu können, damit die dafür vorgesehenen Stellen - Behörden, Gerichte - die Gesetze buchstabengetreu befolgen können."
Eine Spionageaffäre zwischen der Ukraine und Ungarn erschütterte in den vergangenen zwei Wochen die öffentliche Diskussion in Ungarn, wobei die ungarische Regierung auf eine angebliche Verschwörung zwischen der Ukraine und der stärksten ungarischen Oppositionspartei deutet. Die Ukraine wies zwei Ungarn aus dem Land aus, die militärische Ziele ausspioniert haben sollen (mehr dazu hier). Nach Bewertung von Experten stünde eine solche Aktion allerdings weniger im Interesse Ungarns als in dem Russlands. Sollte sich erweisen, dass Ungarn sensible Daten an Russland weitergab, würde dies das Restvertrauen der EU und der Nato in Ungarn begraben. Der Publizist János Széky kommentiert die Angelegenheit, wobei er die antiwestliche Haltung der ungarischen Regierung im Fokus hat, die auch mit dem Vertrag von Trianon zu tun hat, von dessen Revision einige in der ungarischen Regierung wohl träumen: "Diejenigen, die die Idee der territorialen Revision als Wahnsinn bezeichnen, berücksichtigen trotz zahlreicher Hinweise nicht, inwieweit die ungarische Rechte ein Gefangener von Trianon ist und der daraus folgenden Beschneidung des ungarischen Staatsgebiets. Sollte Putins Krieg gegen die Ukraine erfolgreich sein und der Westen die gewaltsame Aneignung von fremdem Staatsgebiet als legitim anerkennen, würde dies bedeuten, dass das Verbot obsolet geworden ist. Wenn unter der geheimdienstlichen Operation gegen die Ukraine, die den Interessen des westlichen Bündnisses zuwiderläuft, die ungarische Minderheit in der Karpato-Ukraine leidet, und wenn es die siebenbürgische Minderheit ist, die im Fadenkreuz der anti-ungarischen Hetze von Simion steht, dann ist das kein Widerspruch. Denn wichtiger als die Verteidigung der Rechte ungarischer Gemeinschaften in den Nachbarländern war für die auf Trianon ausgerichteten Nationalisten stets die Störung der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen internationalen Ordnung."
Der Historiker György Jakabanalysiert Viktor Orbáns Politik über die Jahre: "Die EVP und ihr ehemals mit Orban befreundeter Vorsitzender Manfred Weber sind zu Orbáns europäischem Hauptfeind geworden. Laut öffentlichen Plakaten auf den Straßen in Ungarn verfolgt Weber aufgrund seiner anti-ungarischen Gesinnung eine anti-ungarische Politik. Die Messlatte wurde also noch höher gelegt. Es geht um eine vollständige Reform der Ausrichtung der Europäischen Union unter dem Slogan 'Wir besiegen Brüssel!'. Orbán mit seinen Großmachtambitionen, hat mit beeindruckender politischer Kleinarbeit imperiale Unterstützer (Russland, China, USA) gewonnen - entgegen der wirtschaftlichen und politischen Interessen des eigenen Landes - und versucht, durch die Gründung einer neuen Oppositionsgruppe, der so genannten Patrioten für Europa (PfE), eine führende Rolle in der Europäischen Union zu erlangen. Aufgrund der Freundschaft Orbáns zu Russland wird oder wurde die Visegrád-Gruppe (V4), die polnisch-ungarische Freundschaft sowie die Balkanpolitik der ungarischen Regierung ähnlichen aufgebaut beziehungsweise zerstört. Im Moment sieht es so aus, als würde Ungarn im Interesse von Viktor Orbáns Großmachtambitionen freiwillig einen neuen politischen und kulturellen Eisernen Vorhang errichten, der Ungarn bald nicht nur in Ost-West-Richtung, sondern auch in Nord-Süd-Richtung isolieren wird: Wir driften immer mehr in Richtung Ostbalkan ab, wo unsere politische Elite endlich wieder die Rolle einer Großmacht spielen darf."
Der MalerÁkos Matzon spricht im Interview mit Ádám Galambos über die Bedeutung von Unordnung und Zufall in seiner geometrisch geordneten Malerei: "In der Kunst gibt es immer die Dualität von Ordnung und Chaos. Für mich ist Ordnung wichtig, aber zu viel Ordnung kann manchmal unheimlich sein, es braucht ein wenig Verspieltheit, um nicht zu starr zu werden. (…) Dieser Ansatz gilt auch für mein Leben: Ich möchte das Leben nicht zu ernst nehmen, weil ich Angst vor der Erkenntnis habe, die der Ernst in Gänze mit sich bringen könnte. Gleichzeitig ist mir die Ordnung wichtig, denn sie gibt mir Halt in dieser verwirrten, chaotischen Welt. Ich suche und schaffe diese Ordnung in meiner Kunst. Die Struktur meiner Arbeit ist bewusst, ich habe einen grundlegenden Plan, an den ich mich halte, aber im Prozess bin ich immer offen für Veränderungen und lasse Raum für den Zufall. Oft bekommt ein Detail eine unerwartete neue Bedeutung, die dem ganzen Werk einen anderen Schwerpunkt gibt. Ich liebe diese Dualität: bewusste Bearbeitung und Intuition."
Die Linguistin Ágnes Huszáranalysiert die Rede von Ministerpräsident Orbán zum Nationalfeiertag am 15. März, in der er u.a. Oppositionelle als "Wanzen" bezeichnete, die bis Ostern, während eines Frühjahrputzes beseitigt werden sollten. "Es sind die geschnitzten Bilder des Gottes über uns und die sakralen Momente, die ungeheuerlich und ekelerregend heuchlerisch sind. Die Flüche zwischen den beiden heiligen Bildern scheinen durch einen geheimnisvollen göttlichen Auftrag zu erfolgen - Orban will entscheiden, wer gut und wer böse ist, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Die Wanzen-Hassrede hingegen ist ehrlich und ungeschminkt in ihrer Unverblümtheit und offenbart die tiefe Verachtung, die unser Regierungschef für uns hegt. Sie macht auch die Absicht deutlich, das öffentliche Handeln der Opposition einzuschränken. Die besonders Mutigen, die immer noch auf die Straße gehen, werden durch eine Gesichtserkennungssoftware identifiziert. Das moderne Äquivalent zum Scharlachroten Buchstaben wird so für die Strafverfolgungsbehörden lesbar gemacht. Dies war die Botschaft des Premierministers an sein Volk im März dieses Jahres."
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