
Eines der verstörenden und meist besprochenen Bücher des Sommers ist das (im April erschienene) autobiografische Buch der Filmregisseurin, Übersetzerin und Schriftstellerin
Lili Kemény. In "Nem" (Nein) schreibt sich entlang der autobiografischen Geschichte auch über Ereignisse der letzten zwanzig Jahren in Ungarn. Das Buch gilt bereits als eine der stärksten Reflexionen der städtischen Generation Z über ihre Zeit. Lili Kemény, die ältere Tochter des Dichters und Schriftstellers István Kemény, schreibt über Drogen, Sexualität oder die Ereignisse von 2020, als die Orban-Regierung die Hochschule für Theater- und Filmkunst (SZFE) - ihr Alma Mater - auf Regierungslinie brachten. Das Buch ist bei einem unabhängigen Verlag (su/cure-sale) als Eigenauflage erschienen. Lili Kemény spricht im
Interview mit Julianna Zeck u.a. über die Entstehungsumstände ihres Buchs: ""Ich habe um meine bisherige Zukunft (getrauert). Im
Herbst 2020 ging alles schief. Die Universität, die ich besuchte, wurde mit Füßen zertreten, und ich verließ sie. Die Widerstandsbewegung, die ich radikalisieren wollte, konsolidierte sich, aus der Geheimen Universität wurde Freeszfe, und ich verließ sie. Ich hatte
keinen Beruf,
keine Arbeit,
keine Kontakte, keine Pläne, keine Stimmung, keine Gemeinschaft, kein Zuhause. Im Alter von siebenundzwanzig Jahren hatte ich bereits meine zweite oder dritte Karriere aufgegeben. Ich lebte mit meiner Liebe von seinem Gehalt zur Untermiete. Wir gaben unser ganzes Geld aus, nahmen Drogen gegen Depressionen. (...) Zu diesem Zeitpunkt begann ich zu schreiben. (...) Ich zog mich stets zurück: aus der Grundschule, dem Gymnasium, der Literaturszene, dem Film, der Universität und dem Studium. In der Praxis sieht es so aus, dass ich
erschöpft zugrunde gehe, dass ich ertrinke. Ich kann mich nicht integrieren, wenn ich auf meiner Wahrheit bestehe, darauf, wie ich denke, dass die Struktur neu geordnet werden sollte (...) Aber es geht in diesem Buch nicht darum, meine Wahrheit anderen aufzudrängen, sondern darum herauszuarbeiten wie
Autonomieversuche im heutigen Ungarn gesetzmäßig abgewürgt werden. Ich zeige, an wie viele Mauern ich gestoßen bin und was die strukturelle Ähnlichkeit bei diesen Zusammenstößen war. Anhand meines eigenen Falles versuche ich darzustellen, wie wir alle leben, wie gerade diese Jahrzehnte, die letzten dreißig Jahre, in dieser globalisierten, konsumorientierten, postfaschistischen, postfeministischen, individualistischen und doch uniformierenden, asexuellen oder vielmehr anti-erotischen Atmosphäre erstickt wurden."