Magazinrundschau
Mit Ziel auf die Tavernen und Bordelle
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.07.2024. Der Observator Cultural berichtet von einem unwirklichen Besuch Michel Foucaults im Bukarest der 60er Jahre. In Forum 24 erklärt der Historiker Timothy Snyder eine selten beherzigte Lehre aus der Geschichte: Am Ende gewinnen immer die Kleinen. Die London Review betrachtet die deprimierende Situation der Frauen in Afghanistan. In HVG reflektiert der ungarische Autor Laszlo Darvasi die Debatte in Ungarn. Der New Yorker untersucht den Zusammenhang zwischen Piraten und Sex. New Lines würdigt den Beitrag der Mittelschicht zu den Protesten in Kenia.
Observator Cultural (Rumänien), 16.07.2024
Zwei Texte aus der letzten Printausgabe des rumänischen Kulturbeobachters (Observator cultural) zeigen, wie das kulturelle und öffentliche Leben im Rumänien der 1960er Jahre wirklich aussah, nachdem Nicoale Ceaușescu das Generalsekretariat der KP antrat. In einem etwas zu akademisch geschriebenen Text stellt der Literaturhistoriker und Forscher Dragoș Jipa von der Universität Bukarest ausführlich dar, wie ein Besuch des französischen Philosophen Michel Foucault in Bukarest verlief. Der etwas erfahrenere Philosoph, Übersetzer und Foucault-Experte Bogdan Ghiu fasst in der Einleitung des Textes Jipas Forschungsergebnisse zu diesem Besuch zusammen, der sich zwischen scheinbarer Liberalisierung und Öffnung Rumäniens nach außen und gleichzeitig strenger staatlicher Überwachung abspielte: "Aber heute, 58 Jahre nach Foucaults rätsel- und zweifelhafter Ankunft in Bukarest, bestätigt und widerlegt die Hartnäckigkeit des Forschers Dragoș Jipa - ein echter Foucaultianer - sowohl mich als als auch Daniel Defert: Foucault kam tatsächlich nach Bukarest, aber dieser Besuch ist so, als hätte er nie stattgefunden, weil er so konzipiert und organisiert war, dass er gleichzeitig offiziell war, kulturell und politisch aber nicht existierte, weil er keine lebendige, markante und erinnerungswürdige Spur hinterließ. Es war ein gut 'abgeschirmter' Besuch, perfekt 'organisiert' von den Behörden, die ihn in zwei Etappen organisierten, mit einer ausgezeichneten 'Professionalität', in doppeltem Sinne, mit einer doppelten Ausrichtung: als Gastfreundschaft gegenüber dem ausländischen Gast und gleichzeitig wurde jede Spur dieses Besuches zeitnah präventiv unterdrückt, um eine mögliche einheimische Rezeption der Foucaultschen Vorlesungen zu verhindern. Mit anderen Worten, die kommunistischen Behörden Rumäniens haben Michel Foucault, wenn auch in einer Zeit der 'Öffnung' und 'Liberalisierung', durch die Securitate ausgetrickst, und auf raffinierte Weise auch uns, wobei dieses doppelte Spiel gerade zu jener Zeit zum Merkmal des politischen Spiels 'zwischen Zweien' wurde, um sowohl den Westen als auch die verschiedenen 'nahen' und 'fernen' Orients (i.e. die anderen Staaten im Ostblock bzw. Moskau, Anm. d. Red.) zu locken und irrezuführen, wie es von Ceaușescu praktiziert wurde. Die Ankunft Michel Foucaults in Bukarest entsprach genau dem 'Parteiprogramm' (...): Sie geschah und sie geschah nicht. Sie wurde erlaubt zu sein und doch nicht zu sein. Mystisch!"Forum24 (Tschechien), 15.07.2024
London Review of Books (UK), 18.07.2024
Mélissa Cornet blickt auf die ziemlich deprimierenden Aussichten für Frauen in Afghanistan. Die Taliban haben nach ihrer Machtübernahme über 80 Gesetze erlassen, die die Bewegungs- und Berufsfreiheit von Frauen teilweise katastrophal einschränken. Hier und da wird inzwischen darüber nachgedacht, einen internationalen Straftatbestand namens "Gender Apartheid" einzuführen, der derartige systematische Benachteiligung in den Blick nimmt. Aber würde das helfen? Insgesamt macht sich Ratlosigkeit breit: "Es gibt zwei Denkrichtungen darüber, wie die internationale Gemeinschaft die Politik der Taliban in Bezug auf Frauen beeinflussen könnte: das Regime isolieren oder eine bedingte Zusammenarbeit etablieren. Während Teile der afghanischen Diaspora Sanktionen und Isolation fordern, sprechen sich die Mehrheit der Regierungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen für eine bedingte Zusammenarbeit aus, wobei Menschenrechte immer Teil der Diskussion sein sollen. Engagement, das nicht gleichbedeutend mit einer formellen Anerkennung ist, wird als der einzige Weg angesehen, um langfristig Einfluss auf die Taliban auszuüben. Es wird argumentiert, dass Diplomatie Zeit braucht und besonders notwendig ist, wenn man mit Menschen spricht, mit denen man nicht einer Meinung ist. Wie der amtierende Außenminister des Landes, Amir Khan Muttaqi, wiederholt betont hat, liegt den Taliban viel daran, wieder in die internationale Gemeinschaft integriert zu werden. Es stimmt, dass Diskussionen mit den Taliban und diplomatisches Engagement bisher keine konkreten Ergebnisse gezeitigt haben - aber auch die von den USA und der EU verhängten finanziellen Sanktionen und Reiseverbote für Einzelpersonen haben bislang keine Wirkung. Die Taliban spielen auf Zeit und beobachten, dass ihr Regime langsam akzeptiert wird, ohne dass sie auch nur ein einziges Zugeständnis beim Thema Frauenrechten machen. (…) Die Taliban erinnern ausländische Staaten gerne daran, dass sie das Doha-Abkommen aus dem Jahr 2020 einhalten, das Bedingungen für den US-Abzug festlegte, und dass andere Länder kein Recht haben, sich in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einzumischen, vor allem nicht nach zwanzig Jahren Krieg. Infolgedessen wächst die Kluft zwischen den Ländern, die prinzipiell darauf bestehen, ohne Zugeständnisse bei den Frauenrechten nicht mit den Taliban zusammenzuarbeiten, und pragmatischen Nachbarländern, die die regionale Stabilität priorisieren - diese Länder besetzen zunehmend den diplomatischen Raum in Kabul."Anlässlich der bevorstehenden Sommerolympiade in Paris analysiert David Goldblatt den Stand der Dinge in Sachen Olympische Spiele. Megaevents sind sie inzwischen geworden, aber auch die Probleme, die sie mit sich bringen, sind gigantisch. Eine Folge: niemand möchte sie mehr ausrichten: "Eine Reihe von Städte hat sich aus dem Bewerbungsprozess zurückzogen. Bewerbungen für die Winterspiele wurden nach Abstimmungen in Oslo, Krakau, Lwiw und Stockholm zurückgenommen; Hamburg, Boston und Rom gaben ihre Ambitionen auf, die Sommerspiele auszurichten. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán verlor seine einzige bedeutende politische Schlacht des letzten Jahrzehnts, als eine lokale Kampagne eine Petition sammelte, die groß genug war, um ein Referendum über Budapests Bewerbung zu erzwingen, eine Herausforderung, die Orbán und die Organisatoren nicht annahmen. Nur Paris und Los Angeles waren für die Sommerspiele 2024 im Rennen und niemand schien sich für die Spiele 2028 zu interessieren. Angesichts dieser Gefahr vergab Bach die Spiele 2024 an Paris und überredete Los Angeles, 2028 zu übernehmen, ohne die Irritation und den Aufwand einer IOC-Abstimmung auf sich zu nehmen. Im Zuge eines ähnlichen Manövers im Jahr 2021 wurden die Spiele 2032 an Brisbane vergeben, das der einzige plausible Bewerber war."
HVG (Ungarn), 11.07.2024
Vor kurzem erschien in drei Bänden der Monumentalroman "Die Neandertaler" des Schriftstellers László Darvasi. Aus diesem Anlass spricht Darvasi im Interview mit Zsuzsa Mátraházi u.a. über das öffentliche Denken des Landes. "Vereinfacht gesagt war das ungarische öffentliche Denken stets Gefangener einer Obsession. Es kann nicht frei sein und will es auch nicht sein. In der Monarchie war es ein Gefangener der Ideen von 1848, eine Zeit, in der die ungarische Geschichte ihre schönste Periode erlebte; in der Ära Horthy war es ein Gefangener von Trianon, und dann führt es jenes Trianon in die vielen Schrecken des Zweiten Weltkrieg, in denen Millionen umkommen werden, darunter eine halbe Million ungarische Juden. Unter den Regimen von Rákosi und Kádár waren es die Sowjets, die das Denken in Gefangenschaft hielten. Heute sind wir freiwillige Gefangene. Als ob wir stets nach solchen Gelegenheiten suchen würden, als ob diese Situation gut für uns sei. Diskutieren, interpretieren ist eine mühsame Angelegenheit, über den Standpunkt des anderen nachzudenken, ist schwierig. Einen Kompromiss zu schließen ist schwierig. Warum sollten wir? Das Spiel geht weiter, bis wir es gewinnen! Eine törichtere und schädlichere Denkweise kann es nicht geben. Nur um das klarzustellen: Ich spreche vom Ministerpräsidenten. Wer nicht verlieren kann, kann auch nicht gewinnen."New Yorker (USA), 22.07.2024
Was haben Piraterie und Sex miteinander zu tun? Eine ganze Menge, wenn man Daniel Immerwahr im New Yorker Glauben schenkt; er hat einige neue Bücher zu Piraten gelesen, aber auch Serien wie "Our Flag Means Death" geschaut, in denen die Piraten Blackbeard und Stede Bonnet ein Paar sind: "Die Trope der schwulen Piraten verkörpert gut das generelle Verständnis von Piratenschiffen als nautische Autarkie, ohne Beziehungen zum Land, nicht einmal sexuelle. Der Mythos des vergrabenen Schatzes komplettiert das Bild. Der Gedanke ist, dass Piraten ihre Beute, anstatt sie auszugeben, an geheimen Orten verstecken, die sie nur miteinander teilen, durch geflüstertes Vertrauen und kryptische Landkarten. Wir stellen uns Piraten als Einwohner geschlossener Welten vor, die Schiffe als ihre Heimat, ihre Crewmitglieder ihre Familie, und einsame Inseln als ihre Bank. Der Rest kann ihnen gestohlen bleiben. Aber haben sich die Piraten wirklich vom Land losgesagt? Es ist schwer nachzuweisen, ob sie miteinander auf See Sex hatten. Die Beweise sind 'so selten, dass sie quasi nonexistent' sind, so ein Forscher. Es gibt auch keine Beweise, dass sie ihre Beute in vergrabenen Schatztruhen gesammelt haben. Wofür es sehr wohl Beweise gibt - viele Beweise - ist, dass die Seeräuber ihre Beute für Frauen an Land ausgegeben haben. Piratenschiffe mögen Oasen der Freiheit gewesen sein, aber sie waren auch beengte Räume, in denen Rationen niedrig und Spannungen hoch waren. Wenn sie das Festland erreicht hatten, stoben die Männer wie Kanonenschüsse davon, mit Ziel auf die Tavernen und Bordelle. Münzen flogen in alle Richtungen. Ein Freibeuter hat einer Frau fünfhundert Pieces of Eight gegeben - eine schwindelerregende Summe - um sie nackt zu sehen." Es ist also auch ein großer Wirtschaftsfaktor: "Sex war ein wichtiges Mittel, über das fremde Währungen in die Kolonien gekommen sind. Die von den Piraten favorisierten Häfen waren Brutstätten der Prostitution. Das war illegal und in der Piratenhochburg Port Royal in Jamaika wurden 'gemeine Dirnen' in 'Käfigen beim Schildkrötenmarkt' eingesperrt, wie ein Besucher berichtet. Aber statt diese Frauen in den Zwinger zu sperren, hätte Jamaika Statuen für sie errichten sollen, weil sie die koloniale Liquiditätskrise gelöst haben. Die größte Statue sollte der unbekannten Frau gewidmet werden, die einen Piraten davon überzeugt hat, ihr fünfhundert Pieces of Eight zu geben, um sie strippen zu sehen. Vergesst Blackbeard, sie ist der Outlaw, über den es Fernsehserien geben sollte."Meduza (Lettland), 12.07.2024
Meduza veröffentlicht einen Text von Marina-Maya Govzman, der ursprünglich bei OVD-Info erschien. OVD-Info ist eine unabhängige Menschenrechtsorganisation, die unter anderem russische Oppositionelle vor Gericht vertritt. Auch in dem Fall der Familie Gordienko, die in einem Dorf lebt, das von Menschen ukrainischer Herkunft bewohnt wird. "Anastasia [Gordienko] wird nach wie vor verdächtigt, das russische Militär 'wiederholt in Misskredit gebracht' zu haben. Nach Angaben ihres Anwalts, des OVD-Info-Mitglieds Andrey Ognev, gibt es jedoch 'keine konkreten Hinweise' in dem Fall und die Behörden haben noch keine Anklage erhoben. Das Einzige, was sie mit Sicherheit wissen, ist, dass die Ermittler den Fall aufgrund von Anastasias Anti-Kriegs-Kommentaren in den sozialen Medien aufgenommen haben. Die lokale Reaktion auf Russlands Einmarsch in die Ukraine hat Anastasia empört. Nach Kriegsbeginn veranstalteten die Einwohner von Gannowka eine 'patriotische' Auto-Rallye; sie begannen, Tarnnetze zu weben, Socken zu stricken und Grabenkerzen für die Soldaten an der Front zu gießen. In Odesskoje sammelten die Einwohner Spenden zur Unterstützung der russischen Soldaten. Anastasia schrieb in vielen lokalen Chats eine SMS, in der sie ihre Verurteilung und ihren Unglauben darüber zum Ausdruck brachte, wie ethnische Ukrainer die Invasion der russischen Armee in der Ukraine unterstützen konnten. Auf eine wütende Antwort hin schrieb sie, dass ihre Söhne und Enkel niemals im Krieg kämpfen würden und erklärte: 'Wir werden in den Untergrund gehen, Partisanen werden oder ins Gefängnis gehen!' 'Wir haben über die Kriegspropaganda einfach nur gelacht und unterschätzt, was sie anrichten kann', sagt Sergej. 'Die Leute haben sich sogar mit ihren Verwandten aus der Ukraine zerstritten', fügt er hinzu. Mit seinem eigenen Bruder Juri, der in Gannowka lebt, spricht Sergej nicht mehr. Sergej zufolge bezeichnet sein Bruder die Gordienkos als 'Idioten' und unterstützt die 'spezielle Militäroperation'."New Lines Magazine (USA), 15.07.2024
Caroline Kimeu war bei den Protesten in Kenia dabei, die sich im ganzen Land ausbreiteten, nachdem Präsident William Ruto eine neue Steuerreform geplant hatte: "Die Energie auf den Straßen von Nairobi war frenetisch, erfüllt von Trillerpfeifen, Motorradhupen, Vuvuzelas (lange Tröten, die zum Anfeuern bei Fußballspielen verwendet werden) und lauten Tränengasspritzern", berichtet Kimeu. Die Steuerreform war der "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", nachdem sich die Lage im Land seit Jahren verschlimmert hatte. Zwar hat sich die Lage nun etwas beruhigt, weil Ruto die Reform zurückgenommen hat, und auch, weil die Demonstranten Angst haben, getötet, verhaftet oder von Regierungsbeamten entführt zu werden. Aber "die Demonstrationen erregten auf dem ganzen Kontinent Interesse und wurden in Ländern wie Uganda, Nigeria und Ghana zum Diskussionsthema, wo einige Menschen ihren Kampf gegen Korruption und Verschuldung der Regierung im kenianischen Aufstand widergespiegelt sahen." Bemerkenswert an diesem "öffentlichen Erwachen" ist vor allem die Rolle, die die Mittelschicht bei den Protesten einnahm, so Kimeu: "Die starke Präsenz der Mittelschicht war eine neue Entwicklung, über die sich ein Parlamentsabgeordneter lustig machte, der die jungen Demonstranten als 'iPhone-benutzende, Uber-fahrende, KFC-essende und Flaschenwasser-trinkende Kenianer' bezeichnete, die keinen Bezug zu den wirklichen Problemen hätten. Diese Bevölkerungsgruppe war jedoch maßgeblich an der Koordinierung der Proteste beteiligt. Auf dem Höhepunkt der Proteste verfolgten bis zu 60.000 X-Nutzer gleichzeitig eine sechsstündige Debatte über den Gesetzentwurf. Techies entwickelten künstliche Intelligenz, um den Kenianern zu helfen, das Gesetz besser zu verstehen, Anwälte halfen bei der Freilassung derjenigen, die während der Proteste inhaftiert oder entführt worden waren, die Öffentlichkeit übersetzte die Bedenken gegen das Gesetz in den allgemeinen Sprachgebrauch, und es wurden Millionen von Schilling für die Getöteten und Verletzten gesammelt. Kenianer in der Diaspora starteten Solidaritätsproteste in großen Städten in der ganzen Welt, und Sanitäter unterhielten freiwillige Notfallzentren in der Hauptstadt, die viele Leben retteten. Als Kenianer und Journalist habe ich so etwas noch nie erlebt, und das in einem Land, in dem Klassenunterschiede dafür bekannt sind, die Öffentlichkeit politisch zu spalten, anstatt sie zu einen."Beim Wahlkampf in Indien wurden die gegnerischen Parteien mit Künstlicher Intelligenz ziemlich kreativ, berichtet Samriddhi Sakunia. Beispielsweise beauftragten die Parteien "KI-Techniker mit der Entwicklung von Konversationsrobotern, die mit den Wählern über ihre Politik sprechen sollten. Die BJP entwickelte 'Bhashini', ein KI-Übersetzungstool, das es den Menschen ermöglichte, Modis Hindi-Reden in Echtzeit in regionalen Sprachen zu hören." Deepfake-Technologie wurde sogar benutzt, um tote Politiker wieder auferstehen zu lassen, staunt Sakunia: "In Tamil Nadu zum Beispiel erschien der digitale Avatar des beliebten Dichters und Politikers M. Karunanidhi, der 2018 verstarb, bei mehreren Veranstaltungen. Auch seine politische Rivalin J. Jayalalithaa, die 2016 starb, trat dank KI auf." Ein Problem stellt allerdings immer noch die relative Uninformiertheit der Bevölkerung über die Tücken von digitaler Technik und KI dar, erklärt Sakunia: "In den letzten zehn Jahren sind Tausende von Indern auf Gerüchte und falsche Informationen hereingefallen, die in den sozialen Medien kursierten und oft zu körperlicher Gewalt führten. In den Jahren 2017 und 2018 wurden mehr als zwei Dutzend Inder bei Lynchmorden getötet, nachdem Gerüchte über Kindesentführer auf WhatsApp kursierten. Die Angst vor künstlichen Fälschungen hat zugenommen, weil die Herstellung synthetischer Bilder und Videos billiger und leichter zugänglich geworden ist."
Elet es Irodalom (Ungarn), 12.07.2024
Der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Zoltán Kovács kommentiert die ersten Reisen des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán nach Moskau, nach der Übernahme der (rotierenden) EU-Ratspräsidentschaft vergangener Woche: "Diese Reise ist eine Schande für das Land. Orbán ist sich dessen bewusst, dass die internen Regeln der EU schwach sind, sie können gegen Action-Helden wie ihn nicht wirklich etwas ausrichten. Die Regeln von damals waren für normale Lebenssituationen konzipiert, und wenn es einen Verstoß gegen die Regeln gab, dann auf einem Niveau, das mit den vorhandenen Rechtsvorschriften bewältigt werden konnte. Dass jemand daherkommt, der unter Missachtung der Grundwerte der Union den Krieg nicht als Krieg ansieht und den Aggressor nicht beim Namen nennt, egal wie oft er sich mit ihm zu Verhandlungen zusammensetzt, hatte niemand auf dem Schirm."Film-Dienst (Deutschland), 15.07.2024
Jörg Marsilius erzählt in einem so detail- wie kenntnisreichen Longread die Erfolgsgeschichte des amerikanischen Filmverleihers und -Studios A24, das sich in den zwölf Jahren seines Bestehens nicht nur zur Kultmarke insbesondere unter jüngeren Cinephilen kuratiert hat, sondern mittlerweile auch bei den Oscars regelmäßig gewinnt - und dabei ganz auf exzentrische Stoffe und ausgefallene Ästhetiken setzt: Fast alles, was in den letzten Jahren als hip und fresh durch die Kinos wanderte, stand in irgendeiner Hinsicht im Zusammenhang mit A24 - vom Underdog-Abräumer wie "Springbreakers", über Kunst-Horror wie "Hereditary" und "The Witch" bis zum Oscar-Arthouse "Everything, Everywhere All At Once". Das klingt allerdings alles mehr nach Indie-Underground als es tatsächlich ist, erfahren wir: Hinter der Firma stecken gezieltes Kalkül und eine sorgfältig austarierte Markenbildung und also ausgebuffte Profis, mit der dafür nötigen, bei großen Filmfirmen gewonnen Erfahrung, die die Disruption durch Streaming, Social Media und Mainstream-Preisgabe an den Superhelden-Einheitsbrei als Gunst der Stunde für sich nutzten. Insbesondere in den ersten Jahren setzte "das junge Unternehmen, das seine Ausgaben jenseits reiner Akquise- und Produktionskosten möglichst niedrig halten musste, ganz auf digitale Medien statt der üblichen teuren Marketing-Maßnahmen über TV-Spots und Print-Werbung." Dem Publicity-Team rund um Nicolette Aizenberg "gelang es immer wieder, mit geschickt lancierten, Aufsehen erregenden Filmclips und Postings einen Buzz rund um A24-Titel zu erzeugen, der in vielen Fällen zu sich selbst tragenden viralen Kampagnen führte. Eine immer größer werdende Fangemeinde trug in Social Media und Internetforen das ihre dazu bei, damit jeder neue Start eines A24-Titels zum kleinen Event wurde. Geschicktes Storytelling und Image-Building über GIFs, Memes oder kleine Filmschnipsel wurden so zum Kern der Marketing-Strategie bei A24. ... Die Communitys bei Insta, TikTok, Reddit oder Twitter/X sorgten für den Rest. Oscar Isaacs Tanz in 'Ex Machina' ging ebenso viral wie Adam Sandlers Grinsen in 'Der schwarze Diamant'. Die makabren Jet-Ski-Szenen aus 'Swiss Army Man' mit Daniel Radcliffe als verwesendem, pupsendem Leichnam waren wunderbar geeignet, genau die jüngere Zuschauerklientel anzusprechen, die im Social-Media-Zeitalter mit seinen Provokationen, seinen Zuspitzungen und Zumutungen immer zugänglicher für Exzentrisches wurde und den 'Zeitgeist' in genau solchen Filmen gespiegelt sah."Edupedu (Rumänien), 16.07.2024
Während in Deutschland bereits mit weniger Vorlesungen und mehr "Praxis" im Rahmen einer dualen Lehrerausbildung experimentiert wird (mehr hier), fordern Lehrende in Rumänien, Literatur- und Sprachwissenschaftler an der Philologischen Fakultät der Universität Bukarest, die Rückkehr zu einem vierjährigen Grundstudium für Lehramtsstudierende, wie es vor der Bologna-Bildungsreform üblich war. Wer in Rumänien ein philologisches Studium absolvieren und anschließend eine pädagogische Laufbahn einschlagen möchte, muss ein Doppelstudium abschließen für rumänische Literatur und Sprache sowie Literatur und Sprache eines anderen Landes. Als die Studienzeit auch für pädagogisch relevante Studiengänge verkürzt wurde, musste der gleiche Stoff in drei Jahren abgedeckt werden. Das richtig zu schaffen, ist völlig unrealistisch, erklärt die Literaturprofessorin und Dekanin der Fakultät Oana Fotache Dubălaru im Gespräch mit dem rumänischen unabhängigen Informationsdienst für bildungswissenschaftliche Fragen edupedu.ro. Dubălaru geht es vor allem um gut verarbeitete Kenntnisse bei den Studierenden, um gebildete und passionierte Menschen und nicht um schnell ausgebildete Fachkräfte: "Ich glaube, dass es absolut notwendig und vorteilhaft ist, das philologische Studium auf 4 Jahre zu verlängern, und dieser Vorschlag von uns wird auch von den derzeitigen Studenten unterstützt. (...) Drei Jahre Grundstudium plus zwei Jahre Master bedeuten nicht fünf Jahre kohärente Ausbildung, sondern nur drei Jahre Grundstudium, was für einen Lehrer für rumänische Sprache und Literatur mit einem intellektuellen Weitblick und Offenheit für andere Kulturen zu wenig ist."New York Times (USA), 12.07.2024
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